Zerlegung, Zukauf, Zweifel: Fünf Erneuerbare-Aktien im Belastungstest

Siemens Energy treibt den ToI-Umbau voran, Nordex erhält ein höheres Kursziel. Bei SolarEdge gehen die Analystenmeinungen auseinander.

Andreas Sommer ·
Siemens Energy Aktie

Kurz zusammengefasst

  • ToI-Abspaltung bei Siemens Energy genehmigt
  • Barclays hebt Nordex-Kursziel deutlich an
  • ABO Energy verkauft Wasserstoffanlage
  • SolarEdge mit gegensätzlichen Bankeneinschätzungen

Ein Konzernumbau bei Siemens Energy, ein Kursziel-Sprung bei Nordex und ein Analystenstreit um SolarEdge zeigen: Die Erneuerbare-Branche bewegt sich derzeit in völlig gegensätzliche Richtungen. Während der eine Konzern aus einer Position der Stärke heraus zerlegt wird, kämpfen andere ums nackte Überleben.

Siemens Energy: Aufsichtsrat ebnet Weg für Milliarden-Spin-off

Der Aufsichtsrat von Siemens Energy hat grünes Licht für die Abspaltung der Sparte „Transformation of Industry“ (ToI) gegeben, zu der das Dampfturbinen- und Wasserstoffgeschäft gehört. Die Entscheidung fiel nach wochenlangem internen Ringen unter Aufsichtsratschef Joe Kaeser. Endgültig ist der Schritt allerdings noch nicht— ändern sich die Mehrheitsverhältnisse, wäre eine erneute Zustimmung des Gremiums nötig.

Die zur Trennung stehende Sparte ist alles andere als klein. Sie umfasst Elektrolyseure für die Wasserstoffproduktion ebenso wie Kompressoren und Turbinen für die Öl- und Gasindustrie sowie Industriedampfturbinen. Investmentbanker sind bereits eingeschaltet: Goldman Sachs unterstützt den Prozess, auch die Bank of America soll kontaktiert worden sein. Auf Käuferseite wird branchenweit spekuliert— Private-Equity-Häuser wie CVC Capital Partners, EQT und Bain Capital prüfen offenbar mögliche Gebote. Eine Bewertung von mehr als zehn Milliarden Euro steht im Raum, sollte es zum Verkauf kommen.

Der Hintergrund ist margengetrieben. Im dritten Geschäftsquartal 2026 erreichte ToI eine Marge von 14 Prozent— vor wenigen Jahren noch undenkbar. Die Kernsparten Gas und Grids liefern mit 17 beziehungsweise 20 Prozent aber deutlich mehr ab. Operativ steht der Konzern derzeit glänzend da: Der Auftragseingang kletterte im dritten Quartal auf ein Rekordniveau von 17,9 Milliarden Euro, der Umsatz wuchs vergleichbar um 18,5 Prozent. Auch die einst kränkelnde Windkraft-Tochter Siemens Gamesa schrieb erstmals seit 2022 wieder schwarze Zahlen in einem Quartal.

Nicht alle sind mit dem Plan einverstanden. Die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat, die die Hälfte der Sitze stellen, lehnten die Abspaltung einstimmig ab— sie fürchten eine weitere Zerschlagung im Falle eines Verkaufs. An der Börse zeigt sich die Aktie zuletzt angeschlagen: Nach einem Kursrutsch von 3,8 Prozent notiert das Papier bei 143,62 Euro und damit fast 27 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 195,38 Euro. Bernstein bleibt trotz der Turbulenzen bei „Outperform“ mit Kursziel 210 Euro, RBC senkte sein Ziel zwar leicht auf 200 Euro, hält die Einstufung aber ebenfalls.

Nordex: Barclays verdoppelt Kursziel, bleibt aber skeptisch

Eine der kuriosesten Entwicklungen der Woche kommt von Nordex. Barclays hob das Kursziel für die Windturbinen-Aktie von 15,80 auf 35 Euro an— mehr als eine Verdopplung. Gleichzeitig beließ die Bank die Einstufung bei „Equal-Weight“. Diese Kombination deutet darauf hin, dass die Aktie nach ihrem starken Lauf in diesem Jahr fair bewertet erscheint, auch wenn die Analysten noch ungenutztes Potenzial sehen.

Insider zeigten sich zuletzt zuversichtlich. Zwei Führungskräfte, darunter ein promovierter Manager, kauften in der Vorwoche Aktien im Gesamtwert von rund 230.000 Euro— ein Vorstandsmitglied erwarb zwei Tranchen zu je 2.806 Stück bei Kursen um 41 Euro.

