3,2 Billionen Dollar weniger – und Washington finanziert seinen eigenen Gegner

Die Eskalation im Persischen Golf führt zu massiven Marktverlusten und einer paradoxen US-Politik, während Stagflationsängste und Notenbankinterventionen die Finanzmärkte belasten.

Eduard Altmann ·
3,2 Billionen Dollar weniger – und Washington finanziert seinen eigenen Gegner

Kurz zusammengefasst

  • S&P 500 verliert 3,2 Billionen Dollar Marktkapitalisierung
  • USA lockern Iran-Sanktionen trotz militärischer Eskalation
  • Stagflationsrisiko durch hohe Inflation und schwaches Wachstum
  • SNB droht mit Interventionen zur Stützung des Euro-Franken-Kurses

Liebe Leserinnen und Leser,

am Freitag bat ich Sie, über das Wochenende die Nachrichtenlage aus dem Persischen Golf im Auge zu behalten. Die Hoffnung auf Deeskalation hat sich nicht erfüllt. Stattdessen liegt das weltgrößte LNG-Exportterminal Ras Laffan in Katar schwer beschädigt, die Straße von Hormus verengt sich weiter – und der S&P 500 hat in dieser Woche 3,2 Billionen Dollar an Marktkapitalisierung eingebüßt. Eine Zahl, die man zweimal lesen muss.

Was wir gerade erleben, ist mehr als ein Energiepreisschock. Es ist die schmerzhafte Rückkehr der physischen Welt in eine Finanzökonomie, die sich allzu lange für unverwundbar hielt. Pipelines, Tankerrouten, Raffinerien – sie geben den Takt vor, nicht Algorithmen.

Washingtons paradoxer Spagat

Die Reaktion aus Washington offenbart das ganze Ausmaß des Dilemmas. Während das Pentagon zusätzliche Milliarden für den Konflikt anfordert und Marines in die Region verlegt, hat das US-Finanzministerium die Sanktionen für bereits auf Schiffen geladenes iranisches Öl bis zum 19. April ausgesetzt. Rund 140 Millionen Barrel sollen so auf den Markt gespült werden, um den Preisschock abzufedern. Man finanziert den Gegner, um die eigene Inflation zu bändigen.

Brent-Rohöl trieb in dieser Woche zeitweise in Richtung der 119-Dollar-Marke. Die Stagflationsfalle, vor der ich Sie in den vergangenen Tagen wiederholt gewarnt habe, schnappt nun sichtbar zu: Das US-Wirtschaftswachstum für das vierte Quartal 2025 wurde auf magere 0,7 Prozent nach unten revidiert. Die Kerninflation klebt bei hartnäckigen 3,1 Prozent. Die Fed hält die Zinsen eisern bei 3,50 bis 3,75 Prozent – und der Markt preist mittlerweile ein, dass 2026 möglicherweise gar keine Senkung mehr kommt.

Am Immobilienmarkt zeigt sich, was das konkret bedeutet: Der durchschnittliche Zinssatz für 30-jährige US-Hypotheken stieg auf 6,22 Prozent. Ende Februar war er erstmals seit 2022 unter die 6-Prozent-Marke gefallen. Diese Erleichterung war von kurzer Dauer.

Der DAX und die Schweizer Schmerzgrenze

Europa steckt im selben Würgegriff. Der DAX verlor auf Wochensicht 4,6 Prozent – die schlechteste Woche des Jahres. Von der Hoffnung, mit der der Leitindex ins Jahr gestartet war, ist wenig geblieben.

Besonders aufschlussreich ist ein Blick in die Schweiz. Der Präsident der Schweizerischen Nationalbank schlug am Samstagvormittag ungewohnt deutlich Alarm. Gewaltige Kapitalströme fließen in den Schweizer Franken, die Marke von 0,90 im EUR/CHF-Kurs wurde offiziell zur psychologischen Schmerzgrenze erklärt. Die SNB signalisiert unmissverständlich: Massive Interventionen und sogar negative Zinsen stehen als Instrumente bereit. Wenn eine Notenbank so offen mit der Keule droht, ist die Lage ernst.

