Rekordaufträge, schwache Kurse: Das Paradox von Rüstung und Chips

Rüstung und Halbleiter liefern starke Fundamentaldaten, während Autowerte unter Druck stehen und Deutschland seine Wachstumserwartungen anhebt.

Eduard Altmann ·
KI-generiertes Symbolbild
Symbolbild, KI-generiert

Kurz zusammengefasst

  • Rheinmetall mit 80,5 Milliarden Euro Auftragsbestand
  • Renk erhält Kaufempfehlung trotz Jahrestief
  • Infineon und Siltronic legen deutlich zu
  • Deutsche Wachstumsprognosen werden nach oben revidiert

Liebe Börsianerinnen und Börsianer,

80,5 Milliarden Euro Auftragsbestand, ein operatives Ergebnis, das im ersten Halbjahr um 74 Prozent zulegte – und trotzdem ein Kursminus von 35 Prozent seit Jahresbeginn. Bei Rheinmetall gehen Zahlen und Kurs derzeit nicht zusammen, und dieses Muster zieht sich durch gleich zwei deutsche Schlüsselbranchen. Der große Verfallstag am Freitag hat dem DAX zugesetzt, doch ausgerechnet die Sektoren mit den prallsten Auftragsbüchern – Rüstung und Halbleiter – stehen charttechnisch unter dem größten Druck. Wer nur auf Kursverläufe schaut, verpasst die eigentliche Geschichte dieser Woche.

Rüstung: Rekordaufträge treffen auf Verkaufsdruck

Rheinmetall schloss die Woche bei 1.016 Euro, fast unverändert zum Vortag, aber 47 Prozent unter dem Niveau vor einem Jahr. Auftragsbestand und operatives Wachstum sprechen eine klare Sprache – nur der freie Cashflow bleibt wegen hoher Investitionen negativ, ein Muster, das Wachstumsstorys oft begleitet, aber Anleger nervös macht. Charttechnisch gilt die Marke von 1.000 Euro als kritischer Support: Darunter sehen Analysten Abwärtsrisiko bis 900 Euro, darüber Potenzial Richtung 1.200 Euro. Die Deutsche Bank bleibt mit einem Kursziel von 1.800 Euro deutlich optimistischer als der Markt.

Ähnlich das Bild bei Renk: Goldman Sachs stufte die Aktie am Freitag von Neutral auf Buy hoch, Kursziel unverändert bei 65 Euro – nach einem Rutsch unter 40 Euro auf ein Jahrestief eine deutliche Ansage gegen den Trend. Der Auftragsbestand von 7,4 Milliarden Euro markiert einen Rekord, der Auftragseingang bei Landfahrzeugen legte im ersten Halbjahr um 43 Prozent zu, das Book-to-Bill-Verhältnis liegt bei 2,3. Auch TKMS zeigte sich am Freitag fest, mit einem Plus von 2,5 Prozent auf 86,80 Euro.

Der Grund für die Diskrepanz zwischen Zahlen und Kurs: Nach den kräftigen Gewinnen der vergangenen Jahre nehmen Investoren Gewinne mit, sobald neue Unsicherheit aufkommt – etwa durch die im Nahen Osten wieder aufgeflammten Spannungen. Iran warnte über das Wochenende vor einer möglichen neuen Eskalation. Für Anleger mit langem Atem bleibt die fundamentale These dennoch intakt: Deutschland und die USA vereinbarten zuletzt engere Rüstungskooperation gegen Munitionsengpässe, die EU zahlte weitere 3,3 Milliarden Euro für die Ukraine-Rüstungsbeschaffung aus, und Berlin plant den Bau von über 5.000 Langstreckendrohnen. Die Auftragsseite wächst derzeit schneller als der Kurs – das kann sich drehen, sobald sich die geopolitische Nervosität legt.

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Während Rheinmetall, Renk und TKMS trotz voller Auftragsbücher kursseitig unter Druck stehen, verschiebt sich in Brüssel und Berlin längst der Fokus auf die nächste Phase der europäischen Sicherheitsarchitektur. Ein kostenloser Report von Top-Analyst Volkmar Michler zeigt, welche Unternehmen aus Verteidigung, Hightech, Energie und Infrastruktur am stärksten von Europas über 800 Milliarden Euro schwerem Investitionsprogramm profitieren könnten. Report zu Europas Sicherheits-Boom anfordern

Chipwerte: Aufwertungen trotz Sicherheitsdebatte um KI

Ganz ähnlich das Bild bei den Halbleitern. Infineon gewann am Freitag 2,4 Prozent auf 55,90 Euro, nachdem Oddo BHF die Aktie auf „Outperform“ mit Kursziel 80 Euro hochgestuft hatte – seit Jahresbeginn steht das Papier damit 48 Prozent im Plus. Noch deutlicher der Sprung bei Siltronic: Nach einer UBS-Kurszielanhebung von 105 auf 120 Euro legte die Aktie um rund 11 Prozent zu.

