Aixtrons Auftragsbuch, Lillys Abnehmpille und der Verbrenner-Kompromiss

Aixtrons Bestellungen steigen, Lillys EU-Pillenempfehlung wartet auf Kommissionszustimmung, während höhere Anleiherenditen Chipwerte belasten.

Eduard Altmann ·
KI-generiertes Symbolbild
Symbolbild, KI-generiert

Kurz zusammengefasst

  • Aixtron meldet deutlich mehr Quartalsaufträge
  • EU-Ausschuss empfiehlt Foundayo-Zulassung
  • Chipwerte leiden unter höheren Anleiherenditen
  • Deutschland und Frankreich lockern CO₂-Ziel

Liebe Börsianerinnen und Börsianer,

gute Zahlen reichen an dieser Börse derzeit nicht mehr für einen Kurssprung. Aixtron hat am Donnerstagabend vorläufige Quartalszahlen mit einem mehr als verdoppelten Auftragseingang im dritten Quartal vorgelegt, Schneider Electric hat die Jahresziele zum zweiten Mal angehoben.

Beide Aktien liegen im Freitagshandel trotzdem unter dem Vortag. Meine These: Der Markt belohnt im Moment nur noch Überraschungen, die über 2026 hinaus Sichtbarkeit schaffen. Und selbst die belohnt er nur vorübergehend.

Aixtron: Ein Rekordquartal, das die Bewertungsdebatte nicht beendet

Der Chipanlagenbauer aus Herzogenrath meldet vorläufig einen Auftragseingang von rund 275 Millionen Euro im dritten Quartal. Im Vorjahresquartal waren es 124 Millionen Euro, der Analystenkonsens lag bei rund 215 Millionen.

Der Umsatz stieg auf rund 184 Millionen Euro nach 119,6 Millionen, die Bruttomarge auf rund 48 Prozent nach 39 Prozent. Das berichtete operative Ergebnis (EBIT) erreichte rund 57 Millionen Euro, die EBIT-Marge 31 Prozent nach 13 Prozent im Vorjahr. Den Schub liefert die Nachfrage aus dem KI-Sektor.

Aufschlussreicher ist, was Aixtron unterlässt: Die Jahresprognose bleibt bei rund 560 Millionen Euro Umsatz und 17 bis 20 Prozent EBIT-Marge. Ein einzelnes Quartal mit 275 Millionen Euro Bestellungen bei einem Jahresumsatzziel von 560 Millionen Euro sagt damit mehr über 2027 als über 2026. JPMorgan erwartet steigende Konsensschätzungen für 2027, Jefferies sieht ebenfalls Rückenwind für das kommende Jahr.

Die Aixtron-Aktie startete am Freitag fester und kletterte bis auf 35,11 Euro, notiert aktuell aber bei 32,99 Euro und damit 1,2 Prozent unter dem Vortagsschluss. Das Junihoch bei 62,68 Euro ist weit entfernt, seit Jahresbeginn steht dennoch ein Plus von 91 Prozent.

Wie gespalten die Analysten sind, zeigt MPCM: Das Haus stuft von Halten auf Kaufen hoch, senkt aber das Kursziel von 56 auf 42 Euro wegen branchenweit gesunkener Bewertungen. Die Deutsche Bank bleibt bei Halten und hebt ihr Ziel von 43 auf 44 Euro. Der durchschnittliche Konsens liegt bei gut 49 Euro, die Spanne reicht von 40 bis 74 Euro.

Wer hier einsteigt, kauft operative Stärke in einem Sektor, dessen Multiplikatoren gerade schrumpfen. Der vollständige Quartalsbericht am 29. Oktober wird zeigen, ob die Marge von 31 Prozent Ausreißer oder neue Basis ist.

Chipsektor: Sieben Verlusttage, und die Deutsche Bank sieht Einstiegschancen

Aixtron steht mit diesem Schicksal nicht allein, die Korrektur erfasst die ganze Branche. Der US-Halbleiterindex SOX hat am Donnerstag den siebten Verlusttag in Folge beendet, die längste Serie seit Mai 2025. Die zwanzig größten KI- und Chipkonzerne haben in dieser Woche zusammen über eine Billion Dollar Börsenwert verloren.

Dahinter stehen zwei Kräfte: Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen liegt über 5 Prozent. Zugleich preist der Markt mit rund 70 bis 80 Prozent Wahrscheinlichkeit mindestens eine weitere Fed-Zinserhöhung bis Jahresende ein, für die Oktober-Sitzung allerdings nur noch mit rund 15 Prozent.

Die US-Importpreise stiegen im September um 1,1 Prozent zum Vormonat, erwartet waren 0,8 Prozent. Fed-Chef Kevin Warsh ließ sich am Freitag nicht auf Zinsschritte festlegen, lobte aber den KI-Effekt auf die US-Wirtschaft.

