Corona und seine stillen Folgen



07:50 06.05.21

Europa hat unter Covid-19 sehr zu leiden. Auch für viele Afrikaner geht es ums pure Überleben. In Südafrika spürt man die ambivalente deutsche Politik.

Mo stammt aus Malawi und steht seit Jahren jeden Tag an der kleinen Parkbucht über der malerischen Bucht von Landadno zwischen Kapstadt und dem Städtchen Hout Bay. Das Jahr 2021 ist für ihn ein Kampf ums nackte Überleben und daran ist die Bundesregierung nicht ganz unschuldig. Doch der Reihe nach.

Südafrika ist 2021 in Deutschland primär als Covid-19-Mutationsgebiet bekannt. Schon früh gab es dieses schlechte Label und vor Reisen ans Kap wurde mit Nachdruck gewarnt. Schreckliche Prognosen zur Entwicklung in Südafrika machten die Runde und wurden von sogenannten Experten befeuert. Nicht ganz dazu passen wollten die Daten, die Südafrika seit Januar meldete. Eine ausgesprochen geringe Inzidenz und eine geringe Auslastung der Krankenhäuser, so meldete es die Regierung in Pretoria.

Bei einer mehrwöchigen Reise zwischen Kapstadt und Port Elisabeth wird deutlich, welchen Weg Südafrika gegangen ist. 2020 erließ man einen harten, kompromisslosen Lockdown. Ausgangssperren, Kontaktbeschränkungen und Schließungen von Stränden bis Restaurants waren die Folge. Damit gelang es, die Zahlen massiv zu senken, gleichzeitig aber vor allem die Krankenhäuser zu entlasten. Anders als in Deutschland gab es in Südafrika eine feste Anzahl an Intensivbetten, anhand deren man sich orientieren konnte. Dazu machten sich einige schlaue Experten Gedanken, womit die Stationen in der Regel besonders belastet sind – mit Einlieferungen nach Konflikten oder Missbrauch durch Alkohol. Also unterband man vor allem den Verkauf alkoholischer Getränke.

Nach dem ersten Lockdown setzte die Regierung in Südafrika dann nicht auf Repressionen und unverständliche Maßnahmen, sondern auf die Kooperation der Bevölkerung. Was das bedeutet, sieht man in den Straßen von Kapstadt jeden Tag. Das Leben läuft nahezu normal, Restaurants, Bar und selbst Discotheken sind geöffnet. Jeder Südafrikaner, ob schwarz oder weiß, ob arm oder vermögend, hält sich an die Bitte, Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Die Stimmung ist dabei gelassen, kaum jemand beklagt Missmanagement der Regierung. Im Gegenteil – trotz aller Korruption, trotz aller Härte, die der erste Lockdown mit sich brachte, zieht die Bevölkerung voll mit. Die Webseite des Gesundheitsministeriums in Südafrika warnt vor Covid-19, mahnt zu Einhaltung der Grundregeln und betont zugleich, nicht in Panik zu verfallen. An Geldautomaten fordert die betreibende Bank freundlich auf, während der Wartezeit kurz die Covid-Grundregeln noch einmal zu verinnerlichen ohne die Kunden dabei von oben herab anzusprechen.



Allseits beklagt wird jedoch die Brandmarkung als Mutations- und angebliches Risikogebiet. Selbst die Prognose eines deutschen Top-Virologen, dass die Menschen in Afrika „in den Straßen sterben“ würden infolge von Corona hat sich am Kap rumgesprochen. Wobei schon die Pauschalierung Afrikas mehr als fragwürdig ist bei einem Kontinent von Marokko bis Madagaskar. Denn die Prognosen und deren unmittelbaren Folgen sind die negativen Seiten der Medaille. Ähnlich wie Deutschland hat auch Großbritannien und einige andere Länder Südafrika noch immer auf der schwarzen Liste.

Susan, Inhaberin eines prämierten Restaurants in Knysna, berichtet von keinem einzigen Gast zum Jahreswechsel, wo sonst die Tische Wochen zuvor ausgebucht sind. Im Sternerestaurant Test-Kitchen in Woodstock bekommt man einen Tisch, wo man sonst Monate im Voraus buchen muss. Susan zeigt aber auch den Rattenschwanz auf, den die darbende Gastronomie und die ausbleibenden Touristen nach sich ziehen. Ihre Mitarbeiter, oft in den Townships der Stadt die einzigen Verdiener, haben keinen Job. Der Parkplatzwächter vor der Tür geht ohne Trinkgeld nach Hause, statt acht Bedienungen braucht sie momentan nur eine. Vor allem deutsche Touristen kamen in den letzten Jahren gern.

An dieser Stelle kommt die Bundesregierung ins Spiel. Sie unternimmt alles, um den Tourismus zu unterbinden. Wohlgemerkt den Tourismus in ein Land, das seit Monaten bei Inzidenzen von 20 bis 30 pendelt. Nun könnte man argumentieren, dass Südafrika vielleicht nicht so viel testet wie Deutschland oder andere europäische Länder. Dies mag sogar sein, doch eine Meldung wollte zuletzt so gar nicht zu den ständigen Horrorszenarien passen. Ein großes Krankenhaus in Kapstadt, nahe an einem Township obendrein gelegen, meldete Anfang April „Zero Covid“. Nicht einen Covid-Patienten hatte man in Behandlung, stolz präsentierten die Krankenschwestern gar ein Plakat und feierten den gemeinsamen Erfolg. Aus großen Krankenhäusern im ganzen Land ist Entspannung zu hören.

Mo kann an der Straße zwischen seinen Holzfiguren, Holzschüsseln und Stühlen so gar nicht feiern. Er hat mitbekommen, dass Südafrika in Europa als Mutationsgebiet gilt, Reisen bewusst erschwert werden. Für ihn bedeutet dies ganz konkret: Am Morgen den Stand aufbauen, am Abend wieder abbauen und nur gerade soviel Geld verdienen, dass es für ihn zum überleben reicht. Der wöchentliche Geldtransfer zur Familie in Malawi bleibt aus, acht Familienmitglieder stehen mit dem Rücken zur Wand. Eine ähnliche Geschichte haben viele der Jungs an der Straße zu erzählen, die meist aus Simbabwe, Mosambique oder Kongo stammen und täglich spüren, dass die Kollateralschäden unbedachter Corona-Politik grausam sein können.

Wer aus Südafrika in diesen Tagen die Rückreise antritt, hat ein Land erlebt, das mit Covid-19 und seinen Herausforderungen ausgesprochen intelligent umgeht. Aus den gegebenen Mitteln hat die Regierung Ramaphosa womöglich weit mehr gemacht als ihr Pendant in Berlin.

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Über den Autor
 
Autor: Feingold-Research Feingold-Research
Die beiden ehemaligen FTD- und Börse Online-Redakteure Benjamin Feingold und Daniel Saurenz haben zusammen das Investmentportal „Feingold Research“ gegründet. Dort stellen die beiden Kapitalmarktexperten und Journalisten ihre Marktmeinung, Perspektiven und Strategien inklusive konkrete Produktempfehlungen vor. In zwei Musterdepots werden die eigenen Strategien mit cleveren und meist etwas „anderen“ Produkten umgesetzt und für alle Leser und aktiven Anleger verständlich erläutert (feingold-research.com).

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