Irankrieg erschüttert globale Märkte

Der Konflikt treibt Ölpreise und Inflation, blockiert Lieferketten und zwingt Zentralbanken zu Zinserhöhungen. Anleihen verlieren ihre Schutzfunktion.

Felix Baarz ·

Kurz zusammengefasst

  • Ölpreise steigen um 33 Prozent
  • Fed und EZB vor Zinswende
  • Anleihen als Schutz versagen
  • Arbeitsmarkt zeigt erste Risse

Der Krieg gegen Iran hinterlässt tiefe Spuren in der Weltwirtschaft. Gestiegene Ölpreise, unterbrochene Lieferketten und ein blockierter Seeweg durch die Straße von Hormus treiben die Inflation auf Niveaus, die Zentralbanken rund um den Globus zum Handeln zwingen – mit weitreichenden Konsequenzen für Anleger, Haushalte und Finanzsysteme.

Inflation auf dem Vormarsch

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Der US-amerikanische PCE-Preisindex – das bevorzugte Inflationsmaß der US-Notenbank Federal Reserve – sprang im April auf 3,8 Prozent im Jahresvergleich, den stärksten Anstieg seit Mai 2023. Treiber war vor allem der Energiesektor: Die durchschnittlichen Benzinpreise schossen im April um 12,3 Prozent in die Höhe, seit Kriegsbeginn Ende Februar sogar um mehr als 50 Prozent.

Die Ursache ist geopolitischer Natur. Die blockierte Straße von Hormus – eine der wichtigsten Schifffahrtsrouten der Welt – stranguliert den Ölhandel und lässt die Transportversicherungskosten ins Unermessliche steigen. Brent-Rohöl notiert aktuell bei rund 96 Dollar je Barrel, noch immer 33 Prozent über dem Vorkriegsniveau. Die Lieferkettenunterbrechungen erfassen mittlerweile ein breites Warensortiment, darunter Düngemittel, Aluminium und viele Konsumgüter.

Dass der Kern-PCE, also die Inflation ohne Energie und Nahrungsmittel, mit 3,3 Prozent ebenfalls deutlich über dem Fed-Ziel von 2 Prozent liegt, zeigt: Der Preisdruck ist längst nicht mehr nur ein Energiephänomen.

Zentralbanken unter Zugzwang

Die geldpolitischen Reaktionen fallen unterschiedlich aus – doch die Richtung ist überall dieselbe. Südafrikas Zentralbank erhöhte ihren Leitzins am Donnerstag um 25 Basispunkte auf 7 Prozent, die erste Zinserhöhung seit 2023. Notenbankgouverneur Lesetja Kganyago begründete den Schritt mit zunehmenden Inflationsrisiken durch den Irankrieg und warnte vor sogenannten Zweitrundeneffekten – dem Risiko, dass steigende Preise sich dauerhaft in Lohnforderungen und Erwartungen eingraben. „Wir haben in diesem Jahrzehnt bereits einen globalen Inflationsschub erlebt, und möglicherweise beginnt gerade ein weiterer“, sagte er.

Die Entscheidung fiel mit vier zu zwei Stimmen knapp aus. Diskutiert wurde intern auch eine doppelt so große Erhöhung um 50 Basispunkte – letztlich obsiegte die Vorsicht. Im schwersten der drei vom Ausschuss analysierten Szenarien könnte der Leitzins bis zum dritten Quartal dieses Jahres auf 7,83 Prozent klettern.

In den USA geht der Spielraum für Zinssenkungen derzeit gegen null. Die Finanzmärkte rechnen fest damit, dass die Fed ihren Leitzins von 3,50 bis 3,75 Prozent bis weit ins Jahr 2027 unverändert lässt. Aus dem Protokoll der April-Sitzung geht sogar hervor, dass eine wachsende Zahl von Notenbankern Zinserhöhungen für denkbar hält. Auch die Europäische Zentralbank gerät in Bewegung: EZB-Chefvolkswirt Philip Lane mahnte, die gestiegenen Energiekosten dürften sich nicht in breiteren Inflationserwartungen festsetzen – Marktbeobachter rechnen mit einer Zinserhöhung im Juni.