Im laufenden Handel geben AMD gut 4 Prozent und Intel rund 3 Prozent nach. Der eigentliche Sorgenfall bleibt CoreWeave: Die Aktie fällt im Verlauf um 7,4 Prozent, die Rendite der 2032er-Anleihe ist von 9,625 Prozent auf fast 15 Prozent gestiegen. Nvidia-Chef Jensen Huang versicherte, der Cloud-Partner brauche keine finanzielle Hilfe. Dass er das überhaupt sagen muss, ist die eigentliche Nachricht.

Gegen diesen Strom stellt sich die Deutsche Bank. Sie sieht in der Monetarisierungsdebatte Einstiegschancen bei europäischen Chipwerten und nennt Infineon, STMicro, Besi, SUSS MicroTec und Nokia als Favoriten. Das Kursziel für AT&S steigt von 320 auf 380 Euro, für SUSS von 96 auf 100 Euro. Bei Besi sinkt das Ziel von 275 auf 240 Euro, die Kaufempfehlung bleibt.

TSMC lieferte derweil Rekordzahlen für das dritte Quartal, Barclays hob das Ziel auf 670 Dollar, Morningstar sieht den fairen Wert bei 534 Dollar. Die TSMC-Aktie notiert dennoch rund 2 Prozent unter dem Vortag. Die Lehre für das Depot: Operative Stärke ist in diesem Sektor belegt, die Bewertungsfrage wird aber am Anleihemarkt entschieden, nicht in den Auftragsbüchern.

Eli Lilly: Die Abnehmpille bekommt grünes Licht für Europa

Der Ausschuss der EU-Arzneimittelbehörde EMA empfiehlt die Zulassung von Foundayo (Orforglipron) für Gewichtsmanagement und Typ-2-Diabetes bei Erwachsenen. Grundlage sind zwei Studien mit über 4.740 übergewichtigen oder adipösen Erwachsenen, der Gewichtsverlust lag bei bis zu 11 Prozent. Die EU-Kommission muss noch zustimmen, üblicherweise innerhalb von etwa zwei Monaten.

In den USA ist die Pille seit April 2026 auf dem Markt, in Großbritannien seit August. Im zweiten Quartal setzte Foundayo 98 Millionen Dollar um und hält in den USA über 30 Prozent der Neupatienten bei oralen Mitteln. Nach Wegovy von Novo Nordisk wäre es das zweite orale Präparat dieser Art in der EU.

Parallel legte Lilly Einjahresdaten zu Omvoh vor: Bei Morbus Crohn erreichten 20,4 Prozent der Patienten eine steroidfreie Tiefenremission gegenüber 2 Prozent unter Placebo. Die Lilly-Aktie notiert bei rund 1.120 Euro, knapp unter dem Hoch vom Donnerstag, mit 60 Prozent Plus auf Jahressicht.

Der Adipositasmarkt wird bis 2030 auf über 100 Milliarden Dollar Jahresumsatz geschätzt, und die Konkurrenz rückt nach. Novos CagriSema erreichte in Phase 3 minus 22,7 Prozent, Roches Enicepatide minus 15,5 Prozent in Phase 2, Pfizers PF-3944 bis zu minus 12,3 Prozent.

Lillys eigener Nachfolger Retatrutide liegt bei über minus 28 Prozent nach 18 Monaten. Für Anleger ist Foundayo deshalb weniger ein Umsatzsprung als ein Vertriebshebel: Eine Pille ohne Spritze öffnet die Breite des Marktes, bevor die Konkurrenz dort ankommt.

Im deutschen Gesundheitssektor gibt es zwei Personalien und einen Kurssprung. Bei Fresenius übernimmt Marc-Alexander Mahl zum 1. November den Vorstand der Tochter Kabi, der Vertrag von Finanzchefin Sara Hennicken wurde bis 2032 verlängert. DocMorris gewinnt 7 Prozent nach beschleunigtem Umsatzwachstum im dritten Quartal.

Autowerte: Berlin und Paris weichen das Verbrenner-Aus auf

Deutschland und Frankreich haben sich darauf geeinigt, das CO2-Minderungsziel für Neuwagen 2035 von 100 auf 90 Prozent zu senken. Volkswagen, BMW und Mercedes-Benz legten im DAX am Mittag jeweils über 3 Prozent zu, der europäische Autosektor rund 2,3 Prozent.

Die Vorzugsaktie von VW wird mit einem geschätzten KGV 2026 von 4,15 gehandelt, Mercedes mit einer geschätzten Dividendenrendite von 7,69 Prozent. Billig sind die Werte also, aber nicht ohne Grund.

Den Grund liefert das operative Geschäft: Die Gewinnerwartungen für den Sektor stehen in der laufenden Berichtssaison unter Druck, belastet durch schwache China-Nachfrage bei VW und BMW. Zugleich lief der E-Auto-Absatz in Deutschland im September mit 88.599 Neuzulassungen und 34,5 Prozent Anteil auf Rekordniveau.

