Der Krieg im Nahen Osten und seine wirtschaftlichen Folgen halten die globalen Finanzmärkte in Atem. Steigende Ölpreise, neu entflammte Inflationssorgen und ein verunsicherter US-Dollar bilden ein toxisches Gemisch – während Chinas Exporteure gleichzeitig aus einem überraschenden Gerichtsurteil Kapital schlagen wollen. Die Welt steht vor einem komplexen Geflecht aus geopolitischen Risiken und wirtschaftlichen Chancen.
Ölpreisschock trifft Notenbanken in sensibler Phase
Seit dem Ausbruch des US-israelischen Krieges gegen den Iran Ende Februar sind die Ölpreise zeitweise auf über 120 US-Dollar je Barrel geschossen – den höchsten Stand seit 2022. Die Benzinpreise in den USA kletterten dabei um mehr als 18 Prozent auf 3,54 Dollar je Gallone. Trumps jüngste Drohung, den Iran hart zu treffen, sollte Teheran die Straße von Hormus für den Energietransport sperren, nährt die Befürchtung, dass ein schnelles Ende des Konflikts noch in weiter Ferne liegt. Irans Revolutionsgarden bezeichneten Trumps Aussagen über ein mögliches baldiges Kriegsende als „Unsinn“ und bekräftigten, die Blockade fortzusetzen.
Für die US-Verbraucher bedeutet das: Die Inflation dürfte weiter anziehen. Der für Mittwoch erwartete Verbraucherpreisindex für Februar wird laut Ökonomen voraussichtlich einen monatlichen Anstieg von 0,3 Prozent zeigen – nach 0,2 Prozent im Januar. Im Jahresvergleich wird ein Plus von 2,4 Prozent erwartet. „Der Februar-CPI wird zeigen, dass der Fortschritt bei der Inflationsbekämpfung erneut ins Stocken gerät“, warnt Sarah House, Volkswirtin bei Wells Fargo. Und das ist erst der Anfang: Ein andauernder Ölpreisschock dürfte Düngemittel- und Transportkosten in die Höhe treiben und damit auch die Lebensmittelpreise mitreißen.
Besonders im Fokus steht die US-Notenbank Federal Reserve. Für ihre Sitzung nächste Woche gilt eine Zinspause als gesetzt – doch die Frage ist, wie lange die Fed die Füße stillhalten kann, wenn die Energiepreise die Inflation weiter antreiben. Auch die Europäische Zentralbank, die Bank of England und die Bank of Japan treffen sich in dieser Woche und werden voraussichtlich einen vorsichtigen bis restriktiveren Kurs einschlagen.
Bank of Japan unter Druck, schneller zu handeln
Besonders heikel ist die Lage für die Bank of Japan (BoJ). Japan ist stark auf Öl aus dem Nahen Osten angewiesen – steigende Energiepreise und ein schwacher Yen, der seit Kriegsbeginn rund ein Prozent gegenüber dem Dollar verloren hat und in den vergangenen sechs Monaten mehr als sechs Prozent abgewertet hat, treiben die Importkosten in die Höhe. Eine Reuters-Umfrage unter 64 Ökonomen zeigt: Die BoJ wird die Zinsen bei ihrer Sitzung am 19. März bei 0,75 Prozent belassen, aber 60 Prozent der Befragten rechnen mit einer Anhebung auf 1,00 Prozent bis Ende Juni. „Die BoJ wird das Tempo der Zinserhöhungen kaum verlangsamen können, um eine weitere Yen-Schwäche zu verhindern“, sagt Chiyuki Takamatsu von Fukoku Mutual Life Insurance.
Für danach bleibt das Bild ungewiss. Die Medianprognosen aus der Umfrage sehen erst Anfang 2027 eine Anhebung auf 1,25 Prozent – ein Zeichen dafür, dass die Notenbank trotz Inflationsdruck behutsam vorgehen will. BoJ-Gouverneur Kazuo Ueda mahnte zuletzt vor möglichen Wachstumsschäden durch den Nahost-Krieg.
