Verletzliche Strukturen



12:09 13.05.21

Über das Leben in einer zerbrechlichen Welt

Hauptsache Feierabendbier

Bis zum Jahr 2020 galt: Wenn der typische westliche Wohlstandsbürger von Katastrophen erfuhr, dann konnte er sich in der Regel sicher sein, dass diese meist in einem entlegenen Winkel der Erde eingetreten waren und kaum direkten Einfluss auf das Feierabendbier hatten. Eine gewisse Ausnahme bildeten lediglich jene Katastrophenszenarien – Staatsverschuldung, Geldsystemkrise, Klimawandel, Demografie, Krieg, etc. – auf die die Bürger entweder unablässig hingewiesen oder die nicht weniger beredt totgeschwiegen werden. Allerdings war auch davon im Alltag wenig Direktes zu spüren – außer vielleicht Steuererhöhungen. Entweder war das betreffende Thema zu abstrakt oder die katastrophale Wendung lag so weit in der Zukunft, dass man sie ungestraft ignorieren konnte.

Aus entlegenen Winkeln frisch auf den Tisch

Mit Corona und den praktizierten Lockdowns hat sich das grundlegend geändert. Gewiss, auch das Virus nahm mit der chinesischen Metropole Wuhan an einem entlegenen Winkel der Welt seinen Ausgang, zumindest aus europäischer Perspektive. Aber das Thema breitete sich in wenigen Wochen nicht nur flächendeckend aus, es betraf die Menschen schon nach sehr kurzer Zeit sehr direkt: Von der Maske bis zum Toilettenpapier, vom Arbeitsplatz bis zur Einkaufsmöglichkeit, von der Bewegungsfreiheit bis zur Impfung.

Wo Rauch ist, ist auch Feuer

Eine Episode, die insbesondere in den Anfangstagen der Pandemie für Aufmerksamkeit sorgte, waren die Knappheiten bei Toilettenpapier. Nachdem sich die erste Panik gelegt hatte, sorgte das Ganze nicht nur für Spott, es wurden auch spieltheoretische Erklärungen für das Phänomen angeboten. In diesem speziellen Fall war wohl soziale Ansteckung ausschlaggebend, wie wir sie auch immer wieder bei börsengehandelten Papieren beobachten können. In dem Maße, wie Gerüchte über Versorgungsengpässe die Runde machten, erhöhten die Menschen ihre eigene Lagerhaltung, was die Knappheit dann verschärfte bzw. überhaupt erst auslöste. Ein Gutteil dieser Ansteckung dürfte dabei über die Medien erfolgt sein, auch wenn diese sich zu erklären beeilten, dass es überhaupt keinen Anlass zu Hamsterkäufen gäbe. Eine hinreichend große Gruppe von Menschen dürfte durch solche Erklärstücke nach dem Motto „Wo Rauch ist, ist auch Feuer“ allerdings erst recht beunruhigt gewesen sein, und mit einer – aus ihrer Sicht perfekt rationalen – Aufstockung der eigenen Vorräte reagiert haben. Dass sich die Versorgungslage in der Folge wieder beruhigte, hatte weniger mit erfolgreichen Appellen in eine bessere, höhere oder nur irgendwie andere Einsicht zu tun als mit den durch die Hamsterkäufe aufgeblähten privaten Toilettenpapierlagern. Wer bereits über einen Mehr-Monats- bzw. Mehr-Jahres-Vorrat verfügt, fällt als Nachfrager erst einmal aus.

Falsche Lehren gezogen

Aus dem „Großen 2020er Toilettenpapierengpass“ haben wir gelernt, dass es zwar in Ausnahmesituationen kurzfristig einmal holprig werden kann, sich die Versorgung aber sehr schnell wieder einpendeln wird. Die Sache hat nur einen Haken: Denn diese höchst beruhigende Lehre ist nicht verallgemeinerbar. Sie gilt in dieser Form nur für unverderbliche Güter mit gleichmäßigem Verbrauch, bei denen die Störung von der Nachfrageseite kam. Denn so gesehen gab es bei Toilettenpapier zu keinem Zeitpunkt einen echten Versorgungsengpass, sondern lediglich einen temporären, spekulativen Nachfrageüberhang, der aufgrund eines mehr oder weniger unveränderten Toilettenpapierverbrauchs dann wieder in sich zusammenfiel.

