Bayer liefert den Gewinnsprung – reicht das gegen 2,3 Milliarden Cashflow-Minus?
Bayer übertrifft Erwartungen mit starkem EBITDA, kämpft aber weiter mit hohen Rechtskosten und negativem freien Cashflow.

Kurz zusammengefasst
- Bereinigtes EBITDA steigt um 9 Prozent
- Freier Cashflow bei minus 2,3 Milliarden Euro
- Agrarsparte treibt operatives Wachstum an
- Supreme Court Entscheidung zu Glyphosat erwartet
Liebe Leserinnen und Leser,
gestern schrieb ich, Anleger wollten Belege sehen, dass Bayers operative Trendwende mehr ist als eine Absichtserklärung. Heute Morgen um 7:30 Uhr kamen die Belege – und sie fielen deutlich besser aus als erwartet. Das bereinigte EBITDA stieg um 9 Prozent auf 4,45 Milliarden Euro, eine halbe Milliarde über dem Analystenkonsens. Die Aktie sprang am Dienstagmittag um 6,0 Prozent auf 39,29 Euro und war zeitweise der größte Gewinner im DAX. Doch wer nur auf den Gewinn schaut, übersieht die zweite Zahl, die Bayer-Aktionäre nicht ignorieren dürfen: minus 2,3 Milliarden Euro freier Cashflow. Die operative Wende ist da. Die finanzielle steht noch aus.
Bayer: Agrarsparte trägt, Pharma bremst, Klagen kosten
Der Nettogewinn verdoppelte sich nahezu auf 2,76 Milliarden Euro nach 1,30 Milliarden im Vorjahr. Der Umsatz erreichte 13,4 Milliarden Euro – währungsbereinigt ein Plus von rund 4 Prozent, nominal allerdings ein Rückgang von 2 Prozent.
Den Unterschied machte Crop Science. Die Agrarsparte steigerte ihren Umsatz um 7 Prozent, das Spartenergebnis legte um 18 Prozent zu. Drei Faktoren wirkten zusammen: starke Nachfrage nach Soja- und Maissaatgut, eine Preiserholung bei Dicamba und die Beilegung eines Lizenzstreits mit Corteva, die allein rund 450 Millionen Euro Umsatz beisteuerte. Consumer Health wuchs ebenfalls, während das Pharmageschäft unter den Patentabläufen bei Xarelto und Eylea um 7,5 Prozent schrumpfte.
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Doch der freie Cashflow von minus 2,3 Milliarden Euro zeigt, wohin das Geld fließt: PCB- und Glyphosat-bezogene Vergleichszahlungen von rund 2 Milliarden Euro fraßen den operativen Fortschritt auf. Gestern bestrafte der Markt GEA für einen negativen freien Barmittelfluss von 190 Millionen Euro mit fast 5 Prozent Kursverlust. Bei Bayer ist die Summe zwölfmal so groß – aber der Markt verzeiht sie, weil die Richtung bei den operativen Kennzahlen stimmt. Die Frage ist, wie lange diese Geduld hält.
Ausblick angehoben – Supreme Court entscheidet über den Rest
Bayer hob die unbereinigten Zielspannen für 2026 leicht an: Der erwartete Umsatz liegt nun bei 44,5 bis 46,5 Milliarden Euro statt zuvor 44 bis 46 Milliarden. Beim bereinigten EBITDA verschob sich die Spanne auf 9,4 bis 9,9 Milliarden Euro nach zuvor 9,1 bis 9,6 Milliarden. Das Core EPS im ersten Quartal betrug 2,71 Euro.
Die Analysten reagierten konstruktiv. Barclays stufte Bayer auf „Overweight“ mit Kursziel 48 Euro, JPMorgan bestätigte „Overweight“ bei 50 Euro – Analyst Richard Vosser erwartet durch nachlassenden Währungsgegenwind einen Anstieg der Markterwartungen um 2 bis 3 Prozent. Auch UBS bewertet die Aktie mit „Buy“.
Der eigentliche Hebel liegt aber nicht in Leverkusen, sondern in Washington. Im Glyphosat-Streit wird eine Entscheidung des Supreme Court bis Ende Juni erwartet. Konzernchef Bill Anderson warnte für den Fall einer Niederlage vor „regulatorischer Anarchie“, zeigte sich aber zuversichtlich. Parallel wurde ein Sammelvergleich über bis zu 7,25 Milliarden Dollar vorläufig genehmigt; die Frist für den Austritt läuft bis 4. Juni, die finale Anhörung ist für Juli angesetzt. Bis dahin bleibt Bayer ein Unternehmen, dessen operative Stärke von juristischen Risiken überlagert wird.
DAX unter Druck: Brent bei 107 Dollar, Inflation bei 2,9 Prozent
Während Bayer gegen den Strom schwamm, gab der Gesamtmarkt deutlich nach. Der DAX fiel am Dienstag zeitweise um 1,2 Prozent auf 24.055 Punkte, zur Mittagszeit notierte er bei rund 24.100 Zählern. Der MDAX verlor 0,6 bis 0,7 Prozent, der EuroStoxx 50 gab etwa 1 Prozent auf rund 5.835 Punkte ab.
