Liebe Leserinnen und Leser,
am Freitag schrieb ich Ihnen vom Markt der zwei Geschwindigkeiten – physische Engpässe auf der einen, digitale Euphorie auf der anderen Seite. An diesem Wochenende lässt sich bilanzieren: Die Kluft ist nicht kleiner geworden. Sie hat sich in etwas Grundsätzlicheres verwandelt. Was wir in dieser Woche erlebt haben, ist keine gewöhnliche Korrektur. Es ist die Auflösung von Gewissheiten, die noch vor wenigen Wochen als gesetzt galten – über Zinssenkungen, über die Belastbarkeit globaler Lieferketten, über den vermeintlich risikolosen Charakter von KI-Investments.
Die Puzzleteile dieser bemerkenswerten Woche verdienen es, sorgfältig zusammengesetzt zu werden.
Die Hormus-Blockade und ihre toxische Arithmetik
Die Zahlen, die Goldman Sachs in den vergangenen Tagen veröffentlichte, lesen sich wie aus einem Krisenszenario: Die Ölströme durch die Straße von Hormus sind von 19,5 Millionen auf gerade einmal 0,5 Millionen Barrel pro Tag kollabiert. Die Internationale Energieagentur spricht von der größten Versorgungsunterbrechung aller Zeiten. Selbst die historische Rekordfreigabe von 400 Millionen Barrel aus den strategischen Reserven konnte den Markt nicht beruhigen. Brent und WTI kratzen an der 100-Dollar-Marke. Seit Jahresbeginn hat der Ölpreis um 65 Prozent zugelegt.
Für die US-Wirtschaft ergibt sich daraus eine toxische Gleichung. Das Wachstum im Schlussquartal 2025 lag bei mageren 1,4 Prozent, im Februar gingen 92.000 Arbeitsplätze verloren – und gleichzeitig verharrt die Inflation bei 2,4 Prozent. Stagflation, das gefürchtetste Wort der Volkswirtschaftslehre, ist vom theoretischen Schreckgespenst zur messbaren Realität geworden.
Die Wall Street zieht Konsequenzen. Der S&P 500 schloss die dritte Verlustwoche in Folge ab und fiel auf den tiefsten Stand seit November. Der VIX schoss zeitweise auf das 88. Perzentil seines historischen Durchschnitts. Goldman Sachs rechnet nun erst im September mit einer Zinssenkung der Fed – noch im Frühjahr hieß es Juni.
Europas Frustration: Zwischen Ohnmacht und Versäumnis
Am Freitag beschrieb ich die Warnung des Verbands der Chemischen Industrie vor Engpässen bei Ammoniak, Phosphat und Schwefel. Die politische Dimension dieser Krise hat sich seither weiter verschärft. Der Verband der deutschen Reeder reagierte mit deutlichem Befremden auf das Nein der Bundesregierung zu einem Militäreinsatz zum Schutz von Handelsschiffen im Persischen Golf. Während Drohnenangriffe mittlerweile den Flugverkehr nahe dem Flughafen Dubai ins Chaos stürzen, setzt Berlin auf diplomatische Entspannung. Die Wirtschaft fordert Taten.
Parallel dazu wächst der innenpolitische Druck. Die Grünen warnten am Freitag eindringlich vor EU-Strafzahlungen in Milliardenhöhe, sollte die Bundesregierung bei der Klimabilanz nicht radikal umsteuern. Die Ziele für 2030 drohen krachend verfehlt zu werden. Für den ohnehin angeschlagenen Standort Europa ist das eine gefährliche Doppelbelastung – äußere Energiekrise und innere Reformblockade zugleich.
Ein Kurszettel erzählt diese Geschichte besonders schmerzhaft: TeamViewer ging am Freitag bei 4,65 Euro aus dem Handel. Auf Jahressicht ein Minus von über 62 Prozent. Mit einer Marktkapitalisierung unter einer Milliarde Euro und einem KGV von 5,60 wird das TecDAX-Unternehmen bewertet wie ein Sanierungsfall – nicht wie ein Technologieunternehmen mit funktionierendem Geschäftsmodell.
Adobes Lehrstück: Wenn gute Zahlen nicht mehr reichen
Der spannendste Wirtschaftskrimi dieser Woche spielte sich im Silicon Valley ab. Adobe legte Quartalszahlen vor, die auf dem Papier makellos waren: Umsatz zweistellig gestiegen auf 6,4 Milliarden Dollar, Gewinn pro Aktie über den Erwartungen, wiederkehrende Umsätze aus den neuen KI-Angeboten im Jahresvergleich verdreifacht.
Die Aktie fiel um fast 8 Prozent.