Anleihen verlieren ihre Schutzfunktion

Für Anleger hat der inflationäre Schock eine besonders unangenehme Nebenwirkung: Das klassische Portfoliomodell aus 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen funktioniert immer schlechter. Die Korrelation zwischen US-Staatsanleihen und dem S&P 500 hat den höchsten Stand seit mehr als zwei Jahrzehnten erreicht – Anleihen verstärken Kursbewegungen am Aktienmarkt, anstatt sie abzufedern.

Die Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen stieg zuletzt deutlich über 5 Prozent, die Risikoprämie für zehnjährige Papiere kletterte auf rund 0,86 Prozent. „Der Wertbeitrag von Anleihen im Portfolio ist erheblich in Frage gestellt“, sagt Jonathan Cohn von Nomura. John Luke Tyner von Aptus Capital Advisors formuliert es drastischer: „Anleihen sind Zertifikate der Enteignung in Bezug auf die reale Kaufkraft.“

Kurzlaufende Papiere gelten derzeit als weniger riskant als Langläufer – in einem Umfeld, in dem Fiskaldruck, hohe Staatsverschuldung und volatile Zinsperspektiven die Nachfrage nach langen Laufzeiten dämpfen.

Arbeitsmarkt stabil, aber unter Beobachtung

Inmitten der Inflationsstürme hält sich der US-Arbeitsmarkt vergleichsweise robust. Die wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe stiegen in der Woche zum 23. Mai nur geringfügig auf 215.000 – mehr als Ökonomen erwartet hatten, aber innerhalb der Bandbreite, die das ganze Jahr über gilt. Außerhalb der technologiebedingten Stellenstreichungen im KI-Bereich blieben Massenentlassungen bislang aus.

Dennoch zeigen sich Risse. Eine Umfrage des Conference Board offenbart, dass der Anteil der Haushalte, die Jobs als „leicht verfügbar“ einschätzen, auf den niedrigsten Stand seit Februar 2021 gefallen ist. Berufseinsteiger und Hochschulabsolventen kämpfen mit einem schwierigen Einstiegsmarkt – und werden von der Arbeitslosenstatistik gar nicht erfasst, weil sie oft keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld haben.

Finanzstabilität im Visier

Die Bank of Canada warnte in ihrem aktuellen Bericht zur Finanzstabilität: Das kanadische Finanzsystem sei grundsätzlich solide, aber die Verwundbarkeiten hätten zugenommen. Hohe Aktienbewertungen, steigende Unternehmensschulden und die verstärkte Kreditaufnahme von Hedgefonds zum Kauf von Staatsanleihen seien einzeln handhabbar – doch in einem volatilen Umfeld könnten sie sich gegenseitig verstärken. „Eine Kaskade von Ereignissen könnte einen plötzlichen Vertrauensverlust der Investoren auslösen“, warnte Vize-Gouverneurin Carolyn Rogers.

Unterdessen meldete der EIA-Bericht für den US-Erdgasmarkt einen Lageranstieg von 92 Milliarden Kubikfuß – weniger als die erwarteten 96 Milliarden. Das deutet auf stärkere Nachfrage hin und könnte die Gaspreise in Nordamerika weiter antreiben.

Ausblick: Alles hängt an der Straße von Hormus

Ob Inflation, Geldpolitik oder Anleihepreise – nahezu alle wirtschaftlichen Weichenstellungen der nächsten Wochen hängen an einem einzigen geopolitischen Faktor: dem Schicksal der Straße von Hormus. Analysten sehen eine 70-prozentige Wahrscheinlichkeit für einen Waffenstillstand innerhalb der nächsten zwei Wochen. Bleibt er aus, drohen Ölpreise auf alten Hochstständen und eine neue Inflationswelle – mit ungewissem Ausgang für Zentralbanken, Märkte und Verbraucher weltweit.

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