Brent unter 100 Dollar, DAX über 25.000 — und die Industrie baut weiter ab

Brent fällt unter 100 Dollar, DAX erreicht Rekordhoch. Deutsche Industrie steigert Umsatz, baut aber massiv Stellen ab.

Eduard Altmann ·
Brent unter 100 Dollar, DAX über 25.000 — und die Industrie baut weiter ab

Kurz zusammengefasst

  • Brent-Rohöl unter 100 Dollar gefallen
  • DAX steigt auf über 25.240 Punkte
  • Industrieumsatz plus, 127.300 Jobs weg
  • Evonik und Vossloh mit gegensätzlichen Signalen

Liebe Leserinnen und Leser,

am Samstag schloss ich mit der Frage, ob Unternehmen, die Milliarden investieren, schnell genug Cashflow generieren, um steigende Finanzierungskosten zu verkraften. Der Pfingstmontag liefert eine andere Antwort als erwartet — nicht aus dem Halbleitersektor, sondern aus Doha. Eine iranische Großdelegation verhandelt dort über ein Rahmenabkommen mit den USA, und die Ölmärkte reagieren sofort. Brent notiert bei 98,55 Dollar je Barrel, ein Tagesrückgang von knapp fünf Prozent. Europäisches Erdgas (TTF) verliert 5,6 Prozent auf 45,945 Euro je Megawattstunde. Der DAX steigt um 1,41 Prozent auf 25.240,70 Punkte — das höchste Niveau seit dem Tag vor Kriegsbeginn Ende Februar. Gleichzeitig veröffentlicht EY neue Industriedaten, die zeigen: Die deutsche Wirtschaft macht wieder Umsatz, baut aber schneller Stellen ab als je zuvor seit der Pandemie. Zwei Signale, die in verschiedene Richtungen weisen.

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Doha: Was die Iran-Gespräche für die Märkte bedeuten

Die Delegation in Doha ist ungewöhnlich hochrangig besetzt. Neben Außenminister Abbas Araghtschi und Parlamentssprecher Mohammed Bagher Ghalibaf sitzt Zentralbankchef Abdolnasser Hemmati am Tisch — sein Auftrag: die mögliche Freigabe eingefrorener iranischer Gelder. US-Präsident Trump erklärte auf Truth Social, ein Rahmenabkommen sei „weitgehend ausgehandelt“, mahnte aber zur Geduld. Ein 14-Punkte-Memorandum of Understanding liegt vor.

Die Marktreaktion ist eindeutig. MTU Aero Engines führt den DAX mit einem Plus von 6,18 Prozent auf 314,30 Euro, Daimler Truck legt 4,29 Prozent auf 41,85 Euro zu. Auf der Verliererseite stehen BASF mit minus 1,10 Prozent auf 51,10 Euro und Fresenius SE mit minus 0,85 Prozent auf 38,45 Euro. Der MDAX klettert auf 32.728 Zähler — den höchsten Stand seit mehr als vier Jahren.

Die Einordnung: Der DAX hat seit seinem Jahrestief bei 21.863,81 Punkten rund 3.400 Punkte aufgeholt. Das klingt nach viel. Aber der Vortagsschluss lag bei 24.888,56 — der Sprung am Montag beträgt gut 350 Punkte. Ob daraus mehr wird, hängt davon ab, ob aus dem Memorandum ein belastbarer Waffenstillstand entsteht oder ob die Straße von Hormus blockiert bleibt und die Energiepreise erneut anziehen.

Anleihen: Renditen fallen, aber die EZB bleibt restriktiv

Der Rentenmarkt bestätigt die Entspannung — zumindest kurzfristig. Zehnjährige Bundesanleihen rentieren bei 2,943 Prozent, neun Basispunkte weniger als am Freitag und der tiefste Stand seit dem 8. April. Italienische Zehnjährige fallen auf 3,657 Prozent. Der Euro legt 0,33 Prozent auf 1,1640 Dollar zu.

Dennoch preisen die Terminmärkte zwei EZB-Zinserhöhungen für 2026 ein. EZB-Ratsmitglied Yannis Stournaras verwies am Montag auf mögliche Sekundäreffekte einer anhaltenden Hormuz-Blockade auf Löhne und Preise. Martin Kocher, ebenfalls EZB-Ratsmitglied, erwartet eine Zinserhöhung im Juni — sofern kein Friedensvertrag zustande kommt. Die Logik dahinter: Selbst wenn Brent unter 100 Dollar fällt, bleiben die Lieferkettenrisiken bestehen, solange kein dauerhafter Deal steht. Für Anleger bedeutet das: Die Erleichterung am Anleihemarkt ist real, aber sie steht unter Vorbehalt.

531 Milliarden Umsatz, 127.300 Jobs weniger — das Paradox der deutschen Industrie

Die EY-Studie auf Basis von Daten des Statistischen Bundesamts liefert das nüchterne Bild hinter der Börsenrally. Im ersten Quartal 2026 steigerte die deutsche Industrie ihren Umsatz um 1,7 Prozent auf 531 Milliarden Euro — das erste Plus nach zehn rückläufigen Quartalen in Folge. Gleichzeitig sank die Beschäftigtenzahl auf 5,3 Millionen. Das sind 127.300 Stellen weniger als vor einem Jahr, ein Minus von 2,3 Prozent. Allein die Autoindustrie verlor 32.000 Jobs, der Maschinenbau 22.000. Seit 2019 sind insgesamt 341.500 Industriearbeitsplätze weggefallen — jeder siebzehnte.

