2,2 Milliarden vs. minus 32,9 Prozent: Die Kluft der deutschen Bilanzsaison
Munich Re übertrifft Gewinnerwartungen deutlich, während Volkswagen und Varta mit massiven Problemen kämpfen. Die Kluft in der deutschen Wirtschaft wird sichtbar.

Kurz zusammengefasst
- Munich Re übertrifft Analystenerwartungen
- Volkswagen Gewinn bricht um 33 Prozent ein
- Varta beantragt Insolvenz in Eigenverwaltung
- US-Zölle belasten deutsche Industrie zusätzlich
Liebe Börsianerinnen und Börsianer,
ein Rückversicherer übertrifft die Erwartungen um mehr als 400 Millionen Euro, ein Autobauer verfehlt sie um über 600 Millionen – am selben Freitag zeigt die deutsche Berichtssaison ihre zwei Gesichter. Während sich die Anlegerwelt diese Woche vor allem um Tech-Bewertungen und KI-Kapex sorgt, liefert die Realwirtschaft hierzulande ein gespaltenes Bild: Munich Re übertrifft die eigenen Ziele deutlich, während Volkswagen und der Mittelstand mit harten Einschnitten kämpfen. Wer Stabilität sucht, findet sie derzeit eher in der Rückversicherung als in Halbleitern oder Autos.
Munich Re trotzt der Tech-Nervosität
Munich Re meldete für das zweite Quartal einen vorläufigen Nettogewinn von rund 2,2 Milliarden Euro – deutlich mehr als der Analystenkonsens von 1,786 Milliarden Euro. Für das erste Halbjahr steht damit ein Konzernergebnis von etwa 3,9 Milliarden Euro zu Buche, das Gewinnziel für das Gesamtjahr von 6,3 Milliarden Euro bleibt bestätigt. Die Tochter Ergo trug rund 0,3 Milliarden Euro bei. Die endgültigen Zahlen folgen am 7. August.
Der Kontrast zur übrigen Berichtssaison ist bemerkenswert: Während Tesla und Alphabet zuletzt mit deutlichen Kursverlusten auf schwache Margen beziehungsweise hohe KI-Investitionen reagierten, liefert ein Rückversicherer mit planbaren Schadenverläufen und stabilen Cashflows genau das, wonach viele Portfolios derzeit suchen – Ergebnisse, die nicht an der nächsten Kapex-Ankündigung eines Tech-Konzerns hängen.
Volkswagen: die Kehrseite der Medaille
Bei Volkswagen brach der Gewinn nach Steuern im zweiten Quartal um 32,9 Prozent auf 1,538 Milliarden Euro ein, das operative Ergebnis sank um 9,5 Prozent auf 3,469 Milliarden Euro – deutlich unter der Analystenerwartung von 4,07 Milliarden Euro. Der Umsatz legte zwar leicht auf 82,444 Milliarden Euro zu, doch die Auslieferungen fielen um 8,6 Prozent auf 2,077 Millionen Fahrzeuge. In China brach der Absatz um 33 Prozent auf nur noch 424.300 Fahrzeuge ein – der eigentliche Bruchpunkt der Bilanz.
Der Konzern kappte entsprechend seine Umsatzprognose für 2026 von zuvor 0 bis plus 3 Prozent auf nun stabil bis minus 3 Prozent, bestätigte aber die operative Marge von 4,0 bis 5,5 Prozent. Konzernchef Blume will bis Jahresende ein Sparpaket festzurren: Bis zu 50.000 Stellen weltweit stehen zusätzlich zu bereits beschlossenen Kürzungen zur Debatte, ebenso vier deutsche Werke – Emden, Zwickau, Hannover und Audi Neckarsulm –, wobei Schließungen laut Konzern als „letzte Option“ gelten. Ziel ist es, die Produktion auf jährlich 9 Millionen Fahrzeuge zu drosseln. JPMorgan beließ sein Rating trotz der verfehlten Erwartungen bei „Neutral“ mit Kursziel 110 Euro und verweist auf einen soliden freien Cashflow – die Aktie gab dennoch rund 1,5 Prozent auf 71,80 Euro nach, seit Jahresbeginn steht ein Minus von 26 Prozent zu Buche. Entscheidend für Anleger bleibt der Jahresend-Beschluss: Erst dann zeigt sich, wie ernst es Wolfsburg mit Werksschließungen meint.
US-Zölle und ifo-Daten verschärfen den Druck auf die Industrie
Seit heute verhängen die USA Abgaben von 10 bis 12,5 Prozent gegen 60 Handelspartner, darunter die EU, Japan und die Schweiz – Begründung ist der Vorwurf der Zwangsarbeit in Lieferketten. Die EU-Kommission bewertet den 10-Prozent-Satz für die Gemeinschaft als „akzeptabel“, weil Ausnahmen etwa für Kork und Diamanten bestehen – ein schwacher Trost für Branchen, die ohnehin unter Druck stehen.