Branchenforscher Dudenhöffer warnt, bis zu 10 Prozent der EU-Neuwagenfertigung könnten in US-Werke abwandern. Die Regulierung verschafft den Herstellern Luft, das Geschäftsmodell in China und die Standortfrage löst sie nicht. Die Kursgewinne vom Freitag sind daher eher ein Entlastungsreflex als eine Neubewertung.

Rohstoffe: Alcoa warnt vor leeren Lagern, Tech-Konzerne gehen zu den Minen

Alcoa hat im dritten Quartal bereinigt 1,82 Dollar je Aktie verdient, der Konsens lag bei 1,47 Dollar. Der Umsatz von 3,7 Milliarden Dollar verfehlte die Erwartung leicht, das bereinigte EBITDA sank gegenüber dem Vorquartal auf 789 Millionen Dollar.

Der freie Mittelzufluss von 472 Millionen Dollar und 4,4 Milliarden Dollar Barmittel finanzieren die für das erste Halbjahr 2027 geplante Übernahme der Ali Group für 3,1 Milliarden Dollar.

Schwerer als die Zahlen wiegt die Warnung des Alcoa-Chefs: Die globalen Aluminiumlager reichen für rund 42 Verbrauchstage, ein weiterer Schock träfe auf wenig Puffer. Außerhalb Chinas bleibt der Spotmarkt zwar schwach, doch die Bestände lassen wenig Spielraum.

Beim Kupfer entsteht derweil ein neuer Käufertyp. BHP verhandelt mit Hyperscalern über Direktinvestitionen und Abnahmeverträge, der Chef von Anglo American bestätigt Interesse an Kapitalbeteiligungen.

BHPs Rechnung: Jede weiteren 200 Milliarden Dollar jährlicher Rechenzentrumsinvestitionen erfordern Kupfer im Umfang einer neuen Mine mit 150.000 Jahrestonnen. Kupfer machte im Geschäftsjahr 2026 über die Hälfte des bereinigten BHP-EBITDA aus. AWS bezieht bereits Kupfer von Rio Tinto, Amazon und BHP starteten im September ein Pilotprojekt in Escondida.

Vale meldet, gestiegene Kosten machten 10 Prozent des seeseitigen Eisenerzangebots unprofitabel, ein Preisargument für die Großen. Wer der KI-Rally skeptisch gegenübersteht, aber an die Rechenzentren glaubt, findet im Industriemetall die weniger überhitzte Seite derselben Wette.

Unterm Strich

Die Inflation in der Eurozone stieg im September endgültig auf 3,8 Prozent, Energie verteuerte sich um 18,9 Prozent, die Kernrate liegt bei 2,5 Prozent. Der Markt erwartet eine EZB-Anhebung im Dezember, Bundesbankchef Nagel schließt sie nicht aus.

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Diese Energiepreis-Dynamik dürfte sich im Winter noch verschärfen, und genau hier setzt das Live-Webinar „Gas-Notstand 2026“ von Experte Jörg Mahnert an. Am Sonntag, den 18.10.2026, um 18:00 Uhr analysiert er, warum Deutschlands Gasspeicher-Ziel von 80 Prozent in Gefahr ist und welche Rolle die Straße von Hormus für die Energieversorgung Europas spielt. Mahnert zieht Parallelen zu den Energiekrisen von 1973 und 2022, als der gesamte Energiesektor zu den zehn besten Werten im S&P 500 zählte, und stellt drei konkrete Profiteure vor: einen norwegischen Pipeline-Betreiber, einen LNG-Anbieter und einen US-Ölförderer. Ergänzt wird die Analyse durch einen 3-Stufen-Filter, mit dem Teilnehmer die Auswahl auf das eigene Depot anwenden können. Wer sich für die kommenden Monate gegen steigende Energiepreise positionieren will, findet hier konkrete Ansatzpunkte. Jetzt zum Webinar „Gas-Notstand 2026“ anmelden

Solange die Anleiherenditen diesseits und jenseits des Atlantiks steigen, bleibt das Muster vom Freitag bestehen: Rekordaufträge bei Aixtron oder Rekordquartale bei TSMC werden gehandelt, aber nicht mehr blind bezahlt. Nächste Woche liefert China am Montag das Q3-BIP, Destatis am Dienstag die Erzeugerpreise. Am 29. Oktober folgen die vollständigen Berichte von Aixtron, Kion und Vale.

Wer das Wochenende für einen Depot-Check nutzt, sollte neben jedes Kursziel die Rendite der zehnjährigen US-Anleihe schreiben. Diese Woche hat gezeigt, welche der beiden Zahlen gerade das letzte Wort hat.

Beste Grüße,

Ihr Eduard Altmann

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