Die Ursache ist bekannt, aber sie verschärft sich. US-Präsident Trump bezeichnete die Waffenruhe im Iran-Konflikt als auf „massive life support“. Die Ölpreise reagierten: Brent legte am Dienstag rund 3 Prozent auf etwa 107 Dollar zu, WTI stieg auf rund 101,57 Dollar. Das trifft eine Volkswirtschaft, die ohnehin unter Preisdruck steht. Destatis bestätigte die deutsche Verbraucherpreisinflation für April bei 2,9 Prozent. In den USA kletterten die Verbraucherpreise im April auf 3,8 Prozent nach 3,3 Prozent im März.
Auch die Anleihemärkte spiegeln den Druck wider. Zehnjährige Bundesanleihen rentierten am Dienstag 4 Basispunkte höher bei 3,08 Prozent. Britische Staatsanleihen stiegen um 8 Basispunkte auf 5,08 Prozent – zusätzlich belastet durch Spekulationen über eine mögliche Ablösung von Premier Keir Starmer.
ZEW überrascht positiv – aber die Industrie bleibt im Minus
Aus Deutschland kamen am Dienstag gemischte Konjunkturdaten. Der ZEW-Indikator für die Konjunkturerwartungen verbesserte sich im Mai unerwartet auf minus 10,2 Punkte nach minus 17,2 im Vormonat – Analysten hatten minus 19 erwartet. Gleichzeitig bleibt der Index den dritten Monat in Folge negativ. Die Lagebeurteilung verschlechterte sich um 4,1 Punkte auf minus 77,8.
ZEW-Präsident Achim Wambach nannte schwache Industrieproduktion, steigende Energiepreise und eine Inflation über 2 Prozent als Belastungsfaktoren. Hoffnung setzt er auf das zweite Halbjahr – vorausgesetzt, der Nahost-Konflikt entspannt sich und Konjunkturmaßnahmen greifen. Die Eurozone hellte sich leicht auf: Das Wirtschaftsvertrauen stieg um 11,3 Punkte auf minus 9,1.
Deutlich pessimistischer fällt die Einschätzung der vbw aus. Der bayerische Wirtschaftsverband rechnet damit, dass die Erholung 2026 komplett ausfällt. Präsident Wolfram Hatz sagte, die Wirtschaft komme nicht vom Fleck. Der Weißbierindex – das hauseigene Stimmungsbarometer – stieg zwar von 86 auf 87 Punkte, liegt aber weiter unter dem Normalniveau von 100. Die vbw fordert grundlegende Reformen der Bundesregierung innerhalb von drei Monaten.
Einzelwerte: Munich Re verliert trotz Gewinnsprung, Jenoptik überrascht
Neben Bayer sorgte Munich Re für die größte Bewegung im DAX – allerdings in die andere Richtung. Die Aktie verlor zeitweise mehr als 6 Prozent, obwohl der Nettogewinn im ersten Quartal auf 1,7 Milliarden Euro stieg, rund 50 Prozent mehr als im Vorjahr. Was den Markt störte: Der Versicherungsumsatz sank wegen Währungseffekten um fast 800 Millionen Euro auf 15 Milliarden Euro, und bei den Vertragserneuerungen im April gingen die Preise um 3 Prozent zurück. RBC stufte Munich Re mit „Sector Perform“ und Kursziel 560 Euro ein, Morningstar hob auf „Neutral“ mit Kursziel 480 Euro.
Im Nebenwertebereich stachen drei Namen heraus: Jenoptik legte um 10 bis 14 Prozent zu – der Auftragseingang war im ersten Quartal um 74 Prozent gestiegen. Ionos gewann bis zu 8,1 Prozent dank starker Nettoneukundenzahlen. Carl Zeiss Meditec stieg zeitweise um mehr als 10 Prozent; das Unternehmen kündigte ein Kostensenkungsprogramm von mehr als 200 Millionen Euro jährlich bis 2028/29 an, bis zu 1.000 Stellen könnten betroffen sein. Schwach notierten dagegen Elmos nach einer Aktienplatzierung sowie Medios wegen Preisrückgängen und steigender Kosten.
Was jetzt zählt
Bayer hat die erste Frage dieser Woche beantwortet: Die operative Trendwende ist real, nicht nur versprochen. Aber die zweite Frage – ob der Konzern aus operativer Stärke auch finanziellen Spielraum gewinnt – bleibt offen, solange Rechtskosten den Cashflow auffressen und der Supreme Court nicht entschieden hat. Der Markt gibt Bayer Kredit auf Bewährung. Ob die Bewährung hält, entscheidet sich bis Ende Juni in Washington.
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Parallel geht die Berichtssaison in ihre dichteste Phase: Am Mittwoch legen Allianz, Deutsche Telekom, Eon, Merck KGaA, RWE und Zurich Insurance Quartalszahlen vor. Wer gestern meinen Rat befolgt hat, die Ausblicke genauer zu lesen als die Gewinne, wird auch morgen gut beraten sein.
Herzlichst,
Ihr Eduard Altmann