Die bösen Spekulanten



05:48 28.05.22

Neulich habe ich mich so sehr geärgert, dass ich beinahe jemandem geraten hätte, doch an die Wladimir-Putin-Akademie auf der Halbinsel Krim zu gehen und dort über „Moderne und neue Wahrheitskonzepte“ zu promovieren.

Dann jedoch habe ich in der ARD einen Bericht von der Börse gesehen und erlebt, dass das mit den hermetisch in sich abgeschlossenen Wahrheiten ja auch bei uns oft nicht anders ist, nur eben zivilisiert.

So bin ich beispielsweise der Meinung, dass es im gesamten öffentlich-rechtlichen Medienbereich bis auf wenige Ausnahmen niemanden gibt, der weiß, wie Märkte eigentlich funktionieren, welche Aufgaben sie haben und welche Ergebnisse sie liefern.

Ein Beispiel hierzu ist die These von den bösen Spekulanten, die jetzt dort hauptsächlich dafür verantwortlich gemacht werden, dass die Preise für Öl und Weizen so in die Höhe geschossen sind.

Und es ist interessant zu beobachten, wie im öffentlichen-rechtlichen Fernsehen überall vermeintliche Experten zu bestimmten Dingen präsentiert werden, die dann ihrerseits selbst wieder aus mit öffentlichen Mitteln finanzierten Stiftungen und NGOs kommen.

Das ist also ein in sich geschlossener Kreislauf, ganz wie in Russland, nur eben zivilisiert. Was an dem freischwebenden und manipulativen Charakter der dabei gewonnen „Wahrheiten“ allerdings nichts verbessert.

Es sind also die bösen Spekulanten, die jetzt zu großen Teilen für die Inflation verantwortlich sind. Aha.

Wer mir gegenüber so eine These vertreten würde, dem würde ich zuallererst diese Frage stellen: Wenn es für die Spekulanten so lukrativ war, den Ölpreis auf über 100 Dollar je Barrel zu treiben, wäre es dann nicht viel profitabler, bis auf über 200 oder 300 Dollar zu gehen?

Nach der Logik der bösen Spekulanten müsste das dann nämlich eigentlich der Fall sein. Da dem aber nicht so ist, scheint es also doch irgendwo eine Grenze zu geben.

Und ich hätte auch noch mehr Fragen. Zum Beispiel, wer denn eigentlich „die Spekulanten“ sind? Und ob man schon einmal gehört hat, dass jedem Käufer auf dem Terminmarkt immer ein Verkäufer gegenüberstehen muss?

Spätestens an dieser Stelle würde dann jedoch der Moderator eingreifen und sagen, dass man ja eigentlich noch andere und wichtigere Themen in dieser Sendung zu besprechen habe als sich mit den Grundlagen zu befassen. Aha.

Wir Börsianer wissen natürlich, dass das ganze öffentliche Gerede zu solchen Themen Unsinn ist. Es geht an den Märkten um Preiserwartungen und darum, die Zukunft bereits heute handelbar zu machen.

Der eine glaubt, die Preise werden weiter steigen, der andere glaubt, sie werden das jetzt nicht mehr tun, der eine braucht Öl, der andere hat Öl und der dritte will nur versuchen, Gewinne zu machen, wird aber genauso gut auch Verluste erzielen können.

Im Endeffekt ergibt sich dabei etwas total Phantastisches, was keine andere Institution auf der ganzen Welt leisten könnte: Denn in einer Situation wie heute, wo es klar ist, dass es Angebotsstörungen gibt und geben wird, bewirkt der Markt, dass bereits heute, wo die Knappheit noch gar nicht da ist, die Preise bereits hoch sind.

Und das bedeutet, dass bereits heute weniger von den entsprechenden Gütern konsumiert wird und damit die Angebotskrise, wenn sie dann voll da ist, abgemildert und abgeflacht wird, weil dann mehr Angebot zur Verfügung steht als es ohne den vorherigen Preisanstieg der Fall gewesen wäre.



Ein Lob daher auf die Spekulanten. Besser kann man so eine Situation gar nicht handhaben, denn das Zeichen ist absolut klar: Die Preise zeigen an, dass es erstens angesagt ist, Weizen, Öl Gas etc. derzeit sparsamer einzusetzen, und zweitens weltweit den Anbau von Weizen und die Förderung von Energieträgern auszuweiten.

Hierbei entscheidet der Markt für jeden einzelnen Konsumenten, was er am besten zu tun hat.

Und wie würde es aussehen, wenn wir die Märkte nicht hätten, in denen die Spekulanten ja dazu dienen, die notwendige Liquidität zu schaffen, ohne die diese Märkte überhaupt nicht funktionieren könnten?

Da müsste dann der staatliche Wirtschaftsplaner den großen Zettel nehmen und beim Weizen schreiben: Meyer ein Pfund weniger, Schulze zwei Pfund weniger …

Das würde natürlich auch funktionieren. Doch ob das wirklich die Lösung ist, die die ganzen öffentlichen und öffentlich-rechtlichen Projektemacher im Kopf haben?

In dieser Deutlichkeit natürlich nicht, in der Konsequenz aber schon. Schließlich lebt der öffentliche und der öffentlich-rechtliche Bereich ja auch nicht von Öl, Weizen und Brot, sondern vom Geld der Steuerzahler.


Bernd Niquet


berndniquet@t-online.de







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Über den Autor
 
Autor: Bernd Niquet Bernd Niquet,
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Bernd Niquet ist promovierter Volkswirt und schreibt Börsenkolumnen und Bücher


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Bernd Niquet ist Jahrgang 1956 und wohnt am wunderschönen grünen Rand seiner ansonsten mittlerweile ungeliebten Heimat Berlin. Die ersten sechs Teile von „Jenseits des Geldes“ sind ebenfalls im Engelsdorfer Verlag erschienen und zwar in den Jahren 2011, 2012, 2013 sowie 2018, 2019 und 2020.

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