Trump-Kehrtwende erschüttert globale Handelsmärkte

Die Rücknahme von US-Zolldrohungen bringt kurzfristige Markterleichterung, beschleunigt aber Europas Abkehr von Washington und die Bildung neuer Handelsblöcke.

Kurz zusammengefasst:
  • Trump nimmt Zolldrohungen gegen Europa zurück
  • Europa schließt große Freihandelsabkommen mit Mercosur
  • Gold und Silber als sichere Häfen stark gefragt
  • Fed-Unabhängigkeit durch politischen Druck gefährdet

Die globalen Finanzmärkte zeigen sich erleichtert, nachdem US-Präsident Donald Trump seine Drohungen gegen mehrere europäische Länder zurückgenommen hat. Doch die dramatischen Ereignisse der vergangenen Tage offenbaren eine tiefgreifende Verschiebung in der weltweiten Handelslandschaft – und das erst zwölf Monate nach Trumps Rückkehr ins Weiße Haus. Während die Börsen kurzfristig aufatmen, arbeiten Europas Handelspartner bereits an einer Welt jenseits der US-Dominanz.

Greenland-Deal bringt kurzfristige Entspannung

Trump verkündete am Mittwoch überraschend eine „Rahmenvereinbarung“ mit NATO-Führung bezüglich Grönlands – und ließ seine zuvor angedrohten Zölle gegen acht europäische Länder fallen. Die angekündigten Strafmaßnahmen sollten ab dem 1. Februar greifen, falls die USA nicht die Kontrolle über das dänische Territorium erhielten. Details des Abkommens bleiben spärlich, doch laut Wall Street Journal sollen die USA ein Vorzugsrecht auf Grönlands Bodenschätze erhalten – darunter seltene Erden, die im Technologiewettbewerb mit China zentral sind.

Die Märkte reagierten positiv: US-Futures legten zu, der Dow um 0,1 Prozent, der S&P 500 um 0,3 Prozent. Gold, das zuvor auf Rekordhochs nahe 4.900 Dollar je Unze geschossen war, gab leicht nach. Doch die 11-prozentige Rallye des Edelmetalls seit Jahresbeginn zeigt: Investoren bleiben nervös. Silber stieg im gleichen Zeitraum um spektakuläre 30 Prozent.

Europa kehrt Washington den Rücken

Hinter den Kulissen in Davos ist die Stimmung eisig. EZB-Präsidentin Christine Lagarde verließ demonstrativ ein Dinner während einer Rede von US-Handelsminister Howard Lutnick. Dieser wiederum bezeichnete Dänemark als „irrelevant“ – ein diplomatischer Affront, der die zerbrochene transatlantische Allianz symbolisiert.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Deutschland exportierte in den ersten elf Monaten 2025 neun Prozent weniger in die USA als im Vorjahr. „Trump sägt am Ast, auf dem er sitzt“, kommentierte Dirk Jandura vom deutschen Exportverband BGA trocken. Tatsächlich könnte der US-Anteil am globalen Warenhandel laut Boston Consulting Group bis 2034 von zwölf auf neun Prozent schrumpfen.

Doch Europa schaut längst nach vorne. Die EU besiegelte im Januar nach 25 Jahren Verhandlungen ihr größtes Freihandelsabkommen mit dem südamerikanischen Mercosur-Block. Kanada und China reduzierten zeitgleich ihre Zölle auf Elektrofahrzeuge und Canola drastisch – ein Deal, der vor Monaten undenkbar schien.

Neue Handelsblöcke entstehen

„Wenn Sie heute mit CEOs sprechen, wollen sie Stabilität, Berechenbarkeit und Rechtsstaatlichkeit. Ich würde sagen, das ist Mangelware“, erklärte Kanadas Finanzminister François-Philippe Champagne in Davos. Die Frustration über Trumps impulsive Handelspolitik treibt eine tektonische Verschiebung voran.

BCG identifiziert vier dominante Handelsknoten für die kommende Dekade: die USA, China, BRICS+ (ohne China) und die „Plurilateralisten“ – Europa, Kanada, Mexiko, Japan und Teile Asien-Pazifiks. Der Handel zwischen den Plurilateralisten und Chinas wachsende Verflechtung mit dem Globalen Süden werden zum Treiber globalen Wachstums, während US-Handelsströme stagnieren.