Dollar zwischen Erleichterung und Dauerrisiko
An den Devisenmärkten hinterlässt der Konflikt ebenfalls deutliche Spuren. Der US-Dollar hatte nach den US-israelischen Angriffen auf den Iran zunächst stark zugelegt, gab danach aber Teile seiner Gewinne wieder ab, als Trump ein baldiges Kriegsende andeutete. Der Euro sank zeitweise auf ein Mehr-als-Drei-Monats-Tief von 1,1505 Dollar, erholte sich jedoch leicht auf 1,1625 Dollar. Der Dollar notierte 0,1 Prozent fester gegenüber dem Yen bei 157,86.
„Wir befinden uns weiterhin in einem Markt, in dem fast alles eng mit den Entwicklungen am Ölmarkt korreliert“, sagt Michael Brown von Pepperstone. Der Australische Dollar – eine klassische Risikowährung – legte 0,8 Prozent zu, als die Risikobereitschaft der Anleger leicht stieg. Australiens Zentralbank könnte die Zinsen nächste Woche sogar erhöhen, was dem Kurs zusätzlichen Auftrieb geben dürfte.
China: Gerichtsurteil öffnet Exportfenster
Während der Nahost-Konflikt die Märkte belastet, tut sich für chinesische Exporteure überraschend eine Chance auf. Ein Urteil des US-Supreme Courts hat Trumps unbeschränkte Befugnis zur Verhängung von Strafzöllen eingeschränkt. In Kombination mit dem neuen globalen Zehn-Prozent-Basiszoll sinkt der effektive US-Zollsatz für chinesische Waren auf 22,3 Prozent – von zuvor 32,4 Prozent, wie Berechnungen von Capital Economics zeigen. „China ist der größte Gewinner des Gerichtsurteils“, konstatiert Natixis. Der Abstand zu anderen Exportnationen hat sich deutlich verringert.
Doch die Reaktionen in Chinas Exportzentren sind gespalten. Manche Unternehmen, wie der Maschinenbauunternehmer Chen Zhuo aus Shenzhen, versuchen die Gunst der Stunde zu nutzen und Lieferungen vorzuziehen. Andere, wie Ren Yanlin von einem Unternehmen für Auslandsfabrikprojekte, zögern: „Die breiteren US-chinesischen Beziehungen erzeugen enormen psychologischen Druck“, sagt Ren. Wer jetzt auf eine US-Bestellung hin produziere, riskiere, dass die Zölle bis zur Ankunft der Waren bereits wieder erhöht worden seien. Das Fenster sei real – aber fragil.
Chinas Diversifizierung bleibt strategische Priorität
Das Gerichtsurteil dürfte Chinas Abkehr vom US-Markt nicht stoppen. Im vergangenen Jahr verzeichnete China einen Rekordhandelsüberschuss von 1,2 Billionen US-Dollar, während die Exporte in die USA um 20 Prozent fielen. Gleichzeitig stiegen die Lieferungen nach Afrika um 25,8 Prozent, nach Lateinamerika um 7,4 Prozent und nach Südostasien um 13,4 Prozent. Dieser Trend werde sich fortsetzen, betont Winnie Wang vom Shenzhen Cross-Border E-Commerce Verband. Der Preisdruck bleibt ebenfalls ein Problem: Die chinesische Überkapazität sorgt dafür, dass chinesische Produzenten in neuen Märkten vor allem gegeneinander konkurrieren.
Ausblick: Stagflation oder Stabilisierung?
Die entscheidende Frage für die Märkte lautet: Wie lange dauert der Nahost-Konflikt? Ein anhaltender Ölpreisschock würde die Weltwirtschaft in eine gefährliche Stagflation – gleichzeitig hohe Inflation und schwaches Wachstum – treiben. Brasilien zum Beispiel kalkulierte sein Jahresbudget mit einem Brent-Ölpreis von 65 Dollar pro Barrel; liegt er dauerhaft über 100 Dollar, drohen Inflations- und Schuldenprobleme. China wiederum strebt trotz allem ein BIP-Wachstum von 4,5 bis 5 Prozent an und setzt dabei neben Exporten zunehmend auf Künstliche Intelligenz als Wirtschaftsmotor. Das Geflecht aus Geopolitik, Geldpolitik und Handelspolitik bleibt eng verknüpft – und die nächste Entwicklung an der Straße von Hormus kann die Karten jederzeit neu mischen.
