Die Finanzmärkte erleben turbulente Zeiten: Bitcoin rutscht auf ein Mehrmonatstief, Software-Aktien crashen und Rohstoffe brechen ein. Während Investoren angesichts explodierender AI-Investitionen und hawkisher Fed-Signale nervös werden, zeigt sich die Krise als vielschichtiges Phänomen – getrieben von Technologie-Unsicherheit, geldpolitischen Sorgen und nachlassender Risikobereitschaft.
Krypto-Kollaps: Bitcoin fällt unter 70.000 Dollar
Bitcoin durchbrach am Donnerstag die psychologisch wichtige Marke von 70.000 Dollar und fiel auf 70.052 Dollar – den tiefsten Stand seit November 2024. Mit einem Wochenverlust von über sieben Prozent und einem Jahresverlust von knapp 20 Prozent zeigt der Krypto-Markt keine Anzeichen einer Stabilisierung. Ethereum taumelt parallel bei 2.086 Dollar, gefährlich nahe der 2.000-Dollar-Schwelle, die zuletzt im Mai 2025 unterschritten wurde.
Die Ursachen sind vielschichtig: Die Nominierung von Kevin Warsh als nächster Fed-Chef löste eine Verkaufswelle aus. Investoren fürchten, dass Warsh die Bilanz der Notenbank aggressiv schrumpfen könnte – ein Todesstoß für spekulative Assets wie Kryptowährungen, die traditionell von lockerer Geldpolitik profitieren. „Der Markt fürchtet einen Falken“, bestätigt Manuel Villegas Franceschi von Julius Baer. „Eine kleinere Bilanz wird keine Rückenwind für Krypto liefern.“
Verschärfend wirken massive institutionelle Abflüsse: US-Bitcoin-ETFs verzeichneten allein im Januar Kapitalabzüge von über drei Milliarden Dollar – nach sieben Milliarden im November und zwei Milliarden im Dezember. Deutsche Bank-Analysten warnen: „Dieser stetige Verkaufsdruck signalisiert, dass traditionelle Investoren das Interesse verlieren und der Pessimismus gegenüber Krypto wächst.“
Software-Armageddon: Technologie-Sektor unter Druck
Parallel zum Krypto-Crash erlebt die Software-Branche ihr eigenes Desaster. Der S&P 500 Software and Services Index brach innerhalb einer Woche um 13 Prozent ein – ein Wertverlust von über 800 Milliarden Dollar. Prominente Opfer: Intuit, ServiceNow und Oracle. Relativ zum Gesamtmarkt verzeichnete die Branche die schlechteste Drei-Monats-Performance seit Mai 2002 – der Zeit nach dem Platzen der Dotcom-Blase.
Der Auslöser? Wachsende Ängste vor AI-Disruption. Während Microsoft enttäuschende Quartalszahlen vorlegte, schockte Google-Mutter Alphabet die Märkte mit angekündigten Investitionsausgaben von 175 bis 185 Milliarden Dollar – weit über den Erwartungen der Wall Street. Die Alphabet-Aktie schwankte nachbörslich wild und verlor zeitweise über sechs Prozent.
„Der Ausverkauf ist eine Manifestation des Erwachens über die disruptive Kraft der KI“, erklärt James St. Aubin von Ocean Park Asset Management. „Vielleicht ist das eine Überreaktion, aber die Bedrohung ist real und Bewertungen müssen das berücksichtigen.“ Investoren trennen zunehmend zwischen vermeintlichen AI-Gewinnern und -Verlierern, während neue Tools wie Anthropics Claude die Zukunft traditioneller Software-Geschäftsmodelle infrage stellen.
Bargain-Hunting oder fallendes Messer?
