Liebe Leserinnen und Leser,
erinnern Sie sich noch an die „Arena“ von Davos, die wir gestern an dieser Stelle beschrieben haben? Die geopolitische Temperatur schien den Siedepunkt erreicht zu haben. Doch heute Morgen rieben sich Händler in Frankfurt verwundert die Augen. Was gestern noch wie der unvermeidliche Marsch in einen Handelskrieg wirkte, wurde über Nacht durch ein einziges Gespräch zwischen US-Präsident Trump und Nato-Generalsekretär Rutte makuliert.
Die für den 1. Februar angedrohten US-Zölle sind vom Tisch – zumindest vorerst. Die Märkte reagierten auf diese politische Volte nicht mit Erleichterung, sondern mit einer Kaufpanik. Der DAX katapultierte sich fast bis an die 25.000er-Marke. Wir erleben ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie politische Rhetorik die fundamentale Bewertung von Sekunde zu Sekunde überschreibt. Doch Vorsicht: Wir feiern heute nicht ökonomische Stärke, sondern lediglich die temporäre Abwesenheit einer Bestrafung.
Hier ist, was Sie zum heutigen Handelsschluss wissen müssen.
1. Das doppelte Aufatmen in Wolfsburg
Es war fast physisch spürbar: Die kollektive Erlösung in den Chefetagen der deutschen Automobilindustrie. Nachdem die Drohung von 10-prozentigen Zöllen gegen acht europäische Länder ausgesetzt wurde, führten die Autowerte die DAX-Erholung an. Allen voran Volkswagen. Die Aktie schoss heute um bis zu 6 Prozent nach oben und notierte am Nachmittag bei über 104 Euro.
Doch den Wolfsburgern spielte nicht nur die Geopolitik in die Karten. Mitten in die Zoll-Debatte platzte eine fundamentale Überraschung: Ein unerwartet starker Cashflow im Autogeschäft von rund 7 Milliarden Dollar. Das ist der Stoff, aus dem Bodenbildungen gemacht sind. Auch Mercedes-Benz (+1,5 %) und BMW profitierten, während die Deutsche Börse (+4,5 %) durch Übernahmefantasien rund um Allfunds beflügelt wurde.
Interessant ist jedoch die Kehrseite dieser Medaille: Die „Friedensdividende“ belastete heute prompt die Rüstungswerte. Rheinmetall und Hensoldt gaben nach. Wenn die geopolitische Temperatur sinkt – und sei es nur rhetorisch –, sinkt auch die Risikoprämie im Verteidigungssektor.
2. Amerika, das unheimliche Kraftzentrum
Während wir in Europa feiern, dass uns keine neuen Steine in den Weg gelegt werden, rennt die US-Wirtschaft einfach weiter. Die heute veröffentlichten, revidierten BIP-Daten für das dritte Quartal 2025 sind beeindruckend: Ein Wachstum von annualisiert 4,4 Prozent (nach oben korrigiert von 4,3 %).
Lassen Sie diese Zahl kurz wirken. Während die Eurozone um Nachkommastellen kämpft, wird die US-Konjunktur von Konsum, Exporten und Staatsausgaben getrieben. Die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe blieben mit 200.000 in der letzten Woche extrem niedrig. Das ist Wasser auf die Mühlen derer, die an ein „No Landing“-Szenario glauben – also Wachstum ohne Rezession.
Das Paradoxon des Tages: Trotz dieser Traumdaten geriet der Dollar unter Druck, der Euro kletterte über 1,17 US-Dollar. Marktbeobachter sprechen von „Sell-America-Trades“. Das Vertrauen in die institutionelle Stabilität der USA bröckelt trotz guter Wirtschaftsdaten. Die Unberechenbarkeit des Weißen Hauses – Stichwort Grönland-Konflikt und Fed-Konfrontation – wird zunehmend als strukturelles Risiko eingepreist.
3. Trumps Inszenierung und die deutsche Skepsis
Der Auslöser der heutigen Rallye war Trumps Rückzug im Grönland-Zollstreit, orchestriert als große Geste beim Weltwirtschaftsforum, wo er seine „Board of Peace“-Initiative startete. Die Wall Street kaufte die Story sofort: S&P 500 und Nasdaq 100 legten zum Handelsstart zu, getrieben von KI-Hoffnungen und der Entspannung an der Zollfront.
Doch in der deutschen Wirtschaft traut man dem Frieden nicht. BGA-Präsident Jandura fand heute deutliche Worte: „Entwarnung fehl am Platz“. Die Verlässlichkeit sei nicht gegeben. Wer heute Zölle twittert und sie morgen nach einem Gespräch zurücknimmt, kann sie übermorgen wieder einführen. Wir befinden uns in einem Regime der maximalen Unsicherheit, in dem langfristige Investitionsentscheidungen zum Glücksspiel werden.
4. Der streikende Konsument: Warnsignal von P&G
Einen wichtigen Realitätscheck abseits der großen Politik lieferte heute Procter & Gamble. Der Konsumgüterriese übertraf zwar beim Gewinn die Erwartungen (EPS 1,88 $), aber der organische Umsatz stagnierte. Das Volumen ging sogar um 1 Prozent zurück.
Das erzählt eine wichtige Geschichte: Die Preiserhöhungsspielräume sind ausgereizt. Selbst bei starken Marken fangen die Verbraucher an zu sparen oder auszuweichen. In einer Welt, in der das US-BIP um 4,4 Prozent wächst, ist eine Stagnation beim Absatz von Alltagsprodukten ein Warnsignal. Es zeigt, dass das Wachstum ungleich verteilt ist und der Inflationsdruck beim Endkunden tiefe Spuren hinterlassen hat.
Quintessenz
Der heutige Tag war ein Geschenk für die Optimisten, aber er ändert wenig an der fundamentalen Fragilität der Lage. Der DAX steht knapp unter 25.000 Punkten, getragen von der Hoffnung, dass Vernunft über Impulsivität siegt. Doch die Volatilität ist nicht verschwunden, sie macht nur Pause.
Bezeichnend ist der Blick auf den Bitcoin: Die Kryptowährung kämpft weiter mit der 90.000-Dollar-Marke, unfähig, den geopolitischen Rückenwind voll zu nutzen. Das „digitale Gold“ bleibt im Risk-off-Modus, was darauf hindeutet, dass die Liquidität doch nicht so locker sitzt, wie die Aktienmärkte heute suggerieren.
Behalten Sie in den nächsten Tagen die Fed im Auge. Bei so starken Wachstumsdaten wird die Zinspause (die der Markt zu 95 % erwartet) zwar wahrscheinlich, aber der Tonfall könnte schärfer werden als erhofft.
Ich wünsche Ihnen einen entspannten Feierabend – genießen Sie die Ruhe, solange sie hält.
Herzlichst,
Ihr Eduard Altmann
