Telekom klettert, Infineon stürzt: Warum Kapital jetzt Substanz sucht

Anleger flüchten aus teuren KI-Werten in defensive Substanzaktien wie Telekom und Münchener Rück. SMA Solar trotzt dem Trend mit starken Zahlen.

Eduard Altmann ·
Nikkei 225 Aktie

Kurz zusammengefasst

  • Telekom profitiert von WM-Rechten
  • Chipwerte erleiden schwere Verluste
  • SMA Solar überrascht mit Kursplus
  • Gold schwächelt trotz Nahost-Krise

Liebe Börsianerinnen und Börsianer,

der Philadelphia-Chip-Index brach am Donnerstag zeitweise um 8 Prozent ein, der Nasdaq 100 verlor 1,6 Prozent – und ausgerechnet die Deutsche Telekom führte am selben Tag das DAX-Feld an. Das ist keine Marktlaune, sondern eine Kapitalrotation in Reinform: Anleger verlassen die teuren KI-Wachstumsstorys und suchen Substanz – planbaren Cashflow statt Milliarden-Wetten auf übermorgen. Wie tief diese Rotation reicht und wo sie schon jetzt ihre Ausnahmen kennt, zeigt der Blick auf die Bewegungen dieser Woche.

Telekom: Warum Berechenbarkeit belohnt wird

Der DAX gab am Donnerstag rund einen halben Prozent nach und liegt damit 4,3 Prozent unter seinem Rekordhoch von 25.900 Punkten aus der Vorwoche. Mitten in diesem Rücksetzer klettert ausgerechnet die Deutsche Telekom – Rückenwind liefern frisch gesicherte Übertragungsrechte für die Fußball-WM. Auf den ersten Blick eine Randnotiz, im aktuellen Umfeld aber bezeichnend: Anleger belohnen berechenbare Erlösströme. Während sich die Chipwerte an der Frage abarbeiten, ob sich die gigantischen KI-Investitionen jemals rechnen, liefert die Telekom das Gegenmodell – defensive Einnahmen, verlässliche Dividende, konjunkturunempfindlich. Für ein deutsches Depot ist das exakt die Art Wert, die in Phasen wie dieser die Nerven schont.

Versicherer im Rückenwind der Analysten

In dieselbe Kerbe schlägt JP Morgan mit seiner Bestätigung der Münchener Rück auf „Overweight“. Rückversicherer sind das Lehrbuchbeispiel für substanzstarke Cashflow-Werte: Ihre Erträge hängen nicht am Nasdaq, sondern an Prämieneinnahmen und Kapitalanlagen. Steigende Zinsen, wie sie die EZB im Juni mit einem Schritt um 25 Basispunkte geliefert hat, spielen ihnen sogar in die Hände. Wer sein Portfolio gegen die Chip-Nervosität absichern will, findet hier einen Anker, der von der Halbleiter-Schwäche schlicht unberührt bleibt. Ergänzend stuft JP Morgan auch Bayer auf „Overweight“ mit Kursziel 50 Euro hoch – die Jahresziele des Konzerns sollen bestätigt werden.

Der Halbleiter-Ausverkauf: Wie tief die Korrektur reicht

Um das Ausmaß der Rotation zu verstehen, hilft ein Blick auf die Zahlen. Der Nasdaq 100 verlor am Donnerstag 1,6 Prozent, der Chip-Index brach zeitweise um 8 Prozent ein. In Asien fiel die Korrektur noch schärfer aus: Der Nikkei 225 stürzte um 4 Prozent auf 64.141 Punkte, SoftBank verlor 9 Prozent, Tokyo Electron und Advantest je rund 9 Prozent. Am schwersten traf es die japanische Kioxia, die um gut 16 Prozent auf 52.110 Yen einbrach – der Wert hat sich seit dem 22. Juni mehr als halbiert, zusätzlich belastet von einem US-Gerichtsurteil über 229 Millionen Dollar Schadenersatz wegen Patentverletzung.

