Warum 1,3 Prozent Wachstum VW und Mercedes nicht rettet

Deutschlands Konjunkturaussichten verbessern sich, doch VW und Mercedes stehen wegen Stellenabbau, Kostenforderungen und Tarifkonflikten unter Druck.

Eduard Altmann ·
KI-generiertes Symbolbild
Symbolbild, KI-generiert

Kurz zusammengefasst

  • VW plant weitere Stellenstreichungen
  • Mercedes fordert längere Arbeitszeiten
  • IG Metall mobilisiert 175.000 Beschäftigte
  • Wachstumsprognose steigt auf 1,3 Prozent

Liebe Börsianerinnen und Börsianer,

1,3 statt 0,6 Prozent: So deutlich heben die Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Wachstumsprognose für Deutschland 2026 an, mehr als eine Verdopplung. Am selben Tag verschärft Volkswagen den Stellenabbau, und Mercedes-Benz droht mit der Schließung von zwei Werken. Das ist kein Widerspruch, sondern eine Arbeitsteilung: Der Aufschwung kommt aus der Staatskasse, die industrielle Basis saniert sich derweil mit dem Rotstift. Wer deutsche Autoaktien hält, steuert auf einen Herbst zwischen Tarifkonflikt und Restrukturierungsgewinnen zu.

Volkswagen: 16.300 sind schon weg, 35.000 bleibt das Ziel, und der Vorstand will mehr

Markenchef Thomas Schäfer hat die Zwischenbilanz vorgelegt: Rund 16.300 Beschäftigte haben VW in Deutschland bereits verlassen, bis 2030 sind gut 28.800 Stellenstreichungen fest vereinbart, die Zielmarke von 35.000 Arbeitsplätzen steht. Damit ist es aber offenbar nicht getan. Laut Betriebsratschefin Daniela Cavallo plant der Vorstand konzernweit den Abbau von weiteren rund 50.000 Stellen, etwa die Hälfte davon in Deutschland, gedeckt durch eine Beschäftigungssicherung bis Ende 2030. Der Hintergrund ist bekannt: Milliardenabschreibungen auf Porsche, das China-Problem und die Margenschere zwischen E-Auto-Hochlauf und sinkender Verbrenner-Nachfrage haben VW zur Gewinnwarnung gezwungen.

Bemerkenswert ist, wie gelassen die Analysten reagieren. Berenberg belässt die Aktie nach dem Auftritt von Finanzchef Arno Antlitz auf „Buy“ mit Kursziel 100 Euro – die Gewinnwarnung sei für das operative Kerngeschäft weniger gravierend als zunächst befürchtet. Die Vorzugsaktie notiert aktuell um 75,60 Euro, seit Jahresbeginn ein Minus von rund 27 Prozent, aber deutlich über dem Tief von 69,20 Euro vom 1. Juli. Der Markt hat die Porsche-Abschreibungen offenbar verdaut. Entscheidend wird jetzt, ob der Konzern die zusätzlichen 50.000 Stellen mit dem Betriebsrat vereinbaren kann, ohne den Haustarif – er läuft Ende 2026 aus und wird separat verhandelt – zum Streikherbst zu machen.

Mercedes: 40 statt 35 Stunden, der eigentliche Kulturbruch

Bei Mercedes-Benz geht es um mehr als Stellen. Der Vorstand fordert 40 statt 35 Wochenstunden ohne Lohnausgleich – der Betriebsrat rechnet das in eine Lohnkürzung von rund 20 Prozent um – und hat die Sonderzahlung von 18,4 Prozent eines Monatsentgelts auf 2027 verschoben. Als Druckmittel liegt ein Kostenvergleich auf dem Tisch: Eine Arbeitsstunde in den USA ist fast 18 Prozent günstiger als in Deutschland, in Polen 76,5 Prozent, in Rumänien 81,7 Prozent, bei bis zu einem Drittel längerer Jahresarbeitszeit. Sinken die Kosten nicht, drohen zwei deutsche Werke geschlossen zu werden.

