0,5 Prozent Wachstum — warum die Bundesregierung ihre eigene Prognose halbiert
Die Bundesregierung senkt ihre Wachstumsprognose für 2026 auf 0,5 Prozent. Der DAX fällt unter die 200-Tage-Linie, während Einzelwerte wie Freenet und Reply operative Stärke zeigen.

Kurz zusammengefasst
- Wachstumsprognose auf 0,5 Prozent halbiert
- DAX fällt unter 200-Tage-Linie
- Freenet und Reply mit starken Quartalszahlen
- Lufthansa bestätigt Jahresziel trotz Mehrkosten
Liebe Leserinnen und Leser,
gestern schloss ich mit dem Satz, die Wette auf operative Substanz gegen geopolitische Risiken sei eine mit steigendem Einsatz. Am Freitag wird der Einsatz fällig. Der DAX verliert am Nachmittag 1,68 Prozent auf 24.046 Punkte und rutscht damit unter seine 200-Tage-Linie — ein technisches Signal, das institutionelle Anleger nicht ignorieren. Die Bundesregierung halbiert ihre Wachstumsprognose für 2026 auf 0,5 Prozent. Und das Trump-Xi-Treffen in Peking, das gestern noch Hoffnungen auf Entspannung nährte, entpuppt sich als Enttäuschung ohne greifbare Ergebnisse. Drei Rückschläge an einem Tag. Doch wer genauer hinsieht, findet in den Nebenindizes Unternehmen, die sich von all dem erstaunlich wenig beeindrucken lassen.
Halbiertes Wachstum, steigende Ölpreise
Die Konjunkturprognose der Bundesregierung ist die härteste Zahl des Tages: 0,5 Prozent Wachstum für das Gesamtjahr 2026, halb so viel wie noch vor wenigen Monaten erwartet. Für das zweite Quartal rechnet Berlin mit einem „deutlichen Dämpfer“, nachdem das BIP im ersten Quartal noch um 0,3 Prozent zulegen konnte. Die Richtung ist eindeutig — und die Gründe liegen nicht nur in der Binnenwirtschaft.
Die Spannungen an der Straße von Hormus treiben Brent-Öl auf 107,28 Dollar, WTI auf 102,96 Dollar. Für energieintensive Branchen in Deutschland ist das ein fortlaufender Belastungstest: Deren Produktion liegt mittlerweile 15,2 Prozent unter dem Niveau von Februar 2022. Heidelberg Materials, als zyklischer Baustoffkonzern direkt betroffen, ist am Freitag mit minus 6,34 Prozent auf 170,65 Euro schwächster DAX-Wert.
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Auf internationaler Ebene brachte das Treffen zwischen Trump und Xi in Peking bei den entscheidenden Themen — Iran, Taiwan, Technologie-Export — keinen Fortschritt. Der Nikkei 225 reagierte mit einem Minus von 2 Prozent auf 61.409 Punkte, auch die Wall Street startete mit Abgaben.
Freenet, Reply, Nagarro: Drei Quartalszahlen, drei Lektionen
Wer in diesen Tagen nach operativer Stärke sucht, wird im MDAX und SDAX fündig — aber nur bei den richtigen Werten. Freenet lieferte am Freitag Quartalszahlen mit einem Umsatzsprung von über 25 Prozent. Sondereffekte drückten zwar den Gewinn leicht, doch die Jahresprognose für 2026 wurde vollständig bestätigt. Die Aktie steigt um 1,6 Prozent auf 25,58 Euro. Mit einer geschätzten Dividendenrendite von 7,92 Prozent für 2026 bleibt Freenet die ertragreichste Ausschüttung im gesamten MDAX — und ein bemerkenswerter Kontrast zum gestrigen Kursrutsch von 6,4 Prozent, der offenbar überzogen war.
Noch stärker präsentiert sich Reply im SDAX. Der IT-Dienstleister steigerte den Konzernumsatz im ersten Quartal um 6,2 Prozent, das EBITDA verbesserte sich auf 112,0 Millionen Euro. Besonders auffällig: Die Nettofinanzposition wuchs bis Ende März auf plus 643,0 Millionen Euro. Die konsequente Ausrichtung auf Künstliche Intelligenz zahlt sich in harten Zahlen aus. Die Aktie gewinnt 3,13 Prozent auf 95,45 Euro.
