Ölschock trifft Weltmärkte

Ein militärischer Konflikt um die Straße von Hormus hat die Ölpreise um über 70 Prozent steigen lassen und die Angst vor Stagflation sowie drastischen Zinsänderungen weltweit geschürt.

Kurz zusammengefasst:
  • Ölpreis erreicht kurzzeitig 120 Dollar je Barrel
  • Staatsanleihen unter massivem Verkaufsdruck
  • EZB-Zinssenkungen werden nicht mehr erwartet
  • Aktienmärkte weltweit verlieren deutlich an Wert

Der Krieg zwischen den USA und Israel gegen den Iran hat die globalen Finanzmärkte in eine ihrer schwersten Bewährungsproben seit Jahren gestürzt. Ölpreise, die innerhalb weniger Tage um 70 Prozent explodierten und kurzzeitig die Marke von 120 Dollar pro Barrel berührten, wecken Erinnerungen an die Energiekrisen der 1970er Jahre – und die Angst vor Stagflation kehrt zurück.

Der Ölpreis als Zündfunke

Auslöser der Marktturbulenzen ist die faktische Schließung der Straße von Hormus, durch die normalerweise rund ein Fünftel der weltweiten Öl- und Flüssiggaslieferungen fließt. Der Konflikt befindet sich seit zehn Tagen in vollem Gange, und ein Ende ist noch nicht in Sicht – auch wenn US-Präsident Donald Trump bei einer Pressekonferenz in seinem Doral-Golfresort ankündigte, der Krieg werde „sehr bald“ enden. Auf die Nachfrage, ob die Feindseligkeiten noch diese Woche aufhören, antwortete er mit einem klaren Nein.

Brent-Rohöl stieg am Montag zwischenzeitlich auf fast 120 Dollar je Barrel – den höchsten Stand seit Juli 2022 – und notierte zuletzt noch rund 4,7 Prozent im Plus bei etwa 97 Dollar. Der US-Erdölpreis hatte am 27. Februar noch bei 67 Dollar gelegen. Dieser Preisanstieg von über 50 Prozent innerhalb weniger Tage gilt laut Deutsche Bank als einer der schwersten Ölpreisschocks der Geschichte.

Russlands Präsident Wladimir Putin verschärfte die Nervosität an den Märkten zusätzlich. Er warnte, die von der Straße von Hormus abhängige Ölproduktion könnte innerhalb eines Monats vollständig zum Erliegen kommen, da Lagerstätten in der Region sich mit Öl füllten, das kaum noch transportierbar sei. Putin nutzte die Gelegenheit zugleich, um Europa ein Comeback als russischer Energieabnehmer anzubieten – ein Angebot, das die westlichen Partner nach Jahren der Sanktionspolitik vor heikle Fragen stellt.

Anleihen unter Druck, Stagflation als Schreckgespenst

Die Folgen für die Anleihemärkte sind dramatisch. Weltweite Staatsanleihen gerieten unter massiven Verkaufsdruck, da steigende Inflation die realen Renditen festverzinslicher Wertpapiere aushöhlt. Besonders hart traf es Großbritannien: Die zweijährigen Gilts verzeichneten einen Renditeanstieg von fast 50 Basispunkten in einer Woche – die schlimmste Verkaufswelle seit der Haushaltskrise 2022. Zehnjährige britische Anleihen erreichten ihren höchsten Stand seit September des Vorjahres.

Auch in der Eurozone haben sich die Erwartungen dramatisch verschoben. Noch im Februar lag die Wahrscheinlichkeit einer EZB-Zinssenkung bei 40 Prozent. Heute preisen die Märkte mindestens eine Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank bis Jahresende ein. Für die Bank of England werden die Zinsen nun unverändert erwartet, nachdem zuvor noch mindestens zwei Senkungen als sicher galten.

„Das Risiko eines Szenarios wie in den 1970ern steigt“, sagte Kaspar Hense, Portfoliomanager bei RBC BlueBay Asset Management. Schon damals hatten Energiepreisschocks Inflation und Rezession gleichzeitig ausgelöst – eine Kombination, die Zentralbanken in einen Zwickmühle treibt: Erhöhen sie die Zinsen, um die Inflation zu bremsen, würgen sie gleichzeitig das Wachstum ab. „Mit steigender Inflation und fallendem Wachstum dürfte die EZB eher abwarten“, ergänzte Hense.

