Hormuz-Krise erschüttert Weltmärkte
Die Blockade der Straße von Hormuz treibt die Ölpreise über 110 Dollar und erhöht den Inflationsdruck, während neue Drohungen weitere Handelsrouten gefährden.

Kurz zusammengefasst
- Ölpreis steigt auf über 110 Dollar pro Barrel
- Iran knüpft Öffnung an finanzielle Forderungen
- Angriffe auf Energieinfrastruktur weiten sich aus
- Inflationserwartungen und Märkte unter Druck
Der Krieg im Nahen Osten hat eine neue, gefährliche Eskalationsstufe erreicht. Während US-Präsident Donald Trump Iran ein Ultimatum bis 20:00 Uhr Ortszeit am Dienstag gesetzt hat, die Straße von Hormuz wiederzueröffnen, verhärtet Teheran seine Position – und droht, den Konflikt auf weitere kritische Handelswege auszuweiten. Für die Finanzmärkte bedeutet das: Die Unsicherheit bleibt.
Ultimatum trifft auf neue Forderungen
Trump ließ keinen Zweifel an seiner Entschlossenheit. Im Wall-Street-Journal-Interview warnte er unmissverständlich: „Sie werden jedes Kraftwerk und jede andere Anlage im ganzen Land verlieren.“ Parallel dazu schrieb er auf Truth Social, der Dienstag werde „Kraftwerk-Tag und Brücken-Tag zugleich“ sein. Gleichzeitig signalisierte er Verhandlungsbereitschaft – ein Deal sei möglicherweise schon am nächsten Tag erreichbar.
Teheran reagiert mit einer Gegenoffensive auf diplomatischem Terrain. Parlamentspräsident Mohammad Bagher Qalibaf bezeichnete Trumps Drohungen als „rücksichtslos“. Und Präsidentschaftssprecher Tabatabaei knüpfte eine Wiederöffnung der Meerenge an eine neue Bedingung: Ein Teil der Transiteinnahmen müsse als Kriegsschadensersatz an Iran fließen. Das ist nicht nur eine Verhandlungsposition – es ist eine Verschiebung des gesamten Rahmens.
Noch brisanter ist die Warnung von Ali Akbar Velayati, außenpolitischer Berater von Revolutionsführer Khamenei. Er drohte, dass die „Widerstandsfront“ auch die Bab-el-Mandeb-Straße im Roten Meer ins Visier nehmen könne. Diese Wasserstraße, durch die rund zwölf Prozent des globalen Handels fließen, war bereits zuvor Ziel der Iran-nahen Huthi-Milizen im Jemen. Eine Blockade beider Seewege gleichzeitig wäre für die globalen Lieferketten eine Zäsur.
Energie als Kriegswaffe
Die Straße von Hormuz ist keine abstrakte geopolitische Größe – sie ist das Nadelöhr des globalen Ölhandels. Etwa 20 Prozent des weltweiten Erdölhandels passieren diesen 33 Kilometer schmalen Korridor. Seit der weitgehenden Blockade hat der US-Rohölpreis die Marke von 110 Dollar pro Barrel überschritten, nachdem er bereits zuvor erstmals seit 2022 über 100 Dollar gestiegen war. Seit Jahresbeginn hat der Ölpreis damit rund 90 Prozent zugelegt.
Die militärische Realität macht eine schnelle Lösung schwierig. Selbst wenn US-Streitkräfte Küstengebiete sichern würden, könnte die Iranische Revolutionsgarde den Schiffsverkehr weiterhin mit günstigen Drohnen und Raketenangriffen vom Festland aus stören. „Es braucht nur eine oder zwei Drohnen, um Schiffe abzuschrecken“, erklärt Ali Vaez vom International Crisis Group – weshalb die Meerenge für die meisten kommerziellen Reedereien derzeit schlicht nicht versicherbar ist.
Israel bereitet sich derweil auf Angriffe auf iranische Energieanlagen vor und wartet laut einem israelischen Verteidigungsbeamten lediglich auf die Genehmigung aus Washington. Der Angriff solle innerhalb der kommenden Woche stattfinden. Bereits am vergangenen Samstag traf eine israelisch-amerikanische Luftkampagne 272 Ziele in 14 iranischen Provinzen, darunter petrochemische Komplexe und Militärstützpunkte. Besonders im Fokus: die ölreiche Provinz Khuzestan.
Iran schlug ebenfalls zu. Drohnen trafen den Hauptsitz von Kuwait Petroleum Corp. in Kuwait-Stadt sowie zwei kuwaitische Strom- und Entsalzungsanlagen. Der Angriff auf das Verwaltungszentrum der kuwaitischen Energiewirtschaft markiert eine deutliche Ausweitung der iranischen Zielliste – von Küstenraffinerien hin zu politischen und administrativen Schlüsseleinrichtungen.
Inflationsdruck und Marktreaktion
Die Energiepreisexplosion trifft die US-Wirtschaft an einer empfindlichen Stelle. Der durchschnittliche Benzinpreis in den USA überstieg erstmals seit mehr als drei Jahren die Marke von vier Dollar pro Gallone. Der US-Verbraucherpreisindex für März, der am 10. April veröffentlicht wird, soll laut Reuters-Umfrage monatlich um 0,9 Prozent gestiegen sein – ein Warnsignal.
„Der Markt bewertet sich über den Ölpreis“, beschreibt Doug Huber von Wealth Enhancement Group die Stimmungslage. „Inflationserwartungen, Anleihenmärkte – alles hängt am Ölpreis.“ Der S&P 500, der seit seinem Allzeithoch Ende Januar bereits knapp sechs Prozent verloren hatte, konnte in der verkürzten Handelswoche leicht zulegen und eine fünfwöchige Verlustserie beenden. Doch die Luft bleibt dünn.
Die Hoffnung auf Zinssenkungen der US-Notenbank Federal Reserve hat sich weitgehend verflüchtigt – der Inflationsdruck lässt kaum Spielraum. Gleichzeitig beginnt in der zweiten Aprilhälfte die Berichtssaison. Analysten erwarten für S&P-500-Unternehmen ein Gewinnwachstum von 14,4 Prozent im ersten Quartal – aber diese Zahlen spiegeln eine Welt wider, in der der Krieg noch nicht vollständig Fahrt aufgenommen hatte.
Globale Verschiebungen im Hintergrund
Während der Nahe Osten die Märkte dominiert, laufen im Hintergrund weitere geopolitische Prozesse. Der geplante Staatsbesuch von Trump in China wurde auf Mitte Mai verschoben – laut Bank of America, bis sich die Lage im Iran-Konflikt stabilisiert. Peking nutzt die geschwächte Verhandlungsposition Washingtons, um auf Verlängerung der Handels-Waffenruhe und umfassendere Zollerleichterungen zu drängen. Ein großer Durchbruch ist dennoch nicht zu erwarten.
Was bleibt, ist ein Marktumfeld, das von einer einzigen Frage beherrscht wird: Öffnet Iran die Straße von Hormuz – oder eskaliert der Konflikt weiter? Trumps Dienstag-Deadline ist abgelaufen, bevor dieser Artikel erscheint. Die Antwort darauf dürfte die Finanzmärkte noch wochenlang beschäftigen.