Papperger kauft Rheinmetall, der Markt kauft lieber Infineon

Infineon gewinnt nach positiven Erwartungen für 2027, während Rüstungsaktien trotz Insiderkauf und voller Auftragsbücher schwächeln.

Eduard Altmann ·
KI-generiertes Symbolbild
Symbolbild, KI-generiert

Kurz zusammengefasst

  • Rheinmetall-Aktie binnen zwölf Monaten 52 Prozent gefallen
  • Kepler erwartet bei Hensoldt bessere Quartalszahlen
  • Infineon legt am Freitag 7,8 Prozent zu
  • KNDS verschiebt den geplanten Börsengang

Liebe Börsianerinnen und Börsianer,

Armin Papperger kauft Aktien des eigenen Konzerns.

Der Rheinmetall-Chef greift nach deutlichen Kursverlusten zu, während der Markt das Papier seit einem Jahr verkauft. Am selben Tag empfiehlt Kepler Cheuvreux den Radarspezialisten Hensoldt zum Kauf. Zugleich verschiebt der Panzerbauer KNDS seinen Börsengang, obwohl sich die Auftragsbücher füllen. Drei Signale, eine Diagnose: Bei Europas Rüstungswerten klaffen operative Realität und Börsenbewertung derzeit so weit auseinander wie selten.

Rüstung: Der Insider kauft, der Markt zögert

Rheinmetall notiert bei rund 950 Euro und tritt damit auf der Stelle. Binnen zwölf Monaten hat die Aktie 52 Prozent verloren, seit Jahresbeginn 39 Prozent. Das 52-Wochen-Hoch von 2.007 Euro stammt vom 3. Oktober 2025, das Tief von 902,50 Euro lag Ende Juni. Operativ sieht die Lage anders aus.

Am Donnerstag brachte Rheinmetall gemeinsam mit der italienischen Argotec seinen ersten Aufklärungssatelliten ins All; dessen Sensordaten fließen per KI direkt in die Luftverteidigung. Finanzielle Details nannte Rheinmetall nicht, ein weiterer Start ist für 2028 geplant.

Hensoldt liefert den Gegenentwurf zum Pessimismus. Kepler-Analyst Aymeric Poulain erwartet, dass Hensoldt im dritten Quartal die eigenen Ziele übertrifft und die Jahresprognose anhebt. Als weitere Treiber nennt er einen beschleunigten Auftragseingang im vierten Quartal und den Kapitalmarkttag im November.

Bank of America hatte Hensoldt am Vortag auf ihre Liste der besten Nebenwerte-Ideen gesetzt. Die Hensoldt-Aktie lag im Verlauf zeitweise über 80 Euro und notiert bei gut 79 Euro, 2 Prozent im Plus. Auf Zwölfmonatssicht steht dennoch ein Minus von 30 Prozent, seit Jahresbeginn ein Plus von gut 7 Prozent.

Wie wenig der Markt derzeit für Rüstung zu zahlen bereit ist, zeigt KNDS. Der deutsch-französische Panzerbauer verschiebt seinen Börsengang, hält aber grundsätzlich daran fest. Zugleich plant KNDS laut Konzernchef Jean-Paul Alary Milliardeninvestitionen in die Produktion, vor allem in Deutschland, und die Auftragsbücher füllen sich weiter.

An der Nachfrage zweifelt niemand. Das Pentagon vergab einen Auftrag über 24 Milliarden Dollar an Raytheon für die schnellere Produktion von SM-6-Lenkwaffen, weil nach mehr als sechs Monaten Iran-Krieg Munition fehlt.

Staatsgeld landet allerdings nicht automatisch bei den Aktionären. Beim gekündigten Fregattenprojekt F126 fordert die niederländische Damen-Werft rund 4,7 Milliarden Euro vom Bund; Verteidigungsminister Pistorius erwägt Gegenforderungen von 2,3 Milliarden Euro.

Wer jetzt bei Rheinmetall oder Hensoldt zugreift, kauft kein Wachstumsrisiko mehr, sondern eine Bewertungsfrage: Die Aufträge sind da, der Insider kauft, und der Markt wartet auf den Beleg im dritten Quartal und beim Kapitalmarkttag im November.

Infineon: Hier wird Preismacht sofort bezahlt

Ganz anders die Stimmung bei den Chipwerten. Infineon ist am Freitag der Gegenpol und führt den DAX an. Die Aktie steht bei 64,62 Euro, 7,8 Prozent über dem Vortag. Den Anstoß gibt Jefferies: Die Analysten erwarten, dass Infineon 2027 von steigenden Chippreisen profitiert und damit profitabler wird.

Die gesamte Halbleiterkette zieht mit. ASML legt 2,7 Prozent zu, Nvidia markiert ein Rekordhoch und hat zuvor einen Aktienrückkauf über 150 Milliarden Dollar angekündigt. Infineon hat auf Zwölfmonatssicht 88 Prozent gewonnen, seit Jahresbeginn 71 Prozent.

Vom Juni-Hoch bei 89,67 Euro ist die Infineon-Aktie allerdings noch ein gutes Stück entfernt. Das Muster des Tages: Kapital fließt dorthin, wo Preismacht für 2027 sichtbar wird, und das gilt derzeit für Chips, nicht für Panzer, obwohl beide Branchen volle Auftragsbücher melden.

