ABB meldet Rekorde, doch die Börse fragt nach den Bestellern

ABB, GE Aerospace und GM melden operative Zuwächse, doch Cashflow und Ausblick belasten die Aktien; Halliburton erwartet höhere Margen.

Eduard Altmann ·
KI-generiertes Symbolbild
Symbolbild, KI-generiert

Kurz zusammengefasst

  • ABB-Aufträge steigen um 40 Prozent
  • GE hebt Jahresprognose für Gewinn an
  • Halliburton erwartet 2027 höhere Margen
  • GM kündigt Rückkauf über 20 Milliarden Dollar an

Liebe Börsianerinnen und Börsianer,

der höchste Auftragseingang in der Geschichte von ABB kostet die Aktie rund 5 Prozent. Und ABB ist an diesem Dienstag kein Einzelfall. GE Aerospace hebt die Jahresprognose an, General Motors kündigt einen Aktienrückkauf über 20 Milliarden Dollar an.

Alle drei Aktien fallen. Wer bei Industriewerten und Zyklikern nur die Schlagzeile liest, versteht die Kursreaktion nicht mehr. Entscheidend sind Marge, Cashflow und die Frage, wie lange der KI-Investitionsboom seine Zulieferer noch trägt.

ABB und Siemens: Wenn ein Plus von 40 Prozent enttäuscht

Bei ABB stimmt fast jede operative Kennzahl, und genau deshalb ist die Kursreaktion so aufschlussreich. ABB hat im dritten Quartal den Auftragseingang auf vergleichbarer Basis um 40 Prozent auf gut 12 Milliarden Dollar gesteigert, der Konsens hatte rund 32 Prozent erwartet. Der Umsatz wuchs um 14 Prozent auf 9,7 Milliarden Dollar. Die operative Ebita-Marge stieg um 1,6 Punkte auf 20,8 Prozent.

Treiber ist das Rechenzentrums-Geschäft, das rund zehn Prozent der Erlöse ausmacht und zum vierten Mal in Folge um mehr als 100 Prozent zulegte. Konzernchef Morten Wierød sieht für 2027 keine Abkühlung und hob die Jahresprognose an. Trotzdem liegt die ABB-Aktie im Verlauf rund 5 Prozent im Minus bei etwa 76 Euro, nach einem Hoch von gut 96 Euro im Juni.

Zwei Dinge erklären den Abschlag. Erstens blieb der Nettogewinn von ABB mit 1,18 Milliarden Dollar um 2 Prozent unter dem Vorjahr, Berenberg verweist auf einen verfehlten Gewinn je Aktie. AlphaValue/Baader bestätigt die Verkaufsempfehlung: Die Auftragsdynamik sei längst im Kurs. Zweitens wackelt das Fundament der Nachfrage.

Der Börsengang des südkoreanischen KI-Infrastrukturanbieters Elice Group brach am ersten Handelstag um rund 30 Prozent ein. Gartner erwartet, dass bis 2030 vier von fünf dieser sogenannten Neocloud-Anbieter den eigenständigen Betrieb aufgeben, weil sie ihre Schulden nicht decken können.

Barclays-Analyst Featherstone warnt nach Kooperationsgesprächen von Anthropic und Nscale zudem vor Margendruck bei Ausrüstern wie Siemens Energy, Siemens, ABB und Schneider Electric.

Siemens trifft das im Vorfeld der eigenen Zahlen am 12. November: Die Siemens-Aktie gibt im Verlauf rund 2,4 Prozent auf knapp 258 Euro nach. Siemens Energy notiert bei rund 130 Euro, nach einem Hoch von gut 195 Euro Ende April, und hat binnen 30 Tagen fast ein Zehntel verloren.

Für Anleger heißt das: Die Auftragsbücher sind real, aber der Markt bezahlt nicht mehr für Wachstum an sich, sondern für die Frage, ob die Besteller in zwei Jahren noch zahlungsfähig sind, und diese Antwort steht in keiner Quartalsbilanz.

Anzeige

Wer am KI-Boom teilhaben will, ohne für die ohnehin bekannten Schwergewichte jeden Preis zu zahlen, kann den Blick auf Unternehmen abseits des Rampenlichts richten. Ein Spezialreport stellt vier ausgewählte KI-Aktien vor, darunter einen Nischen-Monopolisten und einen Spezialisten für Rechenkapazität und Speicherplatz. Vier unterschätzte KI-Werte entdecken

GE Aerospace: Prognose rauf, Kurs runter

GE Aerospace liefert das Lehrstück, wie teuer eine hohe Bewertung in einer starken Berichtssaison werden kann. GE Aerospace hat im dritten Quartal bereinigt 2,25 Dollar je Aktie verdient, der Konsens lag bei rund 2,01 Dollar. Der bereinigte Umsatz stieg um 18 Prozent auf 13,3 Milliarden Dollar, der Auftragseingang um 49 Prozent auf 19 Milliarden Dollar.

