2,08 Prozent Ausfallrate — warum Bilanzqualität jetzt über Rendite entscheidet

Die Ausfallrate deutscher Unternehmen klettert 2026 auf 2,08 Prozent. Für Anleger rückt die Bilanzstärke einzelner Firmen in den Fokus.

Eduard Altmann ·
Hochtief Aktie

Kurz zusammengefasst

  • Ausfallrate erreicht Höchststand seit 2008
  • Konsumausgaben in Europa werden selektiver
  • Macy's überzeugt, PVH senkt Ausblick
  • Hochtief steigt in den DAX auf

Liebe Leserinnen und Leser,

erstmals seit der Finanzkrise dürfte die Ausfallrate deutscher Unternehmen 2026 wieder über zwei Prozent steigen. Creditreform erwartet 2,08 Prozent, nach 1,88 Prozent im Vorjahr. Gleichzeitig kaufen Europas Haushalte zwar weiter ein — aber sie sortieren härter. Und zwei große Pharmakonzerne kürzen ihre Investitionspläne in Deutschland zusammen. Die Realwirtschaft sendet an diesem Donnerstag ein klares Signal: Kaufkraft ist vorhanden, doch sie verteilt sich selektiv. Schwache Unternehmen bekommen weniger Zeit.

Für Privatanleger heißt das: 2026 belohnt keine pauschalen Konjunkturwetten. Entscheidend ist, welche Firmen Preissetzungsmacht, Cashflow und Investitionszugang mitbringen — und welche nur von allgemeiner Erholungshoffnung getragen wurden.

Europas Konsumenten priorisieren

Die Einzelhandelsumsätze der Eurozone fielen im April um 0,4 Prozent gegenüber dem Vormonat — stärker als erwartet. Kfz-Kraftstoffe gingen um 2,7 Prozent zurück, Non-Food-Umsätze um 0,9 Prozent. Lebensmittel, Getränke und Tabak dagegen legten um 0,9 Prozent zu. Das Muster ist eindeutig: Haushalte decken das Notwendige ab und werden bei zyklischen Ausgaben vorsichtiger.

Auch die deutsche Messewirtschaft bestätigt dieses Bild. 2025 war mit 304 Messen, 192.000 Ausstellern und 12,7 Millionen Besuchern noch robust. Für das erste Quartal 2026 werden jedoch 2,3 Prozent weniger Aussteller und 4,6 Prozent weniger vermietete Standfläche erwartet — bei leicht steigenden Besucherzahlen. Unternehmen wollen sich zeigen, rechnen aber genauer bei Flächen und Budgets.

Unternehmensausfälle auf dem höchsten Stand seit 2008

Die Creditreform-Studie liefert die Zahlen dazu. Besonders betroffen: junge Firmen mit 3,66 Prozent Ausfallquote, Verkehr und Logistik mit 3,58 Prozent, das Baugewerbe mit 2,37 Prozent. Der klassische Mittelstand — 500.000 bis 2 Millionen Euro Umsatz — liegt bei 2,06 Prozent. Große Unternehmen über 250 Millionen Euro Umsatz kommen auf 0,36 Prozent.

Die Konsequenz für Anleger: Zykliker bleiben investierbar, aber die Bilanzqualität wird wichtiger als die Story. Wer in mittelständisch geprägte Sektoren investiert, sollte genau hinschauen, ob der Cashflow die nächsten Quartale trägt.

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Konsum-Aktien: Macy’s liefert, PVH warnt, Spirituosen kämpfen

Dass selektive Erholung funktioniert, zeigt Macy’s. Der US-Händler meldete im ersten Quartal ein vergleichbares Umsatzwachstum von 3 Prozent, der Nettogewinn stieg um 66 Prozent auf 63 Millionen Dollar. Bloomingdale’s wuchs vergleichbar um 10,2 Prozent, Bluemercury um 6,4 Prozent. Die Jahresumsatzprognose wurde auf 21,5 bis 21,75 Milliarden Dollar angehoben. Die Telsey Advisory Group erhöhte das Kursziel von 20 auf 23 Dollar, bleibt aber bei „Market Perform“. Bessere Sortimente und ein stärkeres Premium-Segment funktionieren — auch in einem vorsichtigen Konsumumfeld.