Dass der Markt in der zweiten Reihe keine Gnade kennt, zeigt Nagarro. Trotz einer Bruttomarge von 31,2 Prozent und einem währungsbereinigten Umsatzplus von 6,5 Prozent fällt die Aktie um rund 7 Prozent. Der Grund: Ein negativer Cashflow-Swing und nur 0,5 Prozent unbereinigtes Umsatzwachstum. In einem Umfeld, das Substanz belohnt und Kosmetik bestraft, reicht das für einen harten Abverkauf.
Infineon minus 5 Prozent — die Kehrseite von 80 Prozent Jahresperformance
Im Technologiesektor klafft am Freitag eine bemerkenswerte Lücke zwischen den USA und Europa. Cisco Systems schießt vorbörslich um rund 20 Prozent nach oben — getrieben von einem Rekordumsatz von 15,8 Milliarden Dollar (plus 12 Prozent), einem Gewinnsprung von 35 Prozent auf 3,4 Milliarden Dollar und erwarteten Hyperscaler-Aufträgen über 9 Milliarden Dollar.
Hierzulande dominieren dagegen Gewinnmitnahmen. Infineon verliert 5,14 Prozent auf 64,23 Euro — bei dem höchsten Handelsvolumen im gesamten DAX. Nach einem Kursgewinn von 80 Prozent seit Jahresbeginn nutzen Anleger das unsichere Umfeld, um Gewinne zu sichern. Gestern noch der Liebling der Börse, am Freitag der Gradmesser für die Nervosität im Markt. Zu den wenigen Gewinnern im DAX zählen SAP mit plus 1,46 Prozent und Munich Re mit plus 1,03 Prozent — defensive Qualität wird an einem solchen Tag bevorzugt.
Lufthansa: 1,7 Milliarden Euro Kerosin-Mehrkosten, Jahresziel bestätigt
Ein Unternehmen, das zeigt, wie operative Disziplin in einem schwierigen Umfeld aussieht, ist die Lufthansa Group. Der Umsatz stieg im ersten Quartal um 8 Prozent auf 8,7 Milliarden Euro, das operative Ergebnis (Adjusted EBIT) verbesserte sich um 110 Millionen Euro auf minus 612 Millionen Euro. Der Adjusted Free Cashflow sprang um 65 Prozent auf 1,4 Milliarden Euro.
Die Rahmenbedingungen waren dabei alles andere als günstig: Streiks kosteten Fraport im April rund 500.000 Passagiere, ein Minus von 11 Prozent. Die gestiegenen Kerosinpreise verursachen 2026 voraussichtlich 1,7 Milliarden Euro an Zusatzkosten. Dass die Lufthansa ihr Jahresziel eines operativen Ergebnisses von deutlich über 1,96 Milliarden Euro dennoch bestätigt, liegt an zwei Faktoren: einer vorausschauenden Absicherung von 80 Prozent des Treibstoffbedarfs und gestiegenen Stückerlösen. Kostenkontrolle schlägt Konjunktursorge — zumindest bei diesem Unternehmen.
Was kommende Woche zählt
Mit dem Ausklingen der Berichtssaison verlagert sich der Fokus auf fundamentale Daten. Am Donnerstag stehen die europäischen Einkaufsmanagerindizes an, am Freitag folgt das Ifo-Geschäftsklima. Analysten rechnen bei beiden Indikatoren mit einer Fortsetzung des Abwärtstrends — die halbierte Wachstumsprognose der Bundesregierung dürfte sich in der Stimmung der Unternehmen spiegeln.
Das eigentliche Ereignis der Woche folgt am Mittwoch nach US-Börsenschluss: Nvidia legt Quartalszahlen vor. Analysten wie RBC rechnen fest mit einer Anhebung des Ausblicks. Für den gesamten Technologiesektor — diesseits und jenseits des Atlantiks — wird das die Richtung vorgeben.
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Für Anleger bleibt die Lektion dieser Woche klar: Die Schere zwischen Unternehmen, die ihre Cashflows verteidigen können, und solchen, die es nicht schaffen, geht weiter auf. Freenet, Reply und Lufthansa zeigen, dass operative Substanz auch in einem Umfeld mit 107 Dollar Ölpreis und halbiertem Wachstum belohnt wird. Wer dagegen nur auf den Index schaut, sieht am Freitag vor allem eines: einen DAX unter der 200-Tage-Linie und offene Fragen an die Geopolitik.
Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende.
Herzlichst,
Ihr Eduard Altmann