Globale Märkte unter Kriegsdruck

Hohe Energiepreise und gestörte Lieferketten setzen Weltwirtschaft zu. Notenbanken ringen mit Inflation und schwachem Wachstum, der Yen fällt auf Tiefststände.

Felix Baarz ·

Kurz zusammengefasst

  • Ölpreis über 110 Dollar pro Barrel
  • Fed belässt Zinsen unverändert
  • Yen auf schwächstem Niveau seit Jahren
  • Indien trotz Wachstum mit Exportrückgang

Der Iran-Krieg zieht sich wie ein roter Faden durch die Weltwirtschaft. Hohe Energiepreise, gestörte Lieferketten, ein schwächelnder Yen und eine US-Notenbank am Scheideweg — die globalen Finanzmärkte stehen am 29. April 2026 unter einem Druck, der in seiner Vielschichtigkeit kaum zu überschauen ist.

Energie als Zünder

Die Sperrung der Straße von Hormus ist mehr als ein regionaler Konflikt — sie ist ein wirtschaftlicher Schock mit globalem Radius. Der Ölpreis notiert beim globalen Benchmark wieder deutlich über 110 Dollar pro Barrel, verglichen mit rund 70 Dollar vor dem US-israelischen Angriff auf den Iran Ende Februar. In Europa ist die Folge deutlich spürbar: Der Wirtschaftsstimmungsindex der Eurozone fiel im April auf 93,0 Punkte — das niedrigste Niveau seit dreieinhalb Jahren. Der Dienstleistungssektor, der als Stabilitätsanker galt, verzeichnete einen Fünfjahrestiefstand.

Auch Indien spürt den Sog. Das Land importiert massiv Rohöl, und der Warenkorb notierte im März bei durchschnittlich 113 Dollar pro Barrel, Mitte April bereits knapp unter 115 Dollar. Während die Verbraucherpreisinflation mit 3,4 Prozent noch moderat wirkt, schoss die Erzeugerpreisinflation im März auf 3,88 Prozent — mehr als anderthalb Prozentpunkte über dem Februar-Wert. Die Preisdruckwelle kommt also von unten und arbeitet sich nach oben.

Zentralbanken zwischen Inflation und Wachstum

Diese Konstellation stellt Notenbanken weltweit vor ein klassisches Dilemma: Straffere Geldpolitik würde der Inflation entgegenwirken, aber ohnehin schwächelndes Wachstum abwürgen.

Die US-Notenbank Federal Reserve hält auf ihrer heutigen Sitzung — mutmaßlich der letzten unter Jerome Powells Vorsitz — die Zinsen erwartungsgemäß im Korridor von 3,50 bis 3,75 Prozent. JPMorgan-Ökonom Michael Feroli beschreibt die Lage präzise: Die zuletzt etwas besseren Arbeitsmarktdaten, kombiniert mit nach wie vor enttäuschend hoher Inflation, könnten die Diskussion „etwas hawkischer färben“ — ohne dass ein Zinsschritt nach oben unmittelbar bevorstünde. Händler sehen kaum Chancen auf eine Zinssenkung vor Mitte 2027.

Die Europäische Zentralbank befindet sich in einer noch unbequemeren Situation. Die Euroraum-Inflation dürfte laut Prognosen im April auf 2,9 Prozent gestiegen sein, nach 2,6 Prozent im März. Regionale Daten aus Spanien und mehreren deutschen Bundesländern bestätigen diesen Trend. Eine Zinserhöhung am heutigen Donnerstag gilt zwar als unwahrscheinlich — aber eine Erhöhung im Juni bleibt fest auf dem Radar.

Powell geht, Warsh kommt

Parallel zur Zinsentscheidung läuft in Washington ein politisches Drama: Der Bankenausschuss des US-Senats stimmt heute über die Nominierung von Kevin Warsh als künftigen Fed-Chef ab. Alle 13 republikanischen Ausschussmitglieder dürften für ihn votieren, nachdem Senator Thom Tillis seinen Widerstand aufgab. Die elf demokratischen Senatoren stehen geschlossen dagegen.

Warsh, 56 Jahre alt, ehemaliger Fed-Gouverneur und Finanzfachmann, hat „Regimewechsel“ für die Notenbank angekündigt — und damit genau das, was Präsident Trump hören wollte: niedrigere Zinsen. Ob Powell nach dem Ende seiner Amtszeit als Fed-Chef am 15. Mai auch seinen Sitz im Gouverneursrat aufgibt, bleibt offen. Er hat signalisiert, diese Entscheidung von dem abhängig zu machen, „was für die Institution und die Menschen, denen wir dienen, am besten ist.“

Händler setzen jedenfalls nicht darauf, dass Warsh seine Kollegen rasch von Zinssenkungen überzeugen kann — zu stark ist der Inflationsdruck durch die anhaltend hohen Energiepreise.

Der Yen im Sturm

Am Devisenmarkt materialisiert sich die globale Unsicherheit besonders deutlich im japanischen Yen. Spekulanten haben die größten Yen-Short-Positionen seit Juli 2024 aufgebaut — eine Wette darauf, dass weder Zinserhöhungen noch staatliche Interventionen der Bank of Japan die Währung stützen werden.

Der Yen notiert derzeit knapp unter 160 je Dollar, einem Niveau, das als inoffizielle Schmerzgrenze der japanischen Behörden gilt. Gegenüber dem Euro liegt er auf dem schwächsten Stand seit Einführung der Gemeinschaftswährung, gegenüber dem Schweizer Franken sogar auf einem Allzeittief. Die Bank of Japan hält den Leitzins bei 0,75 Prozent — real, nach Abzug der Inflation, ist das negativ. Ein Analyst von Mercer Investments beziffert den fairen Wert des Yen auf unter 150 je Dollar, räumt aber ein: Wer Short-Positionen hält, wird durch Carry-Zinsen dafür bezahlt, das Risiko auszusitzen.

Interventionen bleiben möglich — aber unberechenbar. „Es gibt keine Regel und kein Handbuch“, sagt JPMorgans Japan-FX-Stratege Junya Tanase. Die Schwäche des Yen droht damit strukturell zu werden, solange der Zinsabstand zu anderen Volkswirtschaften bestehen bleibt.

Indiens Gratwanderung

Indien präsentiert sich als relativer Stabilitätsanker — doch die Risiken wachsen. Das BIP legte im abgelaufenen Fiskaljahr um 7,6 Prozent zu, der IWF hat die Wachstumsprognose für 2026/27 sogar leicht auf 6,5 Prozent angehoben. Gleichzeitig sanken die Warenexporte im März um 7,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr, 24 von 30 Exportkategorien gaben nach. Die Überweisungen indischer Gastarbeiter aus dem Persischen Golf — im Fiskaljahr 2025 mit 135,4 Milliarden Dollar auf Rekordniveau — könnten unter Druck geraten, sollte der Konflikt die Arbeitsmärkte in der Region nachhaltig schwächen.

Das Bild, das sich weltweit abzeichnet, ist das einer Wirtschaft im Wartezustand: zu viel Unsicherheit für Wachstumswetten, zu viel Inflation für Lockerungen. Der Konflikt am Golf ist dabei kein externer Schock mehr — er ist zur strukturellen Variable geworden.

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