ServiceNow vor der Frage: Trägt die KI-Story den hohen Preis?
ServiceNow übertrifft im zweiten Quartal die Erwartungen, während starkes KI-Auftragswachstum auf hohe Bewertung und wachsenden Wettbewerb trifft.

Kurz zusammengefasst
- Needham erhöht Kursziel auf 155 Dollar
- KI-Auftragsvolumen überschreitet eine Milliarde Dollar
- Quartalsumsatz liegt über Konsensprognose
- Salesforce und AWS verschärfen Konkurrenz
Ausgangslage
ServiceNow steht nach einer turbulenten Handelswoche an einem Wendepunkt. Am Freitag bestätigte das Analysehaus Needham seine Kaufempfehlung für die Aktie und hob das Kursziel deutlich von 115 auf 155 Dollar an.
Zur Begründung verwies Needham auf ein annualisiertes KI-Auftragsvolumen von über einer Milliarde Dollar im zweiten Quartal sowie darauf, dass sich produktive Kunden-Deployments innerhalb von neun Monaten verneunfacht hätten. Die Aktie reagierte mit einem Kursplus von rund einem Prozent, nachdem sie zuvor binnen weniger Tage deutlich verloren hatte.
Der deutsche Kurs von 114,15 Euro am Freitag spiegelt diese Nervosität: Auf Wochensicht steht ein Minus von 6,2 Prozent zu Buche, während sich der Titel über 30 Tage um 5,7 Prozent erholt hat. Diese Diskrepanz zeigt, worum es aktuell geht – der Markt sucht nach einer Antwort auf die Frage, ob das KI-Wachstum die hohe Bewertung rechtfertigt oder ob die jüngste Schwäche der Beginn einer längeren Korrektur ist.
Die entscheidende Frage
Im Zentrum steht die Bewertung. ServiceNow handelt mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 82, während vergleichbare US-Softwarewerte im Schnitt bei etwa 30 liegen und direkte Wettbewerber um die 28. Analysten kalkulieren ein faires KGV von gut 52 – ein erheblicher Abschlag zum aktuellen Niveau.
Die entscheidende Kennzahl für Anleger ist damit nicht das Umsatzwachstum an sich, sondern ob sich das KI-Geschäft schnell genug in profitables, wiederkehrendes Auftragsvolumen übersetzt, um diese Prämie zu rechtfertigen.
Im zweiten Quartal meldete ServiceNow einen Umsatz von 3,99 Milliarden Dollar, ein Plus von 24 Prozent gegenüber dem Vorjahr und über der Konsenserwartung von 3,93 Milliarden Dollar. Der Gewinn je Aktie lag mit 0,90 Dollar ebenfalls über den erwarteten 0,86 Dollar.
Bullisches Szenario
Für Optimisten spricht die Dynamik im KI-Geschäft. Das annualisierte Auftragsvolumen für KI-Produkte hat die Milliardengrenze überschritten, und die Zahl produktiver Kundeneinsätze wächst rasant.
ServiceNow positioniert sich zudem strategisch als Governance-Anbieter für autonome KI-Agenten – ein Themenfeld, das mit zunehmender Unternehmensnutzung von KI-Systemen an Bedeutung gewinnt. Ein irischer Kunde konnte laut Unternehmensangaben sein Onboarding von 15 auf drei Tage verkürzen, ein Beleg für konkreten Effizienzgewinn.
Die Ausweitung des Ökosystems, etwa durch die Partnerschaft mit Genesys, unterstreicht den Ausbau der Plattformbreite. Setzt sich dieses Tempo fort, könnte das von Needham genannte Kursziel von 155 Dollar erreichbar werden, zumal das durchschnittliche Analystenkursziel mit rund 145,71 Dollar ebenfalls deutlich über dem zuletzt gehandelten Niveau liegt.
Bärisches Szenario
Das Risiko liegt im Wettbewerbsdruck und in der Bewertung selbst. Salesforce hat mit dem „Enterprise AI Harness“ ein direktes Konkurrenzangebot zur ServiceNow-eigenen Governance-Lösung „AI Control Tower“ vorgestellt und bündelt dafür mehrere eigene Produkte samt neuer Kontrollebene für KI-Agenten. Auch Amazon Web Services drängt mit einem eigenen Multi-Provider-Gateway in dieses Feld.
Sollte sich der Wettbewerb um Governance-Standards für KI-Agenten verschärfen, könnte ServiceNow Marktanteile verlieren oder gezwungen sein, Preise anzupassen. Hinzu kommt die Volatilität: Mit annualisiert 56 Prozent über 30 Tage ist die Aktie deutlich schwankungsanfälliger als der breite Markt, was bei einer Bewertung mit einem KGV von über 80 zusätzliche Nervosität erzeugen kann.
Ein warnendes Beispiel liefert Pegasystems, dessen Aktie nach einer Verlangsamung des Auftragswachstums um 19 Prozent einbrach – ein Hinweis darauf, wie empfindlich der Markt auf nachlassende Dynamik bei Software-Anbietern mit KI-Bezug reagiert.
Ausblick
Solange ServiceNow das KI-Auftragsvolumen im aktuellen Tempo ausbaut und Analysten wie Needham ihre Kursziele anheben statt senken, dürfte die Aktie ihre Erholung von den jüngsten Tiefs fortsetzen können – der RSI von 52,2 signalisiert dabei weder Überkauft- noch Überverkauft-Zustand, also Spielraum in beide Richtungen.
Kippt hingegen die Wachstumsrate im KI-Geschäft, etwa weil Wettbewerber wie Salesforce oder AWS Kunden abwerben, dürfte die hohe Bewertung schnell zum Belastungsfaktor werden und stärkere Kursrückgänge auslösen, wie sie in der vergangenen Woche bereits sichtbar wurden.
Der nächste konkrete Prüfstein für diese Frage ist der kommende Quartalsbericht, in dem sich zeigen muss, ob das KI-Auftragsvolumen weiter beschleunigt oder ob sich – ähnlich wie bei Pegasystems – erste Anzeichen einer Verlangsamung abzeichnen.
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