Siemens Energy vor der Bewertungsfrage: Wer treibt den TI-Preis auf zehn Milliarden?
Siemens Energy plant die Eigenständigkeit seiner Industriesparte, während Finanzinvestoren mögliche Gebote prüfen und Bewertung sowie Zeitplan offenbleiben.

Kurz zusammengefasst
- Aufsichtsrat beschließt Vorbereitung der Verselbstständigung
- Fünf Finanzinvestoren prüfen mögliche Mehrheitsbeteiligung
- Sparte erzielt 5,7 Milliarden Euro Umsatz
- RBC reduziert Kursziel auf 200 Euro
Ausgangslage
Der Aufsichtsrat von Siemens Energy hat am Dienstag die Vorbereitung zur Verselbstständigung der Sparte „Transformation of Industry“ beschlossen – Dampfturbinen, Kompressoren und Wasserstoff-Elektrolyseure sollen eine eigenständige Gesellschaft bilden.
Eine Zeitleiste nannte das Unternehmen nicht. Parallel berichten Medien, dass Goldman Sachs als Finanzberater fungiert und mehrere Finanzinvestoren – CVC Capital Partners, EQT, Bain Capital, Brookfield und KKR – Gebote für eine Mehrheitsbeteiligung prüfen. Die kursierende Bewertung liegt bei über zehn Milliarden Euro.
Für Anleger zählt das jetzt besonders, weil die Sparte nach eigenen Angaben profitabel wächst: 17.000 Beschäftigte, 5,7 Milliarden Euro Umsatz im vergangenen Geschäftsjahr und eine Gewinnmarge von 11,3 Prozent. Eine Dekonsolidierung mit „bedeutender Minderheitsbeteiligung“ bei Siemens Energy ist vorgesehen, ein tatsächlicher Bieterprozess mit verbindlichem Ergebnis liegt jedoch noch nicht vor.
Die entscheidende Frage
Die zentrale Kennzahl für Investoren ist der tatsächlich erzielte Verkaufspreis im Verhältnis zur kursierenden Zehn-Milliarden-Marke – und wie viel davon als Sonderdividende oder Kapitalrückführung bei den Aktionären ankommt statt im Konzern zu verbleiben.
Bietet ein Konsortium aus mehreren der genannten Finanzinvestoren gemeinsam, könnte der Preis über die geprüfte Bewertung hinausgehen; treten die Häuser einzeln und vorsichtiger auf, droht ein Abschlag.
Ebenso entscheidend: Wie groß die „bedeutende Minderheitsbeteiligung“ ausfällt, die Siemens Energy behalten will. Je größer dieser Anteil, desto stärker bleibt der Konzern an der künftigen Wertentwicklung der abgespaltenen Sparte beteiligt – was Chancen und Risiken zugleich verlängert.
Bullisches Szenario
Sollten mehrere der genannten Private-Equity-Häuser tatsächlich in einen strukturierten Bietprozess eintreten, spricht das für echten Wettbewerb um ein margenstarkes, schnell wachsendes Geschäft.
Eine Bewertung von über zehn Milliarden Euro für eine Sparte mit 5,7 Milliarden Euro Umsatz wäre ein kräftiges Multiple und würde Kapital freisetzen, das Siemens Energy in den Fokus auf Stromerzeugung und -übertragung stecken könnte.
UBS-Analyst Christopher Leonard hatte das Kursziel am 28. Juli von 175 auf 210 Euro angehoben und die Kaufempfehlung bestätigt – ein Hinweis darauf, dass zumindest zu diesem Zeitpunkt die Wachstumsstory über den reinen Spin-off-Effekt hinaus als intakt galt.
Bestätigt sich der hohe Bewertungsrahmen im weiteren Prozess, dürfte das die Aktie stützen, zumal der Konzern über die verbleibende Minderheitsbeteiligung weiter an einem florierenden Geschäft partizipieren würde.
Bärisches Szenario
Das Risiko liegt in der Unbestimmtheit. Bislang ist von „Prüfung“ die Rede, nicht von verbindlichen Geboten oder einem Zeitplan – der Aufsichtsrat hat lediglich die Vorbereitung beschlossen. Ein solcher Prozess kann sich über Quartale hinziehen oder ins Stocken geraten, wenn sich Finanzinvestoren nicht auf eine gemeinsame Bewertung einigen.
RBC Capital Markets senkte das Kursziel Ende August von 210 auf 200 Euro, bei weiterhin bestätigtem „Outperform“-Rating – ein Signal, dass selbst wohlwollende Häuser ihre Erwartungen leicht zurücknehmen.
Zusätzlich läuft parallel die angekündigte Umbenennung in „Omterra“, unter der Siemens Energy und Siemens Gamesa künftig auftreten sollen – ein weiterer struktureller Umbau, der Kapazität bindet und Unsicherheit über die künftige Markenidentität schafft.
Kommt es zu einem Bieterwettstreit ohne klaren Sieger oder verzögert sich der Prozess erheblich, könnte die zehn Milliarden-Bewertung als reine Wunschmarke aus dem Anfangsstadium entlarvt werden.
Ausblick
Solange mehrere ernsthafte Finanzinvestoren im Rennen bleiben und die operative Marge der Sparte bei über elf Prozent verharrt, bleibt das Bewertungsargument für die Aktie intakt – der jüngste Kurs von 149,28 Euro liegt bereits 24 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 195,38 Euro, was auf eingepreiste Unsicherheit hindeutet, aber auch Erholungsspielraum lässt, sollte der Verkaufsprozess konkrete Fortschritte zeigen.
Kippt der Bieterprozess dagegen, weil sich Interessenten zurückziehen oder sich keine Einigung über die Bewertung findet, dürfte der Zehn-Milliarden-Ankerwert schnell an Bedeutung verlieren und den Fokus zurück auf das operative Geschäft der verbleibenden Sparten lenken.
Der nächste konkrete Prüfstein: Ob aus der aktuellen Prüfphase in den kommenden Monaten ein strukturierter Bieterprozess mit Fristen und ersten indikativen Geboten wird – bislang fehlt dafür jede offizielle Zeitangabe.
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