Andritz am Allzeithoch, ABB verdoppelt sich — Heidelberger Druck wagt den Defense-Schwenk
Elektrifizierung und Automatisierung treiben Siemens, ABB und Andritz auf neue Höhen, während Lufthansa unter Kerosinkosten leidet.

Kurz zusammengefasst
- Siemens kündigt Milliarden-Rückkaufprogramm an
- ABB mit 46 Prozent Kursplus seit Jahresstart
- Andritz meldet Rekord-Auftragseingang von 3,6 Milliarden
- Heidelberger Druck wagt Einstieg ins Defense-Geschäft
Rekord-Aufträge bei Andritz, ein milliardenschweres Rückkaufprogramm bei Siemens und explodierende Kerosinkosten bei Lufthansa: Der Industriesektor spaltet sich im Mai 2026 entlang einer klaren Trennlinie. Wer von Elektrifizierung und Automatisierung profitiert, läuft auf neue Hochs. Wer geopolitischen Gegenwind abbekommt, kämpft um die Marge.
Fünf Titel, fünf grundverschiedene Geschichten — vom Rekord-Quartal bis zur Prognosekorrektur.
Siemens: Neues Rückkaufprogramm befeuert Allzeithoch-Jagd
Am Pfingstmontag zog die Siemens-Aktie kräftig an und kratzte bei 276,15 Euro erneut am 52-Wochen-Hoch. Die Dynamik hat einen klaren Ursprung: Mitte Mai präsentierte der Konzern starke Quartalszahlen, die den Markt überzeugten.
Auf Segmentebene zogen Digital Industries und Smart Infrastructure das Wachstum. Smart Infrastructure verzeichnete zweistellige Zuwächse in den meisten Geschäftsbereichen, Digital Industries glänzte mit einer Marge zwischen 17 und 19 Prozent. Für beide Sparten hob das Management die Jahresziele an — ein Signal, das Analysten aufhorchen ließ.
Parallel kündigte Siemens ein Aktienrückkaufprogramm von bis zu sechs Milliarden Euro an, verteilt auf fünf Jahre. Die Managementguidance für das Geschäftsjahr 2026 bestätigt ein vergleichbares Umsatzwachstum von 6 bis 8 Prozent und ein EPS pre PPA zwischen 10,70 und 11,10 Euro.
Goldman Sachs reagierte prompt und hob das Kursziel auf 290 Euro an. Die Spannbreite unter den Analysten ist allerdings bemerkenswert: JPMorgan sieht 335 Euro, HSBC lediglich 210 Euro. Sechs Häuser empfehlen den Kauf, zwei raten zum Halten, zwei zum Verkauf. Bei einem aktuellen Kurs von 275,00 Euro und einem Forward-KGV von rund 24 preist der Markt viel Wachstum bereits ein.
ABB: Mit 46 Prozent Jahresplus an der Sektorspitze
Kein anderer Titel im Industriesektor kann ABB in puncto Kursperformance das Wasser reichen. Seit Jahresbeginn legte die Aktie um gut 46 Prozent zu, auf Zwölfmonatssicht sind es über 80 Prozent. Die Marktkapitalisierung hat die Marke von 149 Milliarden Euro durchbrochen.
Der Treiber hinter dieser Rally: Elektrifizierung und Automatisierung. Im ersten Quartal 2026 stiegen Umsatz und Auftragseingang spürbar gegenüber dem Vorjahr. Besonders die Segmente Elektrifizierung und Motion profitierten von anhaltend hoher Nachfrage. Die operative Marge auf EBITA-Ebene konnte leicht verbessert werden — gestützt durch Preisdisziplin und einen wachsenden Anteil an Service- und Softwareerlösen.
Für das Gesamtjahr erwartet ABB nun ein vergleichbares Umsatzwachstum im hohen einstelligen bis niedrigen zweistelligen Bereich. Das Book-to-Bill-Verhältnis soll positiv bleiben. Bei einem KGV von rund 30 und einem KGVe von 24 für 2026 zahlen Anleger einen saftigen Aufpreis — den die Wachstumsdynamik bislang aber rechtfertigt. Der nächste Quartalsbericht folgt am 16. Juli.
Andritz: Rekord-Auftragseingang katapultiert Aktie ans Limit
Nur wenige Zentimeter fehlten dem österreichischen Anlagenbauer am Montag zum neuen Allzeithoch. Bei 77,90 Euro markierte Andritz den Höchststand der letzten 52 Wochen. Seit Jahresbeginn hat die Aktie gut 15 Prozent zugelegt, der RSI liegt bei 87 — ein klares Zeichen für die Euphorie im Markt.
