Oracle Aktie: EU-Kommission prüft Lizenzierungspraktiken
Oracle übertrifft die Erwartungen und hebt den Gewinnausblick leicht an, während eine EU-Prüfung der Lizenzierung neue Unsicherheit schafft.

Kurz zusammengefasst
- EU holt Informationen zu Oracle-Lizenzen ein
- Quartalsumsatz übertrifft Markterwartungen
- Gewinnprognose leicht nach oben angepasst
- Analysten bewerten Oracle unterschiedlich
Während sich die Debatte um Oracle zuletzt fast ausschließlich um Cloud-Wachstum und Cash-Burn drehte, ist Anfang September ein anderes Thema aufgetaucht, das meines Erachtens zu wenig Beachtung findet: die EU-Kommission hat laut Reuters begonnen, Informationen von Dritten zu Oracles Lizenzierungspraktiken einzuholen.
Eine förmliche Untersuchung gegen ein Unternehmen bestehe zu diesem Zeitpunkt nicht, hieß es. Doch wer die Geschichte europäischer Kartellverfahren kennt, weiß: Aus solchen Vorermittlungen werden mitunter jahrelange Verfahren mit empfindlichen Geldstrafen.
Ein Nebenschauplatz mit Sprengkraft
Für mich ist genau das der eigentliche Punkt, an dem Anleger genauer hinschauen sollten. Die Aktie hat einen brutalen Rückgang hinter sich – seit Jahresbeginn steht ein Minus von 21 Prozent zu Buche, auf Sicht von zwölf Monaten hat sich der Kurs mehr als halbiert. Vom 52-Wochen-Hoch bei 288,95 Euro, notiert im September vergangenen Jahres, trennen das Papier inzwischen 54 Prozent.
Ein Großteil dieser Entwicklung lässt sich mit Sorgen um die Kapitalintensität der KI-Cloud-Strategie erklären. Die EU-Prüfung liefert nun einen zusätzlichen, strukturellen Belastungsfaktor, der in den bisherigen Kursverwerfungen kaum abgebildet sein dürfte – schlicht, weil er noch zu frisch und zu vage ist, um in Bewertungsmodelle einzufließen.
Gleichzeitig will ich nicht den Eindruck erwecken, Oracle stünde nur auf der Verliererseite. Das Unternehmen hat am Donnerstag Quartalszahlen vorgelegt, die über den Erwartungen lagen: 19,35 Milliarden Dollar Umsatz, ein bereinigter Gewinn je Aktie von 1,92 Dollar, dazu eine leicht angehobene Jahresprognose beim bereinigten Gewinn auf 8,10 Dollar im Mittelwert.
Für das kommende Quartal stellte das Management rund 21,2 Milliarden Dollar Umsatz in Aussicht, die Jahresprognose von 90 Milliarden Dollar im Mittelwert bestätigte man. Das operative Geschäft läuft also, aus meiner Sicht, deutlich solider als es der Kursverfall der vergangenen Monate suggeriert.
Analysten bleiben trotz allem mehrheitlich zuversichtlich
Bernstein hatte Anfang September, am 3. September, sein Kursziel für Oracle auf 325 Dollar angehoben und die Kaufempfehlung bekräftigt. Mizuho Securities zog kurz darauf nach: Am 4. September verwies das Haus auf den ausgeweiteten Vertrag mit dem US-Veteranenministerium, dessen Obergrenze um rund 17 Milliarden Dollar angehoben wurde, und bestätigte sein Kursziel von 320 Dollar mit der Einstufung Outperform.
Diese Einschätzungen zeigen: Ein Teil der Wall Street sieht in der GPUaaS- und Cloud-Infrastruktur-Story weiterhin erhebliches Potenzial, unabhängig von regulatorischem Gegenwind aus Brüssel.
Andere Häuser sind zurückhaltender. Morgan Stanley hob sein Kursziel zwar leicht auf 210 Dollar an, bleibt aber bei einer neutralen Einstufung. Royal Bank of Canada sieht das Papier mit einem Kursziel von 190 Dollar ebenfalls eher als Halteposition denn als Kaufkandidat.
Diese Spannweite – von deutlich über 300 Dollar bis knapp 190 Dollar – spiegelt für mich genau die Unsicherheit wider, die derzeit über der Aktie liegt: operative Stärke auf der einen, regulatorisches und bewertungstechnisches Risiko auf der anderen Seite.
Mein Fazit
Unterm Strich sehe ich Oracle an einem Scheideweg, der über die reinen Quartalszahlen hinausgeht. Die operative Entwicklung spricht für das Unternehmen, die Kursschwäche der vergangenen Monate wirkt in Teilen übertrieben.
Doch die aufkeimende EU-Prüfung der Lizenzierungspraktiken ist ein Risiko, das ich nicht kleinreden würde – gerade weil es noch am Anfang steht und sich zu einem handfesten Verfahren auswachsen könnte. Mit einer annualisierten Volatilität von 53 Prozent bleibt die Aktie ohnehin ein Nervenkitzel für Anleger.
Wer investiert ist, sollte die Entwicklung in Brüssel meines Erachtens ebenso aufmerksam verfolgen wie die nächsten Cloud-Wachstumszahlen – denn beide Faktoren dürften den Kurs in den kommenden Monaten stärker prägen, als es der Markt aktuell einpreist.
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