Der Hafen von Long Beach dokumentiert den Wandel: 2019 stammten 70 Prozent der Fracht aus China, 2025 waren es nur noch 60 Prozent. Stattdessen wuchsen die Volumen aus Vietnam, Thailand und Malaysia. „Wir stützen uns seit Jahrzehnten auf billige Produktion aus China, billige Energie aus Russland und billige Verteidigung aus den USA“, fasste Boudewijn Siemons, Chef von Europas größtem Hafen Rotterdam, zusammen. „Alle drei Sicherheiten brechen weg – wir müssen uns sehr schnell neu aufstellen.“

Fed-Unabhängigkeit als Streitpunkt

Während Trump außenpolitisch zurückruderte, deutet sich innenpolitisch Widerstand an. Die mündlichen Verhandlungen am Obersten Gerichtshof zur Entlassung der Fed-Gouverneurin Lisa Cook ließen aufhorchen. Richter Brett Kavanaugh, von Trump selbst ernannt, warnte eindringlich: „Ihre Position würde die Unabhängigkeit der Federal Reserve schwächen, wenn nicht zerstören.“

Trump hatte Cook wegen angeblicher Hypothekenbetrugsvorwürfe entlassen – was diese als Vorwand für politisch motivierte Einmischung zurückweist. Der Präsident fordert seit Monaten aggressivere Zinssenkungen, die Fed-Chef Jerome Powell ablehnt. Gegen Powell läuft mittlerweile eine strafrechtliche Untersuchung wegen eines Renovierungsprojekts – auch dies wird als Druckmittel interpretiert.

Richterin Amy Coney Barrett fragte kritisch, wie das Gericht die Warnungen von Ökonomen bewerten solle, wonach Cooks Entlassung eine Rezession auslösen könnte. „Ich bin Richterin, keine Ökonomin“, stellte sie klar. „Aber wenn ein Risiko besteht, gebietet das nicht Vorsicht unsererseits?“

Wirtschaftsdaten im Fokus

Am Donnerstag richtet sich die Aufmerksamkeit auf den PCE-Preisindex für November, die von der Fed bevorzugte Inflationskennzahl. Analysten erwarten einen monatlichen Anstieg von 0,2 Prozent und eine Jahresrate von 2,8 Prozent – keine dramatische Veränderung, aber ein weiterer Datenpunkt für Powell, der seinen Kurs gegen Trump verteidigen muss.

Auch die Quartalszahlen von Intel dürften Beachtung finden. Der angeschlagene Chiphersteller kämpft unter CEO Lip-Bu Tan ums Überleben im KI-Geschäft. Nvidia hatte dem Konkurrenten im Dezember mit einem Fünf-Milliarden-Dollar-Aktienkauf unter die Arme gegriffen – ein Rettungsanker, der zeigt, wie angespannt die Lage ist.

Währenddessen meldete Personaldienstleister ManpowerGroup aus Davos vorsichtigen Optimismus. Nach einem „harten Jahr 2025“ stabilisiere sich der globale Arbeitsmarkt. Allerdings beobachte man verstärkt „Job Hugging“ – Arbeitnehmer klammerten sich aus Angst vor Unsicherheit an ihre Stellen, statt zu wechseln. Besonders die Autoindustrie bleibe ein „Schmerzpunkt“, während Gesundheitswesen und Verteidigungssektor boomen.

Langfristige Konsequenzen

Die Ereignisse der vergangenen Woche offenbaren eine fundamentale Wahrheit: Trumps Handelspolitik beschleunigt die Multipolarisierung der Weltwirtschaft. Während Washington mit Zöllen droht und zurückrudert, bauen andere Regionen systematisch neue Partnerschaften auf. „Wir befinden uns inmitten eines Bruchs“, formulierte es Kanadas Mark Carney in Davos.

Für Anleger bedeutet dies anhaltende Volatilität. Gold und Silber profitieren vom Vertrauensverlust in traditionelle Sicherheiten. Die Aktienmärkte schwanken zwischen kurzfristiger Erleichterung und strukturellen Zweifeln. Und die Frage, ob die Fed ihre Unabhängigkeit behaupten kann, wird zur Existenzfrage für die Stabilität der US-Finanzmärkte.

Das Akronym „TACO“ – Trump Always Chickens Out – mag diesmal gegriffen haben. Doch das Vertrauen in die Berechenbarkeit amerikanischer Politik ist beschädigt. Die Welt richtet sich auf eine Zukunft ein, in der Washington nicht mehr automatisch das Zentrum ist.

Neueste News

Alle News