77,8 Prozent Auslastung — der Maschinenbau verliert seinen Puffer

Konsumklima stabilisiert sich auf niedrigem Niveau, während der Maschinenbau stagniert. Unternehmen mit eigenen Impulsen wie Adidas oder Merck sind gefragt.

Eduard Altmann ·
Fresenius Medical Care Aktie

Kurz zusammengefasst

  • Konsumklima steigt leicht auf minus 29,2
  • VDMA senkt Produktionsprognose auf null
  • Adidas profitiert von DFB-Trikotboom
  • Freenet: Dividende lockt, Basis schrumpft

Liebe Leserinnen und Leser,

drei Millionen DFB-Trikots, aber minus 29,2 beim Konsumklima. Diese beiden Zahlen vom Donnerstag fassen die Lage der deutschen Wirtschaft präziser zusammen als jeder Stimmungsindikator: Wo ein konkreter Anlass zum Kaufen existiert, greifen die Verbraucher zu. Wo er fehlt, bleibt das Portemonnaie geschlossen. Für Anleger verschiebt sich damit die entscheidende Frage: Nicht ob die Konjunktur anzieht, sondern welche Unternehmen eigene Impulse setzen können — und welche auf eine Erholung warten, die nicht kommt.

Konsumklima: Stabilisierung auf Tiefststand

Das NIM-Konsumklima für Juli steigt um 0,5 Punkte auf minus 29,2. Die Einkommenserwartung verbessert sich leicht auf minus 12,2 Punkte, die Anschaffungsneigung sinkt minimal auf minus 13,4 Punkte, die Sparneigung verharrt bei 13,9 Punkten. NIM-Experte Rolf Bürkl sieht trotz Friedensverhandlungen und niedrigerer Rohölpreise keinen Weg zurück auf das Vorkriegsniveau. Das ist kein Aufschwung. Das ist ein Ende des Abwärtstrends — auf einem Niveau, das für breite Konsumfantasie bei Handels- und Einzelhandelswerten nicht reicht.

Die Ausnahme bestätigt die Regel: Adidas-Chef Björn Gulden rechnet mit mehr als drei Millionen verkauften DFB-Trikots, dreimal so viele wie bei der WM in Katar. Global führen Mexiko, Argentinien und Deutschland die Trikotverkäufe an. Die Adidas-Aktie legte auf Xetra zu. Der Wermutstropfen für langfristig orientierte Anleger: Die DFB-Partnerschaft endet 2027, danach übernimmt Nike. Der Impuls ist real, aber befristet.

Freenet: 8,3 Prozent Dividende, aber erodierende Basis

UBS hat Freenet von „Sell“ auf „Neutral“ hochgestuft, Kursziel 25 Euro. Das klingt nach Entspannung, ist aber vor allem eine Neubewertung nach knapp 30 Prozent Kursrückgang seit dem Februarhoch. Die operativen Zahlen bleiben unbequem: Der durchschnittliche Monatsumsatz je Postpaid-Nutzer fiel auf 16,60 Euro, im Netzbetreibervertrag klafft eine Ergebnislücke von 50 Millionen Euro, und Waipu.tv verlor 2025 rund zehn Prozent seiner Kunden auf 1,76 Millionen. Die Dividendenrendite von 8,3 Prozent ist nur dann ein Kaufargument, wenn die operative Basis nicht weiter schrumpft. Freenet ist keine Wachstumsstory, sondern eine Wette auf Stabilisierung.

VDMA kappt Prognose: Stagnation statt Erholung

Der VDMA senkt seine reale Produktionsprognose für den deutschen Maschinen- und Anlagenbau 2026 von plus einem Prozent auf null. Die Produktion lag von Januar bis April 2,6 Prozent unter Vorjahr, die Kapazitätsauslastung im April bei 77,8 Prozent — weit entfernt vom langfristigen Mittel von über 85 Prozent. Die Bestellungen stiegen in den ersten vier Monaten zwar real um drei Prozent, doch 15 Prozent der Maschinenbauer melden Material- und Logistikprobleme im Zusammenhang mit der Straße von Hormus.

Gestern hatte ich geschrieben, dass die Ifo-Aufhellung ihr Fundament im Ölpreis hat, nicht in echten Auftragsbüchern. Die VDMA-Zahlen liefern dafür den Beleg. Passend dazu prognostiziert das Ifo-Institut für Ostdeutschland 2026 nur 0,7 Prozent Wachstum, das Baugewerbe soll um 0,8 Prozent schrumpfen, die Erwerbstätigenzahl um 0,4 Prozent sinken. Für Anleger in zyklischen Industriewerten heißt das: Steigende Auftragseingänge allein reichen nicht. Entscheidend ist, ob Unternehmen ihre Margen bei 78 Prozent Auslastung halten können.

FMC, Merck, VW: Regulierung, Übernahmen, Portfolioumbau

Fresenius Medical Care zeigt, wie schnell ein regulatorischer Eingriff Bewertungen verschiebt. Ein US-Vergütungsvorschlag für Dialysebehandlungen enttäuschte — die vorgeschlagene Erhöhung von 1,1 Prozentpunkten blieb unter den Erwartungen, zudem sollen Phosphatbinder künftig in die Gesamtvergütung einbezogen werden. Die Aktie fiel deutlich, auch Wettbewerber Davita gab vorbörslich nach. Im Gesundheitssektor entscheidet nicht die Nachfrage über die Marge, sondern der Erstattungssatz.

Parallel sortieren die Großkonzerne ihre Portfolios: VW verkauft 51 Prozent der Everllence-Anteile an Bain Capital für 7,4 Milliarden Euro. Merck KGaA kündigt die Übernahme von Bio-Techne für 9,9 Milliarden Euro an — der Angebotspreis von 73 US-Dollar je Aktie liegt 36 Prozent über dem Vergleichsniveau. Tesla plant in Grünheide 1.000 zusätzliche Mitarbeiter und will ab Oktober die Produktion auf 7.500 Fahrzeuge pro Woche hochfahren. Trotz schwacher Konjunktur werden Kapital und Kapazitäten aktiv umgeschichtet.

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Ölpreis fällt, US-Inflation bleibt — ein gespaltenes Signal

Brent notiert zuletzt wieder auf Vorkriegsniveau und entlastet Verbraucher, Transport und energieintensive Industrie. Doch die US-Inflation hält dagegen: Der PCE-Preisindex stieg im Mai um 4,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr, der Kern-PCE um 3,4 Prozent. Die Fed belässt den Leitzins bei 3,50 bis 3,75 Prozent, am Markt werden weitere Erhöhungen diskutiert. Für deutsche Anleger bedeutet das: Niedrigere Energiekosten stützen die Margen, ein restriktiver US-Zinsausblick drückt aber auf die Bewertung zinssensitiver Titel. Beides gleichzeitig — und genau das macht die aktuelle Positionierung so anspruchsvoll.

Quintessenz

Das Konsumklima stabilisiert sich, aber bei minus 29,2. Der Maschinenbau stagniert bei 77,8 Prozent Auslastung. Der Ölpreis hilft, die US-Zinsen bremsen. In diesem Umfeld gewinnen nicht die Unternehmen, die auf Konjunktur hoffen, sondern die, die eigene Treiber haben: Adidas mit dem Trikotboom, Merck mit der Bio-Techne-Übernahme, Tesla mit dem Kapazitätsausbau. Wer als Anleger auf den breiten Aufschwung wartet, wartet möglicherweise noch lange. Wer nach konkreten Sondersituationen sucht, findet sie — aber man muss genau hinsehen.

Herzlichst,

Ihr Eduard Altmann

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