Der eigentliche Auslöser wirkt paradox: TSMC hatte am selben Donnerstag Rekordzahlen gemeldet – Quartalsumsatz 40,2 Milliarden Dollar (plus 37 Prozent), Nettogewinn plus 77,8 Prozent –, und die Aktie fiel trotzdem um rund 3,7 Prozent. Eine klassische „Sell-the-fact“-Reaktion: Nicht die Vergangenheit zählte, sondern die angehobene Investitionsprognose von 60 bis 64 Milliarden Dollar. Der Markt beginnt, das schiere Ausmaß der KI-Kapitalausgaben nicht mehr als Wachstumsversprechen, sondern als Risiko zu lesen. In Deutschland traf es Infineon mit minus 4,4 Prozent, Siltronic, Aixtron und Suss Microtec verloren bis zu 5,8 Prozent. Wer hier investiert ist, sollte sich auf anhaltende Ausschläge einstellen – die Bewertungsfrage bei KI-Hardware ist gerade erst aufgebrochen.

SMA Solar: Die Ausnahme, die die Regel bestätigt

Im Rot des Tages sticht ein grüner Ausreißer heraus: SMA Solar schoss um 13 Prozent auf 65,85 Euro nach oben. Der Solar-Spezialist hatte starke Quartalszahlen vorgelegt und die Jahresziele angehoben – die Deutsche Bank reagierte prompt und schraubte ihr Kursziel von 44 auf 75 Euro. Die Botschaft: Der Markt straft nicht pauschal ab, sondern differenziert nach handfesten Ergebnissen. Wo Zahlen und Ausblick stimmen, wird auch in einem nervösen Umfeld gekauft – ein Gegenbeweis gegen das reflexhafte Verkaufen ganzer Sektoren.

Öl, Gold und die Zinsfrage

Über allem schwebt die Straße von Hormus, durch die rund 20 Prozent des globalen Ölverbrauchs fließen. Nachdem sich die Spannungen zwischen den USA und dem Iran erneut zuspitzten – Trump erklärte das gemeinsame Abkommen für nichtig, es folgten Angriffe auf iranische Ziele –, zogen die Ölpreise merklich an: WTI kletterte in der Spitze über 78 Dollar, Brent über 83 Dollar. Bemerkenswert ist die Reaktion beim Gold: Es steuert trotz der geopolitischen Zuspitzung auf den größten Wochenverlust seit sechs Wochen zu und notiert um 3.998 Dollar je Feinunze. Der Grund liegt in der Übertragung – höhere Ölpreise schüren Inflationssorgen, und Inflationssorgen nähren die Angst vor länger hohen Zinsen. Zinsangst schlägt derzeit das Krisenmetall. Für Anleger heißt das im Klartext: Geopolitik wirkt aktuell nicht als Gold-Treiber, sondern über den Umweg der Inflation als Zinsrisiko.

Unterm Strich

Diese Woche war eine Kapitalrotation, kein Strukturbruch. Geld wandert aus überhitzten KI-Hardware-Wetten in Werte mit planbarem Cashflow – Telekom und Münchener Rück sind die sichtbarsten Nutznießer, SMA Solar zeigt, dass auch innerhalb der Wachstumsbranchen gute Zahlen weiterhin belohnt werden. Und die Gold-Schwäche trotz Nahost-Eskalation erinnert daran, dass Zinserwartungen derzeit stärker wiegen als geopolitisches Risiko. Kommende Woche liefern SAP und Volkswagen ihre Zahlen zum zweiten Quartal, am 23. Juli entscheidet die EZB über den Leitzins – beides dürfte zeigen, ob sich die Suche nach Substanz fortsetzt oder ob die Rotation nur eine Verschnaufpause der Tech-Rally war.

Apropos Volkswagen: Die Rotation, die wir gerade bei Chips und Substanzwerten beobachten, zeichnet sich in ähnlicher Form auch im deutschen Automobilsektor ab, der mit Stellenabbau bei VW und Gehaltskürzungen bei Mercedes-Benz zu kämpfen hat. Im Live-Webinar „Der deutsche Auto-Crash: Wo jetzt die Milliarden landen“ geht Felix Baarz morgen um 11:00 Uhr genau dieser Frage nach: Wohin fließt das Kapital, wenn die alten Auto-Riesen ins Straucheln geraten? Er stellt drei Nischen-Monopolisten vor, die von der Neuausrichtung des rund 400 Milliarden Euro schweren Sektors profitieren sollen – darunter ein Tech-Zulieferer mit einem Auftragsbestand von 73 Milliarden Euro. Ergänzt wird die Analyse durch einen konkreten Fahrplan für den Handelsstart am kommenden Montag. Jetzt kostenlosen Platz im Webinar sichern

Ich wünsche Ihnen ein paar ruhige Tage – am Montag geht die Rotation ohnehin weiter, mit oder ohne uns.

Beste Grüße,
Ihr Eduard Altmann

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