Trotz der dramatischen Verluste bleiben Investoren vorsichtig. Jake Seltz von Allspring Global Investments kauft „am Rand“ ServiceNow und Monday.com nach, wartet aber auf klare Katalysatoren wie starke AI-Produktumsätze, bevor er aggressiver wird. Walter Todd von Greenwood Capital sieht erste Kaufgelegenheiten bei Microsoft und ServiceNow: „Ich glaube nicht, dass dieser komplette Austausch der bestehenden Software-Infrastruktur durch AI-Lösungen realistisch ist.“
Doch andere bleiben skeptisch. Brad Conger von Hirtle, Callaghan & Co. prüft zwar SAP, Adobe und Intuit, fühlt sich aber „nicht wohl damit, dass die schlimmste Bedrohung bereits eingepreist ist“. Rene Reyna von Invesco vergleicht die Situation mit dem Deepseek-Schock: „Verkäufe können weitere Verkäufe nach sich ziehen.“
Rohstoff-Rückzug: Silber und Gold im freien Fall
Die Risiko-Aversion erfasst auch Rohstoffmärkte. Silber stürzte um fast 15 Prozent ab, während Gold, Rohöl und Kupfer jeweils rund zwei Prozent verloren. Die Entspannung geopolitischer Spannungen nach Telefonaten zwischen Trump und Xi sowie geplanten US-Iran-Gesprächen in Oman entziehen Edelmetallen und Öl die Risikoprämie.
Christopher Wong von OCBC beobachtet eine „sich selbst verstärkende Rückkopplungsschleife bei dünner Marktliquidität“. Der erstarkende Dollar – nahe einem Zweiwochenhoch – macht alle Rohstoffe für Nicht-Dollar-Käufer teurer. Gold, das kürzlich noch ein Rekordhoch von 5.594,82 Dollar je Unze erreicht hatte, und Silber mit seinem Allzeithoch von 121,64 Dollar, werden nun von hawkischen Fed-Signalen belastet.
Geldpolitik im Fokus: Zentralbanken bleiben vorsichtig
Fed-Gouverneurin Lisa Cook verschärfte die Nervosität: Sie konzentriere sich stärker auf stagnierende Inflationsfortschritte als auf Arbeitsmarktrisiken. „Ich sehe die Risiken zu höherer Inflation geneigt“, sagte Cook und signalisierte damit klar: Keine Zinssenkungen, bis Preisdruck nachlässt. Die Kerninflation liegt bei etwa drei Prozent – weit entfernt vom Zwei-Prozent-Ziel.
Parallel halten EZB und Bank of England ihre Zinsen unverändert. Die EZB betont trotz des Euro-Anstiegs gegenüber dem Dollar ihre „gute Position“, während Lagarde erwartungsgemäß wiederholen wird, dass keine Zinsbewegung unmittelbar bevorsteht. Die Eurozone zeigt sich überraschend resilient, doch JPMorgans Greg Fuzesi warnt: „Es war ein turbulenter Jahresstart in Bezug auf Geopolitik mit signifikanten Marktbewegungen.“
Breitere Rotation: Tech verliert, Value gewinnt
Die Software-Krise ist Teil einer größeren Marktrotation. Investoren schichten aus teuren Tech-Werten in Value-Aktien der Sektoren Konsum, Energie und Industrie um – Bereiche, die während des seit Oktober 2022 laufenden Bullenmarktes zurückgeblieben waren.
„Der richtige Grund, diese teuren Unternehmen zu verkaufen, ist, dass es andere Gelegenheiten in besser bewerteten Dingen mit mehr Luft nach oben gibt – nicht wegen Panik über einen Crash bei Software und Tech“, erklärt Jim Masturzo von Research Affiliates. Der Nasdaq Composite verlor in zwei Tagen 2,9 Prozent – der stärkste Rückgang seit Oktober.
Die Volatilität dürfte anhalten, solange Unsicherheit über AI-Disruption, Fed-Politik und geopolitische Risiken die Märkte im Griff hält. Ob die aktuellen Niveaus Kaufgelegenheiten oder erst der Anfang einer tieferen Korrektur sind, bleibt die zentrale Frage für nervöse Investoren.
