Allianz auf Allzeithoch, Inflation bei 2,3 Prozent — ein Halbjahr voller falscher Favoriten

Allianz erreicht neues Allzeithoch, während die Inflation auf 2,3 Prozent sinkt. Der Markt belohnt selektive Qualität.

Eduard Altmann ·
Siemens Energy Aktie

Kurz zusammengefasst

  • Allianz markiert neues Allzeithoch
  • Inflationsrate sinkt auf 2,3 Prozent
  • BASF mit Kursziel unter aktuellem Niveau
  • Siemens Energy mit 34 Prozent Jahresplus

Liebe Leserinnen und Leser,

2,3 Prozent Inflation, ein Versicherer auf Rekordhoch, ein Chemiekonzern mit Kursziel unter dem aktuellen Kurs — der letzte Handelstag des ersten Halbjahres 2026 verdichtet, was die vergangenen sechs Monate geprägt hat: Wer auf die naheliegenden Gewinner setzte, wurde oft enttäuscht. Wer auf Qualität und Strukturwandel achtete, steht besser da als der breite Markt.

Allianz: Der Versicherer, der den DAX überholt

Die Allianz-Aktie markiert zum Halbjahresende ein neues Allzeithoch. Das ist bemerkenswert, weil der DAX selbst noch unter seiner Jahresbestmarke notiert — ein Versicherer als Outperformer, nicht Rheinmetall, nicht SAP.

Dahinter steckt mehr als Momentum. Der Konzern hat sich 2025 mit 4,3 Milliarden Euro Beitragseinnahmen erneut als Deutschlands größter Anbieter fonds- und indexgebundener Lebensversicherungen behauptet, vor Generali mit 4,1 Milliarden. Das Fondspolicen-Geschäft wuchs um 17,7 Prozent und steht inzwischen für fast jeden dritten Euro im deutschen Lebensversicherungsmarkt, der insgesamt um elf Prozent auf 29,5 Milliarden Euro zulegte. Die Branche wächst nicht mehr im klassischen Garantieprodukt, sondern in margenstarken, kapitalmarktnahen Policen — und die Allianz sitzt an der Spitze dieser Verschiebung.

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Parallel kauft der Konzern eigene Aktien zurück und prüft eine Expansion in Asien. Das Management verwaltet seinen Kapitalüberschuss offensiv. Für Anleger ist die Botschaft klar: Ein Allzeithoch am letzten Handelstag des Halbjahres ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer konsequenten Positionierung.

Inflation: 2,3 Prozent — Erleichterung mit Verfallsdatum

Das Statistische Bundesamt meldete am Dienstag vorläufige Zahlen für Juni: Die deutsche Inflationsrate sank auf 2,3 Prozent, nach 2,6 Prozent im Mai und 2,9 Prozent im April. Ökonomen hatten mit einem unveränderten Wert gerechnet. Die Überraschung kommt fast ausschließlich von der Energieseite — Energiepreise stiegen nur noch um 3,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr, nach 6,6 Prozent im Mai. Berenberg-Ökonom Felix Schmidt beziffert den Dämpfungseffekt durch den Tankrabatt und fallende Ölpreise infolge der Iran-Entspannung auf rund 0,25 Prozentpunkte. Die Spritpreise fielen von Mai auf Juni um sechs bis neun Prozent.

Doch wer jetzt Entwarnung gibt, liest die Zahlen selektiv. Die Kerninflation verharrt bei 2,5 Prozent, Dienstleistungen kosten 3,1 Prozent mehr als vor einem Jahr. Der unterliegende Preisdruck ist nicht verschwunden — er wird nur von der Energiekomponente überdeckt. Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer erwartet bereits für Juli einen Wiederanstieg, sobald der Tankrabatt ausläuft. Der Sachverständigenrat prognostiziert für das Gesamtjahr 2026 eine Inflationsrate von 3,0 Prozent. Die EZB hat den Leitzins im Juni von 2,0 auf 2,25 Prozent angehoben — die erste Erhöhung seit drei Jahren. Weitere Schritte sind nicht zwingend, aber auch nicht vom Tisch.