Physik verstehen



Was ein echter Versorgungsengpass ist, lässt sich derzeit beispielsweise bei verschiedenen Speicherchips und Mikroprozessoren beobachten, die als Vorprodukte in Maschinen oder Fahrzeugen verbaut werden und einfach nicht lieferbar sind. Das Problem liegt also auf der Angebotsseite. Es müssen keine Produktionsausfälle sein, in einer komplex vernetzten Welt hat die Unterbrechung von Lieferketten den gleichen Effekt. Und die kann aus den unterschiedlichsten Ursachen erfolgen. Vor wenigen Wochen erregte beispielsweise die – wenn auch nur vorübergehende – Blockade des Suez-Kanals durch das havarierte Containerschiff „Ever Given“ für Aufsehen. Es genügte ein einziges Schiff, dass für rund eine Woche in diesem Nadelöhr des Weltwarenverkehrs quer lag, um den Warenfluss von und nach Europa empfindlich zu stören. Man kann sich leicht ausmalen, insbesondere vor dem Hintergrund der gestrigen Raketenangriffe auf Israel, was passieren würde, wenn beispielsweise im Kriegsfall ein Schiff im Suez-Kanal versenkt würde. Die Neue Zürcher Zeitung diskutiert in ihrer heutigen Online-Ausgabe übrigens eine interessante physikalische These (Stichwort: Bernoulli-Effekt), wonach der Ozeanriese alleine aufgrund seiner schieren Größe besonders anfällig für einen solchen Unfall war. Größe ist eben, entgegen einem weithin gepflegten Narrativ, nicht immer ein Vorteil.

Traditionelles Motiv

Ein weiterer Fall, der die Verletzlichkeit komplexer Wirtschaftssysteme vor Augen führt, ist der Hacker-Angriff auf die Colonial Pipeline, die etwa die Hälfte der US-Ostküste mit Kraftstoff versorgt. Vermutlich kannten Sie diese Pipeline vor diesem Vorfall ebenso wenig wie wir. Und auch dieser Umstand zeigt die Komplexität des Wirtschaftsgeschehens. Denn Probleme können buchstäblich über Nacht in Bereichen entstehen, die zuvor praktisch nur eine kleine Gruppe von Spezialisten auf dem Radar hatte. Kurz nach dem Angriff ging auch schon den ersten Tankstellen das Benzin aus. Ab da lief es wie beim Toilettenpapier: Die Menschen versuchten mehr Benzin zu ergattern als üblich, die Preise stiegen und die Regierung gab eine ihrer sinnlosen Warnungen heraus, nicht zu hamstern, was wiederum jene, die Hamstern wollten, erst recht darin bestärkte „vorsichtshalber“ etwas mehr Benzin zu bunkern. Entgegen ersten Pressemitteilungen, wonach die Russen – wer sonst?! – hinter dem Angriff auf die Pipeline steckten, betonte die Hackergruppe „Darkside“, dass sie nicht mit Putin verbandelt sei, keine Politik machen wolle und auch keine Probleme für die Gesellschaft schaffen wollte. Stattdessen gehe man mit seiner Ransomware dem traditionellen Erpressergeschäft nach und sei auch traditionell motiviert – durch die Aussicht auf Lösegeld. Lediglich der Aspekt, dass Kriminelle inzwischen auch selbst Öffentlichkeitsarbeit betreiben – wenn auch nur im Darknet – dürfte relativ neu sein.

