Liebe Leserinnen und Leser,
lebt die Börse in einem Paralleluniversum? Wenn man an diesem ersten Handelstag des Jahres 2026 auf die Kurstafeln blickt, drängt sich der Verdacht förmlich auf. Während die Realwirtschaft noch den Kater der Feiertage ausschläft, feiern die Finanzplätze eine Party der Superlative.
Der britische FTSE 100 hat heute Geschichte geschrieben und erstmals die magische Schallmauer von 10.000 Punkten durchbrochen. Auch in Frankfurt herrschte Goldgräberstimmung: Der DAX tastete sich mit 24.677 Punkten bis auf Tuchfühlung an sein Allzeithoch heran, während der EuroStoxx 50 mit über 5.800 Zählern eine neue historische Bestmarke setzte.
Doch wer den Blick vom glänzenden Parkett hebt und die Tür zu den Werkshallen öffnet, sieht ein gänzlich anderes Bild. Die Schere zwischen Finanzmarkt und industrieller Basis klafft an diesem Freitag so weit auseinander wie selten zuvor.
Lassen Sie uns diesen Widerspruch und die historische Zäsur beim einstigen E-Auto-Primus genauer betrachten.
Champagnerlaune trifft Realitäts-Schock
Es ist ein Jahresauftakt nach Maß für das Depot, aber ein Warnschuss für die Konjunktur. Der DAX verabschiedete sich mit einem soliden Plus von rund 0,3 bis 0,4 Prozent bei gut 24.560 Punkten ins Wochenende. Besonders die zweite Reihe zeigte Muskeln: Der MDax legte fast ein Prozent zu. Analysten wie Frank Sohlleder von ActivTrades verorten hier die Vorboten einer großen Kapitalrotation: Das Geld flieht aus den ambitioniert bewerteten USA ins vermeintlich „günstige“ Europa.
Doch diese Wette auf den alten Kontinent erfordert starke Nerven. Denn die harten Fakten, die heute auf den Tisch kamen, sprechen eine ernüchternde Sprache. Der Einkaufsmanagerindex (PMI) für die Industrie der Eurozone fiel im Dezember auf 48,8 Punkte – der tiefste Stand seit neun Monaten. Wir erinnern uns: Werte unter 50 bedeuten Schrumpfung. Während die Börsianer Kaufaufträge schreiben, fahren die Einkaufsmanager die Produktion zurück.
Besonders paradox mutet dabei die Reaktion der Stahlwerte an: Salzgitter (+7,6 %) und Thyssenkrupp (+3,7 %) gehörten heute zu den Gewinnern. Hier scheint die Hoffnung auf eine zyklische Bodenbildung oder staatliche Impulse die trübe Gegenwart komplett zu überstrahlen.
Der König ist tot, lang lebe der König
Lange hat es sich abgezeichnet, heute ist es amtlich: Die Ära der unangefochtenen Dominanz von Tesla ist vorüber. Die Zahlen, die der US-Konzern heute vorlegte, markieren eine Zäsur in der Automobilgeschichte.
Im vierten Quartal 2025 brachen die Auslieferungen von Tesla um satte 16 Prozent auf gut 418.000 Fahrzeuge ein. Auf das Gesamtjahr gesehen steht ein Minus von 8,5 Prozent in den Büchern – das zweite Jahr in Folge mit rückläufigen Verkaufszahlen. Derweil zieht die chinesische Konkurrenz gnadenlos vorbei: BYD hat 2025 über 2,26 Millionen reine Elektroautos verkauft und Tesla (1,64 Millionen) damit deutlich auf den zweiten Platz verwiesen.
Das Erstaunliche daran? Die Tesla-Aktie reagierte heute im US-Handel sogar leicht positiv (+1,4 %). Der Markt hatte das Desaster offenbar bereits eingepreist oder klammert sich nun, ähnlich wie Elon Musk, an die Hoffnung auf Robotaxis und KI, statt auf den reinen Autoverkauf zu schauen. Dennoch: Der symbolische Verlust der Krone an China ist ein Weckruf für die gesamte westliche Autoindustrie.
Krypto: Institutionelle Zurückhaltung
Während Aktienrekorde fallen, sucht der Krypto-Markt nach Richtung. Bitcoin schafft es zum Jahresstart nicht, die psychologisch wichtige Marke von 90.000 US-Dollar nachhaltig zu überwinden und pendelt um die 89.000 Dollar.
Der Grund für die Bremspuren liegt im institutionellen Sektor: Die US-Spot-ETFs verzeichneten in den letzten zwei Monaten des Jahres 2025 massive Abflüsse von über 4,5 Milliarden Dollar. Das „Smart Money“ agiert hier also deutlich vorsichtiger als die Privatanleger. Einen Lichtblick liefern jedoch die On-Chain-Daten: Die Börsenreserven an Bitcoin sind auf ein Mehrjahrestief gefallen. Das Angebot verknappt sich, da viele Anleger ihre Coins lieber „hodln“ als verkaufen.
Asiens KI-Hunger bleibt ungestillt
Ein Blick nach Fernost zeigt, wo die Fantasie der Anleger ungebrochen ist: Künstliche Intelligenz. Baidus Chip-Sparte Kunlunxin hat den Börsengang in Hongkong beantragt, was die Baidu-Aktie vorbörslich um fast 10 Prozent nach oben katapultierte. Auch Taiwan Semiconductor (TSM) startete stark ins neue Jahr. Der KI-Boom, der das Jahr 2025 prägte, scheint auch 2026 der Treibstoff der Wahl zu bleiben – ungeachtet der Zinssorgen.
Die jüngsten Entwicklungen im Halbleiter-Sektor eröffnen bemerkenswerte Chancen für Anleger. Bernd Wünsche analysiert in seinem Webinar „Der Eine-Billion-Dollar-Chip“, welche vier Chip-Aktien von der KI-Revolution profitieren könnten – darunter auch weniger bekannte Unternehmen jenseits der üblichen Verdächtigen. Er zeigt konkret, warum Mikrochips das „neue Öl“ der digitalen Wirtschaft sind und welche Investments jetzt aussichtsreich erscheinen. Kostenlose Chip-Aktien-Analyse ansehen
Das Fazit
Wir starten in ein Jahr der Extreme. Auf der einen Seite sehen wir Indizes auf Rekordjagd und Tech-Giganten, die neue Märkte erschließen. Auf der anderen Seite steht eine europäische Industrie, die (noch) im Rückwärtsgang ist, und ein ehemaliger E-Auto-Pionier, der nun den Rücklichtern der chinesischen Konkurrenz hinterherschaut.
Für die kommende Woche wird entscheidend sein, ob die US-Arbeitsmarktdaten die Hoffnung auf weitere Zinssenkungen nähren – oder ob die „Bad News“ aus der Wirtschaft irgendwann auch für die Börse wieder zu „Bad News“ werden.
Ich wünsche Ihnen ein erholsames erstes Wochenende des Jahres.
Herzlichst,
Ihr
Eduard Altmann