Wie das Kaninchen vor der Schlange



13:33 27.01.22

Legt die Fed den Märkten erneut ein Ei?

Turbulente Tage

Nach turbulenten Tagen schauten die Märkte gebannt auf die gestrige Sitzung der US-Notenbank Fed. Die Ergebnisse wurden um 20:00 Uhr unserer Zeit verkündet. Seit Wochen haben sich die US-Notenbanker in verbaler Inflationsbekämpfung geübt. Die Beharrlichkeit zeigte schließlich Wirkung und löste an den Märkten zuletzt regelrechte Verkaufswellen aus. Falls es den Notenbankern auch darum gegangen sein sollte, die Spekulation zu brechen, hätten sie dieses Ziel erreicht. Genau genommen ist es sogar ziemlich wahrscheinlich, dass dies Teil der Strategie war. Denn mit einer geringeren Marktkapitalisierung der Aktienmärkte kann es zu einem negativen Wealth-Effekt kommen, der wiederum dämpfend auf das Konsumverhalten wirkt. Für die USA gilt diese Wirkungskette in besonderem Ausmaß, da die Aktienanlage hier für die Altersvorsorge eine ungleich größere Rolle spielt als in Deutschland.

Der Preis der Performance

Dazu kommt, dass jede Notenbank die sorglosen Trittbrettfahrer ihrer Politik nur allzu gerne daran erinnert, dass es auch von den Hütern des Geldes keinen „Free Lunch“ gibt. Der Preis für die höhere Performance der Aktienmärkte heißt Volatilität. Nach dem Erreichen ihres vermuteten Etappenziels hoffen viele Marktteilnehmer auf etwas Balsam für die frischen Wunden. Das kann so sein, sicher ist es aber nicht. Vor allem ist im Vorfeld kaum zu erahnen, wie an einem hochgradig nervösen Markt einzelne Statements letztlich interpretiert werden. Wieder einmal ist entscheidend, wie gut Jerome Powell mit den Märkten kommuniziert und inwieweit er deren Erwartungen trifft.

Auf Messers Schneide

Auch ohne die heutige Fed-Sitzung befinden sich insbesondere die US-Börsen – und damit erfahrungsgemäß doch wieder alle – auf Messers Schneide. In der aktuellen Situation gibt es grundsätzlich zwei wahrscheinliche Entwicklungslinien. Die eine wäre eine Short-Covering-Rally, für deren Beginn wir gestern bereits erste Anzeichen gezeigt haben. Nach Verlusten, die in einzelnen Tech-Aktien innerhalb weniger Wochen mehr als 50% betragen haben, wäre eine Gegenbewegung ohnehin überfällig. Diese wäre allerdings zunächst nur technischer Natur. Entscheidend wird das Kursverhalten sein, sobald der Markt auf erste Widerstände trifft. Nachdem solche Korrekturen selten eingliedrig sind, könnten wir uns gut vorstellen, dass nach einer solchen Aufwärtskorrektur noch einmal die zuletzt erreichten Tiefs angesteuert werden. Die weniger erfreuliche Entwicklungslinie wäre ein abruptes Ende des Rally-Versuchs – etwa durch ungeschickte (?) Äußerungen aus der Fed, dem dann unmittelbar ein weiterer dynamischer Abwärtsschub folgt.

Bedingte Aussagekraft im Abwärtstrend

Von entscheidender Bedeutung für den künftigen Anlageerfolg ist die Wahl des besten Segments. Welche Aktien werden also die Führung in der nächsten Aufwärtsbewegung übernehmen? Momentan sind die Standardaktien des S&P 500 (Abb. 1, oberer Teil) deutlich stärker als die Tech-Titel des NASDAQ 100. Allerdings ist dies auch eine Korrekturbewegung, in der im Wesentlichen die vorangegangenen Exzesse bereinigt werden. Diese Bereinigung fällt naturgemäß dort am stärksten aus, wo auch die Exzesse am größten waren. Aus diesem Blickwinkel scheint die Relative Stärke der Standardaktien im Abwärtstrend nur eine bedingte Aussagekraft zu haben (Abb. 1, unterer Teil: S&P 500 vs. NASDAQ 100). Ansonsten hat uns die Relative Stärke um den Jahreswechsel herum meist besonders viel zu sagen. Denn hier laufen nicht nur die künstlichen Dispositionen im Rahmen des Window Dressing aus, zu dieser Zeit erfolgt auch die relativ unbefangene Neupositionierung für das noch junge Handelsjahr. Mehr zu den gewaltigen Verschiebungen während der letzten Wochen können Sie im neuen Smart Investor 2/2022 lesen, der zum Wochenende erscheint.



