BASF, OHB, Nordmetall: Wo der Ölpreisverfall wirklich ankommt
Der fallende Ölpreis verändert Kostenstrukturen in der deutschen Industrie. BASF kauft Aktien zurück, OHB plant Kapitalerhöhung, Nordmetall meldet sinkende Auslastung.

Kurz zusammengefasst
- BASF setzt Aktienrückkauf fort
- EZB erhöht Leitzinsen
- Nordmetall-Umfrage zeigt sinkende Auslastung
- OHB plant Kapitalerhöhung über 500 Mio. Euro
Liebe Leserinnen und Leser,
alle reden über den Iran-Deal. Die Börsen in Tokio und Seoul feierten am Montag mit Aufschlägen von fünf und sechs Prozent, DAX und CAC legten rund anderthalb Prozent zu, und Luftfahrtaktien schossen nach oben. Doch die interessantere Frage stellt kaum jemand: Was passiert mit den Unternehmen, deren Kostenstruktur sich gerade um Milliarden verschiebt — ohne dass es jemand auf dem Kurszettel sieht?
Brent ist seit dem April-Hoch von über 110 Dollar auf rund 83 bis 84 Dollar gefallen. Das sind knapp 25 Prozent weniger für jeden Barrel, den ein Chemiekonzern als Rohstoff einkauft, den ein Maschinenbauer in seiner Energierechnung verbucht, den eine Spedition vertankt. Und die Straße von Hormus ist noch nicht einmal vollständig geöffnet. Am Freitag soll das Rahmenabkommen in der Schweiz unterzeichnet werden. Wenn das gelingt, ist bei Brent technisch Luft bis 80 Dollar.
Die offensichtlichen Gewinner — Fluggesellschaften, Kreuzfahrtanbieter — haben den Ölpreisrückgang längst eingepreist. Die weniger offensichtlichen noch nicht.
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BASF kauft sich selbst — und die Rechnung stimmt
BASF hat in der Woche vom 8. bis 12. Juni weitere 235.000 eigene Aktien zurückgekauft, zu Durchschnittskursen von knapp 48,90 Euro. Seit Programmstart im November 2025 summiert sich das Volumen auf rund 30,8 Millionen Aktien. Das Management kauft also konsequent weiter — auf einem Kursniveau, das die Rezessionsangst der vergangenen Monate widerspiegelt, nicht die veränderte Kostenlage.
Denn genau hier liegt der Punkt: Energie gehört bei BASF zu den größten Einzelposten. Ein Brent-Preis, der 25 Prozent unter dem Frühjahrshoch liegt, verändert die Margenrechnung erheblich — und das, bevor die volle Normalisierung der Hormus-Route überhaupt eingepreist ist. Technische Analysten sehen die nächsten Unterstützungen bei rund 82 und 80 Dollar. Für die gesamte europäische Chemiebranche gilt: Die Inputkosten fallen, während die Aktienkurse noch das alte Szenario abbilden. Wer auf Margenexpansion setzen will, muss vor den Quartalszahlen handeln, nicht danach.
Die EZB hat erhöht — aber der nächste Schritt wird schwieriger
Am 11. Juni hat die EZB die Leitzinsen angehoben, nach sieben Sitzungen ohne Veränderung. Präsidentin Lagarde begründete den Schritt mit dem anhaltenden Inflationsdruck durch hohe Energiepreise und den Nahost-Konflikt.
Doch genau dieser Druck lässt jetzt nach. Über die Straße von Hormus fließen täglich rund 20 Millionen Barrel — ein Fünftel der weltweiten Öl- und Gaslieferungen. Wenn diese Route wieder vollständig offen ist, fällt ein wesentlicher Inflationstreiber weg. Für Anleger heißt das: Der Zinspfad in Europa dürfte flacher verlaufen als noch vor zwei Wochen befürchtet. Anleihen mit mittlerer Laufzeit werden damit attraktiver. Und zinssensitive Sektoren — Immobilien, Versorger — könnten eine erste Erholung vorwegnehmen, bevor die EZB offiziell umschwenkt.
Nordmetall-Umfrage: Das vierte Krisenjahr der deutschen Industrie
Während die Börsen feiern, liefert der Arbeitgeberverband Nordmetall ernüchternde Zahlen. Die Auslastung der norddeutschen Metall- und Elektroindustrie ist auf 81,4 Prozent gesunken — der tiefste Stand seit der Corona-Pandemie. In Niedersachsen liegt sie bei nur 77,1 Prozent; einzig Bremen sticht mit 91,4 Prozent heraus. Befragt wurden 152 Betriebe mit 106.400 Beschäftigten.
Die Zahlen dahinter sind noch beunruhigender: 41 Prozent der Firmen können Kostensteigerungen bei Energie, Material und Arbeit nicht mehr weitergeben. 36 Prozent klagen über zu wenig Aufträge. Und jeder vierte Betrieb plant eine Produktionsverlagerung ins Ausland — ein neuer Höchstwert. Der Iran-Deal lindert den Energiekostendruck, keine Frage. Aber er löst nicht das strukturelle Problem: fehlende Investitionsanreize, zu hohe Arbeitskosten, zu wenig politische Verlässlichkeit. Wer MDAX-Maschinenbauer kaufen will, sollte zwischen zyklischer Erholung und strukturellem Niedergang unterscheiden können. Das eine macht kurzfristig Geld, das andere vernichtet es langfristig.
OHB sammelt 500 Millionen Euro ein — Europas Raumfahrt wird erwachsen
Der Bremer Raumfahrtkonzern OHB plant eine Kapitalerhöhung über rund 500 Millionen Euro brutto. Das Geld soll in die Industrialisierung der Produktion, in Trägerraketen und Zukunftsprogramme fließen. Europa will unabhängige Raumfahrtkapazitäten aufbauen, und OHB positioniert sich als einer der zentralen Auftragnehmer.
Kapitalerhöhungen verwässern bestehende Aktionäre kurzfristig. Aber 500 Millionen Euro sind kein Notkredit — sie sind eine Wachstumswette auf einen Markt, in dem die öffentlichen Budgets gerade massiv steigen. Im gleichen Segment bereitet AST SpaceMobile den Start der BlueBird-Satelliten 8, 9 und 10 vor; der Falcon-9-Start von Cape Canaveral ist für Mitte dieser Woche geplant. OHB bleibt die europäische Alternative zu den amerikanischen Raumfahrt-Giganten — mit konkretem Auftragsumfeld und einem Bruchteil der Bewertung.
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Was diese Woche zählt
Am Freitag, dem 19. Juni, soll das Iran-Rahmenabkommen in der Schweiz unterzeichnet werden, vermittelt von Pakistan. Erste Schiffe passieren die Straße von Hormus bereits. Morgen erscheint das ZEW-Konjunkturbarometer für Juni — der erste Stimmungsindikator, der zeigen wird, ob die vorsichtige Zuversicht in der deutschen Wirtschaft Substanz hat oder nur Hoffnung bleibt.
Meine Einschätzung: Die Richtung stimmt. Fallende Energiepreise helfen der Chemie, entlasten die EZB und geben dem Konsum Luft. Aber die Nordmetall-Zahlen zeigen, dass billigeres Öl allein nicht reicht. Deutschland braucht Investitionen, nicht nur günstigere Rohstoffe. Wer das verwechselt, kauft die falsche Erholung.
Herzlichst,
Ihr Eduard Altmann
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