Airbus Aktie: 870er-Ziel erfordert 90 Maschinen pro Monat
Airbus verzeichnet hohe Bestellungen, doch die Auslieferungen hinken hinterher. Der Aktienkurs profitiert von der starken Nachfrage und den positiven Analystenprognosen.

Kurz zusammengefasst
- 204 Bruttobestellungen im Juli
- 67 Flugzeuge ausgeliefert
- Free Cashflow negativ
- Kursziel-Anhebungen von JPMorgan und UBS
Ein Flugzeughersteller mit vollen Auftragsbüchern und leeren Werkshallen – das ist die Paradoxie, in der Airbus sich derzeit bewegt. Während Fluggesellschaften und Leasinggeber weiter in großem Stil neue Jets bestellen, kommt die Produktion nur schrittweise nach. Wer verstehen will, warum die europäische Luftfahrtindustrie gerade eine ihrer spannendsten Phasen durchlebt, muss genau auf diese Kluft schauen.
Bestellungen im Überfluss, Auslieferungen im Schneckentempo
Im Juli lieferte Airbus 67 Flugzeuge aus – exakt so viele wie im Vorjahresmonat, also kein Fortschritt im Ramp-up. Gleichzeitig gingen 204 Bruttobestellungen ein. Der Leasinggeber SMBC Aviation Capital bestätigte 100 Maschinen der A320neo-Familie, Hainan Airlines orderte 40 Jets aus der A320neo- und A321neo-Reihe, China Eastern Airlines sicherte sich 25 A330-900 und flynas bestellte 20 A321neo sowie fünf A330-900. Nach sieben Monaten stehen 418 ausgelieferte Jets in der Bilanz. Um das Jahresziel von rund 870 Auslieferungen noch zu erreichen, müsste Airbus in den restlichen Monaten im Schnitt 90 Maschinen pro Monat ausliefern – deutlich mehr, als das Tempo der vergangenen sieben Monate nahelegt.
Diese Lücke zwischen Bestellungen und Lieferungen ist kein Betriebsunfall, sondern das eigentliche Thema der Aktie. Wer heute einen Airbus-Jet bestellt, bucht sich in eine Warteschlange ein, die Jahre umfassen kann. Für die Kunden ist das Ausdruck von Vertrauen in die Marke. Für das Management ist es eine permanente Bewährungsprobe.
Wachstum kostet Cash
Die Halbjahreszahlen zeigen, wie teuer dieses Wachstum ist. Der Konzernumsatz stieg im ersten Halbjahr 2026 um 12 Prozent auf 33,2 Milliarden Euro, das bereinigte EBIT lag bei 2,7 Milliarden Euro. Der Free Cashflow vor Kundenfinanzierung fiel dagegen mit minus 1,2 Milliarden Euro negativ aus – Airbus musste viel Kapital in Lagerbestände und unfertige Flugzeuge stecken, um die Fertigung überhaupt hochzufahren. Trotzdem hält der Konzern an seiner Jahresprognose fest: rund 870 Auslieferungen, ein bereinigtes EBIT von etwa 7,5 Milliarden Euro und ein Free Cashflow von rund 4,5 Milliarden Euro.
Der Markt honoriert diese Zuversicht. Am Freitag schloss die Aktie bei 214,05 Euro, ein Plus von 20,59 Prozent gegenüber dem Stand vor zwölf Monaten. Vom 52-Wochen-Hoch bei 221,25 Euro, erreicht im Januar, trennen das Papier nur noch 3,25 Prozent. Der Kurs preist also längst eine erfolgreiche Serienproduktion ein – die Realität in den Werkshallen hinkt dem Optimismus der Börse noch hinterher.
Analysten uneinig über das Tempo
Ende Juli hatte der Airbus-Vorstand ein neues Aktienrückkaufprogramm über 5 Milliarden Euro beschlossen, das über drei Jahre laufen soll, und ein EBIT-Ziel von 12 bis 13 Milliarden Euro für 2029 ausgegeben – ein Signal, dass das Management trotz der aktuellen Cash-Belastung an die eigene Wachstumsstory glaubt. JPMorgan reagierte darauf Ende Juli mit einer Anhebung des Kursziels auf 245 Euro und blieb bei „Overweight“.
Zuletzt, am Montag vergangener Woche, bekräftigte UBS ihre „Buy“-Einstufung mit einem Kursziel von 240 Euro. Andere Häuser sind vorsichtiger: Bernstein sieht die Aktie bei „Outperform“ und 240 Euro, Berenberg dagegen votiert nur mit „Hold“ und einem Kursziel von 205 Euro – deutlich unter dem aktuellen Kursniveau. Eine breitere Auswertung von rund 20 Analystenschätzungen setzte den Durchschnittskurswert zuletzt bei 224 Euro an, nach zuvor 209 Euro.
Mehr als nur Passagierjets
Airbus treibt seine Diversifizierung parallel voran: Der spanische Satellitenbetreiber Hisdesat wählte den Konzern als Hauptauftragnehmer für den Sicherheitssatelliten SpainSat NG-III, und die Hubschraubersparte übergab den ersten NH90 Standard 2 für Spezialoperationen an die französische Rüstungsbehörde DGA. Zugleich läuft eine Vibrationstestkampagne für die Frachtervariante A350F, während die US-Luftfahrtbehörde FAA für bestimmte Airbus-Hubschraubermodelle AS350 und EC130 eine Lufttüchtigkeitsanweisung erlassen hat, die ab 10. September gilt – ausgelöst durch fehlerhaft montierte Triebwerksflansche.
Bleibt die Frage, die über der gesamten Branche schwebt: Wie lange lässt sich ein Auftragsberg verwalten, der schneller wächst, als die Fabriken ihn abtragen können? Airbus hat sich für Geduld entschieden – und verlangt sie auch von seinen Anlegern.
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