„Evolutionsirrtum“ Geldsystem

Dort finden Sie neben unserem Schwerpunktthema „Schwellenländer“ auch einiges Grundsätzliches zu Geldpolitik und Geldsystem. Als wir uns eingangs so intensiv mit den vermuteten Gedankengängen und Handlungsalternativen der US-Notenbanker – bei anderen Notenbanken ist es nicht viel anders – beschäftigt haben, dann wird die Stellung dieser Institutionen regelmäßig nicht hinterfragt. Tatsächlich empfinden es die meisten Marktteilnehmer als Normalzustand, im Rhythmus weniger Wochen wie das sprichwörtliche Kaninchen vor der Schlange zu sitzen, um auf jeden Halbsatz zu achten, den einer der führenden Notenbanker zu Gehör bringt. Dabei sind weder Fiatgeld noch Notenbanken gottgegeben. Unser Gesprächspartner, der Buchautor Benjamin Mudlack (Buchtitel „Geldzeitenwende“) spricht in Bezug auf unser aktuelles Geldsystem sogar von einem „Evolutionsirrtum“. Tatsächlich sind insbesondere in den Jahren nach der Finanzkrise viele Kennziffern nachhaltig aus dem Ruder gelaufen, ohne, dass auch nur absehbar wäre, wie sich diese Fehlentwicklungen wieder normalisieren ließen. Sowohl das Interview als auch unseren Begleittext finden Sie ebenfalls im neuen Smart Investor 2/2022.

Geld jagt Güter

Eine der Kennzahlen, über die sogar Laien nicht nur ins Grübeln geraten, sondern von deren Entwicklung sie direkt betroffen sind, ist die Entwicklung des allgemeinen Preisniveaus. Auch auf diesem Gebiet, leisten die Notenbanken den Menschen höchst fragwürdige Dienste, obwohl die Bewahrung der Geldwertstabilität eigentlich ihre Kernaufgabe wäre. Wie schlecht sie diese Aufgabe schon in der Vergangenheit erfüllt haben, können Sie ebenfalls einigen Grafiken im neuen Smart Investor entnehmen, nun aber ist das Versagen für jedermann offensichtlich. Dabei könnte das Ende der Fahnenstange selbst mit den Horrorzahlen der letzten Monate noch nicht einmal erreicht sein. Zum einen steckt noch einiges an Preisauftrieb in den Vorstufen, wie es sich bei den bereits zweistelligen Preissteigerungsraten der Produzentenpreise gezeigt hat. Zum anderen könnte sich die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes deutlich erhöhen, was angesichts von Nominalanlagen im hohen einstelligen Billionenbereich einen weiteren Preisschub auslösen könnte. Selbst zweistellige Inflationsraten wären unter diesen Voraussetzungen demnächst möglich. Die Argumentation hinter diesen Zahlen finden sie ebenfalls im neuen Smart Investor 2/2022.

Zu den Märkten

Zu dem eingangs gezeigten Chart von S&P 500 und S&P 500 vs. NASADAQ zeigen wir hier das deutsche Pendant. Den DAX und den Relativchart des DAX zum TecDAX im unteren Teil. Auch hier zeigt sich im unteren Teil die frische Stärke des Standardindex gegenüber den Wachstums- und Technologietiteln, wobei die Abgrenzung zwischen beiden Segmenten auch hier nicht so eindeutig ist. Denn im DAX finden sich inzwischen etliche Titel, die man eher dem Growth-Bereich zuordnen müsste. Dennoch wären wir auch hier vorsichtig von einer Renaissance der Blue Chips zu sprechen. In einer Abwärtsphase hat die Entwicklung der Relativen Stärke nicht die gleiche Aussagekraft wie in steigenden Märkten. Zum Schwur kommt es also erst in der nächsten Aufwärtsphase. Auch müssen die heutigen Kursgewinne nicht zwangsläufig das Ende der Korrektur darstellen. Im Moment sehen wir hier eher ein klassisches Short Covering. Positiv ist jedoch, dass das Kursbild des DAX etwas konstruktiver aussieht als das des S&P 500, bei dem ein echter Trendbruch erfolgt ist. Ein Bruch der Unterstützung ist im DAX zwar noch (?) nicht erfolgt, allerdings muss man einschränkend feststellen, dass sich der DAX in den Monaten zuvor auch gar nicht in einem Aufwärtstrend, sondern nur in einer Schiebezone befand. Ein echtes Eigenleben kann man dem DAX aufgrund der historischen Erfahrungen ohnehin kaum zutrauen. Entscheidend ist also auch hier, dass sich die US-Märkte stabilisieren.

Musterdepots & wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über einen erfolgten Kauf in unserem Musterdepot und über die Entwicklung in unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

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Fazit

Heute Abend sind alle Augen auf die Fed gerichtet und schon ein unbedachter Nebensatz kann dazu führen, dass die Karten an den Märkten neu gemischt werden.

Ralf Flierl, Ralph Malisch
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Über den Autor
 
Autor: Ralf Flierl Ralf Flierl,
Smart Investor

Ralf Flierl ist Chefredakteur der Anlegerpublikation "Smart Investor". Kritisch, unvoreingenommen, unabhängig, antizyklisch, sophisticated, non-Mainstream.... kurz: smart - das sind die Attribute des im Mai 2003 eingeführten "Smart Investor" . Weitere Informationen sowie die Möglichkeit, das Magazin kostenlos zu testen, finden Sie unter www.smartinvestor.de.

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