KI-Aktien nach den Quartalszahlen: Amazon glänzt, Palantir polarisiert, Infineon vor dem Härtetest
Amazon und Palantir liefern starke Quartalszahlen, während Infineon vor seinem Bericht ein Rekordhoch erreicht. Analysten bewerten die KI-Wertschöpfungskette unterschiedlich.

Kurz zusammengefasst
- AWS-Wachstum treibt Amazon auf Rekordhoch
- Palantir mit Rekordumsatz, aber hoher Bewertung
- Infineon vor Quartalszahlen auf 52-Wochen-Hoch
- Oracle sichert sich Pentagon-Auftrag für KI
Palantir meldet das schnellste Umsatzwachstum seit dem Börsengang, Amazon liefert bei AWS die stärkste Beschleunigung seit fast vier Jahren — und Oracle sichert sich einen klassifizierten Pentagon-Auftrag. Mitten in der Earnings-Saison zeigt sich: Die KI-Wertschöpfungskette funktioniert auf allen Ebenen, von der Lithografie über Leistungselektronik bis zur Anwendungssoftware. Die Bewertungsfrage stellt sich allerdings bei jedem der fünf Titel anders.
Amazon: AWS-Turbo zündet, Investitionsflut sorgt für Stirnrunzeln
Amazons Cloud-Sparte hat im ersten Quartal 2026 die Skeptiker verstummen lassen. AWS steigerte den Umsatz um 28 Prozent auf 37,6 Milliarden Dollar — das stärkste Wachstum seit 15 Quartalen. Gleichzeitig überraschte das Werbegeschäft mit einem Plus von 24 Prozent auf 17,24 Milliarden Dollar, deutlich über den erwarteten 21 Prozent.
Der Gesamtumsatz kletterte um knapp 17 Prozent auf 181,5 Milliarden Dollar. Die Prognose für das laufende Quartal liegt bei 196,5 Milliarden Dollar am Mittelpunkt — rund vier Prozent über dem Analystenkonsens. Die Aktie notiert heute bei 234,25 Euro und markiert damit ein neues 52-Wochen-Hoch.
Die Kehrseite des KI-Booms: Amazon verbrannte allein im ersten Quartal 44,2 Milliarden Dollar an Investitionsausgaben, vornehmlich für Rechenzentren und KI-Infrastruktur. Für das Gesamtjahr plant der Konzern Capex von rund 200 Milliarden Dollar. Eine gewaltige Summe, die sich erst noch in nachhaltigen Cashflow verwandeln muss.
Baird hob das Kursziel nach den Zahlen auf 300 Dollar an, Raymond James ging von 225 auf 280 Dollar. Der Konsens von 41 Analysten steht bei „Strong Buy“ mit einem Durchschnittsziel von 306 Dollar. Zusätzlichen Rückenwind könnte der Prime Day liefern, der dieses Jahr bereits im Juni stattfindet.
Palantir: Rekordwachstum trifft auf Bewertungsdebatte
85 Prozent Umsatzwachstum. Diese Zahl fasst Palantirs erstes Quartal 2026 zusammen — schneller ist das Unternehmen seit dem Börsengang 2020 nie gewachsen. Der Quartalsumsatz erreichte 1,63 Milliarden Dollar bei einer Nettomarge von 53 Prozent und einem bereinigten freien Cashflow von 925 Millionen Dollar.
Besonders beeindruckend: Das US-Geschäft legte um 104 Prozent zu, der kommerzielle US-Umsatz sogar um 133 Prozent. Die Jahresprognose wurde um 6,5 Prozent auf 7,66 Milliarden Dollar angehoben, die operative Marge sprang auf 46,2 Prozent — mehr als das Doppelte des Vorjahreswerts.
Ein frischer Großauftrag vom US-Landwirtschaftsministerium mit einem Volumen von bis zu 300 Millionen Dollar unterstreicht die wachsende Durchdringung staatlicher Institutionen. Es ist der elfte Quartal in Folge mit beschleunigtem Umsatzwachstum.
Trotzdem: Die Aktie notiert bei 123,40 Euro rund 31 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch und hat seit Jahresbeginn über 13 Prozent verloren. Das Problem trägt einen Namen — Bewertung. Bei einem KGV von knapp 234 bleibt wenig Spielraum für Enttäuschungen.
