Analystenlob, Kursfrust: Warum der Markt vier Kaufempfehlungen ignoriert

Trotz zahlreicher Kaufempfehlungen und angehobener Kursziele bleiben die Aktienkurse von Bayer, K+S und Thyssenkrupp hinter den Erwartungen zurück.

Eduard Altmann ·
Thyssenkrupp Aktie

Kurz zusammengefasst

  • Vier Banken erhöhen Bayer-Kursziele
  • K+S trotz Hochstufung im Minus
  • TKMS-Kursziel von Bernstein angehoben
  • Ölpreis fällt, Gold steigt

Liebe Börsianerinnen und Börsianer,

vier Banken heben ihr Kursziel für Bayer an, die DZ Bank stuft K+S hoch, Bernstein traut TKMS 25 Prozent mehr zu – und die Kurse? Zucken kaum, einer fällt sogar weiter. Diese Woche zeigt so deutlich wie selten, dass Analystenmeinung und Marktrealität auseinanderdriften. Wer verstehen will, wo echte Substanz steckt und wo nur Hoffnung, muss heute genauer hinschauen als sonst.

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Thyssenkrupp: Die Stahlsparte liefert, der Cashflow enttäuscht

Thyssenkrupp steigerte im dritten Quartal des Geschäftsjahres 2025/26 den Umsatz um 8 Prozent auf 8,8 Milliarden Euro, das bereinigte EBIT kletterte um 18 Prozent auf 183 Millionen Euro. Die Marge blieb mit 2,1 Prozent trotzdem unter dem Analystenkonsens von 2,4 Prozent – ein Detail, das zeigt, wie knapp die Erwartungen inzwischen kalkuliert sind. Immerhin: Das Nettoergebnis erreichte die schwarze Null, nach einem Verlust von 278 Millionen Euro im Vorjahr. Besonders bemerkenswert ist die Kostendisziplin im Stahlgeschäft Steel Europe: Das Jahresziel von 350 bis 400 Millionen Euro Ergebnis war nach neun Monaten mit 373 Millionen Euro schon fast erreicht. Für das Gesamtjahr rechnet der Konzern weiter mit einem bereinigten EBIT von 600 bis 900 Millionen Euro – bei einem Nettoverlust von bis zu 700 Millionen Euro. Die Aktie markierte mit 13,46 Euro ihren höchsten Stand seit 2018, bevor sie sich knapp darunter einpendelte.

Spannender ist der Blick auf die Tochter TKMS, die Marinesparte: Bernstein Research bestätigt „Outperform“ und hebt das Kursziel auf 125 Euro an, während der Titel bei rund 100 Euro notiert – ein Fünftel Luft nach oben aus Analystensicht. Für die Mutter Thyssenkrupp sieht JPMorgan das komplette Gegenteil: „Neutral“, Kursziel 12,80 Euro. Bemerkenswert dabei: Der Kurs ist der skeptischen Bank längst davongelaufen, er liegt inzwischen rund 8,5 Prozent über diesem Zielwert. JPMorgan begründet die Zurückhaltung mit einer Barmittelentwicklung, die die eigenen Erwartungen verfehlt hat. Die Botschaft ist unmissverständlich: Der Rüstungsboom trägt den Konzern, doch die Kernsubstanz von Thyssenkrupp bleibt aus Analystensicht fragil – und der Markt preist derzeit mehr Optimismus ein, als selbst die Bank rechtfertigen will.

Bayer: Vier Banken sehen 60 Euro, der Markt sieht 48

Gleich vier Banken haben ihre Kursziele für Bayer in dieser Woche auf eine Spanne von 60 bis 63,50 Euro angehoben. Die Aktie selbst notiert bei rund 48 Euro – zwischen aktuellem Kurs und den optimistischsten Zielmarken liegt eine Lücke von mehr als 25 Prozent. Seit Jahresbeginn hat der Titel bereits rund 30 Prozent zugelegt, ist vom Julihoch aber wieder etwas zurückgekommen. Diese Diskrepanz ist kein Einzelfall, sondern ein Muster, das sich diese Woche bei mehreren Industrie- und Chemiewerten zeigt: Die operative Substanz wird anerkannt, doch der Markt bleibt vorsichtig, solange die bekannten Rechtsrisiken bei Bayer nicht ausgeräumt sind. Kursziele sind eben kein Termin, sondern eine Wette auf den Tag, an dem Unsicherheit verschwindet.

