BMW stürzt ab, Auto1 hebt ab — wo das Geld jetzt hinrotiert
BMW senkt Prognose drastisch, während Auto1 mit starken Margenzielen überzeugt. Analysten sehen einen Trend weg von der Industrie hin zu Plattformen.

Kurz zusammengefasst
- BMW-Aktie fällt nach Gewinnwarnung
- Auto1 mit starkem Kapitalmarkttag
- Straumann und Scout24 legen zu
- Fed-Entscheid unter Warsh erwartet
Liebe Leserinnen und Leser,
minus zwölf Prozent bei BMW, plus elf Prozent bei Auto1. Selten hat ein einzelner Handelstag die Kräfteverschiebung an der deutschen Börse so scharf gezeichnet. Während der Münchner Autobauer mit einer Gewinnwarnung die Aktie auf das tiefste Niveau seit 2020 drückt, feiert ein Online-Gebrauchtwagenhändler aus Berlin seinen Kapitalmarkttag — und der Markt antwortet mit dem stärksten Kurssprung seit Monaten. Das ist kein Zufall. Es ist eine Rotation, die sich seit Wochen aufbaut: weg von der kapitalintensiven Industrie, hin zu Plattformmodellen mit skalierbaren Margen.
Gestern noch diskutierten wir die Existenzfragen bei Volkswagen. Heute liefert BMW die nächste Bestätigung: Die deutsche Autoindustrie steckt in einer Margenfalle, die sich mit Sparprogrammen allein nicht lösen lässt.
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Auto1: Von minus 410 auf plus 2.410 Euro pro Fahrzeug
Der Kapitalmarkttag am Mittwoch hat die Investmentstory von Auto1 grundlegend verändert. Das mittelfristige Absatzziel: 1,5 Millionen Fahrzeuge, ein Plus von rund 80 Prozent gegenüber den 842.000 Einheiten aus 2025. Wichtiger als die Stückzahl ist der geplante Margenumbau im Privatkundengeschäft — bei Autohero und wirkaufendeinauto.de. 2025 verbrennt jedes verkaufte Fahrzeug dort noch 410 Euro EBITDA. Langfristig soll daraus ein positiver Beitrag von 1.450 bis 2.410 Euro werden, bei einer Verdreifachung des Absatzes.
JPMorgan-Analyst Marcus Diebel sieht das langfristige Ertragspotenzial 30 Prozent über dem aktuellen Marktkonsens für 2028 und stuft Auto1 mit Kursziel 37 Euro auf „Overweight“ hoch — knapp 47 Prozent über dem aktuellen Kurs von 25,54 Euro. Goldman Sachs hat parallel die Beteiligung von 11,55 auf 12,31 Prozent aufgestockt. Die Kurshistorie mahnt allerdings zur Vorsicht: Zwischen dem Rekordtief bei 3,27 Euro und dem Hoch über 30 Euro Ende 2025 liegt eine Spanne, die für Volatilität steht, nicht für Berechenbarkeit.
BMWs Gewinnwarnung — und was sie für die Branche bedeutet
Operative Marge von nur noch 1 bis 3 Prozent statt der bisher avisierten 4 bis 6 Prozent: BMWs Gewinnwarnung am Mittwoch hat die Aktie im Tief um zwölf Prozent nach unten gerissen. Mercedes-Benz und VW gaben ebenfalls nach. China-Schwäche und die Folgen des Iran-Konflikts sind die genannten Auslöser.
Doch das eigentliche Signal ist struktureller Natur. Wer gestern die interne VW-Umfrage las — sechs von neun Vorständen sehen den eigenen Konzern in Existenzgefahr —, erkennt das Muster: Die kapitalintensive deutsche Autoindustrie operiert an der Schmerzgrenze. Wer im Mobilitätssektor investieren will, findet die besseren Chancen womöglich abseits der OEMs. Bei Sixt etwa hat die Deutsche Bank das Kursziel auf 89 Euro angehoben und rät zum Kauf, gestützt von deutlich niedrigeren Haltungskosten je Fahrzeug.
