Marktstimmung: "Keine Angst vor der Angst"



09:22 25.06.22

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Trotz der drohenden Rezession bleiben die meisten Anleger ruhig. Was trügerisch ist, denn Goldberg vermutet dahinter nicht realisierte Verluste. 

Zusammenfassung

Rund 1.500 Punkte DAX-Verlust in zwei Wochen, und die befragten hiesigen Akteure bleiben eher passiv. Jeweils 4 Prozent der Profis und Privatanleger schließen ihre Short-Engagement. Die pessimistischen Konjunkturaussichten scheinen sie nicht zu belasten. Nach Ansicht von Joachim Goldberg nur eine vermeintliche Gelassenheit. Man schiebe die Angst vor einer Rezession wegen der Buchverluste weg.

Der Verhaltensökonom sieht hinter den Kursverluste Verkäufe internationaler, langfristig agierender Investoren. Was den Markt nach unten belaste, da die befragten Anleger bei weiterem Minus möglicherweise die Notbremse ziehen müssen. Nach oben könnten dagegen schon wenige gute Nachrichten beflügeln. Dennoch bewertet dies Goldberg als mögliche Korrektur im Bärenmarkt.  

22. Juni 2022. FRANKFURT (Börse Frankfurt). Das Thema Rezession scheint nicht nur in den USA, sondern auch in den hiesigen Medien allgegenwärtig. Und tatsächlich ist die Häufigkeit des Wortes „Rezession“ in den Nachrichten laut Medienberichten zuletzt sprunghaft auf ein neues Jahreshoch angestiegen. Auch meldeten sich während der vergangenen Tage prominente Stimmen von Elon Musk über Nouriel Roubini bis hin zu Paul Krugman zu Wort, die den Eindruck vermittelten, eine Rezession sei unvermeidlich. Ein Kommentator brachte es unlängst auf den Punkt, als er äußerte, dass die US-Amerikaner von der Rezessionsgefahr geradezu besessen seien. Buchstäblich jeder rede darüber.

Man kann durchaus der Ansicht sein, dass angesichts der vielen Äußerungen zu Inflation und Rezession namhafter Wirtschaftswissenschaftler und Analysten eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, eine Art Angst-Dynamik, entstehen könnte. Der DAX hat jedenfalls seit unserer vergangenen Erhebung im Wochenvergleich zum zweiten Mal hintereinander – dieses Mal sind es 3 Prozent – kräftig an Wert verloren – in der Punktbetrachtung summiert sich das in zwei Wochen auf über 1500 DAX-Zähler.



Hierzulande bleibt die Stimmung entspannt

Dessen ungeachtet hat sich der Anteil der Optimisten unter den von uns befragten mittelfristig orientierten institutionellen Investoren während dieser Zeit sogar leicht erhöht. Seit vergangenem Mittwoch hat unser Börse Frankfurt Sentiment-Index um 4 Punkte auf einen neuen Stand von +7 zugelegt. Dabei geht dieser Anstieg fast ausschließlich auf ehemalige Bären zurück (4 Prozent aller Befragten), die ihre Absicherungen bzw. Short-Engagements angesichts der deutlichen Kursrückgänge vermutlich recht profitabel zurückgedeckt und sich zu den neutral gestimmten Akteuren gesellt haben.

Eine ähnliche Entwicklung können wir für die Privatanleger feststellen, deren Börse Frankfurt Sentiment-Index sich mit einem Plus von 3 Punkten auf einen neuen Stand von +4 erhöht hat. Auch in diesem Panel trugen im Großen und Ganzen Gewinnmitnahmen ehemaliger Pessimisten zum jüngsten Anstieg des Stimmungsbarometers bei, während es bei den Bullen lediglich einen minimalen Rückgang gab.

Gelassenheit hat ihren Preis

Bei der heutigen Befragung lässt sich feststellen, dass die Angst vor einer Rezession bei der Mehrheit der von uns befragten Investoren noch nicht angekommen zu sein scheint bzw. ausgeblendet wird. Auf den ersten Blick könnte man also meinen, dass diese Ängste offensichtlich unter den Kommentatoren und Analysten stärker ausgeprägt sind als bei vielen der von uns befragten Investoren. Allerdings hat diese scheinbare Gelassenheit wahrscheinlich einen hohen Preis in Form von stattlichen Buchverlusten, mancherorts in einer Größenordnung von rund 10 Prozent.

Andererseits spricht der neuerliche Einbruch der Aktienkurse trotz der Gewinnmitnahmen einiger heimischer institutioneller Investoren während der vergangenen beiden Wochen dafür, dass langfristig orientierte Akteure (auch aus dem Ausland) der Eurozone den Rücken gekehrt haben. Der zu beobachtende leichte Optimismus der heimischen Investoren stellt insofern eine Belastung für den DAX dar, weil bei weiteren deutlichen Kursverlusten mancherorts noch die Notbremse gezogen werden muss, will man nicht allzu große Verluste in den Büchern stehen haben.

Auf der anderen Seite dürften angesichts der überaus pessimistischen Nachrichtenlage bereits kleinere positive Meldungen für relativ deutliche Kurserholungen des DAX sorgen. Zumindest liegen die Einstandspreise der Optimisten so weit weg, dass deren „störendes Angebot“ eine 5 bis 6 prozentige Rallye vermutlich nicht ernsthaft behindern würden. Allerdings würden wir wahrscheinlich auch dann immer noch lediglich von einer normalen Korrektur in einem übergeordneten Bärenmarkt sprechen.

22. Juni 2022, © Goldberg & Goldberg für boerse-frankfurt.de


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