K+S: Hochgestuft und trotzdem im Abwärtstrend

Die DZ Bank hat K+S auf „Kaufen“ hochgestuft und den fairen Wert auf 16,75 Euro angehoben. Die Aktie ließ sich davon nicht beeindrucken und notierte am Nachmittag klar unter ihrem Vortagesniveau von 14,99 Euro. Das ist bereits die dritte Geschichte des Tages, in der Analystenoptimismus und Kursrealität auseinanderlaufen. Bei einem Kalikonzern, der wie die meisten Rohstoffwerte stark am Zyklus hängt, ist das kein Zufall: Die eigentliche Frage ist nicht, ob K+S operativ günstig bewertet ist, sondern ob die aktuelle Kali-Preisbasis überhaupt hält.

Öl gibt nach, Gold zieht an – die Absicherung ist längst gelaufen

Die Internationale Energieagentur hat ihre Nachfrageprognose für 2026 weiter nach unten korrigiert: Der Rückgang soll nun 1,6 Millionen Barrel pro Tag erreichen, 510.000 Barrel mehr als noch im Vormonat geschätzt. Grund sind die anhaltende Sperrung der Straße von Hormus – über die ich gestern berichtete – und die gestiegenen Kraftstoffpreise. Die weltweiten Öllagerbestände brachen im Juli um 69 Millionen Barrel ein, für 2027 erwartet die Agentur dagegen wieder ein Nachfragewachstum von 2,4 Millionen Barrel täglich. Trotz dieser angespannten Angebotslage gaben Brent und WTI zuletzt um rund 2 Prozent nach, auf knapp 87 beziehungsweise 81 Dollar – Gewinnmitnahmen nach den jüngsten Anstiegen überlagern kurzfristig die geopolitische Risikoprämie. Gold dagegen kletterte zeitweise über 4.400 Dollar je Feinunze, nachdem der Preis zu Jahresbeginn noch bei 4.000 Dollar lag. Diese Kombination aus fallendem Öl und steigendem Gold ist keine Entwarnung. Sie zeigt, dass Anleger ihre Absicherung über den sicheren Hafen bereits vorgezogen haben, während der Spotmarkt kurzfristig anders tickt.

Adyen und Moeller-Maersk: Wenn Infrastruktur die alte Ökonomie rettet

Während deutsche Industriewerte um Analystenvertrauen kämpfen, liefert die europäische Berichtssaison an anderer Stelle einen Kontrapunkt. Adyen sprang nach einem Gewinnanstieg und einer angehobenen Umsatzprognose kräftig nach oben, Moeller-Maersk zog nach einer erhöhten Jahresprognose ebenfalls deutlich an. Zahlungsabwicklung und globale Logistik funktionieren beide wie Infrastruktur: hohe Skalierbarkeit, wiederkehrende Erträge, Preissetzungsmacht. Genau diese Cashflow-Stärke ist gefragt in einem Umfeld, in dem die deutschen Ausrüstungsinvestitionen laut aktuellen Konjunkturdaten noch immer auf dem Niveau von 2013 verharren und die Zahl der Unternehmensinsolvenzen im ersten Halbjahr auf rund 12.900 gestiegen ist – der höchste Stand seit 2013. Der Kontrast könnte kaum deutlicher sein: Während europäische Infrastrukturgeschäfte mit Zahlen überzeugen, kämpft die deutsche Industrie mit Investitionszurückhaltung und steigenden Pleiten.

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Während Adyen und Moeller-Maersk vorführen, wie profitabel europäische Infrastrukturgeschäfte gerade sind, deutet sich für den gesamten Kontinent ein größerer Wandel an. Ein Report analysiert, warum Europa nach Jahren im Schatten der USA vor einem historischen Aufschwung stehen könnte, wohin dabei die Kapitalflüsse gehen und welche Zukunftsbranchen davon profitieren. Analyse jetzt abrufen

Unterm Strich

Dieser Donnerstag zeigt, dass Rekordstände an den Indizes die Unterschiede zwischen Einzelwerten nicht einebnen, sondern sichtbarer machen. Wer auf Analystenkursziele setzt, findet bei Bayer, K+S und Thyssenkrupp reichlich Rechtfertigung – muss aber aushalten, dass der Markt diesen Optimismus derzeit nicht teilt, und bei Thyssenkrupp sogar das Gegenteil: Dort läuft der Kurs der skeptischen Einschätzung bereits voraus. Wer stattdessen auf nachweisbare Cashflow-Stärke setzt, findet sie eher bei Adyen, Moeller-Maersk und der Rüstungssparte TKMS. Die kommenden Handelstage werden zeigen, welche dieser beiden Wetten die Oberhand gewinnt – Kursziel-Optimismus oder Kursrealität.

Beste Grüße,

Ihr Eduard Altmann

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