Straumann, Scout24, Redcare: Das Muster der Gewinner
Abseits des Autodramas zeigt der Mittwoch, welche Geschäftsmodelle in diesem Umfeld funktionieren. Der Dentalspezialist Straumann liefert eine Prognoseerhöhung und legt elf Prozent zu. Scout24 erhöht auf der Hauptversammlung die Dividende um rund 14 Prozent auf 1,50 Euro je Aktie und kündigt für 2026 Ausschüttungen von insgesamt 455 Millionen Euro an — Dividenden plus Aktienrückkäufe. Finanzvorstand Mildner positioniert das Unternehmen als KI-gestütztes Immobilien-Ökosystem. Redcare Pharmacy hebt ebenfalls die Prognose an und gewinnt knapp sechs Prozent.
Das Muster: Plattformen mit wiederkehrenden Erträgen, niedriger Kapitalintensität und Preissetzungsmacht liefern dort, wo die zyklische Industrie strauchelt. Für die Portfolio-Allokation der kommenden Monate ist das ein klares Signal.
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Inflation nicht erledigt — und die Fed unter Warsh
In der Nacht zum Donnerstag entscheidet die Fed zum ersten Mal unter dem neuen Vorsitzenden Kevin Warsh. Eine Zinsänderung wird nicht erwartet; der Markt achtet auf Warshs Haltung zur Unabhängigkeit der Notenbank und zur US-Inflation von 4,2 Prozent.
Im Euroraum bestätigte Eurostat am Mittwoch die Mai-Inflation bei 3,2 Prozent — die Kernrate wurde sogar auf 2,6 Prozent nach oben revidiert, von zunächst geschätzten 2,5 Prozent. Energiepreise liegen 10,8 Prozent über Vorjahr. EZB-Ratsmitglied Šimkus signalisiert mindestens eine weitere Zinserhöhung. Und der Anleihemarkt reagiert bereits: Die Finanzagentur platzierte am Mittwoch eine 30-jährige Bundesanleihe mit einer Durchschnittsrendite von 3,49 Prozent — nach 3,08 Prozent bei der letzten Auktion. Die Nachfrage war mit einer Bid-to-Cover-Ratio von 1,3 (zuvor 1,9) spürbar schwächer. Der Rentenmarkt verlangt höhere Risikoprämien. Wer in Langläufern investiert ist, sollte das nicht ignorieren.
Drei Deals im Hintergrund: Steiff, Hapag-Lloyd, BioNTech
Ravensburger übernimmt die Mehrheit am Plüschtierhersteller Steiff — eine leise deutsche Konsumgütertransaktion. Beim Reedereiriesen Hapag-Lloyd soll die Schweizer MSC laut Manager Magazin Interesse an einer Mehrheitsübernahme haben; die Ankeraktionäre Kühne und CSAV halten je 30 Prozent, ihr Pakt läuft bis Ende 2030 — kein einfaches Unterfangen.
Und bei BioNTech wird es ungemütlich: Aktionär-Verleger Bernd Förtsch fordert Transparenz zur am 10. März angekündigten Ausgliederung wesentlicher Vermögenswerte an ein neues Unternehmen der Gründer Sahin und Türeci — und prüft rechtliche Schritte. Moderna prüft parallel Investitionen in Deutschland, einschließlich einer möglichen Übernahme von BioNTech-Standorten. Für BioNTech-Aktionäre verdichtet sich hier ein Risiko, das über normale Geschäftsentwicklung hinausgeht.
Quintessenz
Der heutige Handelstag zeichnet ein klares Bild: Die kapitalintensive deutsche Industrie — allen voran die Autobranche — steckt in einer Margenkrise, die nicht konjunkturell, sondern strukturell ist. Gleichzeitig zeigen Plattformunternehmen wie Auto1, Scout24 und Redcare, dass skalierbare Geschäftsmodelle mit Preissetzungsmacht auch in einem schwierigen Zinsumfeld liefern können. Wer sein Depot für die kommenden Quartale ausrichtet, sollte diese Verschiebung nicht als Tagesnachricht abtun — sondern als Trend, der gerade erst an Fahrt gewinnt. Wie viel Bewertungsspielraum die Plattformwerte noch bekommen, entscheidet sich nicht zuletzt in der Nacht zum Donnerstag bei Kevin Warshs erster Pressekonferenz als Fed-Chef.
Herzlichst,
Ihr Eduard Altmann
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