Bis auf die Knochen abgenagt

Eine fast wahllos zu Tage tretende Verletzlichkeit der Welt, dürfte ein Phänomen sein, das uns auch weiter in Atem halten wird. Möglicherweise wurde die Wahrscheinlichkeit für das Eintreten solcher Ereignisse durch Corona und die Corona-Maßnahmen erhöht, da die vielen normalen Unternehmen, die nicht zu den Krisengewinnern gehören, nun bis auf die Knochen abgenagt und damit wesentlich verletzlicher sind als vor der Krise. Die einzig vernünftige Lösung erscheint uns – nicht nur aus Sicht von Austrians – eine Reduzierung der Komplexität zu sein. Am augenfälligsten betrifft dies Strukturen und Lieferketten, bei denen den positiven Skaleneffekten negative Komplexitätseffekte gegenüberstehen. Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass diese schlagend werden, steigt in einer hochdynamischen Welt mit einer Vielzahl an unvorhersehbaren externen Impulsen stark an, und falls sie schlagend werden, ist der Preis oft immens hoch. Auch wenn die Politik heute noch das hohe Lied der großen Einheiten singt und sich aller historischen Erfahrungen zum Trotz brachial in Richtung noch stärkerer Zentralisierung und Steuerung bewegt, sind das wohl Auslaufmodelle. Die Zukunft wird mutmaßlich kleinen, flexiblen und robusten Einheiten gehören, die sich auf ebenso robusten, flexiblen und kurzen Wegen vernetzen.

Zu den Märkten

Nach dem in der Vorwoche beschriebenen Einbruch konnte sich der DAX in der laufenden Berichtswoche zunächst deutlich stabilisieren. Die beiden roten Trendlinien (vgl. Abb.) werden durch die Tiefs von März 2020 und Oktober 2020 (flachere Variante, der erste Aufsetzpunkt ist im Chart nicht zu sehen) bzw. durch die Tiefs von Oktober 2020 und Februar 2021 (steilere Variante) bestimmt. Dies soll auch zeigen, dass es beim Zeichnen solcher Linien oft subjektiv zugeht. Es kommt daher darauf an, das Kursgeschehen in der Nähe solcher Linien genau zu beobachten, um herauszufinden, welche Linie die Marktteilnehmer eher beachten/respektieren. Die letzten beiden Wochen sprechen hier eindeutig für die flachere Variante, so dass erst deren Durchbruch nach unten technisch motivierte Anschlussverkäufe auslösen dürfte. Nach dem Kursrutsch der vergangenen Woche konnte sich der DAX allerdings zunächst sogar wieder bis auf 80 Punkte an das Allzeithoch vom 19. April heranarbeiten. Doch schon am nächsten Tag verließ die Anleger erneut der Mut. Mit einem Abwärts-Gap ging es gestern per Saldo um 280 Punkte bzw. 1,8% abwärts. Erst die runde Marke von 15.000 Punkten wirkte als Stoppschild für den Abverkauf und der Index konnte sich danach wieder leicht von seinen Tiefstständen erholen. Am heutigen Tag war das Kursgeschehen bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe abwartend mit leicht positiver Grundnote. Mehr als ein Reflex auf die gestrigen Verluste war dies allerdings nicht. Die aktuell negative Interpretation wird nicht nur von der Umsatzentwicklung bestätigt, denn ausgerechnet die gestrige Kursschwäche fand unter deutlich gestiegenen Umsätzen statt. Ebenfalls negativ sind die Candlestick-Muster der letzten Tage. Hier hat sich eine seltene Inselumkehr („Island Reversal“, rote Markierung) herausgebildet, die als Hinweis auf eine Trendumkehr gilt.

Musterdepots & wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über die Entwicklung in unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

Fazit

Komplexe Strukturen sind anfällig. Möglicherweise erscheinen sie günstiger als sie sind, weil die mit ihnen verbundenen Großrisiken nur selten schlagend werden.

Ralf Flierl, Ralph Malisch
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Über den Autor
 
Autor: Ralf Flierl Ralf Flierl,
Smart Investor

Ralf Flierl ist Chefredakteur der Anlegerpublikation "Smart Investor". Kritisch, unvoreingenommen, unabhängig, antizyklisch, sophisticated, non-Mainstream.... kurz: smart - das sind die Attribute des im Mai 2003 eingeführten "Smart Investor" . Weitere Informationen sowie die Möglichkeit, das Magazin kostenlos zu testen, finden Sie unter www.smartinvestor.de.

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