OHB SE Aktie: 7,60-Prozent-Kurssturz auf 237 Euro

OHB verzeichnet starkes Halbjahr, rutscht aber im Q2 in die Verlustzone. Analysten streiten über den fairen Wert der Raumfahrtaktie.

Andreas Sommer ·

Kurz zusammengefasst

  • Halbjahresumsatz steigt um elf Prozent
  • Zweites Quartal mit deutlichem Verlust
  • Goldman Sachs startet mit neutralem Rating
  • Kurszielspanne zwischen 250 und 358 Euro

Zwei Zahlenwelten, ein Kurssturz: OHB SE meldete gestern für das erste Halbjahr 2026 kräftiges Wachstum – und rutschte im zweiten Quartal gleichzeitig tief in die roten Zahlen. Die Börse reagierte gestern mit einem Kursrückgang von 7,60 Prozent auf 237,00 Euro. Für mich zeigt dieser Tag exemplarisch, wie schwer sich der Markt aktuell tut, OHB richtig einzupreisen – zwischen Raumfahrt-Euphorie und nüchterner Bilanzrealität.

Die Zahlen zeigen zwei Gesichter

Die Gesamtleistung im ersten Halbjahr stieg um 11 Prozent auf 627,9 Millionen Euro, das bereinigte EBITDA legte um 31 Prozent auf 60,4 Millionen Euro zu, das bereinigte EBIT sogar um 46 Prozent auf 38,9 Millionen Euro. Der Auftragsbestand kletterte auf 3.304 Millionen Euro nach 3.067 Millionen Euro im Vorjahr – eine beeindruckende operative Basis. Das Unternehmen bestätigte zudem seine mittelfristigen Ziele: eine Gesamtleistung von mehr als 4,0 Milliarden Euro und eine bereinigte EBITDA-Marge von rund 13 Prozent.

Auf den zweiten Blick trübt sich das Bild. Im Konzernergebnis lag das EBIT im zweiten Quartal bei minus 5.923 Tausend Euro, verglichen mit plus 11.617 Tausend Euro im Vorjahr – ein Einbruch von 55 Prozent. Das Periodenergebnis fiel um 58 Prozent auf minus 5.112 Tausend Euro, das Ergebnis je Aktie sank auf minus 0,27 Euro nach plus 0,37 Euro. Für mich ist das der eigentliche Knackpunkt: Wachstum allein überzeugt Anleger nicht mehr, wenn es die Profitabilität kurzfristig belastet. Genau diese Diskrepanz dürfte den Ausschlag für die heftige Kursreaktion gegeben haben.

Warum der Markt so nervös reagiert

Bezeichnend ist, dass die Aktie trotz des jüngsten Rückschlags seit Jahresbeginn noch immer ein Plus von 102,56 Prozent aufweist. Das relativiert den Schmerz etwas – zeigt aber auch, wie viel Vorschusslorbeeren der Kurs in den vergangenen Monaten bereits verteilt hat. Genau hier setzt Goldman Sachs an: Die Bank startete am Mittwoch die Coverage mit einem „Neutral“-Rating und einem Kursziel von 250 Euro. Ihre Begründung leuchtet mir ein – ein Großteil der langfristigen Wachstumschance sei nach den jüngsten Kursgewinnen bereits im Kurs reflektiert. Wer OHB aktuell kauft, kauft also nicht mehr die unentdeckte Chance, sondern zahlt für einen bereits weitgehend anerkannten Wachstumspfad.

Jefferies wiederum verweist am selben Tag auf handfeste operative Risiken: Ausführung auf Fixpreisverträgen, Abhängigkeit von staatlicher Finanzierung und – besonders brisant – der erste Start des RFA-ONE Block 1 von Rocket Factory Augsburg, dem die Analysten eine Fehlschlagwahrscheinlichkeit von 70 Prozent zuschreiben. Das ist ein Risiko, das man als Anleger nicht ignorieren sollte, auch wenn Jefferies gleichzeitig ambitionierte Gewinnschätzungen je Aktie von 3,84 Euro für 2026 bis 7,64 Euro für 2028 in Aussicht stellt.

Zwischen Superzyklus und Bewertungsskepsis

Am optimistischsten zeigt sich Berenberg-Analyst Michael Filatov, der OHB am Mittwoch mit einem Kursziel von 358 Euro als europäischen Vertreter eines „Weltraum-Superzyklus“ einordnete und den rekordhohen Auftragsbestand als Garant für überragende Berechenbarkeit lobte. Die Kursziele der neu aufgenommenen Coverage streuen damit zwischen 250 und 358 Euro – eine Spanne, die für mich die Unsicherheit über die richtige Bewertung treffend widerspiegelt.

Untermauert wird die strukturelle Wachstumsstory durch handfeste Fakten: Jefferies verweist auf eine um 32 Prozent steigende ESA-Budgetplanung für 2026 bis 2028 und rund 50 Milliarden Euro, die im EU-Finanzrahmen 2028 bis 2034 für Raumfahrt vorgesehen sind, dazu Deutschlands geplante Verteidigungsausgaben-Expansion. Goldman Sachs sieht neben dem Rekordauftragsbestand eine identifizierte Chancen-Pipeline von rund 20 Milliarden Euro. Operativ untermauert wird das durch den Auftrag von OHB Italia für die nächste PRISMA-Erdbeobachtungsmission der italienischen Raumfahrtagentur ASI Ende Juli sowie durch die politische Rückenwind-Meldung, dass Verteidigungsminister Boris Pistorius den Ausbau deutscher Startmöglichkeiten für Trägerraketen vorantreiben will. Auch die im Juli abgeschlossene Kapitalerhöhung, die rund 484 Millionen Euro Bruttoerlös einbrachte, verschafft OHB finanziellen Spielraum für diese Wachstumsagenda.

Mein Fazit

Unterm Strich sehe ich bei OHB ein Unternehmen mit intaktem strukturellem Rückenwind, aber mit einer Ergebnisqualität, die derzeit nicht Schritt hält. Der Auftragsbestand und die Branchentreiber sprechen für die Story, die Q2-Verluste und die anspruchsvolle Bewertung – der Kurs liegt trotz allem noch 65,55 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 688,00 Euro – sprechen für Vorsicht. Die Spanne der Kursziele zwischen 250 und 358 Euro zeigt: Selbst Profis sind sich nicht einig, wie viel vom Superzyklus schon eingepreist ist. Der nächste Prüfstein folgt am 12. November mit den Zahlen zum dritten Quartal.

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OHB SE Aktie

237,00 EUR

– 11,50 EUR -4,63 %
KGV 85,99
Sektor Industrieunternehmen
Div.-Rendite 0,24 %
Marktkapitalisierung 5,16 Mrd. EUR
ISIN: DE0005936124 WKN: 593612

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