Novartis pausiert CAR-T-Studien nach Todesfällen— Kurs steigt trotzdem
Novartis stoppt acht CAR-T-Studien nach drei Todesfällen, während Roche Ziele bestätigt und Valneva durch Analystenlob an der Börse zulegt.

Kurz zusammengefasst
- Novartis setzt acht Zelltherapie-Studien aus
- Drei Todesfälle lösen Sicherheitspause aus
- Roche bestätigt Jahresziele trotz Frankenstärke
- Valneva erhält mehrere Kaufempfehlungen
Drei Patienten sterben, acht Studien werden gestoppt— und die Novartis-Aktie legt am Dienstag um 3,5% zu. Was nach Widerspruch klingt, zeigt vor allem eines: Anleger trennen scharf zwischen Sicherheitssignalen und langfristiger Pipeline-Substanz. Während der Schweizer Pharmariese eine Zellthererapie auf Eis legt, sorgen Roche mit soliden Kostendisziplin-Zahlen, Gerresheimer mit verbessertem Cashflow und Valneva mit einer Analysten-Kaufwelle für ein Sektorbild voller Gegensätze.
Novartis: Sicherheitspause überschattet starkes Jahr
Novartis hat Ende August acht klinische Studien seiner experimentellen Zelltherapie rap-cel (Rapcabtagene Autoleucel) gestoppt. Grund waren drei Todesfälle durch eine schwere systemische Immunreaktion, bekannt als IEC-HS, ein bekanntes Risiko von CAR-T-Therapien. Der Stopp trat am 24. August in Kraft, betroffen sind Studien zu Lupus, rheumatoider Arthritis, Vaskulitis sowie zu Multipler Sklerose und Myasthenia gravis.
Novartis bezeichnete die Reaktion als bekanntes, potenziell lebensbedrohliches Risiko der Behandlungsklasse und erklärte, man stehe im engen Austausch mit Gesundheitsbehörden. Auch Bristol-Myers Squibb pausierte vorsorglich ähnliche Studien zu Autoimmunerkrankungen mit eigener CAR-T-Technologie. Beobachter vermuten, dass die schnellen Herstellungsplattformen beider Unternehmen für die verstärkte Zellexpansion und die beobachteten Toxizitäten mitverantwortlich sein könnten.
Die Marktreaktion blieb trotzdem verhalten. Die Aktie kletterte am Dienstag auf 136,20 Euro, nach einem Schlusskurs von 131,56 Euro am Vortag. Das passt zu einem Papier, das zuletzt ohnehin stark lief: Auf Jahressicht steht ein Plus von 26%, seit Jahresanfang sind es 15%. Erst kürzlich hatte Novartis von der Deutschen Bank ein Kaufrating erhalten, zudem erhielt der Komplementhemmer Iptacopan eine FDA-Orphan-Zulassung. Die rap-cel-Pause setzt einen Dämpfer in eine ansonsten positive Erzählung— und zeigt, wie schnell Sicherheitssignale in der Zell- und Gentherapie selbst bei einem breit aufgestellten Konzern für Unruhe sorgen können.
Roche: Frankenstärke bremst, Kostendisziplin überzeugt
Roches Halbjahreszahlen aus dem Juli wirken bis in den September hinein nach. Der starke Franken drückte den Umsatz in Berichtswährung um 2% auf 30,4 Milliarden Franken, während er währungsbereinigt um 6% zulegte. Die Pharmasparte kam auf 23,6 Milliarden Franken, ein Prozent unter Vorjahr, die Diagnostiksparte lag mit 6,7 Milliarden Franken um 3% niedriger— belastet von einer Preisreform in China.
Entscheidend für Investoren: Der Konzern bestätigte seine Jahresziele. Analysten lobten vor allem die Kostendisziplin bei Forschung und Entwicklung. Der Ausblick auf eine nachlassende Belastung durch die chinesische Gesundheitsreform gilt als zusätzlicher Hoffnungsträger für die Diagnostiksparte.
