300.000 Influencer, 6 Cent Marge und ein DAX, der nicht fallen will
Siemens und Nordex treiben den DAX an, während Novo Nordisk unter Druck gerät. Die Berichtssaison zeigt eine Zweiteilung zwischen klassischer Industrie und Tech-Werten.

Kurz zusammengefasst
- DAX beendet fünftägige Verlustserie
- Siemens und Nordex mit starken Kursgewinnen
- Novo Nordisk verliert an Analystengunst
- Unilever setzt auf 300.000 Influencer
Liebe Leserinnen und Leser,
am Wochenende schrieb ich, dass die eigentliche Temperaturmessung dieser Berichtssaison nicht bei den Tech-Giganten stattfindet, sondern bei den Unternehmen des täglichen Bedarfs. Der erste Handelstag der Woche liefert Belege – allerdings aus einer Richtung, die selbst mich überrascht hat.
108,50 Dollar für ein Fass Brent-Öl. Ein GfK-Konsumklima, das für den Mai auf minus 33,3 Punkte abrutscht – den tiefsten Stand seit über drei Jahren. Europas Unternehmen rechnen mit 5,8 Prozent Kostenanstieg in den kommenden zwölf Monaten. Drei Datenpunkte, die nach Abwärtsdruck klingen. Und dennoch schloss der DAX am Montagnachmittag bei 24.249 Zählern im Plus und brach damit eine fünftägige Verlustserie.
Was den Index trägt, sind weder Algorithmen noch KI-Fantasien. Es sind Windräder, Güterzüge und Medikamente.
Siemens und Nordex: Die Industrie übernimmt
Dass der DAX seine Negativserie beenden konnte, verdankt er den Schwergewichten der klassischen Industrie. Siemens setzte sich am Montag mit einem Plus von knapp 4 Prozent an die Spitze des Leitindex und erreichte den höchsten Kurs seit Mitte Februar. Bei einer Marktkapitalisierung von über 185 Milliarden Euro ist der Münchener Konzern derzeit das stabilste Fundament im DAX.
Siemens an der Spitze des DAX, Nordex auf dem höchsten Niveau seit über zwei Jahrzehnten – die klassische Industrie meldet sich eindrucksvoll zurück. Welche drei deutschen Schwergewichte aus Maschinenbau, Immobilien und Automobil Analysten jetzt ebenfalls auf dem Radar haben, zeigt dieser kostenlose Report. Jetzt die 3 deutschen Giganten kostenlos entdecken
Noch bemerkenswerter ist der Blick in die zweite Reihe. Nordex legte nach starken Quartalszahlen um bis zu 15 Prozent zu und notiert nun über 50 Euro – ein Niveau, das Anleger zuletzt im Jahr 2002 sahen. Ein rekordhoher Auftragsbestand und verbesserte Profitabilität zeigen: Das operative Geschäft der Windkraftbranche behauptet sich auch bei hohen Zinsen. Wer in den vergangenen Monaten nur auf Nvidia und Microsoft geschaut hat, hat diese Entwicklung schlicht verpasst.
Pharma sortiert sich neu
Auch im Gesundheitssektor verschiebt sich das Kräfteverhältnis. Lange galt Novo Nordisk als unangefochtener Platzhirsch im Markt für Adipositas-Medikamente. Doch das Bild dreht sich: Analysten werden bei den Dänen zunehmend skeptisch und sehen kaum noch Kurspotenzial. Der US-Rivale Eli Lilly hingegen genießt klare Kaufdominanz mit teils über 40 Prozent prognostiziertem Aufwärtspotenzial. Am Donnerstag öffnet Lilly seine Bücher – ein Termin, der zeigen wird, ob diese Erwartungen substanziert sind.
Dass selbst etablierte Blockbuster keine Bestandsgarantie bieten, spürt derweil Sanofi. Die Aktie gab in Paris über 1 Prozent nach. Das Asthma- und Ekzem-Medikament Dupixent steht mittlerweile für fast 40 Prozent des Gesamtumsatzes und erreicht eine Jahresumsatz-Rate von 17 Milliarden Euro – eine Konzentration, vor deren Risiken die UBS bereits warnt. Wenn am Mittwoch der neue CEO übernimmt, wird die Diversifizierung ganz oben auf seiner Agenda stehen müssen.
