114 Dollar pro Barrel – der Ölpreis diktiert, die Notenbanken schweigen

Geopolitische Eskalation treibt Energiepreise in die Höhe und zwingt Notenbanken zum Stillstand. Die Aktienmärkte reagieren mit deutlichen Verlusten.

Kurz zusammengefasst:
  • Brent-Öl erreicht 114 Dollar je Barrel
  • Fed und EZB signalisieren Zinsstopp
  • DAX bricht unter 23.000 Punkte ein
  • Bundesregierung kündigt Spritpreisbremse an

Liebe Leserinnen und Leser,

gestern fragte ich, ob Jerome Powell auch nur einen einzigen Hebel in der Hand hält. Die Antwort kam in der Nacht – und sie lautet: Nein. Die Fed hält still, die EZB hält still, die Bank of England hält still. Drei Notenbanken, drei Mal Schockstarre. Während Brent-Rohöl auf 114 Dollar schoss und europäisches Erdgas sich innerhalb weniger Tage mehr als verdoppelte, tun die mächtigsten Währungshüter der Welt das Einzige, was ihnen bleibt: nichts.

Die Eskalation im Nahen Osten hat eine neue Stufe erreicht. Iranische Angriffe auf die katarische Ras-Laffan-LNG-Anlage – eine der wichtigsten Gasexport-Infrastrukturen der Welt – könnten die dortigen Exporte auf Jahre lahmlegen. Am Handelsplatz TTF kletterte der Gaspreis in der Spitze um 35 Prozent auf 65 Euro je Megawattstunde. Das ist mehr als doppelt so viel wie vor Beginn des Iran-Kriegs. Und es ist ein Preissignal, das sich durch jede Lieferkette, jede Fabrikhalle, jede Stromrechnung fressen wird.

Die Zins-Falle schnappt zu

Der neue Dot Plot der Fed spricht eine unmissverständliche Sprache: Für das gesamte Jahr 2026 signalisieren die Mitglieder nur noch eine einzige Zinssenkung. Noch vor wenigen Wochen träumte die Wall Street von einer zügigen Zinswende. Dieser Traum ist vorbei. Fed-Chef Powell verwies auf die „massive Unsicherheit“ durch den Konflikt – diplomatisch formuliert für: Wir fahren auf Sicht, und die Sicht beträgt null.

Auch in London und Frankfurt herrscht Ratlosigkeit. Die Bank of England beließ ihren Leitzins bei 3,75 Prozent, musste aber ihre Inflationsprognose für das dritte Quartal bereits drastisch auf 3,5 Prozent anheben. EZB-Präsidentin Christine Lagarde versuchte in Frankfurt Zuversicht zu verbreiten. Ihre Formel: „drei mal zwei“ – Inflation bei 2 Prozent, Erwartungen bei 2 Prozent, Leitzins bei 2 Prozent. Man starte aus einer besseren Position als beim Ukraine-Schock 2022.

Mathematisch stimmt das. Psychologisch kaufen die Märkte diese Gelassenheit nicht mehr.

Angst regiert den Handel

Die Quittung kam auf dem Fuß. Der DAX brach um 2,45 Prozent ein, verlor 576 Punkte und rutschte mit 22.926 Zählern deutlich unter die psychologisch wichtige 23.000er-Marke. Der Fear & Greed Index steht bei 18 – extreme Angst. Der S&P 500 fiel auf den tiefsten Stand seit November, der Stoxx 600 gab 2,3 Prozent ab. Die Renditen zweijähriger US-Staatsanleihen sprangen um 18 Basispunkte auf 3,95 Prozent – ein klares Signal, dass der Markt die Zinswende endgültig abschreibt.

Selbst der Kryptomarkt, der sich in den vergangenen Wochen dank des neuen SEC-Regelwerks noch erstaunlich robust gehalten hatte, wurde in den Strudel gerissen. Bitcoin fiel unter 70.000 Dollar, Ethereum unter 2.200 Dollar. Rund 500 Millionen Dollar an Long-Positionen wurden innerhalb von 24 Stunden liquidiert. Die Bitcoin-ETFs verzeichneten Nettoabflüsse von knapp 130 Millionen Dollar. Die institutionelle Nachfrage, die ich Ihnen gestern noch als strukturellen Treiber beschrieb, stößt an ihre Grenzen, wenn geopolitische Panik die Risikobudgets zusammenschnürt.

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Berlin reguliert Zapfsäulen, Budapest blockiert Kiew

Die Bundesregierung reagiert auf den Energieschock mit einem „Spritpreispaket“, das Kanzler Merz heute vorstellte. Der Kern: Tankstellen dürfen ihre Preise nur noch einmal täglich erhöhen – um 12 Uhr mittags. Bei Verstößen drohen Bußgelder bis 100.000 Euro. Zusätzlich beteiligt sich Deutschland an der Freigabe von 400 Millionen Barrel Ölreserven durch die IEA. Die Grünen nannten den Plan eine „politische Beruhigungspille“. Man muss kein Oppositionspolitiker sein, um die Grenzen solcher Maßnahmen zu erkennen: Preisregulierung an der Zapfsäule ändert nichts am Weltmarktpreis.

Gleichzeitig blockiert sich Europa auf diplomatischer Ebene selbst. Beim EU-Gipfel in Brüssel verhinderte Viktor Orbán die Freigabe eines 90-Milliarden-Euro-Kredits für die Ukraine. Seine Bedingung: Ungarn müsse erst wieder russisches Öl über die Druschba-Pipeline erhalten. Erpressung zur Unzeit – während Europa geschlossen auftreten müsste, handelt Budapest im Eigeninteresse.

Robotaxis und Roboter – die Zukunft lässt sich nicht aufhalten

Zwei Meldungen fielen heute aus dem düsteren Nachrichtenstrom heraus. Uber investiert 1,25 Milliarden Dollar in den Elektroautobauer Rivian. Das Ziel: eine Flotte von 10.000 autonomen R2-Fahrzeugen, die ab 2028 als Robotaxis in San Francisco und Miami rollen sollen. Die Rivian-Aktie sprang vorbörslich um 8 Prozent.

In Frankreich setzt Renault im Werk Douai nun humanoide Roboter des Herstellers Wandercraft in der Endmontage von E-Autos ein. Das Modell Calvin-40 soll die Produktionszeit um 30 Prozent senken. Während die physische Welt unter dem Energieschock ächzt, investiert die Industrie weiter in eine Zukunft, die weniger Öl brauchen wird. Die Frage ist nur, ob diese Zukunft schnell genug kommt.

Was morgen zählt

Die kommenden Tage werden zeigen, ob der Ölpreis-Spike ein kurzfristiger Ausschlag bleibt oder sich als strukturelles Problem in die Bilanzen frisst. Morgen früh um 8 Uhr liefern die deutschen Erzeugerpreise für Februar einen ersten Hinweis – sie sind der verlässlichste Frühindikator dafür, wie schnell der Energieschock in der Breite ankommt. Fuchs SE und Bechtle AG legen ihre Jahreszahlen vor und geben damit Einblick in die Verfassung des deutschen Mittelstands. Am Abend um 18:30 Uhr spricht EZB-Ratsmitglied Joachim Nagel zur Wirtschaftsperspektive Deutschlands. Vielleicht erfahren wir dort, ob die Bundesbank die Lagarde’sche „drei mal zwei“-Gelassenheit teilt – oder ob hinter den Kulissen längst andere Szenarien durchgerechnet werden.

Herzlichst,

Ihr Eduard Altmann

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