Micron und Marvell im Rekordrausch, Nemetschek fällt zurück
Micron und Marvell profitieren vom KI-Chipboom, während Palantir schwankt und Nemetschek trotz operativer Fortschritte weiter unter Druck steht.

Kurz zusammengefasst
- Micron plant nahezu verdoppelte HBM-Kapazität
- Marvell erholt sich nach enttäuschendem Ausblick
- Palantir schwankt trotz angehobener Jahresprognose
- Nemetschek wächst operativ, Aktie fällt
Ein Aktiensplit hier, eine Kapazitätsoffensive dort, ein geplatzter Rebound daneben: Die Technologiebranche zeigt diese Woche fünf komplett unterschiedliche Gesichter. Während Speicherchip-Hersteller vom KI-Boom förmlich überrollt werden, kämpft ein europäischer Softwareanbieter mit dem Vertrauen der Anleger. Der Blick auf Amphenol, Marvell Technology, Micron Technology, Palantir und Nemetschek offenbart, wie ungleich der Markt den KI-Infrastruktur-Boom aktuell bepreist.
Amphenol: Aktiensplit unterstreicht KI-Rückenwind
Anfang September verteilte Amphenol die zusätzlichen Aktien aus seinem Zwei-für-eins-Split an die Aktionäre. Der Kurs zeigt sich seither gefestigt: Am Freitag schloss die Aktie bei 71,67 Euro, ein Plus von 1,5 Prozent. Auf Wochensicht steht ein Zuwachs von 5,3 Prozent zu Buche, während der Monatsvergleich mit minus 4,8 Prozent noch die Delle nach der Split-Ankündigung zeigt. Der RSI von 56 signalisiert weder Überhitzung noch Schwäche.
Der eigentliche Treiber bleibt das Datacenter-Geschäft. Die Sparte Communications Solutions verzeichnete im zweiten Quartal einen Umsatzsprung von 85 Prozent gegenüber dem Vorjahr, getrieben von der Nachfrage nach KI-Verkabelung und der Integration der Übernahme von CommScope. Für das dritte Quartal stellt das Management ein Umsatzwachstum von 50 bis 52 Prozent in Aussicht.
Analysten reagierten mit vorsichtigem Optimismus auf den Split. Ein großes Bankhaus erhöhte sein Kursziel leicht, während JPMorgan die Aktie zwar von seiner Fokusliste strich, die Overweight-Einstufung aber beibehielt – ein Signal, dass die grundsätzliche Überzeugung intakt bleibt, auch wenn die Bewertung zunehmend diskutiert wird.
Marvell Technology: Nach Ergebnis-Schock zurück auf Kurs
Kaum ein Name aus der Chip-Branche war zuletzt so nervös wie Marvell. Am Freitag sprang die Aktie um 7,2 Prozent nach oben und markiert damit eine deutliche Erholung. Auf Wochensicht steht ein Plus von 2,7 Prozent, auf Monatssicht von 4,6 Prozent. Seit Jahresbeginn hat sich der Kurs um 164 Prozent verteuert, binnen zwölf Monaten sogar um 250 Prozent.
Der Weg dorthin war holprig. Nach starken Zahlen zum zweiten Geschäftsquartal – der Umsatz stieg um 36,5 Prozent auf 2,74 Milliarden Dollar – knickte die Aktie zunächst ein, weil der Ausblick die hohen Erwartungen nicht erfüllte. Im Fokus stand vor allem die Partnerschaft mit Google: Investoren hatten sich konkretere Signale erhofft und wurden enttäuscht. Der jüngste Kurssprung zeigt, wie schnell die Stimmung bei Marvell kippen kann.
Trotz der Schwankungen bleibt die Analystengemeinde überwiegend bullish. Das durchschnittliche Kursziel liegt gut ein Drittel über dem aktuellen Niveau, und einzelne Häuser gehen noch weiter: Oppenheimer hob sein Ziel auf 325 Dollar an, J.P. Morgan auf 300 Dollar. Mit einem Abstand von 34 Prozent zum 52-Wochen-Hoch bei 290,35 Euro bleibt aber auch die Erinnerung an die Verkaufswelle präsent.