Das operative Bild stützt die grundsätzlich konstruktive Stimmung. Im zweiten Quartal 2026 wuchs der Umsatz um 16,3 Prozent auf knapp 2,179 Milliarden Euro, die EBIT-Marge verbesserte sich deutlich von 3,5 auf 8,1 Prozent. Der Auftragsbestand lag Ende des Quartals bei 18,4 Milliarden Euro. Aktuell notiert die Aktie bei 37,92 Euro, nach einem Rücksetzer von 1,6 Prozent am Tag und rund 7 Prozent unter dem 50-Tage-Durchschnitt. Der durchschnittliche Kursziel-Konsens von acht Analysten liegt bei 46,20 Euro— deutlich über dem aktuellen Niveau.

ABO Energy: Verkaufswelle geht mit Wasserstoff-Deal weiter

Bei ABO Energy setzt sich die Restrukturierung fort. Der Wasserstoff-Standort in Hünfeld-Michelsrombach in Hessen ging an Tyczka Hydrogen— die Anlage umfasst einen 5-Megawatt-Elektrolyseur samt Wasserstofftankstelle und Trailer-Betankung. Der Kaufpreis wurde nicht offengelegt, der Vollzug erfolgte laut Käuferangaben Mitte August.

Die Anlage war eigentlich ein Vorzeigeprojekt: Seit August 2025 produzierte sie grünen Wasserstoff für Brennstoffzellenbusse und Lkw, mit einer Kapazität von bis zu 450 Tonnen Wasserstoff jährlich. Geschäftsführer Karsten Schlageter stellte den Verkauf als erfolgreichen Projektabschluss dar, nicht als Rückzug— man habe mit Tyczka Hydrogen einen starken Käufer gefunden.

Der Deal reiht sich in eine Serie ähnlicher Schritte ein, mit denen ABO Energy seine angespannte Finanzlage stabilisieren will. An der Börse hat die Aktie massiv gelitten: Zuletzt notierte sie bei 3,42 Euro, nach einem leichten Plus von 1,5 Prozent am Tag und einem Zugewinn von 5,2 Prozent auf Wochensicht. Der 30-Tage-Trend zeigt mit minus 4,6 Prozent aber weiterhin nach unten. Die Volatilität von 64 Prozent auf Monatsbasis unterstreicht, wie nervös der Markt das Papier derzeit handelt.

JinkoSolar: Prognosesenkung und wachsende Verluste verschrecken Anleger

Kaum ein Name im Sektor lieferte ein derart schwaches Quartal wie JinkoSolar. Im ersten Quartal 2026 lieferte der Konzern 15,961 Gigawatt aus— ein Rückgang von 34,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr, wenn auch ein Plus von 16,7 Prozent im Quartalsvergleich. Der Umsatz brach mit einem Minus von 31,3 Prozent auf umgerechnet rund 1,821 Milliarden Dollar noch stärker ein.

Konzernchef Dimi Du verwies auf strukturelle Preisprobleme in der gesamten Branche: Angebot und Nachfrage in der Solarindustrie blieben volatil, während Preise entlang der Lieferkette durch politische Änderungen im In- und Ausland unter Druck stünden. Zusätzlich belasteten hohe Kosten für den Hochlauf effizienterer Produkte in Kombination mit der Auslieferung niedrigwertiger Aufträge die Marge.

Trotz der schwachen Zahlen treibt das Unternehmen technologisch weiter voran— die im Juni vorgestellten „Tiger Neo 5.0“-Module erreichen eine Produktionseffizienz von 25,91 Prozent bei einer Leistung von über 700 Watt. An der Börse hat das wenig geholfen: Die Aktie ist seit Jahresbeginn um 48 Prozent eingebrochen und bewegt sich mit aktuell 11,90 Euro nur knapp über dem 52-Wochen-Tief. Der RSI von 33 signalisiert eine deutlich überverkaufte Situation. Die wenigen Analysten, die das Papier noch abdecken, bleiben trotz allem mehrheitlich konstruktiv gestimmt und sehen im Schnitt deutliches Aufwärtspotenzial vom aktuellen Niveau.