Aktienmarkt zwischen Korrekturgefahr und Hoffnung

Die Aktienmärkte stehen unter erheblichem Druck. Der S&P 500 liegt gut 4 Prozent unter seinem Allzeithoch vom Januar, der europäische Markt verlor in der vergangenen Woche 5,5 Prozent, der MSCI Asia Pacific ex Japan sogar 6,3 Prozent. Der Cboe Volatilitätsindex, der sogenannte Angstbarometer der Wall Street, überstieg am Montag erstmals seit fast einem Jahr die Marke von 30.

Analysten von Yardeni Research, die noch vergangene Woche lediglich eine Korrektur von 10 Prozent erwartet hatten, schließen inzwischen auch einen Bärenmarkt oder eine Rezession nicht mehr aus. Für Wirtschaft und Konsumenten ist die Lage bereits spürbar: Der durchschnittliche US-Benzinpreis stieg auf 3,478 Dollar je Gallone – der höchste Stand seit dem Sommer 2024. Laut JPMorgan-Ökonomen kostet jeder Anstieg des Ölpreises um zehn Prozent die globale Wirtschaftsleistung zwischen 0,1 und 0,2 Prozent – wobei die Auswirkungen bei besonders starken Preissprüngen überproportional ausfallen können.

Besonders leiden die Fluggesellschaften, bei denen Kerosin 20 bis 25 Prozent der Betriebskosten ausmacht. Der S&P-1500-Airline-Index ist seit Beginn des Konflikts um 15 Prozent eingebrochen. Einziger Lichtblick ist der Energiesektor selbst: Die S&P-500-Energieunternehmen legten seit Ende Februar rund 1 Prozent zu.

Dennoch bleiben manche Anleger optimistisch. „Wir sind nur eine Waffenstillstandsmeldung davon entfernt, dass sich all das sehr aggressiv umkehrt“, sagte Kevin Gordon von Charles Schwab. Raymond James hält an einem Jahresendziel für US-Rohöl von 55 bis 60 Dollar fest – und verweist auf Trumps bekannte Bereitschaft, bei marktbelastenden Politikentscheidungen kurzfristig den Kurs zu wechseln.

Fed zwischen Druck und Unabhängigkeit

Zusätzlich zur Energiekrise kämpft die US-Notenbank mit politischen Turbulenzen. Aus dem Kalender von Fed-Chef Jerome Powell geht hervor, dass er in der Woche nach Bekanntwerden einer Untersuchung des Justizministeriums gegen seine Person 13 Telefonate mit Parlamentariern führte. Die DOJ hatte Powell vorgeworfen, den Kongress in seiner Aussage in die Irre geführt zu haben – was Powell als „Vorwand“ für Druck der Trump-Regierung bezeichnete, die Zinsen zu senken.

Mehrere Senatoren, darunter Lisa Murkowski und John Kennedy, stellten sich öffentlich hinter Powell. Senator Thom Tillis kündigte an, jeden Fed-Nominierten zu blockieren, solange die DOJ-Untersuchung läuft – was die für den 15. Mai geplante Nachfolge durch Kevin Warsh de facto verzögert. Die Märkte preisen angesichts des Ölschocks inzwischen nur noch einen einzigen Zinsschritt der Fed nach unten in diesem Jahr ein – oder gar keinen bis 2027.

Ausblick: Wie lange hält der Schock an?

Die entscheidende Frage für alle Märkte lautet: Wie lange bleiben die Ölpreise auf diesem Niveau? Trump signalisierte, bestimmte Ölsanktionen vorübergehend auszusetzen, um die Versorgung zu stabilisieren. Die G7-Finanzminister erklärten sich bereit, „notwendige Maßnahmen“ zu ergreifen – verzichteten jedoch auf eine konkrete Zusage zur Freigabe strategischer Reserven.

Kapital Economics schätzt, dass ein Ölpreisanstieg von fünf Prozent die Inflation in entwickelten Volkswirtschaften um rund 0,1 Prozentpunkte erhöht. Bei einem Preisanstieg von 70 Prozent seit Jahresbeginn sind die Folgen für Wachstum und Preisstabilität noch kaum vollständig abzuschätzen. Das Schreckgespenst der Stagflation ist zurück – und mit ihm die bange Frage, ob die Welt diesmal die richtigen Antworten findet.

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