BASF: Die Bewertungsfalle

Wer nach Halbjahres-Nachzüglern sucht, stößt schnell auf BASF. Die Aktie notiert bei rund 46,80 Euro, die Drei-Monats-Performance liegt bei minus 11,5 Prozent. Jefferies stuft den Chemiekonzern auf „Hold“ mit einem Kursziel von 44 Euro — sechs Prozent unter dem aktuellen Kurs. Die Dividendenrendite von gut vier Prozent klingt auf dem Papier attraktiv.

Doch günstig ist nicht gleich unterbewertet. BASF gehört laut einer Analyse von Agentic Finance, die im Mai und Juni 40 DAX- und MDAX-Konzerne durchleuchtete, zu den Unternehmen mit dem höchsten Firmenwert über dem Eigenkapital — ein Warnsignal für bilanzkritische Investoren. Der Konzern berichtet zwar transparenter als viele Wettbewerber. Aber Transparenz allein ersetzt keinen Wachstumsimpuls. Die günstige Bewertung spiegelt eine Industrie, die unter Energiekosten, schwacher Nachfrage und strukturellem Wandel leidet. Ein Einstieg bräuchte einen konkreten Auslöser — und den liefert BASF derzeit nicht.

Siemens Energy: 34 Prozent Jahresplus, Analysten sehen mehr

Ganz anders die Lage bei Siemens Energy. Die Aktie legte am Dienstag rund fünf Prozent auf gut 165 Euro zu und war damit klarer DAX-Tagesgewinner. Treiber sind erneuerter Optimismus rund um den Energiebedarf von KI-Rechenzentren und die Erwartung starker Quartalszahlen Anfang August.

Deutsche Bank Research belässt die Aktie auf „Buy“ mit Kursziel 200 Euro — gut 21 Prozent über dem aktuellen Niveau. Jefferies geht mit einem Ziel von 215 Euro noch weiter, ein Plus von rund 30 Prozent. Analyst Gael de-Bray von der Deutschen Bank sieht keine Anzeichen für nachlassende Gasturbinen-Nachfrage und erwartet organisches Umsatzwachstum sowie Margen am oberen Ende der Unternehmensziele. Metzler und Citigroup rechnen mit positiven Überraschungen bei Gas- und Dampfturbinen, Stromübertragung und Energiespeicherung.

Bemerkenswert: Die Aktie hat sich nach einem Rückgang von fast 21 Prozent vom April-Rekordhoch vollständig erholt. Wer den Einbruch als Einstiegsgelegenheit nutzte, liegt bereits im Plus. Die Jahresperformance beträgt rund 34 Prozent.

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Quintessenz

Das erste Halbjahr 2026 endet mit einer klaren Lektion: Selektivität schlägt Breite. Ein Versicherer auf Allzeithoch, ein Energietechnik-Konzern mit 34 Prozent Jahresplus, ein Chemiegigant mit Kursziel unter Kurs — der Markt differenziert härter als in den Jahren zuvor. Die Inflationszahlen vom Dienstag verschaffen eine Atempause, aber keine Entwarnung. Der Tankrabatt läuft im Juli aus, die EZB hat ihren Zinserhöhungszyklus gerade erst begonnen, und der deutsche Arbeitsmarkt verliert monatlich rund 15.000 Industriearbeitsplätze. Das DIW erwartet spürbaren Konjunkturschwung erst zum Jahresende.

Für das zweite Halbjahr gilt deshalb, was schon das erste bestimmt hat: Qualitätsunternehmen mit strukturellem Rückenwind — ob im Fondspolicen-Geschäft oder im Energiewendebereich — dürften weiterhin besser abschneiden als der breite Index. Die nächste Inflationsüberraschung könnte allerdings in die andere Richtung gehen.

Herzlichst,

Ihr Eduard Altmann

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