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Die Flucht in sichere Häfen – sichtbar am Franken, aber auch an den Edelmetallmärkten – ist ein typisches Muster in stagflationären Phasen mit geopolitischen Spannungen. Jörg Mahnert analysiert in seinem kostenlosen Webinar, welche konkreten Kursmuster bei Silber und Gold in solchen Marktphasen entstehen und wie Anleger diese systematisch nutzen können. Er zeigt dabei, welche Bewegungen bei Edelmetallen historisch auf Phasen wie die aktuelle gefolgt sind – und welche Positionierungen sich daraus ableiten lassen. Webinar: Der 132%-Edelmetall-Code von Jörg Mahnert ansehen

Dass UniCredit ausgerechnet in dieser Woche ihr offizielles Übernahmeangebot für die Commerzbank vorlegte, wirkt auf den ersten Blick mutig. Die Commerzbank-Aktie sprang um 8,6 Prozent. Auf den zweiten Blick ist es konsequent: Strategische Konsolidierung im zersplitterten europäischen Bankensektor wird durch Krisen nicht aufgehoben – sie wird beschleunigt.

Bitcoins Risse im Narrativ

Auch die Kryptowelt kann sich der Schwerkraft nicht entziehen. Bitcoin rutschte in den vergangenen Tagen in Richtung der 70.000-Dollar-Marke. Bemerkenswert: Selbst der Start des neuen Spot-Bitcoin-ETFs von Morgan Stanley (Ticker: MSBT) konnte den Abwärtsdruck nicht stoppen. Die Citigroup senkte ihr 12-Monats-Kursziel drastisch von 143.000 auf 112.000 Dollar.

Vergangene Woche feierte ich die historische Einstufung von 16 Krypto-Assets als „digitale Rohstoffe“ durch SEC und CFTC als strukturellen Meilenstein. Das bleibt richtig. Nur zeigt sich jetzt die unbequeme Kehrseite: Wer regulatorisch im traditionellen Finanzsystem angekommen ist, unterliegt auch dessen Gesetzen. Und wenn die Fed restriktiv bleibt und Liquidität aus den Märkten saugt, hilft kein neuer ETF.

Die unsichtbare Kostenwelle

Ein Aspekt, der in der Hektik der Schlagzeilen unterzugehen droht, verdient besondere Aufmerksamkeit. Die UBS hat in einer aktuellen Studie herausgearbeitet, wie tief der Energieschock in die industriellen Lieferketten eingreift. Eisenerzpreise reagieren zunehmend sensibel auf steigende Energiekosten. Explodierende Bunkerölpreise in der Schifffahrt, teurerer Treibstoff in den Minen – die gesamte Kostenkurve der globalen Bergbauindustrie verschiebt sich nach oben.

Für die europäische Industrie, die ohnehin unter hohen Energiekosten ächzt, bedeutet das eine zweite Welle: Nicht nur der direkte Strom- und Gaspreis steigt, sondern auch sämtliche Vorprodukte werden teurer. Eine Kostenspirale, die sich in den kommenden Quartalsberichten niederschlagen wird.

Was in der nächsten Woche zählt

Am Freitag, dem 27. März, werden die US-Kern-PCE-Daten veröffentlicht – der bevorzugte Inflationsindikator der Fed. Die Prognose liegt bei 2,7 Prozent im Jahresvergleich. Sollte dieser Wert, getrieben durch die Energiepreise, höher ausfallen, dürfte sich der Ausverkauf an den Anleihemärkten weiter beschleunigen. Und mit ihm die Hoffnungslosigkeit derer, die noch auf Zinssenkungen setzen.

Wir müssen uns an eine Risikoprämie gewöhnen, die es in dieser Form seit Jahrzehnten nicht gab. Die physische Welt hat sich zurückgemeldet – laut und unmissverständlich. Behalten Sie einen kühlen Kopf, gerade jetzt.

Ich wünsche Ihnen einen erholsamen Rest des Wochenendes.

Herzlichst,

Ihr Eduard Altmann

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