Das ifo-Institut unterstrich diese Woche zusätzlich, wie fragil die Investitionsbereitschaft der deutschen Industrie bleibt: Die Dynamik in Pharma und Halbleitern reicht strukturell nicht aus, um die Schwäche in Auto und Maschinenbau auszugleichen. Immerhin gibt es Lichtblicke – gestiegene Aufträge in der Militärtechnik und Fortschritte bei der E-Mobilität. Für das eigene Depot heißt das: Wer in deutschen Industriewerten investiert ist, sollte genau prüfen, welchem der beiden Lager – strukturell schrumpfend oder strukturell wachsend – ein Titel zuzurechnen ist.
Varta: wenn Konzentrationsrisiko zur Existenzfrage wird
Wie konkret solche Strukturprobleme werden können, zeigt der Fall Varta: Der schwäbische Batteriehersteller stellte heute einen Antrag auf vorläufige Insolvenz in Eigenverwaltung. Betroffen sind die Varta AG sowie die Sparten Microbattery, Micro Production und Storage. Als Gründe nennt das Unternehmen schwache Nachfrage, Währungseffekte und den Verlust eines Ankerkunden – ein Lehrstück darüber, wie schnell Konzentrationsrisiken bei Nebenwerten existenzbedrohend werden können.
Kurz notiert
Jefferies hatte sein Kursziel für STMicroelectronics bereits Anfang Juli auf 82 Euro von 74 Euro angehoben und bestätigt das „Buy“-Rating, die Deutsche Bank sieht 70 Euro, ebenfalls „Buy“ – beide verweisen auf eine schwache Q3-Umsatzprognose und dünnere Bruttomargen. Die Aktie notiert bei 46,38 Euro und damit spürbar unter ihrem im Juni markierten 52-Wochen-Hoch von 70,80 Euro. Commerzbank-Aufsichtsratschef Weidmann zeigte sich zudem gesprächsbereit gegenüber UniCredit; die Commerzbank-Aktie legte auf 36,91 Euro zu, UniCredit notierte bei 80,18 Euro. Die EZB hatte ihre Leitzinsen bereits gestern unverändert bei 2,25, 2,40 und 2,65 Prozent belassen, und Brent-Öl rutschte im heutigen Tagesverlauf unter die Marke von 100 Dollar.
Die jüngsten Kursziel-Anpassungen bei STMicroelectronics zeigen: Der Halbleitersektor bleibt in Bewegung, doch die eigentliche Verschiebung findet gerade auf einer viel größeren Bühne statt. Innerhalb weniger Wochen haben zwei chinesische KI-Modelle das Silicon Valley aufgeschreckt und einen historischen Kurssturz bei US-Chip-Aktien ausgelöst – allein Nvidia verlor an einem Tag rund 197 Milliarden Dollar an Börsenwert. Washington kontert mit einem 100-Milliarden-Dollar-Deal zwischen Donald Trump und TSMC, um die eigene Chip-Produktion auszubauen. Genau diese Eskalation zwischen den USA und China analysiert Chip- und Tech-Experte Bernd Wünsche im Live-Webinar „TAM Chipkrieg USA vs China – Die neue NVIDIA“ am 26.07.2026 um 18:00 Uhr. Er zeigt konkret, welche Aktie er für die neue Nvidia hält, warum der aktuelle Kurssturz bei Nvidia & Co. aus seiner Sicht eine Gelegenheit für aufmerksame Anleger schafft, und wie sich die Kräfteverhältnisse in der globalen Chip-Industrie durch die neuen chinesischen KI-Modelle verschieben könnten. Wer sich für die strukturellen Gewinner und Verlierer im Halbleitersektor interessiert, findet hier eine Einordnung jenseits der üblichen Kurszielanpassungen. Jetzt zum Webinar anmelden
Unterm Strich
Der heutige Tag liefert den Blaupausen-Fall für die kommende Berichtswoche: Munich Re zeigt, dass planbare Cashflows honoriert werden, Volkswagen und Varta zeigen, wie schnell strukturelle Schwäche in China-Abhängigkeit, Zollrisiken und Konzentrationsrisiken eskaliert. Mit Mercedes-Benz, BMW, Deutscher Bank, BASF und Adidas folgen kommende Woche weitere Schwergewichte mit Zahlen, während die Fed am Mittwoch über ihren Zinskurs entscheidet. Wer die heutigen Munich-Re-Zahlen ernst nimmt, sollte bei jedem weiteren Bericht prüfen, ob er eher dem VW- oder dem Munich-Re-Muster folgt – das dürfte über weite Strecken der zweiten Jahreshälfte die entscheidende Anlagefrage bleiben. Für alle, die jetzt ins Wochenende starten: Die Zahlenflut von Mercedes-Benz bis BASF wartet ohnehin erst am Montag.
Beste Grüße,
Ihr Eduard Altmann
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