Mehr Umsatz, weniger Fracht – und eine Pizza, die keiner bestellt
Wer den Zustand der Weltwirtschaft verstehen will, sollte nicht auf Softwarelizenzen schauen, sondern auf Frachtwaggons und Lieferscheine.
Union Pacific veröffentlichte am Montag Quartalszahlen, die eine faszinierende Doppelbotschaft enthalten: Der Umsatz stieg um 3 Prozent auf 6,2 Milliarden Dollar, der Gewinn je Aktie kletterte um 9 Prozent. Gleichzeitig sank das transportierte Volumen um 1 Prozent. Die US-Eisenbahngesellschaft verdient also mehr Geld mit weniger Fracht. Das Betriebsverhältnis verbesserte sich auf 59,9 Prozent – ein Triumph der Effizienz. Aber eben auch ein Signal, dass der physische Welthandel schrumpft. Zumal die Treibstoffkosten im April auf über 4 Dollar pro Gallone gestiegen sind und die Margen im zweiten Quartal belasten dürften.
Wie stark die Inflation den Endverbraucher trifft, zeigt Domino’s Pizza: Der US-Filialumsatz wuchs im ersten Quartal um lediglich 0,9 Prozent – Analysten hatten mit dem Dreifachen gerechnet. Die Kunden kochen wieder häufiger selbst.
Die Antwort der Konsumgüterindustrie auf diese Zurückhaltung ist bemerkenswert unkonventionell. Unilever setzt massiv auf soziale Medien. CEO Fernando Fernandez kündigte vor einem Jahr an, die Zahl der Influencer drastisch zu erhöhen. Das Ergebnis: Der Konzern arbeitet inzwischen mit fast 300.000 Influencern zusammen – vor zwei Jahren waren es 10.000. Ob diese Armee aus Markenbotschaftern ausreicht, um Preiserhöhungen beim Verbraucher durchzusetzen, erfahren wir am Donnerstag, wenn Unilever Quartalszahlen vorlegt.
Sechs Cent, die der Autofahrer bezahlt
Die steigenden Kosten treffen auch hierzulande direkt. Der geopolitische Verhandlungspoker zwischen den USA und dem Iran um die Straße von Hormus treibt die Ölpreise. Doch der Schmerz an der Zapfsäule hat auch eine hausgemachte Komponente.
Die seit dem 1. April geltende „12-Uhr-Tankregel“ erweist sich als Geschenk an die Mineralölkonzerne. Eine Studie des ZEW und DICE belegt, dass die Gewinnmargen bei E10 um etwa 6 Cent pro Liter gestiegen sind. Die Preise werden zwischen Mittag und dem frühen Abend systematisch angehoben – eine Belastung, die das ohnehin schwache Konsumklima weiter drückt. Der Handelsverband Deutschland warnt bereits, dass die finanzielle Belastbarkeit der Mehrheit der Einzelhändler erreicht sei.
Die Woche der zwei Geschwindigkeiten
Ab morgen dominieren Alphabet, Microsoft, Meta, Amazon und Apple die Schlagzeilen. Gleichzeitig tagen Fed und EZB. Zinsschritte werden auf beiden Seiten des Atlantiks nicht erwartet, doch jedes Wort zur Inflationserwartung wird genau gewogen werden.
Die klassische Industrie hat am Montag vorgelegt. Siemens, Nordex, Union Pacific – sie alle zeigen, dass operative Stärke keine KI-Investitionen braucht, sondern volle Auftragsbücher und diszipliniertes Kostenmanagement. Nun liegt der Ball bei der Technologiebranche. Sie muss in dieser Woche beweisen, dass ihre gewaltigen Zukunftsinvestitionen die hohen Bewertungen der Gegenwart rechtfertigen. Die Messlatte liegt höher, als mancher denkt.
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Herzlichst,
Ihr Eduard Altmann