Die Jahresprognose für das bereinigte Ergebnis je Aktie liegt nun bei 8,00 bis 8,10 Dollar nach zuvor 7,65 bis 7,85 Dollar. Das Geschäft trägt die Wartung: Teile und Service machen über 70 Prozent des zivilen Triebwerksumsatzes aus, der Service-Auftragsbestand übersteigt 170 Milliarden Dollar.

Die GE-Aktie verliert im Verlauf dennoch rund 4 Prozent auf etwa 298 Dollar. Dafür gibt es drei Gründe. Der freie Cashflow sank um 14 Prozent auf 2,0 Milliarden Dollar und verfehlte die Erwartung von 2,2 Milliarden.

Die angehobene Prognose impliziert für das vierte Quartal nur 1,87 bis 1,97 Dollar je Aktie, der Konsens erwartet 2,04 Dollar. Und die Auslieferung des GE9X für die Boeing 777X dürfte 2027 zusätzlich rund 300 Millionen Dollar Gewinn kosten.

Die Analysten bleiben gelassen. Jefferies bleibt bei Kaufen mit Kursziel 435 Dollar, Bernstein nennt 421 Dollar. Die Zahlen zeigen einen Konzern, dessen Service-Maschine die hohen Kerosinkosten der Airlines bislang überkompensiert; die Kursreaktion zeigt, dass Anleger bei einem KGV von rund 37 inzwischen jede Delle im Cashflow bestrafen.

Halliburton und das Öl: Der Gewinner der Hormus-Krise

Während die KI-Zulieferer an Vertrauen verlieren, gewinnt ein ganz anderer Sektor an Preissetzungsmacht. Brent handelt über 110 Dollar je Fass und damit auf dem höchsten Stand seit fünf Monaten.

Der Grund liegt in der Straße von Hormus: Nach Angaben des Analysehauses Kpler wurden binnen zwei Wochen mindestens 18 Handelsschiffe angegriffen, heute meldet die iranische Revolutionsgarde zwei Tanker nach Minentreffern in Brand.

Die wöchentlichen Ölausfuhren durch die Meerenge fielen in der vergangenen Woche auf 8,5 Millionen Barrel pro Tag, nach mehr als 20 Millionen in der Vorwoche. Terminkontrakte für 2027 erreichen laut Deutsche Bank Rekordhochs, ein Signal für anhaltend hohe Preise. Ein US-Iran-Abkommen vor den Zwischenwahlen am 3. November hält die Bank für unwahrscheinlich.

Halliburton profitiert davon mit Verzögerung. Im dritten Quartal lag der bereinigte Gewinn je Aktie bei 0,60 Dollar, knapp über dem Konsens von 0,58 Dollar, der Umsatz blieb praktisch stabil bei 5,7 Milliarden Dollar. Die eigentliche Nachricht ist der Ausblick: Für 2027 erwartet Konzernchef Jeff Miller eine operative Marge von rund 15 Prozent, etwa 200 Basispunkte über dem heutigen Niveau.

Der Hebel ist der Wiederaufbau der Energieinfrastruktur am Golf; Rystad Energy bezifferte die Reparaturkosten dort im April auf 58 Milliarden Dollar. Der Nahost-Umsatz von Halliburton stieg sequenziell um 8 Prozent, Nordamerika schrumpfte um 9 Prozent zum Vorjahr.

Jefferies sieht 47 Dollar als Kursziel, Piper Sandler 42 Dollar. Die Halliburton-Aktie notiert bei rund 33 Dollar und liegt seit Jahresbeginn 24 Prozent vorn. Wer das Öl-Thema im Depot abbilden will, findet hier einen Dienstleister, dessen Marge steigt, ohne dass die Kunden ihre Fracking-Budgets in den USA ausweiten müssen.

General Motors: 20 Milliarden Rückkauf, aber die Mitte zählt

Bei General Motors zeigt sich, dass selbst ein Rückkauf in dieser Größenordnung eine schwache Prognose nicht übertönt. General Motors hat im dritten Quartal das bereinigte Ebit um 22 Prozent auf 4,1 Milliarden Dollar gesteigert.

Bereinigt lag der Gewinn je Aktie bei 3,70 Dollar, der Umsatz bei 50 Milliarden Dollar. Die Nordamerika-Marge stieg von 6,2 auf 8,7 Prozent. Dazu kommt ein neues Rückkaufprogramm über 20 Milliarden Dollar, nach bereits 29,5 Milliarden seit 2023.

Trotzdem verliert die GM-Aktie im Verlauf rund 6 Prozent auf etwa 78 Dollar. Der Grund ist die eingeengte Jahresprognose: 12,75 bis 13,75 Dollar bereinigt je Aktie, der Mittelwert von 13,25 Dollar liegt unter dem Konsens von 13,41 Dollar. GM rechnet mit rund 2 Milliarden Dollar Kostenbelastung durch Rohstoffe, Logistik und Chips.