SolarEdge: UBS optimistisch, Jefferies skeptisch— ein Bankenstreit

Kaum eine Aktie im Sektor polarisiert derzeit so stark wie SolarEdge. UBS stufte das Papier von „Neutral“ auf „Buy“ hoch und begründete dies mit einem regulatorischen Rückenwind: Ein Importverbot der US-Regulierungsbehörde FCC für neue Wechselrichter-Modelle dürfte den US-Markt verknappen und SolarEdge sowohl Marktanteile als auch Preissetzungsmacht verschaffen. Das Kursziel wanderte von 36 auf 42 Dollar nach oben.

Jefferies sieht die Lage nur wenige Tage später fundamental anders. Die Bank senkte ihr Kursziel drastisch von 45 auf 31 Dollar und beließ die Einstufung bei „Hold“— die Aktie sei zwar keine attraktive Short-Position, aber auch kein überzeugendes Long-Investment. Die Sorge gilt der Marge: Jefferies erwartet 2026 als Tiefpunkt, sieht Umsatz und Ergebnis für 2027 und 2028 aber unterhalb der Markterwartungen, belastet durch Schwäche im US-Wohnimmobiliensegment. Mizuho positioniert sich dazwischen und kappte sein Ziel von 71 auf 38 Dollar bei neutraler Einstufung— die Begründung: schwache US-Nachfrage trotz positiver Trends in Europa und beim Batteriegeschäft.

Operativ gab es zumindest Lichtblicke. Im zweiten Quartal 2026 wuchs der Umsatz um 19,6 Prozent auf 346,25 Millionen Dollar, die Bruttomarge erholte sich von 11,1 auf 27,5 Prozent. Die Basis bleibt aber dünn— gerade 15,93 Millionen Dollar EBITDA stehen einer Investment-These gegenüber, die auf Preismacht und Marktanteilsgewinnen aufbaut. Aktuell notiert die Aktie bei 27,40 Euro, nach einem Plus von 6 Prozent auf Wochensicht, bleibt aber rund 27 Prozent unter ihrem 50-Tage-Durchschnitt.

Sektordynamik im Überblick

Die fünf Aktien zeigen, wie zersplittert der Erneuerbare-Trade derzeit ist:

  • Siemens Energy: Restrukturiert aus einer Position der Stärke, Rekordauftragseingang trifft auf Widerstand der Arbeitnehmervertreter
  • Nordex: Operative Erholung bestätigt, doch Analysten bleiben trotz massiv angehobener Kursziele vorsichtig
  • ABO Energy: Bilanzsanierung durch Assetverkäufe, hohe Volatilität als Zeichen der Unsicherheit
  • JinkoSolar: Zyklischer Preisdruck in der Solarbranche trifft auf technologische Fortschritte
  • SolarEdge: Regulatorischer Rückenwind durch FCC-Entscheid kollidiert mit anhaltender US-Nachfrageschwäche

Auffällig ist die Spreizung zwischen operativer Substanz und Marktbewertung. Siemens Energy und Nordex liefern solide Zahlen, trotzdem bleibt die Skepsis unter Analysten hoch. ABO Energy und JinkoSolar kämpfen dagegen mit strukturellen Problemen— das eine bilanziell, das andere zyklisch bedingt.

Wohin die Reise für die Fünf geht

Bei Siemens Energy dürfte die endgültige Struktur der ToI-Abspaltung— ob Spin-off, Börsengang oder Teilverkauf an Private Equity— in den kommenden Monaten Klarheit bringen und bleibt ein zentraler Stimmungsfaktor. Nordex braucht bestätigende Auftrags- und Margendaten, um die Diskrepanz zwischen optimistischem Kursziel und zurückhaltendem Rating aufzulösen.

Für ABO Energy entscheidet sich das Schicksal daran, ob die fortgesetzten Portfolioverkäufe die Bilanz schnell genug stabilisieren, um Finanzierungspartner zufriedenzustellen. JinkoSolar hängt von der Frage ab, ob chinesische und internationale Preismaßnahmen tatsächlich zu einer Margenerholung führen. Bei SolarEdge wird sich zeigen, welche der beiden Analystenlager— UBS‘ angebotsgetriebene Zuversicht oder Jefferies‘ nachfragebedingte Vorsicht— der Realität näherkommt, sobald die praktischen Auswirkungen des FCC-Importverbots sichtbar werden.

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Siemens Energy Aktie

144,14 EUR

– 5,14 EUR -3,44 %
KGV 48,45
KUV 3,06
Sektor Industrieunternehmen
Div.-Rendite 0,47 %
Marktkapitalisierung 123,89 Mrd. EUR
Ø Kursziel 196,52 EUR
ISIN: DE000ENER6Y0 WKN: ENER6Y

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