Die IG Metall hat am Montag bundesweit rund 175.000 Beschäftigte der Auto- und Zulieferindustrie mobilisiert, vor Werken von VW, Mercedes, BMW, Bosch, ZF, Aumovio und Mahle. In Sindelfingen protestierten heute rund 20.000 Menschen. Wie tief der Vertrauensverlust sitzt, zeigt die Aktie: Mercedes notiert um 43,50 Euro, keinen Euro über dem 52-Wochen-Tief von 42,64 Euro vom Juni, seit Jahresbeginn ein Minus von 28 Prozent. Für Anleger ist der Konflikt zweischneidig. Setzt sich der Vorstand durch, wäre das der größte Kostenhebel der letzten Jahrzehnte. Scheitert er, stehen Warnstreiks und Verlagerungen an.

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Die Tarifrunde trifft eine Wirtschaft im Aufwind

Genau in diese Gemengelage fällt die Metall-Tarifrunde. Die IG-Metall-Bezirke fordern einheitlich 5 Prozent mehr Geld bei zwölf Monaten Laufzeit, in Baden-Württemberg für rund 900.000 Beschäftigte ergänzt um eine tarifliche Gewinnbeteiligung in profitablen Betrieben, was Südwestmetall als überzogen zurückweist. Am Mittwoch folgt der bundesweite Beschluss für 3,7 Millionen Beschäftigte, die Verhandlungen starten ab dem 7. Oktober, die Verträge laufen am 31. Oktober aus. Danach sind Warnstreiks möglich.

Rückenwind bekommt die Gewerkschaft ausgerechnet von den Instituten: Sie heben laut Reuters und Handelsblatt ihre Wachstumsprognose für 2026 von 0,6 auf 1,3 Prozent an, für 2027 auf 1,1 Prozent (offizielle Vorstellung am Donnerstag). Die Gründe – staatliche Mehrausgaben für Verteidigung und Infrastruktur, geringere Belastung durch die Nahostkrise – zeigen aber, dass dieser Aufschwung nicht aus der Industrie kommt, sondern in sie hineinfließt. Gleichzeitig warnt EZB-Chefvolkswirt Philip Lane, die Teuerung im Euroraum bleibe länger erhöht, und die Fed hat den Leitzins in der Vorwoche um 25 Basispunkte auf 3,75 bis 4,00 Prozent angehoben, die erste Erhöhung seit 2023. Ein schuldenfinanzierter Aufschwung bei steigenden Zinsen: Davon profitieren Bau- und Infrastrukturwerte, während die exportlastige Autoindustrie ihren Lohnkonflikt allein austragen muss. Die Immobilienwerte, nach der Berlin-Wahl ohnehin auf mehrjährigen Tiefs, bekommen den Zinsdruck zusätzlich zu spüren.

Öl fällt unter 100 Dollar, Europas Diesel-Problem bleibt

Brent ist heute erstmals seit dem 9. September unter die 100-Dollar-Marke gerutscht, den fünften Tag in Folge mit fallenden Notierungen. Zwei Nachrichten treiben den Rückgang. Der Iran soll über Vermittler angeboten haben, die Straße von Hormus binnen sieben Tagen zu öffnen, falls die USA ihre Blockade lockern – die halbamtliche Agentur Fars dementiert das allerdings. Handfester ist der Neustart der saudischen Ost-West-Pipeline nach elf Tagen Stillstand infolge von Drohnenangriffen: Die Route fasst bis zu 7 Millionen Barrel täglich, rund 4 Prozent des Weltangebots, Aramco strebt zunächst 4 Millionen an, die vollständige Wiederherstellung könnte Wochen dauern. Durch Hormus selbst fuhren am Montag ganze zwei sichtbare Handelsschiffe, vor Kriegsbeginn Ende Februar waren es rund 125 pro Tag.