Befeuert wird der Höhenflug durch einen Rekord-Auftragseingang von rund 3,6 Milliarden Euro im ersten Quartal. CEO Joachim Schönbeck sprach trotz geopolitischer Spannungen von einem „sehr guten Quartal“. Die Treiber:
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- Hydropower mit einem außerordentlich starken Quartal
- Pulp & Paper als verlässliche Wachstumssäule
- Umwelttechnik mit zunehmender Dynamik
- Metals als Sorgenkind — belastet durch die Schwäche im Automobilsektor
Für 2026 plant das Management mit einem Umsatz von 8,0 bis 8,3 Milliarden Euro und einer EBITA-Marge zwischen 8,7 und 9,1 Prozent. Die Wiener Privatbank bestätigte ihre Kaufempfehlung und hob das Kursziel deutlich auf 84,60 Euro an. Von acht Analysten empfehlen 83 Prozent den Kauf. Das langfristige Umsatzziel von zehn Milliarden Euro bleibt bestehen — und rückt angesichts der vollen Auftragsbücher näher.
Lufthansa: Kerosin-Milliardenlast drückt auf ambitionierte Pläne
Ganz anders das Bild bei der Lufthansa. Der Iran-Konflikt hat die Kerosinpreise in eine Region getrieben, die den gesamten Turnaround-Plan des Konzerns unter Druck setzt. Für 2026 rechnet der Markt mit Treibstoff-Mehrkosten von bis zu 1,7 Milliarden Euro.
Vorstandschef Carsten Spohr reagiert mit einer Doppelstrategie: höhere Ticketpreise und eine Umleitung von 1.600 Flügen in europäische Urlaubsregionen, weg von den betroffenen Nahost-Routen. Gleichzeitig baut der Konzern die Kapazitäten nach Asien und Afrika aus. Finanzchef Till Streichert dämpfte dennoch die Erwartungen — das Ergebnis werde „vermutlich geringer ausfallen als ursprünglich gedacht“.
Zusätzlich überschatteten Streikwellen von Piloten und Kabinenpersonal den 100-Jahr-Festakt des Konzerns. In Frankfurt und München fielen hunderte Flüge aus, eine Schlichtung scheiterte bislang. JPMorgan senkte in der Folge das Kursziel.
Die Aktie notiert bei 8,08 Euro — seit Jahresbeginn ein Minus von gut 5 Prozent, trotz einer kräftigen Erholung im vergangenen Monat. Kepler Capital sieht mit einem Ziel von 10 Euro noch Potenzial, die Deutsche Bank hält mit 7 Euro dagegen. Bei einem KGV von 6 bleibt Lufthansa ein typischer Value-Kandidat — allerdings einer mit erheblichen operativen Risiken.
Heidelberger Druckmaschinen: Defense-Pivot als neue Hoffnung
Der überraschendste Kurssprung des Tages kam ausgerechnet vom Sorgenkind der Branche. Heidelberger Druckmaschinen legte am Montag über 5 Prozent zu — und das bei einer Marktkapitalisierung von gerade einmal 436 Millionen Euro.
Für Fantasie sorgt der Einstieg ins Verteidigungsgeschäft. Über die Tochter HD Advanced Technologies baut das Unternehmen ein zweites Standbein auf, das kurzfristig allerdings die Marge belastet. Im April senkte Heidelberg die Prognose für die bereinigte EBITDA-Marge auf rund 6,6 Prozent — nach 7,1 Prozent im Vorjahr.
Die Ursachen dafür sind vielschichtig: vorgezogene Anlaufkosten für das Defense-Geschäft, eine durch den Iran-Konflikt abrupt geschwächte Investitionsbereitschaft der Kunden und ein ungünstiger Produktmix. Immerhin: Das Umsatzziel dürfte währungsbereinigt erreicht werden.
Warburg Research senkte das Kursziel auf 1,40 Euro bei einer „Hold“-Einstufung. Das durchschnittliche Analystenziel liegt bei 1,64 Euro. Am 10. Juni veröffentlicht Heidelberg seine endgültigen Jahreszahlen — dann wird sich zeigen, wie stark der Defense-Bereich bereits in die Gewinn- und Verlustrechnung durchschlägt.
Zweigeteilter Sektor mit klarer Trennlinie
Die Kluft im Industriesektor verläuft entlang einer einfachen Frage: Profitiert ein Unternehmen von den großen Strukturtrends — oder wird es von geopolitischen Schocks getroffen?
- Gewinner: ABB (+46 % YTD), Andritz (+16 % YTD) und Siemens (+14 % YTD) surfen auf Elektrifizierung, Automatisierung und vollen Auftragsbüchern
- Unter Druck: Lufthansa (-5 % YTD) kämpft mit Kerosinkosten und Streiks
- Im Umbruch: Heidelberger Druckmaschinen setzt auf einen riskanten, aber potenziell lukrativen Strategieschwenk
Für das zweite Halbjahr werden drei Faktoren entscheidend sein. Eine Deeskalation im Nahen Osten würde Lufthansa und indirekt auch Heidelberg spürbar entlasten. Der Automatisierungszyklus bei ABB, Siemens und Andritz zeigt bislang keine Ermüdungserscheinungen. Und Heidelbergs Jahreszahlen am 10. Juni liefern den nächsten großen Impuls für den Maschinenbau-Wert — in beide Richtungen.
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