Seit der Veröffentlichung bewegt sich die Aktie in der Nähe ihres 52-Wochen-Hochs, das im Februar erreicht wurde. Mit einer Dividendenhistorie ohne Kürzung seit 25 Jahren bleibt Roche der Fels in der Brandung des Sektors, auch wenn Währungseffekte die Berichtszahlen verzerren.
Gerresheimer: Cashflow als Lichtblick, Margendruck bleibt
Gerresheimer sorgte in den vergangenen Tagen mit vorläufigen Zahlen zum ersten Quartal 2026 für Bewegung. Der Umsatz stieg leicht von 519 auf 524 Millionen Euro, doch das bereinigte EBITDA fiel von 81 auf 66 Millionen Euro— die Marge sackte von 15,7% auf 12,6% ab.
Besonders schwach zeigte sich das Segment Moulded Glass: Der Umsatz sank dort von 160 auf 144 Millionen Euro, das EBITDA brach von 32 auf nur noch 6 Millionen Euro ein. Ursache waren ein Produktionsstopp wegen einer Ofenreparatur in Chicago Heights, schwache Nachfrage in Pharma und Kosmetik sowie gezielter Lagerabbau.
Der Lichtblick liegt beim Cashflow: Der Wert verbesserte sich von minus 141 Millionen auf minus 32 Millionen Euro— das beste erste Quartal seit fünf Jahren. Finanzchef Wolf Lehmann verwies auf striktes Working-Capital-Management, das kurzfristig auf die Erträge drückte, mittelfristig aber die Bilanz stärken soll. Die geplanten Verkäufe der Sparten Centor und Primary Packaging Plastics sollen die Finanzierungsstruktur zusätzlich entlasten. Der Markt reagierte zunächst positiv, die Aktie legte intraday um bis zu 5% zu, ehe sie am Dienstag wieder auf 27,40 Euro zurückfiel. Die Analystenmeinungen bleiben gespalten— Fortschritt bei der Liquidität steht weiterhin gegen ungelöste Margenprobleme im Glasgeschäft.
Valneva: Lyme-Impfstoff beflügelt die Analysten
Kaum ein Nebenwert im Impfstoffsektor sorgte zuletzt für so viel Analysten-Enthusiasmus wie Valneva. Auslöser ist die Fantasie rund um den Lyme-Borreliose-Impfstoffkandidaten LB6V. TD Cowen nahm die Coverage mit einem Kaufrating und einem Kursziel von 12 US-Dollar auf und bezeichnete LB6V als potenziellen Lizenzgebühren-Motor bis ins Jahr 2035.
Der breitere Analystenkonsens stützt dieses Bild: Vier Kaufempfehlungen stehen einer Halten-Einstufung gegenüber, Verkaufsempfehlungen gibt es keine. Das mediane Kursziel liegt bei 13 US-Dollar. Operativ bestätigte Valneva im August seine Jahresprognose trotz belastendem geopolitischem Umfeld für das Reisegeschäft— erwartet werden Produktumsätze zwischen 135 und 150 Millionen Euro sowie Gesamterlöse von 145 bis 160 Millionen Euro.
Parallel schärft das Unternehmen sein Kostenprofil: Ein globales Restrukturierungsprogramm mit Stellenabbau und neu priorisierter Forschung soll den Kapitalverbrauch senken, zusätzlich wurde der Standort Nantes für 6,2 Millionen Euro verkauft— der Abschluss ist für September geplant. An der Unternehmensspitze übernahm nach der Hauptversammlung im Juni der langjährige Branchenmanager Gerd Zettlmeissl den Vorsitz des Aufsichtsrats. Am Markt zeigt sich die Kaufstimmung längst in den Kursen: Die Aktie kletterte am Dienstag um 4,1% auf 2,76 Euro und liegt über 30 Tage mit 25% deutlich im Plus, wenngleich sie von ihrem Jahreshoch bei 5,34 Euro noch weit entfernt bleibt.