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Zinsen: Washington entspannt, Paris verspannt, die Banken zahlen

Der US-Arbeitsmarkt hat die Zinsangst vorerst entschärft. Im September entstanden nur 29.000 neue Stellen statt der erwarteten rund 90.000; die Arbeitslosenquote stieg auf 4,2 Prozent. Juli und August wurden zusammen um 60.000 Stellen nach unten revidiert. Die Fed hatte im September erstmals seit drei Jahren erhöht, auf 3,75 bis 4,00 Prozent.

Eine weitere Erhöhung am 27. und 28. Oktober preisen die Terminmärkte nur noch mit rund 17 Prozent ein. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen löste sich daraufhin von ihrem 24-Jahres-Hoch bei 5,34 Prozent vom Donnerstag, der DAX behauptete sich über 25.000 Punkten.

In Europa bleibt der Anleihemarkt die Baustelle. Zehnjährige Bundesanleihen rentierten in dieser Woche zeitweise mit 3,65 Prozent, dem höchsten Stand seit 2008. Frankreichs Zehnjahresrendite erreichte mit 4,96 Prozent den höchsten Wert seit 2002. Der Aufschlag zu Bundesanleihen liegt über 140 Basispunkten, ein Niveau wie in der Eurokrise 2012. Frankreichs Schulden liegen bei 119 Prozent des BIP, der Euro gab nach.

Für Bankaktien ist das eine Zwickmühle. Die Commerzbank verliert rund 1 Prozent auf gut 39 Euro, nachdem RBC das Votum auf „Sector Perform“ gesenkt hat. Auch Deutsche Bank, UniCredit und Intesa Sanpaolo geben nach. Positiv sticht Julius Bär heraus: Die Schweizer Privatbank kündigte einen Aktienrückkauf von bis zu 600 Millionen Franken an, die Aktie gewinnt 2,6 Prozent.

Steigende Renditen helfen Banken nur, solange sie nicht aus Staatsschuldenangst steigen, genau diese Grenze testet Frankreich gerade, und die Abstufung zeigt, dass Analysten den Zinsrückenwind für die Commerzbank als ausgereizt betrachten.

Industrie: Software-Marge wird belohnt, Zyklus bestraft

Abseits der Schlagzeilen sortieren Analysten die deutsche Industrie neu. Die DZ Bank bestätigt Siemens mit „Kaufen“ und einem fairen Wert von 330 Euro. Analyst Alexander Hauenstein setzt auf die Verschmelzung von Fabrik und IT über die Plattform Xcelerator. Er sieht die Chance, dass Siemens den Umsatz im Digitalgeschäft bis 2030 verdoppelt.

Bei Kontron hebt Pareto Securities das Kursziel nach dem Kapitalmarkttag von 28 auf 30 Euro, Einstufung „Kaufen“, mit Verweis auf neue Mittelfristziele und die Partnerschaft mit Ennoconn.

Weniger erfreulich sieht es im MDAX aus. Kion bricht nach einem Vorab-Briefing um gut 7 Prozent ein. Auto1 sackt nach gesenkten Gewinnschätzungen von JPMorgan zeitweise um mehr als acht Prozent auf 15,85 Euro ab, den tiefsten Stand seit April.

Die Botschaft ist eindeutig: Wer Software-Margen auf Industrie-Hardware setzt, bekommt Kursziele nach oben, wer wie Kion oder Auto1 am Zyklus und an den Finanzierungskosten hängt, wird schon vor den Quartalszahlen abgestraft.

Deutschland: Großhandel hofft, Galeria scheitert erneut

Zu Hause bleibt die Konjunktur zweigeteilt. Der Großhandelsverband BGA hebt seine Wachstumsprognose für 2026 auf 0,8 Prozent an. Sein Klimaindikator sprang zur Jahresmitte von 70,6 auf 84,4 Punkte, bleibt aber unter der Hundertermarke und damit im pessimistischen Bereich. Ein Drittel der Großhändler plant im zweiten Halbjahr Personalabbau.

Gleichzeitig stellte Galeria heute beim Amtsgericht Düsseldorf den vierten Insolvenzantrag binnen sechs Jahren. Betroffen sind 83 Filialen in 70 Städten und rund 12.000 Beschäftigte; mehr als 30 Schließungen stehen im Raum, mitten in der Vorbereitung auf das Weihnachtsgeschäft.

Eine im Juni gesicherte Kreditlinie eines US-Restrukturierungsinvestors reichte nicht aus. Galeria ist nicht handelbar, taugt aber als Thermometer: Der deutsche Konsum trägt die Erholung nicht, und das relativiert jede Prognose, die auf den Binnenmarkt baut.

Unterm Strich

Dieser Freitag zeigt zwei Börsen in einer: Die eine bezahlt Preismacht bei Chips sofort, die andere honoriert Rüstungsaufträge und Insiderkäufe bislang kaum. Ob die Anleihemärkte Ruhe geben, entscheidet sich in der kommenden Woche: Am 7. Oktober erscheint das Fed-Protokoll, und Frankreichs Haushalt bleibt der Risikofaktor für den Euro.

Bei Hensoldt und Rheinmetall liefert erst das dritte Quartal den Beleg, auf den der Markt wartet. Bis dahin gilt: Papperger hat seine Wette platziert, Sie müssen Ihre noch nicht.

Ich wünsche Ihnen zwei Tage ohne Kurstafel und mit klarem Kopf für den Montag.

Beste Grüße,

Ihr Eduard Altmann

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