Neue Allianzen, neue Tiefs — Rheinmetall, Kongsberg und Leonardo im Umbruch
Rheinmetall, Hensoldt und Renk erreichen neue Tiefststände trotz Rekordaufträgen. Kongsberg und Leonardo setzen auf strategische Partnerschaften.

Kurz zusammengefasst
- Rheinmetall und Telekom kooperieren bei Drohnenabwehr
- Renk mit Rekordaufträgen, aber Kursrutsch
- Hensoldt verdoppelt Auftragseingang im Quartal
- Leonardo ernennt Lorenzo Mariani zum neuen CEO
Europas Rüstungskonzerne schmieden strategische Partnerschaften im Wochentakt. Telekom-Radar gegen Drohnen, polnisch-norwegische Waffenintegration, ein überraschender CEO-Wechsel in Rom — die Branche baut an einer neuen Sicherheitsarchitektur. Gleichzeitig markieren mehrere Aktien frische Jahrestiefs. Rekordaufträge und fallende Kurse: Dieser Widerspruch prägt die Verteidigungsbranche im Mai 2026.
Rheinmetall: Drohnenabwehr mit dem Mobilfunknetz
Eine Partnerschaft, die aufhorchen lässt. Rheinmetall und Deutsche Telekom entwickeln gemeinsam ein System zur Abwehr von Drohnen und Sabotageangriffen auf kritische Infrastruktur — Kraftwerke, Industrieanlagen, Brücken. Die offizielle Präsentation erfolgt ab morgen auf der AFCEA-Sicherheitsmesse in Bonn.
Das Besondere: Telekoms 5G-Netz soll wie ein riesiges Radar funktionieren. Gemeinsam mit der Helmut-Schmidt-Universität erforscht der Konzern Methoden, bei denen Veränderungen im Datenverkehr Hinweise auf Drohnensteuerung liefern — selbst in komplexen urbanen Umgebungen. Rheinmetall steuert Sensoren und Effektoren bei, darunter Laserwaffen. Flugabwehrgeschütze sind ausdrücklich nicht Teil des Konzepts.
Der Vorstoß in den zivilen Infrastrukturschutz markiert eine strategische Erweiterung. Die Aktie profitiert davon bislang nicht: Rheinmetall notiert heute bei 1.166,00 € und damit am 52-Wochen-Tief. Seit Jahresbeginn hat der Kurs über 27 % verloren. Die Analysten-Meinungen gehen auseinander — JPMorgan stufte im Mai auf „Hold“ ab, während Berenberg, Kepler Capital und Morgan Stanley an ihren Kaufempfehlungen festhalten. Die Kurszielspanne reicht von 1.450 bis 2.500 €.
Renk: Rekordaufträge, Rekordtief — und ein verlängerter CEO-Vertrag
Der Aufsichtsrat hat den Vertrag von CEO Dr. Alexander Sagel um fünf Jahre bis 2032 verlängert. Stabilität an der Spitze — in einer Phase, in der Anleger alles andere als ruhig bleiben.
Die Zahlen zum ersten Quartal fielen eigentlich stark aus:
- Auftragseingang: 582,3 Mio. € — höchster Wert in einem Auftaktquartal überhaupt
- Auftragsbestand: 6,9 Mrd. € — Allzeithoch
- Bereinigte EBIT-Marge: 15,0 %, verbessert von 14,1 % im Vorjahr
Warum der Kurs trotzdem einbricht? Verzögerungen in der externen Lieferkette verschoben rund 200 Mio. € an geplantem Umsatz in spätere Quartale. Die Jahresprognose — Umsatz über 1,5 Mrd. €, bereinigtes EBIT zwischen 255 und 285 Mio. € — bleibt zwar intakt. Dem Markt reicht das aktuell nicht.
Renk rutscht heute mit einem Minus von 7,24 % auf 45,45 € ab und markiert damit ein neues 52-Wochen-Tief. JPMorgans Abstufung von Rheinmetall hatte eine Kettenreaktion im gesamten Sektor ausgelöst — Renk erwischte es besonders hart. Der Getriebe- und Antriebsspezialist notiert inzwischen knapp 49 % unter seinem Jahreshoch.
Hensoldt: Auftragseingang verdoppelt, Geduld halbiert
Ein Quartal, das auf dem Papier kaum besser hätte ausfallen können. Der Auftragseingang sprang im ersten Quartal auf 1,483 Mrd. € — mehr als doppelt so viel wie im Vorjahreszeitraum. Haupttreiber waren Aufträge für die Ausstattung der Schakal- und Puma-Plattformen sowie Vertragsverlängerungen für Eurofighter-Mk1-Radare.
Der Auftragsbestand wuchs um 41 % auf den Rekordwert von 9,8 Mrd. €, das Book-to-Bill-Verhältnis liegt bei 3,0. Der Umsatz stieg um mehr als 25 % auf 496 Mio. €. Das bereinigte EBITDA verbesserte sich auf 44 Mio. € bei einer Marge von 8,9 %.
Was Anleger stört: Der bereinigte freie Cashflow liegt bei minus 95 Mio. €. Bei einem Sensorspezialisten, der jahrelange Aufträge in den Büchern hat, erwarten Investoren sichtbare Fortschritte bei der Cash-Konversion — nicht weitere negative Quartalswerte.
Im März sicherte sich Hensoldt zudem den niederländischen Optronik-Spezialisten Nedinsco, um kritische Lieferketten abzusichern und Produktionskapazitäten auszubauen. Die Aktie notiert heute bei 69,80 € — ein Tagesverlust von 6,78 %. Barclays bestätigt das Rating „Hold“ mit Kursziel 95 €, Jefferies bleibt bei „Buy“ mit 90 €. Am 22. Mai steht die Hauptversammlung an, auf der über eine Dividende von 0,55 € je Aktie abgestimmt wird.