Ocugen: Konferenzmarathon vor wichtigen Daten 2027
Bei Ocugen dominieren derzeit weniger neue Studienergebnisse als ein dichter Investorenkalender. Das Unternehmen präsentiert seine Gentherapie-Plattform am 9. September auf der Citi Biopharma-Konferenz, am 15. September folgt ein Auftritt bei H.C. Wainwright. Ende September stehen zudem die 12-Monats-Daten der randomisierten Phase-2-Studie ArMaDa für die Gentherapie OCU410 bei geografischer Atrophie auf der Agenda der Retina Society.
Finanziell bestätigte das Unternehmen im zweiten Quartal die FDA-Freigabe für die Phase-3-Studie zu OCU410 sowie eine Auszeichnung als Regenerative Medicine Advanced Therapy. Die operativen Aufwendungen lagen bei 17,9 Millionen US-Dollar, der Nettoverlust je Aktie bei 0,07 US-Dollar gegenüber 0,05 US-Dollar im Vorjahr. Deutlich verbessert hat sich die Bilanzsituation: Eine Wandelanleihe über 130 Millionen US-Dollar streckt die Kassenreichweite bis ins Jahr 2028, ein Teil der Mittel diente der Ablösung teurerer Schulden.
Der Aktienkurs bleibt mit 1,14 Euro ein niedrigpreisiger, schwankungsanfälliger Titel— binnen 30 Tagen ging es um 5,5% nach oben, auf Jahressicht allerdings um 8,8% nach unten. Die Analystenmeinung fällt trotzdem klar positiv aus, mit einem Konsensrating „Strong Buy“ und mehreren Kaufempfehlungen, die auf die verlängerte Kassenreichweite und Fortschritte in der Augenheilkunde-Pipeline verweisen.
Sektordynamik im Vergleich
Die fünf Titel dieser Woche zeigen, wie unterschiedlich Risiko im Pharma- und Biotech-Sektor bepreist wird:
- Novartis und Roche stehen für das cashstarke Large-Cap-Ende: Breite Pipelines und verlässliche Dividenden federn Einzelrisiken ab— Novartis‘ Sicherheitspause hinterließ kaum Spuren im Kurs, Roches Währungsdelle wurde von bestätigter Jahresprognose überdeckt.
- Gerresheimer sitzt dazwischen: Als Zulieferer für Verpackungen und Devices ist die operative Cashflow-Verbesserung real, doch Margendruck im Glasgeschäft und laufender Refinanzierungsbedarf sorgen für geteilte Analystenmeinungen.
- Valneva und Ocugen funktionieren als klassische Biotech-Wetten: Ein einzelner Pipeline-Kandidat— der Lyme-Impfstoff hier, die Gentherapie-Plattform dort— kann den Kurs binnen Tagen zweistellig bewegen.
Diese Bandbreite macht den Sektor gerade jetzt zu einem Lehrstück in unterschiedlicher Risikobewertung, von makrogetriebenen Schwankungen bei den Großkonzernen bis zu katalysatorgetriebenen Ausschlägen bei den Nebenwerten.
Pharma-Sektor zwischen Sicherheitsfragen und Bilanz-Fortschritten
Novartis‘ Sicherheitsprüfung von rap-cel dürfte in den kommenden Wochen genau beobachtet werden— sie könnte zum Präzedenzfall dafür werden, wie Regulatoren und Hersteller künftig mit CAR-T-Ausweitungen in Autoimmunindikationen umgehen, einem Feld, das auch BMS und mehrere kleinere Biotechs beackern. Bei Roche stehen Kostendisziplin und die China-Erholung im Diagnostikgeschäft beim nächsten Quartalsbericht auf dem Prüfstand. Gerresheimer muss den Centor-Verkauf und die geplante Refinanzierung noch in diesem Jahr abschließen— beides harte Meilensteine für die Bilanzgeschichte. Bei Valneva bleibt der Abschluss des Nantes-Verkaufs sowie mögliche neue Partnerschaftsnachrichten rund um den Lyme-Impfstoff der wichtigste Kurstreiber, während bei Ocugen die Konferenzauftritte im September und die anschließende Phase-3-Datenlage bis 2027 die Aufmerksamkeit im kleineren Segment der Augenheilkunde-Biotechs hoch halten dürften.
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