Der Hintergrund ist eine Entspannung der zu Wochenbeginn aufgeflammten Sorge, der KI-Ausbau könnte zu schnell laufen und Sicherheitsrisiken produzieren. Nvidia-Chef Jensen Huang konterte diese Ängste öffentlichkeitswirksam: Er bezifferte die Wahrscheinlichkeit eines KI-Weltuntergangs bis 2030 auf „null Prozent“ und forderte maximales Entwicklungstempo. Rückendeckung kam von höchster Stelle: US-Präsident Donald Trump lobte Huang als seinen wichtigsten Verbündeten in der KI-Debatte und bezeichnete Sorgen um Rechenzentren als „Hoax“. Nvidia selbst untermauerte die Wachstumsstory mit der Prognose, den Chip-Absatz im kommenden Jahr zu verdoppeln und im Geschäftsjahr bis Januar 2028 einen Umsatz von rund 673 Milliarden Dollar zu erzielen – ein Plus von 70 Prozent. Die Aktie selbst zeigte sich davon nur wenig beeindruckt, blieb aber mit einem Kursplus von 20 Prozent seit Jahresbeginn auf Kurs.

Profiteure des angekündigten Speicher-Booms waren auch die südkoreanischen Zulieferer: Samsung Electronics kletterte um 3,4 Prozent, SK Hynix sogar um 6,4 Prozent, nachdem Branchenberichten zufolge die Preise für HBM-Speicher je Generation um 30 bis 50 Prozent steigen sollen. Für deutsche Anleger heißt das: Der Halbleiterzyklus bleibt intakt, solange die Sicherheitsdebatte nicht in echte Regulierung mündet – und genau das lehnt Huang mit Rückendeckung aus dem Weißen Haus derzeit erfolgreich ab.

Wachstumsrevision trifft auf Autokrise

Während Rüstung und Chips über kurzfristige Kursschwäche klagen, meldet die deutsche Konjunkturforschung überraschenden Optimismus. Das Institut der deutschen Wirtschaft hat seine Wachstumsprognose für 2026 verdreifacht, von 0,4 auf 1,2 Prozent, getragen vom schuldenfinanzierten Infrastrukturprogramm. Das Handelsblatt Research Institute sieht mit 1,1 Prozent ähnlich optimistisch, der BDI hob seine Schätzung von 0,6 auf 1 Prozent an.

Doch die Kehrseite bleibt real: Die Arbeitslosenquote wird laut IW bei 6,3 Prozent verharren, die Inflation bei über 2,5 Prozent liegen. Und ausgerechnet die Autoindustrie, Deutschlands industrielles Rückgrat, schrumpft weiter. BMW und Mercedes-Benz verloren am Freitag im DAX bis zu 4,8 Prozent, nachdem eine EY-Studie ein ungewöhnlich schwaches erstes Halbjahr für die drei großen deutschen Autobauer offenlegte: Der gemeinsame Umsatz sank um 2,9 Prozent auf 284 Milliarden Euro, während die ausländische Konkurrenz Rekordumsätze erzielte. Drei Ministerpräsidenten, Söder, Özdemir und Lies, forderten inzwischen offen einen Rettungsplan für die Branche, während weltweit Stellenstreichungen von bis zu 100.000 Jobs im Raum stehen. Die Bundesregierung reagiert einstweilen mit einem Tankrabatt: Ab dem 1. Oktober sinkt die Belastung an der Zapfsäule um 17 Cent pro Liter, was den Staat rund 2,5 Milliarden Euro kostet – ein Linderungsmittel für Verbraucher, aber kein strukturelles Rezept für die Autobranche.

Kryptoregulierung wandert zu den Behörden

Nachdem der Clarity Act im US-Senat mit 49 zu 50 Stimmen scheiterte, übernehmen SEC und CFTC das Steuer. Die SEC gewährte eine fünfjährige Innovation Exemption für tokenisierte Aktien, die CFTC reichte eigene Regelentwürfe beim Weißen Haus ein. Für Bitcoin-Anleger bedeutet das strukturell mehr Klarheit, allerdings ohne Gesetzeskraft – ein regulatorischer Flickenteppich, der kurzfristig Stabilität schafft, langfristig aber Rechtsunsicherheit bergen kann, sollte ein künftiger Kongress oder eine künftige Administration die Behördenregeln wieder kassieren.

Unterm Strich

Die kommende Woche liefert mit den Rheinmetall-Investorenkonferenzen am 23. und 24. September gleich zwei Termine, die zeigen dürften, ob der Rüstungssektor seine fundamentale Stärke auch kursseitig zurückerobern kann. Die Nahost-Lage bleibt nach der iranischen Eskalationswarnung ein Risikofaktor, der die ohnehin angespannten Anleiherenditen zusätzlich unter Druck setzen könnte – die US-Zehnjahresrendite kratzt bereits an der Fünf-Prozent-Marke. Wer in dieser Gemengelage auf Substanz setzt, findet sie derzeit eher in Auftragsbüchern als in Kurscharts. Das gilt für Rheinmetall und Renk ebenso wie für Infineon und Siltronic: Die Bücher sind voll, die Kurse hinken hinterher.

Das Wochenende neigt sich dem Ende zu – lassen Sie die Zahlen dieser Woche noch einmal sacken, bevor am Montag die nächste Runde beginnt.

Beste Grüße,

Ihr Eduard Altmann

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