1.776 Insolvenzen, 73 Milliarden Aufträge – Deutschlands gespaltene Ökonomie an einem Dienstag

Rheinmetall überzeugt Börse mit Rekord-Auftragsbestand, während Insolvenzzahlen in Deutschland auf 20-Jahres-Hoch steigen.

Eduard Altmann ·
1.776 Insolvenzen, 73 Milliarden Aufträge – Deutschlands gespaltene Ökonomie an einem Dienstag

Kurz zusammengefasst

  • Rheinmetall-Aktie legt über fünf Prozent zu
  • Auftragsbestand erreicht 73 Milliarden Euro
  • Firmenpleiten in Deutschland auf Höchststand
  • CrowdStrike und Palantir mit starken Zahlen

Liebe Leserinnen und Leser,

gestern schloss ich mit der Beobachtung, dass die wenigsten deutschen Industrieunternehmen das Privileg haben, auf den richtigen Preis zu warten. Am Dienstag zeigt der Markt, wohin das Geld stattdessen fließt: in Sicherheit – physische wie digitale. Der DAX legte am Nachmittag um rund 1,1 Prozent auf 24.258 Punkte zu, der Euro-Stoxx-50 kletterte im gleichen Tempo auf 5.825 Zähler. Die Zolldrohungen aus Washington, die gestern noch den Autoindex um 2,8 Prozent drückten, treten in den Hintergrund. Brent-Öl notiert nach einer leichten Entspannung bei 113 bis 114 US-Dollar. Die Berichtssaison übernimmt die Regie – und sie sortiert gnadenlos.

Rheinmetall: Verfehlte Erwartungen, volle Auftragsbücher

Der auffälligste Kurs des Tages gehört Rheinmetall. Die Aktie legte um über 5 Prozent auf rund 1.442 Euro zu – obwohl die Quartalszahlen auf den ersten Blick enttäuschten. Der Q1-Umsatz lag mit 1,94 Milliarden Euro deutlich unter den erwarteten 2,3 Milliarden, der operative Gewinn verfehlte das interne Ziel um 38 Millionen Euro.

Was die Börse trotzdem überzeugte: Die operative Marge verbesserte sich um 1,1 Prozentpunkte auf 11,6 Prozent. Und der Auftragsbestand wuchs um 31 Prozent auf 73 Milliarden Euro – eine Zahl, die die Jahresziele des Konzerns untermauert. Düsseldorf bestätigte die Prognose für 2026: 14 bis 14,5 Milliarden Euro Umsatz bei 19 Prozent Marge. Die UBS hält an ihrem Kursziel von 2.200 Euro fest und sieht im schwachen Quartal reine Timing-Effekte. Im zweiten Quartal sollen Lkw-Abnahmen der Bundeswehr und die wieder hochlaufende Produktion im spanischen Murcia die Beschleunigung liefern.

Branchenkollege Hensoldt bestätigte den Trend mit einem Q1-Umsatz von 489 Millionen Euro, einem Plus von 23,8 Prozent. Die Aktie stieg um knapp 4,4 Prozent. Sicherheit ist derzeit das profitabelste Geschäftsmodell Europas.

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Digitale Verteidigung: CrowdStrike und Palantir setzen Maßstäbe

Was für die physische Verteidigung gilt, gilt auch für die digitale. CrowdStrike stellte am Dienstag „Falcon OverWatch for Defender“ vor – eine Lösung, die Managed Threat Hunting auf Microsoft-Kunden ausweitet. Die Kennzahl, die aufhorchen lässt: 82 Prozent der 2025 erfassten Bedrohungen kamen bereits ohne klassische Schadsoftware aus. Die neue Plattform soll das Alarmvolumen um das bis zu 500-Fache reduzieren.

Palantir lieferte die passende Bestätigung aus dem Datenanalyse-Segment. Der Q1-Umsatz stieg um 85 Prozent, der Nettogewinn vervierfachte sich. Die Prognose für den bereinigten Free Cash Flow hob der Konzern auf 4,2 bis 4,4 Milliarden US-Dollar an. Die Botschaft beider Unternehmen ist identisch: Wer Sicherheit verkauft, hat volle Auftragsbücher.