EY-Partner Brorhilker prognostiziert weiteren Abbau wegen Überkapazitäten und eines stagnierenden Heimatmarkts. Die Bundesregierung hat ihre Wachstumsprognose für 2026 wegen des Irankriegs auf 0,5 Prozent halbiert; die Deutsche Bank zog ihre Schätzung ebenfalls von 1,5 auf 0,5 Prozent zurück. Bei einer fortgesetzten Blockade der Straße von Hormus drohe laut Deutschen-Bank-Ökonomen eine technische Rezession. Als wirksamsten Gegenpol sehen Analysten die vorgezogene Auszahlung aus dem 500-Milliarden-Euro-Infrastrukturfonds — insbesondere der 100 Milliarden Euro für Bundesländer und Kommunen.

Was das für Anleger heißt: Die Umsatzwende ist ein positives Signal, aber sie wird durch Effizienzgewinne und Stellenabbau erkauft. Unternehmen, die Umsatz steigern und gleichzeitig Personal reduzieren, verbessern kurzfristig ihre Margen. Langfristig stellt sich die Frage, ob eine schrumpfende Industriebelegschaft genug Nachfrage erzeugt, um das Wachstum zu tragen.

Evonik und Vossloh: Zwei Nebenwerte, zwei verschiedene Geschichten

Abseits der DAX-Schwergewichte verdienen zwei Titel aus der zweiten Reihe Aufmerksamkeit. Evonik Industries notiert am Montagnachmittag bei 17,07 Euro, ein Minus von 1,50 Prozent. Die Marktkapitalisierung liegt bei 7,97 Milliarden Euro, die Dividendenrendite bei 5,79 Prozent. JPMorgan stufte die Aktie am 22. Mai auf „Underweight“ mit einem Kursziel von 14 Euro herab. Jefferies hält dagegen mit „Buy“ und einem Ziel von 20 Euro, Barclays setzt 18 Euro bei „Equal Weight“ an. Das durchschnittliche Analysten-Kursziel liegt bei 16,12 Euro — unter dem aktuellen Kurs. Bemerkenswert: Vorstände kauften Ende März in mehreren Tranchen zwischen 59.000 und 100.000 Euro eigene Aktien zu Kursen zwischen 16,30 und 16,50 Euro. Wenn das Management bei 16,50 Euro zugreift und JPMorgan bei 14 Euro verkaufen will, muss der Anleger selbst entscheiden, wem er mehr zutraut.

Vossloh legt am Montag 2,0 Prozent auf 69,70 Euro zu. Das erste Quartal 2026 brachte einen Umsatzanstieg von 25,29 Prozent auf 314,60 Millionen Euro — beeindruckend. Allerdings rutschte der Gewinn je Aktie auf minus 0,57 Euro, nach plus 0,24 Euro im Vorjahreszeitraum. Für das Gesamtjahr 2026 erwarten Analysten 3,30 Euro Gewinn je Aktie und 1,20 Euro Dividende. Das 52-Wochen-Hoch von 95,10 Euro aus dem Juli 2025 liegt 36 Prozent über dem aktuellen Kurs. Vossloh profitiert vom Infrastruktur-Boom, aber die Kostenstruktur muss im Jahresverlauf besser werden, damit die Bewertung aufgeht.

Was diese Woche zählt

Die kommenden Tage bringen dichte Datenlieferungen: Geschäftsklimaindex der Eurozone, erste US-BIP-Zahlen, deutsche Arbeitslosen- und Inflationsdaten. Am Donnerstag hält die Deutsche Bank ihre Hauptversammlung ab. UBS hat ihr S&P-500-Jahresendziel auf 7.900 Punkte angehoben und die EPS-Schätzung für 2026 auf 335 Dollar erhöht — ein Vertrauensbeweis, der allerdings an den Fortschritt der Doha-Gespräche geknüpft bleibt.

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Während die EZB weitere Zinserhöhungen signalisiert, stellt sich für viele Anleger die Frage, ob klassische Zinsanlagen noch ausreichen. Dividenden als Alternative, Inflationsschutz und die richtige Depot-Aufstellung für das aktuelle Umfeld — all das erklärt ein kostenloser Report von finanztrends.de. Jetzt gratis herunterladen: „Die Zinsillusion platzt“

Die zentrale Frage hat sich seit Samstag verschoben. Damals ging es um Finanzierungskosten gegen Investitionszyklen. Jetzt geht es um Geopolitik gegen Konjunktur. Wenn aus dem 14-Punkte-Memorandum ein Waffenstillstand wird, dürfte Brent dauerhaft unter 100 Dollar bleiben, die EZB ihren Zinserhöhungskurs überdenken und der DAX die 25.000er-Marke verteidigen. Wenn nicht, stehen die 0,5 Prozent Wachstumsprognose der Bundesregierung erneut zur Disposition — und mit ihnen die Erholung, die der Montag gebracht hat.

Herzlichst,

Ihr Eduard Altmann

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