Für Europa ist der Rohölpreis dabei nicht das Kernproblem, sondern die Raffineriekapazität. Frankreichs Präsident Macron hat die EU-Kommission in einem Brief vom 18. September vor einem neuen Ölschock gewarnt: Die globalen Lagerbestände sind um über 500 Millionen Barrel gesunken, die EU bezieht 36 Prozent ihrer Kerosin- und 18 Prozent ihrer Dieselimporte aus dem Nahen Osten, 14 Prozent der französischen Tankstellen meldeten heute Morgen Engpässe. Macron fordert gelockerte Treibstoffstandards, um den Raffinerieausstoß um 5 bis 20 Prozent zu steigern. Dieselpreise in den USA und Europa stehen auf Rekordniveau. Wer auf Entspannung setzt, sieht das an TUI: Der Konzern hat im Sommer 5 Prozent weniger Pauschalreiseumsatz gebucht als im Vorjahr, die Aktie legt trotzdem auf rund 6,70 Euro zu – der billigere Treibstoff wiegt aktuell schwerer als die schwache Nachfrage.

Übernahmen im Mittelstand, Rekordzuflüsse bei Bitcoin

Abseits der Konzerne räumen Käufer im Mittelstand auf. Sazerac bietet für die Berentzen-Gruppe 5,55 Euro je Aktie in bar, eine Prämie von 68 Prozent auf den unbeeinflussten Dreimonats-Durchschnittskurs vor dem 16. September. Die Mindestannahmeschwelle liegt bei 50 Prozent plus eine Aktie, der Abschluss ist für das vierte Quartal geplant, anschließend folgt das Delisting. Vorstand und Aufsichtsrat unterstützen das Angebot, Montega stuft von „Kaufen“ auf „Halten“ ab und setzt das Kursziel von 7,00 Euro auf exakt den Angebotspreis – mehr ist hier nicht zu holen. Bei All for One ist die letzte Bedingung des Übernahmeangebots von VINCI Energies eingetreten, die Knünz Invest des Aufsichtsrats Rudolf Knünz hat am 17. September 24.990 Aktien zu 67,50 Euro eingeliefert.

Im Krypto-Markt sorgt derweil ein Short-Squeeze für Bewegung. Bitcoin ist am Montag auf rund 87.300 Dollar gestiegen, den höchsten Stand seit Januar, und pendelt aktuell um die 86.000-Dollar-Marke. Der Ausbruch hat über 844 Millionen Dollar an Short-Positionen liquidiert, US-Spot-ETFs verbuchten am Montag 999 Millionen Dollar Nettozuflüsse, der höchste Wert seit Oktober 2025, angeführt von BlackRocks IBIT mit 381 Millionen. Der Fear-and-Greed-Index sprang binnen einer Woche von 51 auf 78, erstmals seit Juli 2025 wieder „Gier“ – historisch ein Warnsignal für lokale Hochs. Strategy kaufte 950 Bitcoin für 75,7 Millionen Dollar und hält nun 846.000 Stück zu einem Durchschnittspreis von 75.416 Dollar. Auffälliger noch: Bitcoin Cash schießt heute um 29 Prozent auf rund 327 Dollar hoch, nachdem CME Futures auf BCH und Uniswap für den 19. Oktober angekündigt hat – trotz des Sprungs bleibt der Coin seit Jahresbeginn 45 Prozent im Minus. XRP legt 13 Prozent auf 1,59 Dollar zu.

Unterm Strich

Drei Termine entscheiden, in welchem Umfeld die deutsche Autoindustrie ihre Sanierung durchzieht: Mittwoch die bundesweite IG-Metall-Forderung, Donnerstag die offizielle Konjunkturprognose und der US-China-Gipfel. Solange Hormus faktisch geschlossen bleibt und Europas Raffinerien am Limit fahren, ist der Ölpreisrückgang eher Diplomatie-Hoffnung als Entwarnung. Und solange der Staat mit Verteidigungs- und Infrastrukturausgaben die Konjunktur trägt, bleibt die exportlastige Autoindustrie mit ihrem Lohnkonflikt allein. Für Depots mit VW und Mercedes gilt: Die Analysten sehen Aufwärtspotenzial, der Betriebsrat sieht Kampf – beides stimmt gleichzeitig.

Beste Grüße, Ihr Eduard Altmann

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