Hormuz-Krise lähmt Weltwirtschaft

Die Blockade der Meerenge von Hormuz treibt Öl- und Düngemittelpreise. Zentralbanken halten Zinsen stabil, während Adidas und Nike auf die WM 2026 setzen.

Felix Baarz ·

Kurz zusammengefasst

  • Ölproduktion in Golfstaaten um 57 Prozent eingebrochen
  • Düngemittelpreise steigen um über 50 Prozent
  • Notenbanken lassen Leitzinsen vorerst unverändert
  • Adidas und Nike hoffen auf WM-Wachstumsimpulse

Der Konflikt am Persischen Golf hat sich zu einer Belastungsprobe für die gesamte Weltwirtschaft entwickelt. Acht Wochen nach Beginn der Auseinandersetzung zwischen Washington und Teheran sind die Folgen längst nicht mehr auf die Energiemärkte beschränkt – sie reichen von den Zentralbankensitzungen in Frankfurt und London bis zu den Düngemittelpreisen in Subsahara-Afrika.

Die verstopfte Schlagader der Weltwirtschaft

Die Meerenge von Hormuz, durch die rund 20 Prozent des globalen Öl- und Flüssiggasangebots fließen, ist faktisch zum Stillstand gekommen. Die täglichen Handelspassagen sind auf nahezu null gesunken, nachdem die US-Marine eine Blockade verhängte und der Iran daraufhin mit seinem sogenannten „Mosquito Fleet“ aus Schnellbooten reagierte. Über 400 Seeleute sitzen derzeit in der Golfregion fest.

Was ursprünglich als Druckmittel gegen das iranische Atomprogramm geplant war, hat sich in eine wirtschaftliche Abnutzungsschlacht verwandelt. Die Rohölproduktion der Golfstaaten ist seit Konfliktbeginn um 57 Prozent eingebrochen. Schifffahrtsexperten warnen: Selbst bei einem sofortigen Waffenstillstand würde es Monate dauern, bis der Betrieb wieder läuft – zu groß sind die logistischen Schäden.

Die diplomatischen Bemühungen stocken unterdessen. Ein geplanter Besuch der US-Gesandten Jared Kushner und Steve Witkoff in Pakistan wurde am vergangenen Wochenende abgesagt, nachdem Washington das iranische Verhandlungsangebot als unzureichend einstufte. Kurz darauf soll Teheran ein zweites, konstruktiveres Angebot unterbreitet haben – doch das gegenseitige Misstrauen bleibt tief. Der Iran besteht auf der vollständigen Aufhebung der Seeblockade, bevor überhaupt verhandelt wird. Die USA pochen auf die Demontage iranischer Atomanlagen.

Zweite Inflationswelle droht

Die unmittelbaren Energiepreisschocks sind für Märkte inzwischen eingepreist. Doch eine zweite, schleichendere Gefahr nimmt Form an. Stickstoffbasierte Düngemittel – energieintensiv in der Herstellung und stark auf Erdgas angewiesen – haben einen Preisanstieg von mehr als 50 Prozent verzeichnet. Rund 15 Prozent des weltweiten Angebots stammen aus dem Nahen Osten; die Blockade hat die Exporte weitgehend unterbrochen.

Ökonomen von Capital Economics rechnen damit, dass der Höhepunkt der Lebensmittelinflation erst in mehr als einem Jahr erreicht wird – die Pflanzperioden und bestehende Lagerbestände wirken wie ein Puffer, der die Auswirkungen verzögert, nicht verhindert. In Großbritannien könnte die Nahrungsmittelinflation bis 2027 auf über 6 Prozent steigen, in den USA und der Eurozone auf rund 4 Prozent. Für einkommensschwache Länder in Subsahara-Afrika und Südasien, wo Landwirtschaft einen Großteil des Bruttoinlandsprodukts ausmacht, sind die Risiken deutlich gravierender.

Zentralbanken im Wartемodus

Vor diesem Hintergrund haben die großen Notenbanken eine bemerkenswert einheitliche Haltung eingenommen: abwarten. Die US-Notenbank Federal Reserve, die Europäische Zentralbank und die Bank of England dürften in dieser Woche die Leitzinsen unverändert lassen – nicht aus Mangel an Handlungsbedarf, sondern weil die Lage zu unübersichtlich ist.

In Washington erhält die Debatte zusätzliche Würze durch die Nominierung von Kevin Warsh als Fed-Vorsitzenden. Sein bevorzugtes Inflationsmaß – der sogenannte „Trimmed PCE“, der die teuersten und günstigsten 55 Prozent der Preiskomponenten ausschließt – gilt als kontroverser Schritt. Kritiker sehen darin ein Instrument, das Zinssenkungen erschwert, weil Trimmed PCE derzeit bei nur 2,3 Prozent liegt, während Core PCE 2,8 Prozent ausweist. Analysten der KB Securities widersprechen: Warsh nutze das Maß als Trendbestätigungs-Werkzeug, nicht als Frühindikator – sein Ansatz sei in der Praxis eher locker als restriktiv.

Die EZB und die Bank of England beobachten unterdessen, wie die Eurozonеninflation auf die 3-Prozent-Marke zusteuert. Beide könnten künftige Zinserhöhungen als Option offenhalten – ein Signal an die Märkte, dass die Pause kein Schwenk zur Lockerung ist.

Sportartikel-Riesen setzen auf WM-Effekt

Inmitten des geopolitischen Sturms richtet sich ein Teil der Anlegeraufmerksamkeit auf eine unerwartete Quelle der Hoffnung: die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 in Nordamerika. Nike und Adidas, beide mit schwacher Jahresbilanz, setzen auf das Turnier als Wachstumskatalysator.

Adidas gilt dabei als der aggressivere Spieler. Das Unternehmen hat WM-Kollektionen über alle Vertriebskanäle ausgerollt, neue Stollenschuh-Technologien präsentiert und hochkarätige Kooperationen wie eine BAPE-Partnerschaft lanciert, deren Produkte rasch ausverkauft waren. Das Management rechnet mit einem niedrigen einstelligen prozentualen Umsatzplus durch die WM – Analysten halten für Nordamerika sogar einen mittleren einstelligen Wert für möglich, einer Region, in der Adidas noch erhebliches Marktanteilspotenzial besitzt.

Nike fährt eine ruhigere, technologieorientierte Strategie. Die neue „Aero-FIT“-Kühlbekleidung soll zunächst im Fußball debütieren und später auf andere Sportarten ausgeweitet werden. Der Konzern sieht die WM als Möglichkeit, seine Glaubwürdigkeit im Leistungssport außerhalb des Laufens zu festigen. Analysten erwarten einen kleineren, aber spürbaren Umsatzimpuls – Nikes breitere Absatzbasis macht den relativen Effekt geringer.

Beide Aktien liegen im laufenden Jahr im Minus, werden von Analysten aber jeweils mit „Outperform“ eingestuft. Die Kehrseite: Der volle Effekt des „WM-Hypes“ auf die Bilanzen könnte noch Quartale entfernt sein. Bei Nike rechnen Analysten mit mindestens einem weiteren Quartal bis zu messbaren Ergebnissen.

Kein Ende in Sicht

Die Weltlage bleibt in einem Zustand angespannter Ungewissheit. Am Hormuz gibt es keinen Durchbruch, bei den Zentralbanken keine klare Richtungsentscheidung und an den Aktienmärkten keine Entwarnung. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass ein einziger Engpass – 54 Kilometer breit an seiner schmalsten Stelle – die Koordinaten der globalen Wirtschaft neu justieren kann.

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