Interviewmit Eduard Altmann

Anthropic: An der Preisschraube hängen zwei Billionen Dollar

Eduard Altmann bezweifelt, dass Anthropic die für zwei Billionen Dollar nötige dauerhafte Preismacht bereits nachweisen kann.

Eduard Altmann ·
Interview mit Eduard Altmann über Anthropic
Im Bild: Eduard Altmann

Kurz zusammengefasst

  • Haiku 5.5 kostet deutlich weniger
  • Inferenzmargen stiegen auf 70 Prozent
  • Broadcom-Kreditlinie bis zu 42 Milliarden Dollar
  • Altmann sieht Bewertungsrisiken bei zwei Billionen

Vor dem geplanten Börsengang soll Anthropic am 14. Oktober institutionellen Investoren Rede und Antwort stehen; Medienberichte nennen eine mögliche Bewertung von rund zwei Billionen Dollar. Zugleich bietet das Unternehmen sein neues Modell Haiku 5.5 erheblich günstiger an als den Vorgänger. Wie diese Preisentscheidung zur Bewertung passt, bespricht die Redaktion mit Eduard Altmann.

Stock World Redaktion: Anthropic setzt den Preis für Haiku 5.5 deutlich unter den des Vorgängers. Ist das der Beginn eines Preiskampfs, den das Unternehmen selbst am teuersten bezahlt?

Eduard Altmann: Im schlechten Fall ja. Der Preisnachlass setzt die Rechnung unter Druck. Wenn Konkurrenten mithalten und Kunden bei besseren Modellen wechseln, muss Anthropic weiter investieren, ohne den Aufwand zuverlässig über Preise hereinzuholen. Die Kreditlinie für den Ausbau der Infrastruktur verschafft Luft, macht schwache Nachfrage aber nicht billig.

Stock World Redaktion: Sie sagen: „Der Preisnachlass setzt die Rechnung unter Druck.“ Laut SemiAnalysis haben sich Anthropics Inferenzmargen innerhalb eines Jahres deutlich verbessert. Übersehen Sie die eigenen Kostenvorteile?

Eduard Altmann: Die Annahme, sinkende Kosten sicherten Anthropic auch die Verkaufspreise, trägt nicht. Laut SemiAnalysis stiegen die Inferenzmargen von 38 auf 70 Prozent; das ist eine beachtliche eigene Leistung. Wie viel davon beim Unternehmen bleibt, hängt jedoch auch vom Wettbewerb ab. Geschäftskunden können Modelle vergleichen und wechseln. Diesen Teil der Rechnung entscheidet Anthropic nicht allein.

Stock World Redaktion: Broadcom stellt Anthropic eine Kreditlinie von bis zu 42 Milliarden Dollar für die Infrastruktur bereit. Wie teuer wird ein Irrtum über die künftige Nachfrage?

Eduard Altmann: Sehr teuer. Wenn die Kunden weggehen, bleiben die Rechnungen. Deshalb überzeugt mich ein großes Versprechen über künftige Nachfrage noch lange nicht.

Stock World Redaktion: Medienberichte nennen für den Börsengang rund zwei Billionen Dollar, die letzte private Bewertung lag bei 965 Milliarden Dollar. Was trägt diese höhere Bewertung aus Ihrer Sicht?

Eduard Altmann: Anthropic hat Substanz: Die Stellung bei Unternehmensanwendungen ist stark, und die Einbindung von Claude in Arbeitsabläufe kann Kunden halten. Bei zwei Billionen Dollar verlangt die Bewertung allerdings dauerhafte Preismacht. Gerade die muss Anthropic erst belegen. Ich gewichte das Verlustrisiko höher, weil schon ein guter Anbieter für diesen Anspruch zu wenig verdienen kann.

Stock World Redaktion: Was müsste passieren, damit Sie Ihren Einwand gegen die Bewertung zurückziehen?

Eduard Altmann: Ich würde früh auf die Vertragsverlängerungen der großen Geschäftskunden schauen. Bleiben sie über mehrere Modellgenerationen hinweg zu stabilen Preisen bei Claude, hätte ich ihre Bereitschaft zum Wechsel überschätzt. Daran könnte meine These kippen.

Stock World Redaktion: Sie sagen, zwei Billionen Dollar verlangten dauerhafte Preismacht. Welches Urteil folgt daraus für den Börsengang?

Eduard Altmann: Das Geschäft verdient Aufmerksamkeit. Die genannte Bewertung verdient Skepsis. Anthropics Stärke bei Geschäftskunden ist belegt; dauerhafte Preismacht angesichts günstigerer Modelle und wechselbereiter Kunden noch nicht. Für mich liegt die größere Gefahr darin, eine heutige Führungsposition wie eine dauerhafte Ertragsgarantie zu bezahlen.

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