Das Gegenbeispiel liefert PVH, der Konzern hinter Calvin Klein und Tommy Hilfiger. Der Umsatz stieg zwar um 2 Prozent auf 2,03 Milliarden Dollar, aus dem Vorjahresverlust wurde ein Nettogewinn von 88 Millionen Dollar. Dennoch senkte PVH den Umsatzausblick für 2026 auf „ungefähr flach“ — Druck in EMEA und geopolitische Belastungen bremsen. Die Aktie hatte seit Jahresbeginn stark zugelegt. Genau solche Vorschusslorbeeren werden in einem selektiven Markt schnell eingefordert.

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Bei Spirituosen dasselbe Muster. Brown-Forman meldete für das Geschäftsjahr 2026 einen Nettoumsatzrückgang um 1 Prozent auf 3,9 Milliarden Dollar, der operative Gewinn fiel um 10 Prozent auf 1,0 Milliarden Dollar, das verwässerte EPS um 17 Prozent auf 1,53 Dollar. Der freie Cashflow stieg immerhin auf 893 Millionen Dollar, 827 Millionen Dollar flossen an Aktionäre. Für 2027 erwartet das Management nur flache organische Umsätze und einen operativen Gewinnrückgang von 3 bis 5 Prozent.

Rémy Cointreau dagegen profitierte von niedrigen Erwartungen. Der Umsatz fiel 2025/26 um 5 Prozent auf 935 Millionen Euro, der Nettogewinn um 35 Prozent auf 79 Millionen Euro — aber die Ergebnisse lagen leicht über dem Konsens. Die Aktie legte zu, weil das Management für 2026/27 nachhaltiges organisches Wachstum und eine leichte Margenverbesserung in Aussicht stellt. Wer auf Erholung setzt, sollte prüfen, ob diese Guidance mehr ist als ein Hoffnungswert.

Hochtief in den DAX, Porsche SE in den MDAX — und Pharma kürzt

Gestern erwähnte ich Hochtief am Rande als DAX-Kandidaten. Jetzt steht es fest: Der Baukonzern steigt zum 22. Juni erstmals in den DAX auf und ersetzt die Porsche Automobil Holding, die in den MDAX absteigt. Hochtief profitiert von Rechenzentren, Infrastrukturprogrammen und steigenden Verteidigungsausgaben; die Aktie hat auf Jahressicht rund 300 Prozent zugelegt. Porsche SE verweist darauf, dass der Abstieg technisch getrieben sei — belastete im ersten Quartal aber mit einem Verlust von fast 1 Milliarde Euro wegen einer Abschreibung auf die VW-Beteiligung.

Indexaufnahmen schaffen Nachfrage durch Fonds, die den DAX nachbilden. Sie ersetzen keine Fundamentalanalyse. Hochtiefs eigentliche Story sind Infrastruktur und KI-nahe Bauprojekte. Porsche SE wird nicht allein wegen des Abstiegs uninvestierbar — aber die Beteiligungsstruktur und die Belastungen aus dem Autosektor bleiben die entscheidenden Variablen.

Parallel dazu ein Standortsignal aus der Pharmaindustrie: Eli Lilly halbiert die geplanten Investitionen am Standort Alzey auf rund 1,25 Milliarden Dollar. Boehringer Ingelheim stoppt geplante Ausgaben von 900 Millionen Euro in Deutschland für 2027 bis 2030. Beide nennen Sparpläne der Bundesregierung im Gesundheitswesen und höhere Kassenrabatte als Gründe — plus mehr Dynamik in den USA und Asien. Wenn zwei der größten Pharmainvestoren gleichzeitig kürzen, trifft das nicht nur einzelne Aktien, sondern auch Zulieferer, Bau und regionale Wertschöpfung.

Was jetzt zählt

Sinkende Energiepreise und einzelne starke Quartalsberichte stützen kurzfristig. Aber schwächere Konsumdaten, steigende Ausfallrisiken und vorsichtigere Investitionsentscheidungen begrenzen den Spielraum nach oben. Wer jetzt kauft, sollte weniger auf den nächsten Indexstand achten — und stärker darauf, ob ein Unternehmen auch bei gedämpfter Kaufkraft wachsen, investieren und Cashflow liefern kann. In diesem Markt gewinnt nicht die beste Story, sondern die solideste Bilanz.

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Herzlichst,

Ihr Eduard Altmann

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