Ein Warnsignal liefert auch die Finanztochter: Die annualisierte Ausfallrate im Kreditportfolio stieg auf 1,6 Prozent nach 1,2 Prozent im Vorjahr. Der Rückkauf stützt den Kurs, aber die Prognose sagt, dass die Pickup-Stärke die Inflation nur noch knapp überdeckt.

Deutschland: Der Zins frisst die Dividende, das Kapital kommt trotzdem

Die Inflation kehrt nach Deutschland zurück, und sie trifft zuerst die Immobilienwerte. Die Erzeugerpreise sind im September um 6,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen, der stärkste Anstieg seit mehr als drei Jahren. Die Bundesbank erwartet die Rückkehr zu 2 Prozent Inflation erst nach 2027. Steigende Zinsen treffen damit zuerst die Immobilienwerte.

Vonovia rutschte im Verlauf auf den tiefsten Stand seit 2023 und liegt seit Jahresbeginn 33 Prozent im Minus, obwohl laut FactSet-Schätzungen eine Dividendenrendite von 7,78 Prozent für 2026 erwartet wird. Morgan Stanley stufte LEG auf Underweight ab.

Es geht auch anders. Goldman Sachs hob TAG Immobilien auf Kaufen, mit Verweis auf Rendite und geringen Leerstand im deutschen Portfolio; die TAG-Aktie gewinnt im Verlauf rund 3,7 Prozent. Eon legt zu, weil Berichte über ein Sparprogramm namens Polaris Kostendisziplin signalisieren. Eine hohe Dividendenrendite ist in diesem Umfeld kein Kaufargument, sondern ein Preisschild für Zinsrisiko.

Auf der Investitionsseite fällt das Bild freundlicher aus. Beim Investitionsgipfel in Berlin bezifferte das Wirtschaftsministerium die Investitionsprojekte für 2026 auf 228,6 Milliarden Euro, davon 95 Milliarden aus dem Ausland.

Amazon plant 2027 rund 16 Milliarden Euro in Deutschland, vor allem für AWS-Rechenzentren und 3.000 neue Logistikstellen. Sanofi startet eine Insulinproduktion in Hessen für 2 Milliarden Euro bis 2032. Gegen die ZEW-Eintrübung auf 28,1 Punkte ist das ein Gegengewicht, das sich erst 2027 in Bilanzen zeigen wird.

Anzeige

Wenn selbst Amazon Milliarden in deutsche Rechenzentren lenkt, stellt sich die Frage, welche Big-Data-Unternehmen den KI-Trend wirklich tragen. Der kostenlose Report „Megatrend KI“ porträtiert die Top 10 der Big-Data-Aktien und zeigt, wie sich gezielt in Künstliche Intelligenz investieren lässt. Report mit den Top-10-Big-Data-Werten herunterladen

Unterm Strich

Rekordaufträge allein sind an diesem Dienstag kein Kaufgrund. Bei ABB, GE und GM zählt die Qualität des Gewinns, bei Halliburton der Margenausblick und bei Eon die Kostendisziplin. Bis zu den Siemens-Zahlen am 12. November bleibt offen, ob die Finanzierung der Rechenzentrums-Nachfrage hält. Die Antwort kommt nicht aus Zürich oder München, sondern aus Seoul und aus den Bilanzen der Neocloud-Anbieter.

Beste Grüße,

Ihr Eduard Altmann

Anzeige

Stand heute, 20. Oktober: ABB – Kaufen, halten oder verkaufen?

Wer in ABB investiert ist oder einen Einstieg prüft, sollte die Lage jetzt neu bewerten. Die Gratis-Analyse vom 20. Oktober gibt die klare Antwort – und zeigt, warum Abwarten gerade jetzt riskanter sein kann, als es wirkt.

ABB: Gratis-Analyse (PDF) öffnen …

Ähnliche Artikel

DroneShield Aktie: Jefferies senkt Kursziel erneut

DroneShield Aktie: Jefferies senkt Kursziel erneut

Rüstung & Luftfahrt ·
Albemarle Aktie: Speicher-Hoffnung oder Enttäuschung?

Albemarle Aktie: Speicher-Hoffnung oder Enttäuschung?

Earnings ·
Blackstone Aktie: Energiewendefonds schließt am Limit

Blackstone Aktie: Energiewendefonds schließt am Limit

Erneuerbare Energien ·
CoreWeave Aktie: Goldman senkt Kursziel trotz Kaufurteil

CoreWeave Aktie: Goldman senkt Kursziel trotz Kaufurteil

Nasdaq ·
Benz Mining: Aktie gibt nach Icon-Rally nach

Benz Mining: Aktie gibt nach Icon-Rally nach

Gold & Edelmetalle ·