ASML: 60 Milliarden Euro Marktkapitalisierung verloren
Chinesische DUV-Eigenproduktion und CXMT-Börsengang belasten ASML-Aktie stark. Analysten sehen teils Überreaktion, aber wachsende Risiken für das China-Geschäft.

Kurz zusammengefasst
- Serienfertigung chinesischer DUV-Maschinen angelaufen
- Asml-Aktie verliert über 14 Prozent in einer Woche
- CXMT-Börsengang sammelt Milliarden ein
- Analysten uneins über Ausmaß der Bedrohung
Ein chinesischer Staatskonzern hat nach übereinstimmenden Medienberichten mit der Serienproduktion eigener DUV-Lithografiemaschinen begonnen – und schickt damit den europäischen Technologiewert ASML in eine der turbulentesten Handelswochen der jüngeren Vergangenheit. Die Aktie des niederländischen Chipausrüsters schloss am Mittwoch bei 1.355,00 Euro, nachdem sie binnen sieben Handelstagen 14,36 Prozent verloren hatte. Der Titel notiert damit klar unter seinem gleitenden 50-Tage-Durchschnitt von 1.535,53 Euro – ein Abstand von fast zwölf Prozent, der die Nervosität der vergangenen Tage unterstreicht.
Shanghai Aishengna als neuer Unruheherd
Auslöser der Verkaufswelle ist die Shanghai Aishengna Electronic Technology Group, ein 2023 gegründetes Staatsunternehmen mit rund einer Milliarde US-Dollar Kapital, das nach Reuters-Angaben vom 28. Juli mit der Fertigung von immersiven DUV-Lithografiesystemen begonnen hat. Für 2026 sind fünf Maschinen geplant, für 2027 bereits zwanzig – Abnehmer sollen die chinesischen Chiphersteller SMIC, Hua Hong und CXMT sein. ASML selbst lieferte 2025 noch 131 vergleichbare Systeme aus, China steuerte im ersten Halbjahr 2026 rund 16 Prozent der Netto-Systemumsätze bei. Die Nachricht schickte die ASML-Aktie zunächst um bis zu acht Prozent nach unten, binnen zwei Handelstagen büßte der Konzern nach Berechnungen mehrerer Medien mehr als 60 Milliarden Euro an Marktkapitalisierung ein.
Verschärft wurde der Ausverkauf durch den Börsengang des chinesischen Speicherchip-Herstellers CXMT, der am 27. Juli am STAR Market in Shanghai debütierte und dabei 57,92 Milliarden Yuan einsammelte – genug, um das Unternehmen zum wertvollsten börsennotierten Konzern auf dem chinesischen Festland zu machen. CXMT fertigt bislang 16-Nanometer-Speicherchips und liegt damit nach Einschätzungen aus dem Umfeld der Branche zwei bis drei Jahre hinter südkoreanischen Herstellern zurück – kann nach Einschätzung des Marktforschers Nomura seinen Marktanteil bei DRAM-Speichern aber bis 2028 auf 18 Prozent steigern.
Analysten sehen Überreaktion, mahnen aber zur Vorsicht
Die Analysten von JPMorgan ordnen den chinesischen Fortschritt als noch nicht bedrohlich ein: Ein paar Maschinen zu produzieren sei nicht dasselbe wie Massenfertigung im großen Stil, kommentierte das Haus – sieht aber dennoch ein steigendes langfristiges Risiko für ASMLs China-Geschäft, das derzeit rund 20 Prozent des Jahresumsatzes beziehungsweise etwa neun Milliarden Euro ausmacht. Die Analysten von Bank of America bezeichneten den Kursrutsch dagegen als Überreaktion und sehen bis zu 70 Prozent Aufwärtspotenzial für die Aktie. Medienberichten zufolge liegt der durchschnittliche Analystenkonsens für ASML weiterhin bei Strong Buy.
Belastend wirkt zusätzlich eine drohende US-Gesetzesinitiative, der sogenannte MATCH Act, der den Export und die Wartung bestehender DUV-Anlagen in China weiter einschränken könnte. Chinesische Kunden dürften laut Marktbeobachtern trotz eigener Fortschritte vorerst auf ASML-Technologie angewiesen bleiben, da die heimischen Maschinen nach Einschätzung von Bloomberg Intelligence noch sieben bis zehn Jahre hinter dem europäischen Marktführer liegen.
Fundamentaldaten stützen, Stimmung bleibt fragil
Operativ zeigte sich ASML zuletzt robust: Im zweiten Quartal erzielte der Konzern einen Umsatz von 10,64 Milliarden Dollar bei einem Gewinn je Aktie von 8,65 Dollar und hatte die Jahresprognose für 2026 zuvor angehoben. Für das Gesamtjahr 2025 hatte das Unternehmen einen Rekordumsatz von 32,7 Milliarden Euro und einen Nettogewinn von 9,6 Milliarden Euro ausgewiesen.
Die Kursreaktion der vergangenen Woche steht damit in deutlichem Kontrast zur operativen Entwicklung. Auf Jahressicht liegt die Aktie trotz des jüngsten Rückschlags noch immer 47,04 Prozent im Plus, verglichen mit dem Schlusskurs vor rund zwölf Monaten sogar 114,36 Prozent höher. Der technische Indikator RSI notiert bei 34,5 und signalisiert damit eine überverkaufte Marktlage – ein Hinweis darauf, dass die China-Sorgen die Bewertung kurzfristig stärker drücken, als es die fundamentalen Kennzahlen nahelegen. Ob sich der Rücksetzer als Kaufgelegenheit oder als Vorbote struktureller Risiken erweist, dürfte maßgeblich davon abhängen, wie schnell chinesische Hersteller tatsächlich verlässliche Stückzahlen liefern können.
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