25.827 DAX-Punkte, 2,5 Milliarden Cash: Wo die Substanz wirklich steckt
Continental schüttet Milliarden aus, Merck kauft zu, SAP kämpft mit KI-Kosten. Der DAX-Rekord erfordert gezielte Aktienauswahl.

Kurz zusammengefasst
- Continental plant 2,5 Milliarden Ausschüttung
- Merck KGaA übernimmt Bio-Techne
- SAP leidet unter hohen KI-Investitionen
- E.ON profitiert vom Zinsumfeld
Liebe Leserinnen und Leser,
während die US-Börsen wegen des Feiertags pausieren, lohnt sich der Blick auf das, was in Frankfurt abseits der Indexstände passiert. Der DAX hat seine Rekordjagd bis auf 25.827 Punkte fortgesetzt. Interessanter als diese Zahl ist aber, welche Einzeltitel sie mit echtem Cashflow unterfüttern — und welche nur auf Erwartungen reiten. Fünf Firmen liefern an diesem Wochenende die Antworten: eine verkauft ein Geschäftsfeld und schüttet aus, eine kauft sich Wachstum, eine kämpft mit den Kosten der eigenen KI-Strategie, eine profitiert vom Zinsumfeld, und eine versucht, sich aus einem Rechtsstreit herauszustrukturieren.
Continental: 2,5 Milliarden Euro Ausschüttung, aber auch ein Klumpenrisiko
Continental verkauft sein Industriegeschäft ContiTech an Lone Star Funds. Der vereinbarte Unternehmenswert liegt bei 4,0 Milliarden Euro, dazu kommen bis zu 250 Millionen Euro erfolgsabhängige Zahlungen. Netto rechnet Continental mit einem Mittelzufluss von rund 3,1 Milliarden Euro — davon sollen 2,5 Milliarden Euro an die Aktionäre gehen, per Sonderdividende oder Aktienrückkauf. Der Vollzug ist bis Ende 2026 geplant, vorbehaltlich der Kartellfreigaben.
Für Anleger ist das mehr als Portfoliopflege. Nach der Abspaltung von Aumovio konzentriert sich Continental jetzt fast vollständig aufs Reifengeschäft — eine Struktur, die einfacher zu bewerten ist und Konglomeratsabschläge abbauen kann. Der Preis dafür: Wer die Aktie hält, hat kurzfristig eine konkrete Ausschüttungsfantasie, wer neu einsteigt, kauft eine Ein-Säulen-Wette auf Reifen. Auf der operativen Seite bleibt zudem ein Härtefall: Bei ContiTech sollen rund 3.000 Stellen gestrichen werden, die ab 2028 jährlich 150 Millionen Euro sparen sollen. Kapitalrückfluss und Stellenabbau sind hier zwei Seiten derselben Medaille.
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Biotech bekommt einen Preisanker – Merck zahlt 11,3 Milliarden Dollar
Der zweite stille Trend läuft im Gesundheitssektor, und er hat nichts mit einem einzelnen Quartal zu tun. Merck KGaA übernimmt den US-Lifescience-Spezialisten Bio-Techne für 11,3 Milliarden US-Dollar — mit Fokus auf Life-Science-Werkzeuge, Zell- und Gentherapie sowie Präzisionsdiagnostik. Parallel kauft Ipsen den Onkologie-Spezialisten Kartos Therapeutics, und auch GSK, AbbVie und Johnson & Johnson werden mit milliardenschweren Zukäufen gehandelt.
Für deutsche Privatanleger zählt daran vor allem eines: Der Biotech-Sektor bekommt wieder einen Bewertungsanker. Wenn Pharmakonzerne bereit sind, zweistellige Milliardenbeträge für Plattformen und Spezialtechnologien zu zahlen, stabilisiert das die Wahrnehmung einer Branche, die zuletzt vor allem von Finanzierungsengpässen und klinischen Rückschlägen geprägt war. Ein Freifahrtschein für jede Biotech-Aktie ist das nicht. Aber es zeigt: Kapitalkräftige Käufer suchen wieder gezielt dort nach Wachstum, wo ihnen Pipeline oder Technologie fehlen.