Micron Technology: Wettlauf um HBM-Kapazitäten treibt Kurs
Kein anderes Papier aus dem Speicherchip-Segment läuft derzeit so heiß wie Micron. Am Freitag ging es um 6,1 Prozent nach oben, auf Wochensicht um 8,7 Prozent. Der Blick auf die längere Frist ist noch beeindruckender: Seit Jahresbeginn hat sich der Kurs um 247 Prozent verteuert, binnen eines Jahres um 720 Prozent. Mit einem RSI von 59,7 ist die Aktie technisch nicht überkauft, trotz der massiven Rally.
Treiber ist eine aggressive Kapazitätsoffensive bei High-Bandwidth-Memory-Chips. Micron will seine HBM-Produktion bis Ende 2026 nahezu verdoppeln und auf rund 100.000 Wafer pro Monat bringen. Damit würde sich der Rückstand gegenüber Samsung und SK Hynix, die derzeit noch das Drei- bis Vierfache produzieren, spürbar verringern. CEO Sanjay Mehrotra sprach davon, die 12-Layer-HBM4-Produktion doppelt so schnell hochzufahren wie bei der Vorgängergeneration HBM3E – die kumulierten HBM4-Erlöse hätten bereits die Marke von einer Milliarde Dollar überschritten.
Die Geschäftszahlen untermauern die Euphorie. Im Geschäftsjahr 2025 wuchs der Umsatz um knapp 49 Prozent, der Gewinn schoss förmlich in die Höhe. Analysten bleiben entsprechend zuversichtlich: Das durchschnittliche Kursziel liegt gut 50 Prozent über dem aktuellen Niveau, Cantor Fitzgerald und Barclays haben ihre Ziele zuletzt auf jeweils 2.000 Dollar angehoben.
Palantir: PwC-Allianz sorgt für Kurssprung – und danach für Gegenwind
Bei Palantir ging es diese Woche turbulent zu. Die erweiterte Allianz mit PwC US, die eine gemeinsame KI-Plattform für Transaktionsberatung auf Basis von Foundry und AIP vorsieht, löste zunächst eine kräftige Kursrally aus. Die neue Plattform verspricht Transaktionen bis zu 50 Prozent schneller abzuwickeln und einmalige Kosten um bis zu 45 Prozent zu senken. Zuvor hatte die Aktie noch gelitten, nachdem Alphabet seinen Einstieg in den KI-Verteidigungsmarkt signalisiert und damit Wettbewerbssorgen geschürt hatte.
Am Freitag gab die Aktie dann wieder nach: minus 4,4 Prozent, nach einem Wochenminus von 6,7 Prozent. Auf Monatssicht bleibt dennoch ein Plus von 9,3 Prozent stehen – ein Beleg dafür, wie stark die Kursausschläge bei Palantir aktuell ausfallen. Die annualisierte Volatilität von 101 Prozent gehört zu den höchsten im gesamten Vergleichsfeld.
Operativ liefert das Unternehmen weiterhin außergewöhnliche Wachstumsraten: Der Quartalsumsatz kletterte um 93 Prozent auf 1,935 Milliarden Dollar, die Jahresprognose wurde auf 8,15 Milliarden Dollar angehoben. Kritische Stimmen bleiben trotzdem laut. Short-Seller Michael Burry verwies zuletzt auf stark gestiegene Forderungen von 1,49 Milliarden Dollar, von denen ein einzelner Kunde 27 Prozent stellt – ein Risiko, das die jüngste Rally nicht auflöst. Analysten bei UBS, Mizuho und Citigroup haben ihre Kursziele dennoch angehoben, zuletzt auf bis zu 245 Dollar.
