Auslandsaktien: Rezessionsangst hält US-Börsen im Bärenmarkt



12:22 01.07.22

Eine mögliche Rezession in den USA und eine eventuelle Ansteckung Europas ist das größte Risiko für die Kapitalmärkte. Die Sorge darüber belastet die Börsen weiter. Daran ändert auch eine niedrigere deutsche Inflation nichts. In Asien steigen dagegen die Kurse munter.
 

30. Juni 2022 Frankfurt (Börse Frankfurt). Rezessionssorgen haben die US-Börsen im Juni in den Bärenmarkt gestürzt. Der S&P 500 steht zwar nur noch knapp in diesem Terrain, steuert zugleich aber auf das schwächste Halbjahr seit 1970 zu. Allein im Juni fällt der Index um gut 8 Prozent. Die Technologie-Börse NASDAQ verharrt tief in jenem Markt, der für mehr als 20 Prozent seiner Verluste vom Hoch steht, so eine der Definitionen für einen Bärenmarkt. Der NASDAQ Composite erzielt das schwächste Quartal seit 2008. Auf Monatssicht verliert er ebenfalls 8 Prozent, auf Quartalssicht gut 22 Prozent.

Trotz etwas niedrigerer Inflation in Deutschland: Rekordwerte in Europa erwartet

Auch in Europa fallen die Kurse überwiegend: So verliert der EURO STOXX 50 innerhalb eines Monats 10 Prozent, auf Quartalssicht 12,8 Prozent. Eine niedriger als befürchtet ausgefallene Inflation in Deutschland im Juni konnte dem nicht entgegenwirken. Zwar war die Preissteigerung mit 7,2 Prozent niedriger als prognostiziert ausgefallen, Ökonomen sehen aber keine Entspannung.

Die Europäische Zentralbank bleibt nach Einschätzung von Ulrich Wortberg von der Helaba unter Druck, die Leitzinsen deutlich anzuheben, denn die Inflation sei weiterhin sehr hoch und Entwarnung seitens der Energiepreise könne noch nicht gegeben werden. „Zudem gilt es zu berücksichtigen, dass der Preisdruck auf EWU-Ebene vermutlich weiter gestiegen ist.“ Spanien zum Beispiel habe einen EU-harmonisierten Anstieg der von 10 Prozent gemeldet. „Daher steht zu befürchten, dass die EWU-Teuerung auf ein neues Rekordhoch steigen wird."

Historisches Datum am Anleihenmarkt

Der Fokus der Marktteilnehmer*innen lag zuletzt auf dem geldpolitischen Symposium im portugiesischen Sintra. Dort signalisierte EZB-Chefin Christine Lagarde, dass die EZB die Zinserhöhungen beschleunigen könne. Außerdem werde sie ab 1. Juli beginnen, die Wiederanlagen aus dem Programm PEPP sehr flexibel zu handhaben, um zu große Bewegungen bei Staatsanleihen einzudämmen.

"Mit dem Ende der jahrelangen Anleihekäufe durch die EZB ist der 30. Juni 2022 nun ein historisches Datum“, kommentiert Marc Richter von der Baader Bank. Die Anleihekäufe hatten auch und vor allem die Zinsen im langfristigen Bereich gedrückt.

Fed-Chef Powell hatte in Sintra gewarnt, dass die Senkung der Inflationsrate schmerzhaft werden dürfte, die Fed glaube jedoch, eine Rezession in den USA abwenden zu können. Nach der stärksten Erhöhung der Leitzinsen seit fast 30 Jahrzehnten in den USA um 75 Basispunkte wird die Fed nun moderater die Zinsen erhöhen: Ökonom*innen erwarten den nächsten Zinsschritt mit 50 Basispunkten. „Der Markt preist diesen moderateren Zinsschritt nach der jüngsten Erhöhung von 75 Basispunkten mehr und mehr ein“, sagt Walter Vorhauser von Oddo BHF Corporates & Markets. „Die Inflationssorgen sind bei den Anleger*innen in Rezessionsängste umgeschlagen, jetzt ist die Rezession das größte Risiko“, ergänzt der Aktienhändler.

Richter

Erholungsrallies möglich

„Waren die Investitionsentscheidungen der Marktteilnehmer bisher von Inflationssorgen geprägt, stehen nun Wachstumssorgen im Fokus“, fasst auch Andreas Wex von der Commerzbank die Lage zusammen. Die Commerzbank erwarte eine Rezession in den USA im ersten Halbjahr. „Das fundamentale Umfeld verschlechtert sich entsprechend weiter und lässt Kursverluste auch in den kommenden Wochen, bzw. Monaten erwarten“, begründet Wex. Die extrem gedrückte Stimmung an den Märkten dürfte aber dennoch von Zeit zu Zeit „klassische“ Erholungsrallies ermöglichen.