Zwei Gründe erklären dieses Paradoxon. CEO Shantanu Narayen kündigte nach 18 Jahren an der Spitze seinen Rücktritt an – ein massiver Vertrauensverlust für Investoren, die in ihm den Architekten der Cloud-Transformation sahen. Und dann holte die Vergangenheit das Unternehmen ein: Das US-Justizministerium erzwang einen 150-Millionen-Dollar-Vergleich – 75 Millionen in bar, 75 Millionen in Dienstleistungen –, weil Adobe Kunden die Kündigung von Abonnements systematisch erschwert hatte. Operative Exzellenz, pulverisiert durch Führungswechsel und regulatorische Altlasten.
Gleichzeitig dämmert der gesamten Tech-Branche eine unbequeme Wahrheit. Meta plant laut übereinstimmenden Berichten einen massiven Stellenabbau. Der Grund liegt nicht in schwachen Geschäftszahlen, sondern in der schieren Wucht der KI-Investitionen. Die Gleichung hat sich gedreht: KI ist nicht mehr primär Umsatztreiber, sondern gigantischer Kostenfresser. Irgendwer muss die Rechenzentren bezahlen – und dieser Jemand sind zunehmend die Mitarbeiter, deren Jobs wegfallen.
Das führt uns zu einer entscheidenden Frage für Anleger: Wer profitiert eigentlich von dieser KI-Kostenexplosion – und wie lässt sich das gezielt nutzen? Die Antwort liegt oft eine Ebene tiefer in der Wertschöpfungskette: bei den Halbleiterunternehmen, die jedes Rechenzentrum erst möglich machen. In einem kostenlosen Webinar werden 4 Chip-Aktien analysiert, die von diesem Megatrend strukturell profitieren könnten – unabhängig davon, welche Software-Unternehmen im KI-Wettbewerb letztlich die Oberhand gewinnen. Webinar: 4 Chip-Aktien im KI-Infrastruktur-Boom
Der unerwartete Anker: Bitcoin trotzt dem Sturm
Am Freitag berichtete ich vom Bitcoin-Ausbruch über 72.000 Dollar und den anhaltenden Zuflüssen in US-Spot-ETFs. Diese relative Stärke hat die Woche überlebt. Bitcoin hält sich stabil über der Marke von 70.000 Dollar. Die US-Spot-ETFs verzeichneten zuletzt fünf Tage in Folge Nettozuflüsse von insgesamt fast 767 Millionen Dollar, angeführt von BlackRocks iShares Bitcoin Trust.
Dass ausgerechnet Krypto in einer Phase massiver makroökonomischer Unsicherheit Stabilität zeigt, während traditionelle Small Caps wie der Russell 2000 einbrechen, bleibt eine der faszinierendsten Entwicklungen dieses Jahres. Die Entkopplung zwischen physischer und digitaler Welt, die ich in den vergangenen Tagen beschrieben habe, manifestiert sich hier in ihrer reinsten Form.
Der Lackmustest: Ottawa als Blaupause
Am kommenden Mittwoch steht der erste große Notenbank-Test in dieser neuen, ölgetriebenen Stagflations-Welt an. Die Bank of Canada entscheidet über ihren Leitzins, der aktuell bei 2,25 Prozent liegt. Die Ausgangslage könnte widersprüchlicher kaum sein: Die kanadische Wirtschaft schrumpft, die Arbeitslosigkeit steigt – klassische Argumente für Zinssenkungen. Der Ölpreisschock durch die Hormus-Blockade droht jedoch die Inflation massiv anzuheizen. Die Märkte preisen Zinssenkungen bereits aus und fürchten gar Erhöhungen.
Was in Ottawa entschieden wird, dürfte die Blaupause liefern für das, was Frankfurt und Washington in den kommenden Wochen bevorsteht. Notenbanker weltweit stecken in derselben Falle: Senken sie die Zinsen, riskieren sie eine Inflationsspirale. Halten sie still, würgen sie eine bereits schwächelnde Konjunktur ab.
Die Quintessenz
Diese Woche hat gezeigt, dass die Märkte in eine Phase eingetreten sind, in der selbst exzellente Unternehmenszahlen nicht mehr vor Kursverlusten schützen, wenn das makroökonomische Fundament bröckelt. Adobes Paradoxon steht stellvertretend für eine neue Realität: In einer Welt aus Stagflationsangst, geopolitischen Schocks und KI-Kostenexplosion reicht operative Stärke allein nicht mehr aus.
Zum Schluss eine persönliche Anmerkung abseits der Kurse: Mit Jürgen Habermas ist an diesem Samstag einer der prägendsten Denker der deutschen Nachkriegsgeschichte im Alter von 96 Jahren in Starnberg gestorben. Seine Theorie der konsensorientierten Verständigung wirkt in einer Welt blockierter Handelswege und militärischer Eskalation fast wie ein Echo aus einer anderen Epoche. Vielleicht gerade deshalb lohnt es sich, sie nicht zu vergessen.
Ich wünsche Ihnen einen ruhigen Rest des Wochenendes.
Herzlichst,
Ihr Eduard Altmann