1.776 Insolvenzen: Die andere Seite der deutschen Wirtschaft

Doch die Sicherheitsbranche ist eine Insel. Darunter erodiert das Fundament. Im April stieg die Zahl der Firmeninsolvenzen in Deutschland auf 1.776 – drei Prozent mehr als im März, zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Das ist der höchste Stand seit Juni 2005. Besonders betroffen: das Hotel- und Gastgewerbe sowie das Grundstücks- und Wohnungswesen, regional vor allem Berlin und Bayern.

Ein wesentlicher Treiber sind die Arbeitskosten. Mit 45,00 Euro pro Stunde liegt Deutschland inzwischen 29 Prozent über dem EU-Durchschnitt von 34,90 Euro. Das Institut der deutschen Wirtschaft liefert dazu eine aufschlussreiche Diagnose: Das gesamte Arbeitsvolumen ist zwar auf 61,36 Milliarden Stunden gestiegen, die durchschnittliche Arbeitszeit pro Kopf sank jedoch um 14 Prozent. Die Teilzeitquote überschritt Mitte 2025 erstmals die 40-Prozent-Marke. Das IW fordert massive Investitionen in Künstliche Intelligenz, die die Produktivität um bis zu 40 Prozent steigern könnte. Die Frage ist, ob diese Investitionen schnell genug kommen – oder ob die Insolvenzstatistik schneller wächst.

Anleihen, Amazon und ein Bitcoin bei 81.000 Dollar

Am Anleihemarkt verschärft sich der Druck. Die Rendite der 30-jährigen US-Treasuries überschritt am Dienstagvormittag mit 5,01 Prozent erstmals seit Juli die 5-Prozent-Marke. Die zehnjährige Bundesanleihe hielt sich bei 3,07 Prozent. Bundesbank-Chef Joachim Nagel brachte eine mögliche Leitzinsanhebung der EZB im Juni ins Spiel, sollte der Iran-Konflikt die Inflation weiter befeuern. In Australien hat die Notenbank den Leitzins bereits zum dritten Mal in Folge angehoben – auf nun 4,35 Prozent.

Im Logistiksektor sorgte Amazon für erhebliche Unruhe. Der Konzern kündigte an, seine Lieferketten-Infrastruktur externen Unternehmen zu öffnen. UPS verlor daraufhin 10,5 Prozent, FedEx 9,1 Prozent. Die Deutsche Post gab 0,7 Prozent nach. Amazon selbst meldete einen Q1-Umsatz von 181,5 Milliarden US-Dollar, davon 37,6 Milliarden durch AWS.

Und der Bitcoin? Der notiert am Dienstagnachmittag bei rund 81.411 US-Dollar – dem höchsten Stand seit Januar. Allein am Montag flossen 532 Millionen US-Dollar in US-Spot-ETFs, im gesamten April waren es 2,44 Milliarden. Ein einzelner Trader musste eine 700-BTC-Short-Position mit fast zwei Millionen Dollar Verlust glattstellen. Der Kryptomarkt ignoriert den Zinsdruck – vorerst.

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Was jetzt zählt

Gestern stellte ich die Frage, ob Heidelberg Materials die operative Linie bestätigt, die Gea und E.ON vorgelegt haben. Morgen kommt die Antwort: Der Konzern präsentiert sein Q1-Trading-Update im Analysten-Call. Am Donnerstag folgen die vollständigen Rheinmetall-Zahlen mit weiteren Details zur Margenentwicklung.

Das Bild dieses Dienstags ist klar gezeichnet. Wer Sicherheit produziert – ob Panzer oder Firewalls –, dem laufen die Aufträge zu. Wer ein Hotel betreibt oder eine Wohnung vermietet, kämpft mit 45 Euro Stundenkosten und einer Insolvenzquote auf 20-Jahres-Hoch. Der DAX bei 24.258 Punkten bildet beide Realitäten ab. Er steigt, weil Rheinmetall 73 Milliarden Euro im Auftragsbestand hat. Er verschweigt, dass 1.776 Unternehmen im April aufgeben mussten. Beides ist Deutschland im Mai 2026.

Herzlichst,

Ihr Eduard Altmann

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