Die Analystenlandschaft spiegelt diese Zerrissenheit wider:
- HSBC stufte die Aktie Anfang Mai von „Buy“ auf „Hold“ herab, Kursziel 151 Dollar
- Citigroup behält „Buy“ bei, senkte das Ziel aber von 260 auf 210 Dollar
- Wedbush bleibt bei „Outperform“ mit 230 Dollar und sieht Palantir als künftiges Billionen-Dollar-Unternehmen
Der Konsens liegt bei „Buy“ mit einem Durchschnittsziel von knapp 195 Dollar — weit über dem aktuellen Kurs, aber eben auch weit gestreut.
ASML: Technologiemonopol gegen geopolitischen Gegenwind
ASML hat im ersten Quartal solide geliefert. Der Umsatz lag mit 8,8 Milliarden Euro über den erwarteten 8,5 Milliarden, der Nettogewinn übertraf mit 2,8 Milliarden Euro ebenfalls die Prognosen. Die Bruttomarge erreichte starke 53 Prozent.
Gleichzeitig hob das Unternehmen die Jahresprognose an: 36 bis 40 Milliarden Euro Umsatz statt der bisherigen Spanne von 34 bis 39 Milliarden. Heute springt die Aktie um 3,55 Prozent auf 1.226,40 Euro — seit Jahresbeginn ein Plus von über 24 Prozent.
Die kurzfristigen Herausforderungen sind dennoch real. Der China-Anteil am Systemumsatz schrumpfte im ersten Quartal auf 19 Prozent, nach 36 Prozent im Dezemberquartal. Exportkontrollen und die verzögerte Einführung von High-NA-EUV-Systemen bei Schlüsselkunden wie TSMC drücken auf die Sichtbarkeit für das zweite Quartal, das schwächere Margen und geringere Systemvolumina erwarten lässt.
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Technologisch bleibt ASML unangreifbar. Das Unternehmen arbeitet an einer EUV-Lichtquelle mit 1.000 Watt Leistung, die bis zu 330 Wafer pro Stunde verarbeiten kann — 50 Prozent mehr als das beste aktuelle System. Die Markteinführung ist für 2030 oder später geplant. Kein anderer Hersteller auf der Welt kann diese Maschinen bauen. Dieses Monopol rechtfertigt den Durchschnittskursziel der Analysten von rund 1.689 Dollar.
Infineon: Vor dem Quartalsbericht auf Rekordhoch
Infineon sticht in dieser Gruppe heraus — nicht durch bereits vorgelegte Zahlen, sondern durch das, was morgen kommt. Am 6. Mai veröffentlicht der Münchener Halbleiterkonzern seine Q2-Ergebnisse für das Geschäftsjahr 2026. Die Erwartung liegt bei einem Quartalsumsatz von rund 4,04 Milliarden Euro.
Die Aktie hat die Antwort vorweggenommen: Mit einem Kurs von 59,06 Euro markiert Infineon heute ein neues 52-Wochen-Hoch — ein Plus von knapp 54 Prozent seit Jahresbeginn und fast 100 Prozent über dem Tief vom vergangenen Mai. Die Rallye der vergangenen sieben Tage allein brachte fast 12 Prozent.
Der Treiber hinter dieser Dynamik ist klar umrissen. Der Umsatz mit KI-Stromversorgungslösungen für Rechenzentren hat sich von 250 Millionen Euro im Jahr 2024 auf über 700 Millionen Euro im Jahr 2025 fast verdreifacht. Für das laufende Geschäftsjahr peilt das Management rund 1,5 Milliarden Euro an, bis 2027 sollen es 2,5 Milliarden werden. CEO Jochen Hanebeck bringt es auf den Punkt: „Ohne Strom, ohne Leistung gibt es keine KI.“
Um diese Nachfrage zu bedienen, hat Infineon die Investitionsplanung von 2,2 auf 2,7 Milliarden Euro aufgestockt. Im April kündigte das Unternehmen zudem Preiserhöhungen für bestimmte Leistungsschalter an. Ob diese durchgesetzt werden konnten, wird morgen zu den Schlüsselfragen gehören.
Metzler sieht ein Kursziel von 65 Euro, Morgan Stanley taxiert den fairen Wert auf 58 Euro. Der breite Konsens von 21 Analysten lautet „Buy“.