Richter warnt indessen vor Zweitrundeneffekten: „Die Immobilienpreise werden nach unserer Ansicht nicht mehr in der bisherigen Dynamik steigen, weil die Zinsen als Game Changer wirken.“ Darüber hinaus werde die Verschuldung Italiens und anderer Peripheriestaaten ein immer größeres Thema. „Je nach Entwicklung wirken die Schulden auf den ohnehin geschwächten Euro.“ Negative Entwicklungen würden die Märkte im zweiten Halbjahr begleiten. „Das heißt auch, dass der Bärenmarkt anhalten und die Volatilität hoch bleiben könnte.“



Aktienmärkte: Umsätze gehen zurück  doch es gibt Hoffnung

Die Nöte spiegeln sich nach wie vor auch Handelsaufkommen an der Börse: „Die Umsätze sind in den vergangenen Wochen weiter zurückgegangen“, erklärt Vorhauser. Doch inzwischen zeichneten sich mehrere Hoffnungsschimmer ab. So seien die zehnjährigen US-Renditen in vergangenen Handelstagen von ihrem Hoch bei 3,5 Prozent abgerückt Richtung 3 Prozent. „Das gibt Hoffnung, danach richten sich Anleihen- und Aktienmärkte“, erklärt Vorhauser. Trotz der auch saisonalen Schwäche könnte das zweite Halbjahr positiver als das erste beginnen.

Die Ölpreise bleiben hoch

„Die Hoffnung ist da, dass sich die Aktienmärkte in den nächsten Wochen etwas stabilisieren.“ Hierzu könnten zum Beispiel die rückläufigen Ölpreise beitragen. Brent ist auf Monatssicht nahezu unverändert, während seit Jahresbeginn immer noch ein Plus von 78 Prozent steht.

Allerdings ist eine Trendwende zu deutlich niedrigeren Ölpreisen nach Einschätzung von Vorhauser nicht in Sicht. „Deshalb gehen wir davon aus, dass Ölaktien attraktiv bleiben“, sagt er und verweist auf Warren Buffett, der zuletzt im Sektor zugekauft habe.

Richter lenkt indessen den Fokus auf die Erzeugerpreise: „Die Erzeugerpreise sind die Inflation von morgen.“ Sie würden erst in den nächsten Monaten wirksam, etwa die weiterhin hohen Ölpreise. Vermutlich werde die OPEC+ entscheiden, die hohen Preise zu nutzen und mehr zu fördern, um Angebot zu vergrößern. „Das würde fallende Preise nach sich ziehen – je nachdem, wie stark die Hähne aufgedreht werden.“ Das Ende des Lockdowns in Shanghai und weitere Lockerungen in China könnten zudem mehr Nachfrage mit sich bringen. In Asien sei auch die geopolitische Lage weniger angespannt als in Europa derzeit.

Steigende Kurse in China

Vorhauser bewertet vor allem die Anzeichen einer wirtschaftlichen Erholung Chinas positiv: Nachdem in Shanghai der Lockdown beendet wurde, stiegen Chinas Einkaufsmanagerindizes sowohl bei Dienstleistungen wie in der Industrie. „Damit setzt sich die positive Tendenz vom Mai fort“, erklärt Vorhauser. „Beide Werte liegen über 50, das bedeutet eine wirtschaftliche Expansion.“

Anleger*innen würden diese Entwicklung wohlwollend aufnehmen. So zeigen sich positive Signale an chinesischen Börsen. Der CSI 300 stieg in einem Monat um gut 11 Prozent. Vor allem der Tech-Sektor erhole sich. „An Aktien wie Baidoo lässt sich der Optimismus ablesen“, fasst Vorhauser zusammen. Die ADRs sind von gut 100 US-Dollar im Mai auf 150 US-Dollar gestiegen. Auch bei Automobilwerten habe die Erholung eingesetzt. Geely-Aktien haben im Juni fast 20 Prozent zugelegt.

Einige US-Aktien ebenfalls stabiler

Nach dem Einbruch über die vergangenen Monate setze auch in den USA eine selektive Erholung ein, berichtet Vorhauser. So hat Amazon seit Jahresbeginn 35 Prozent verloren, im zu Ende gehenden Monat findet hier allmählich eine Bodenbildung statt. Amazon hatte zu Monatsbeginn einen Aktiensplit im Verhältnis 1 zu 20 umgesetzt. Solche Kursteilungen gelten an der Börse als Kurstreiber, weil eine optisch günstigere Aktie auch Kleinanleger*innen den Kauf des Papiers ermöglicht.

Nach Einschätzung von Richter trennt sich jetzt die Spreu vom Weizen bei Aktien. Netflix hat 35 Prozent verloren. Value-Aktien aus dem Technologiesektor wie IBM liefen hingegen besser. „Unternehmen, die positiven Cashflow generieren, sind wieder gefragter“, kommentiert Richter die Lage am US-Markt.

„Rückgänge muss man aushalten und langfristig investiert bleiben“, erinnert Richter. Langfristig ist er optimistisch für den Aktienmarkt. Vor allem jüngere Leute sollten das Niveau zum Einstieg langfristig nutzen. „Derzeit haben wir ein Anlagedilemma, denn in keiner Asset-Klasse lässt sich die Inflation ausgleichen.“

von: Antje Erhard, 30. Juni 2022, © Deutsche Börse AG



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