SAP: Wenn KI zum Kostenblock statt zum Renditetreiber wird
Bei SAP zeigt sich die Kehrseite der KI-Euphorie. Die Aktie gab laut wallstreetONLINE um 2,5 Prozent nach, weil Anleger die Kosten der KI-Investitionen fürchten. BÖRSE ONLINE verweist zwar auf erste Erholungszeichen im Juli nach einer längeren Abwärtsbewegung, betont aber zugleich das Kernproblem: SAP muss erheblich investieren, um die eigene Profitabilität in der KI-Transformation zu verteidigen. JPMorgan bewertet die Aktie mit „Neutral“ und einem Kursziel von 175 Euro. Die Q2-Zahlen am 23. Juli werden damit zum entscheidenden Termin.
Die eigentliche Anlegerfrage lautet nicht, ob SAP über relevante Daten und Kundenbeziehungen verfügt — das gilt unstrittig als Stärke. Sie lautet: Wie teuer wird die Verteidigung dieser Position? Wenn die Margenerwartungen des Marktes zu optimistisch sind, gerät selbst ein solides Wachstumsnarrativ unter Druck. SAP liefert damit ein Lehrstück: KI ist nicht automatisch ein Renditetreiber. Kurzfristig kann sie schlicht ein Kostenblock sein.
E.ON zeigt: Auch defensive Werte laufen im Rekordmarkt mit
Am 3. Juli stand die E.ON-Aktie bei 19,18 Euro und legte an diesem Tag um 4,38 Prozent zu. Bemerkenswert ist das im Kontext eines DAX, der binnen drei Julitagen stärker zulegte als im gesamten ersten Halbjahr: Es sind nicht nur Tech-Werte und Zykliker, die gekauft werden — auch ein Versorger kann bei passendem Chart- und Zinsumfeld Kapital anziehen.
Für Anleger heißt das: In einem Markt auf Allzeithoch lohnt nicht nur die Suche nach maximalem Wachstum. Defensive Titel mit berechenbarem Ertragsprofil werden gerade dann interessant, wenn Investoren zwischen Rekordständen, Zinshoffnungen und Bewertungsrisiken selektiver werden. E.ON liefert vor allem das Signal, dass die Marktbreite nicht ausschließlich vom KI-Thema lebt.
Bayer: Ruveon ist eine Option, keine Lösung
Bayer bleibt die Sonderstory mit dem größten juristischen Einschlag. Der Konzern gliedert sein US-Glyphosatgeschäft in eine neue Tochtergesellschaft namens Ruveon mit Sitz in St. Louis aus, bleibt aber wirtschaftlicher Eigentümer. Analysten von ODDO BHF werten das als mögliche Vorbereitung für eine spätere Abspaltung oder einen Verkauf. Zur Einordnung gehört aber auch: Johnson & Johnson scheiterte mit einer ähnlichen „Texas-Two-Step“-Taktik bei Talkum-Klagen bereits dreimal vor Gericht, und in Deutschland gilt bei Ausgliederungen eine fünfjährige Nachhaftung.
Für Bayer-Aktionäre ist das kein Befreiungsschlag, sondern ein weiterer Schritt in einem langen Entflechtungsprozess. Eine klarere Struktur kann Rechtsrisiken sichtbarer machen und strategische Optionen eröffnen — die Unsicherheit selbst beseitigt sie nicht.
Im Hintergrund bleibt zudem der deutsche Haushalt ein Belastungsfaktor, ohne die heutige Hauptrolle zu spielen: Finanzminister Klingbeil plant für 2027 Ausgaben von 555,4 Milliarden Euro bei einer Nettokreditaufnahme von 118,7 Milliarden Euro, während Investitionen in Neu- und Ausbau der Schiene steigen sollen. Für Anleger zählt daran vor allem, dass Infrastruktur- und Transformationsausgaben zwar Nachfrage schaffen, steigende Zinskosten und Kürzungen an anderer Stelle die fiskalische Flexibilität aber begrenzen.
Quintessenz
Nach dem DAX-Rekord wird Selektion zur Pflichtübung. Continental liefert konkreten Kapitalrückfluss, Merck zeigt M&A-Appetit im Gesundheitssektor, SAP muss seine KI-Kosten erklären, E.ON profitiert vom Zinsumfeld, Bayer bleibt juristisch getrieben. Wer jetzt investiert, sollte weniger auf den nächsten Indexrekord schauen — und stärker darauf, wo Cashflow, Margen und Kapitaldisziplin tatsächlich belegbar sind.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Rest des Wochenendes.
Herzlichst,
Ihr Eduard Altmann
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