Nemetschek: Erholung bleibt fragil
Während die US-Namen von der KI-Welle getragen werden, tut sich Nemetschek schwer. Am Freitag verlor die Aktie 6,2 Prozent, auf Wochensicht summiert sich das Minus auf 10 Prozent. Seit Jahresbeginn steht ein Kursrückgang von 32 Prozent zu Buche, binnen zwölf Monaten sogar von 45 Prozent. Mit einem Abstand von 45 Prozent zum 52-Wochen-Hoch bei 116,00 Euro liegt der Titel noch weit von seinen alten Bestmarken entfernt.
Dabei läuft das operative Geschäft rund. Die Umsätze aus Abo- und SaaS-Modellen wuchsen im zweiten Quartal währungsbereinigt um 29,6 Prozent, im ersten Halbjahr sogar um 32,4 Prozent. Der Nettogewinn legte um 25,4 Prozent zu, der Gewinn je Aktie stieg von 0,45 auf 0,57 Euro. Mit der abgeschlossenen Übernahme von HCSS und der bestätigten Jahresprognose von 14 bis 15 Prozent organischem Wachstum zeigt sich das Unternehmen operativ auf Kurs.
Die Diskrepanz zwischen Fundamentaldaten und Kursverlauf treibt Analysten um. Das durchschnittliche Kursziel liegt bei 85,29 Euro, gut 20 Prozent über dem aktuellen Niveau. Eine breiter angelegte Umfrage kommt sogar auf ein Ziel von 96,50 Euro bei überwiegend positiven Einstufungen. Der 30-Tage-Zugewinn von 12 Prozent deutet zumindest an, dass sich nach der Talfahrt eine Stabilisierung andeutet.
Sektordynamik im Überblick
Die fünf Werte zeigen, wie unterschiedlich der Markt aktuell zwischen Hardware und Software, zwischen Wachstumsstory und Bewertungssorge unterscheidet:
- Amphenol, Marvell, Micron: Klassische KI-Infrastruktur-Profiteure mit zweistelligen bis dreistelligen Wachstumsraten, gestützt durch Hyperscaler-Investitionen in Rechenzentren und Speicherkapazitäten.
- Marvell: Zeigt trotz starker Fundamentaldaten die höchste Sensitivität gegenüber Kundenkonzentration – ein einzelner enttäuschender Partnerschafts-Kommentar reicht für zweistellige Kursausschläge.
- Palantir: Bewegt sich als Softwareplattform mit Bewertungsprämie deutlich volatiler als die Hardware-Werte, wie der Wechsel zwischen Alphabet-Sorgen und PwC-Euphorie belegt.
- Nemetschek: Steht stellvertretend für europäische Softwarewerte, deren zweistelliges Umsatzwachstum sich bislang nicht in einer Kurserholung niederschlägt.
Ausblick: Worauf Anleger jetzt achten sollten
Die kommenden Wochen dürften zeigen, ob sich der KI-Infrastruktur-Trend über die klassischen Chiphersteller hinaus auf Verbindungstechnik und Speicheranbieter ausweitet – oder ob die Abhängigkeit von wenigen Großkunden weiterhin für scharfe Kursreaktionen sorgt, wie bei Marvell zu beobachten war. Bei Micron dürfte der Fortschritt beim Ausbau der HBM-Kapazitäten Richtung 100.000 Wafer pro Monat zum entscheidenden Datenpunkt vor den nächsten Quartalszahlen werden. Für Palantir wird sich zeigen müssen, ob aus Allianzen wie der PwC-Partnerschaft tatsächlich messbare Vertragsvolumina entstehen – nur so lässt sich die hohe Bewertung gegen anhaltenden Druck von Short-Sellern verteidigen. Nemetschek-Anleger richten den Blick darauf, ob die Integration von HCSS und das Wachstum im Build-Segment die Lücke zwischen operativer Stärke und Kursentwicklung endlich schließen können.
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