Oracle: Pentagon-Ritterschlag mit hohem Preis
Ein Vertrag mit dem US-Verteidigungsministerium hat Oracle in der vergangenen Woche in den Fokus gerückt. Der Konzern wurde als einer von acht Technologieanbietern ausgewählt, um fortschrittliche KI-Technologien in klassifizierte militärische Operationen zu integrieren. Die Aktie schoss nach der Bekanntgabe am 1. Mai um rund 7 Prozent nach oben und notiert heute bei 157,64 Euro.
Der Auftragsbestand erzählt die eigentliche Geschichte. Die verbleibenden Leistungsverpflichtungen erreichten im dritten Fiskalquartal 553 Milliarden Dollar — ein Anstieg von 325 Prozent gegenüber dem Vorjahr, fast ausschließlich getrieben durch großvolumige KI-Verträge. Der Quartalsumsatz wuchs um 22 Prozent auf 17,2 Milliarden Dollar.
Die Transformation zum KI-Infrastrukturanbieter hat ihren Preis. Ende März entließ Oracle rund 30.000 Mitarbeiter — etwa 18 Prozent der globalen Belegschaft —, um geschätzt 8 bis 10 Milliarden Dollar an jährlichem Cashflow für den Rechenzentrums-Ausbau freizusetzen. Parallel laufen Großprojekte wie Project Jupiter und ein 1,65 Milliarden Dollar schwerer Datapod-Vertrag über sechs Jahre in den USA und Europa.
Barclays sieht die Entlassungen als eingepreist und erwartet eine Verdreifachung des Umsatzes in den kommenden Jahren bei minimalem Personalzuwachs. Mit einem Wall-Street-Konsenskursziel von rund 280 Dollar liegt die Aktie noch deutlich unter dem erwarteten Niveau.
Drei Ebenen, ein gemeinsamer Nenner
Die fünf Unternehmen repräsentieren drei unterschiedliche Schichten der KI-Wertschöpfungskette:
- Infrastruktur-Hardware: ASML liefert die Lithografiesysteme, ohne die kein moderner KI-Chip entsteht. Infineon stellt die Leistungselektronik bereit, die Rechenzentren am Laufen hält.
- Cloud-Plattformen: Amazon (AWS) und Oracle (OCI) konkurrieren um KI-Workloads. AWS generiert in einem Quartal mehr Umsatz als Oracle im gesamten Jahr — Oracle kontert mit einem Auftragsbestand, der den laufenden Umsatz um ein Vielfaches übersteigt.
- Anwendungssoftware: Palantir verwandelt rohe KI-Kapazität in operative Software für Regierungen und Unternehmen, mit Margen, die in der Branche ihresgleichen suchen.
Alle fünf eint der gleiche Makrodruck: Wie lässt sich KI-Kapazität schneller aufbauen und monetarisieren als die Konkurrenz es schafft? Morgan Stanley schätzt die kollektiven Hyperscaler-Ausgaben für KI-Infrastruktur im Jahr 2026 auf rund 805 Milliarden Dollar — eine Zahl, die den Bullenfall für sämtliche fünf Titel untermauert.
Earnings-Woche entscheidet über den nächsten Impuls
Die kommenden Tage werden zeigen, ob der Schwung hält. Infineons Quartalsbericht am Mittwoch ist der nächste Katalysator: Erreicht der KI-Umsatz die Zielmarke von 1,5 Milliarden Euro für das Geschäftsjahr? Konnten die Preiserhöhungen durchgesetzt werden?
Für ASML bleibt offen, ob die schwächere Q2-Prognose eine temporäre Delle oder den Beginn einer breiteren Verlangsamung signalisiert. Palantirs Kurs hat trotz Rekordzahlen kaum reagiert — ein Zeichen dafür, dass der Markt Wachstum dieser Größenordnung mittlerweile als Selbstverständlichkeit einpreist. Oracle muss beweisen, dass sein gewaltiger Auftragsbestand auch in echten Cashflow mündet, solange die freie Liquidität noch negativ ist. Amazon wiederum geht mit dem stärksten Analystenkonsens der Gruppe und einer Guidance-Überraschung ins zweite Quartal — die Messlatte für den Rest des Jahres liegt entsprechend hoch.
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