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Kongsberg Gruppen: Polnisch-norwegische Achse wird enger
Die Partnerschaft zwischen MESKO und Kongsberg Defence & Aerospace gewinnt an Substanz. Auf der Defence24Days-Konferenz in Warschau unterzeichneten beide Seiten eine Absichtserklärung zur Integration polnischer Waffen — darunter das im Ukraine-Krieg bewährte Piorun-Flugabwehrsystem — in Kongsbergs ferngesteuerte Waffenstationen RS4 und RS6.
Die Vereinbarung baut auf einer bereits gewachsenen Beziehung auf. Kongsberg hatte zuvor gemeinsam mit Polska Grupa Zbrojeniowa einen Vertrag über die Lieferung von 18 Counter-UAS-Batterien im Wert von rund 16 Mrd. NOK mit der polnischen Rüstungsagentur geschlossen. Polen entwickelt sich zum aktivsten Knotenpunkt in Europas neuer Verteidigungsindustrie-Architektur.
Das erste Quartal untermauert Kongsbergs strategische Bedeutung. Der Umsatz stieg um 26 % auf 9,2 Mrd. NOK, der Auftragseingang erreichte 27 Mrd. NOK, und der Auftragsbestand kletterte auf 152 Mrd. NOK. Ein Detail irritierte: Der Gewinn je Aktie lag mit 1,81 NOK rund 82 % unter den Analystenerwartungen. Die Aktie legte nach den Zahlen trotzdem um gut 8 % zu — Investoren blickten offensichtlich auf die strategische Positionierung statt auf das Quartalsergebnis.
Aktuell notiert Kongsberg bei 309,40 NOK. Der Analystenkonsens lautet „Buy“ mit einem durchschnittlichen Zwölfmonatsziel von 417,75 NOK. Am 10. Juni lädt der Konzern zum Kapitalmarkttag.
Leonardo: Ära Mariani beginnt mit starkem Erbe
Der Verwaltungsrat hat Lorenzo Mariani am 7. Mai zum neuen CEO und Generaldirektor ernannt. Der erfahrene Rüstungsmanager — mehr als drei Jahrzehnte im Konzernumfeld, zuletzt Chef des italienischen MBDA-Arms — löst Roberto Cingolani ab.
Die Ablösung kam überraschend. Cingolani hatte den Konzern durch eine Phase enormen Wertzuwachses geführt — die Marktkapitalisierung wuchs unter seiner Ägide von rund 4,6 Mrd. € auf 33,8 Mrd. €, die Nettoverschuldung sank von 2,3 Mrd. auf 1 Mrd. €. Die italienische Regierung stieß sich offenbar an seiner strategischen Neuausrichtung weg von kinetischen Produkten und setzte mit Mariani auf einen Mann mit tiefer Verwurzelung im Raketen- und Waffengeschäft.
Die Quartalszahlen, die den Führungswechsel begleiteten, fielen stark aus. Der Auftragseingang kletterte um 31 % auf 9 Mrd. €, das EBITDA um 33 % auf 281 Mio. €. Der bereinigte Nettogewinn sprang um 60 % auf 184 Mio. €. Bis 2030 peilt Leonardo jährliche Auftragseingänge von 32 Mrd. € an.
Leonardo notiert heute bei 50,64 € — ein Tagesverlust von knapp 4 %. Sieben Analysten bewerten die Aktie im Schnitt mit „Strong Buy“ und einem Zwölfmonatsziel von 70,00 €, was ein Aufwärtspotenzial von rund 38 % impliziert.
Allianzen als neue Währung der Branche
Das verbindende Motiv dieser Woche: Partnerschaften ersetzen Alleingänge. Rheinmetall überbrückt die Grenze zwischen Militär und Telekommunikation. Kongsberg vertieft sich in Polens östliche Flanke. Leonardo richtet sich unter einem CEO mit MBDA-Hintergrund strategisch neu aus.
Für Hensoldt und Renk stellt sich die Lage anders dar. Beide meldeten Rekordauftragseingänge im ersten Quartal — Hensoldt mit einem Backlog von 9,8 Mrd. €, Renk mit 6,9 Mrd. €. Beide stehen für Jahre gesicherten Umsatzes. Die Skepsis des Marktes richtet sich nicht gegen die Nachfrage, sondern gegen die Umsetzungsgeschwindigkeit und die Cash-Konversion. Dieses Thema wird die Analystengespräche in der zweiten Jahreshälfte dominieren.
Katalysatoren für die kommenden Wochen
Der Terminkalender ist dicht. Morgen beginnt in Bonn die AFCEA-Messe, auf der Rheinmetall und Deutsche Telekom ihr Drohnenabwehr-Konzept erstmals öffentlich vorstellen. Am 22. Mai folgt Hensoldts Hauptversammlung. Am 10. Juni stehen gleich zwei Termine an: Kongsbergs Kapitalmarkttag in Norwegen und Renks Hauptversammlung, auf der neben der Dividende von 0,58 € je Aktie auch die vorzeitige Vertragsverlängerung des CEO auf der Tagesordnung steht.
Bei Leonardo werden Marianis erste strategische Aussagen den Ton setzen — vor allem die Frage, wie der von der Regierung gewünschte Schwenk zurück zu kinetischen Produkten konkret aussehen soll. Über alle fünf Titel hinweg bleibt die zentrale Spannung bestehen: Rekordaufträge auf der einen Seite, fallende Kurse auf der anderen. Wer diese Lücke durch sichtbare Fortschritte bei Lieferung, Margen und Cashflow schließt, dürfte die Anleger am schnellsten zurückgewinnen.
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