Broadcom enttäuscht, die EZB dreht — und der DAX sortiert seine Gewinner neu

EZB-Zinserhöhung und starke US-Jobdaten belasten den Markt. Versicherer und Plattformen profitieren von Preissetzungsmacht.

Eduard Altmann ·
Wacker Chemie Aktie

Kurz zusammengefasst

  • Broadcom-Prognose unter Markterwartungen
  • EZB plant erste Zinserhöhung seit 2023
  • US-Arbeitsmarkt übertrifft Prognosen deutlich
  • Versicherer und Plattformen als Gewinner

Liebe Leserinnen und Leser,

172.000 neue Stellen in den USA, eine Broadcom-Prognose sieben Prozent unter den Erwartungen, und eine EZB, die kommende Woche erstmals seit September 2023 wieder an der Zinsschraube nach oben dreht. Drei Signale aus drei Richtungen — und alle drei beantworten dieselbe Frage: Welche Unternehmen können steigende Kosten weitergeben, und welche werden von ihnen aufgefressen?

Wer gestern in dieser Ausgabe gelesen hat, dass Bilanzqualität über Rendite entscheidet, bekommt an diesem Freitag die nächste Bestätigung. Die Trennlinie zwischen robusten und fragilen Geschäftsmodellen wird mit jedem Datenpunkt schärfer.

Broadcoms Ausblick trifft den europäischen Chipsektor

Die Halbleiter-Rally, die den DAX monatelang getragen hat, bekommt Risse. Broadcom peilt für das dritte Quartal nur 16 Milliarden Dollar KI-Chipumsatz an — der Markt hatte mit 17,2 Milliarden gerechnet. Die Aktie verlor nachbörslich 12,6 Prozent und zog den gesamten Sektor mit: Infineon gab am Freitag 6,7 Prozent ab, Aixtron 3,3 Prozent. Der DAX pendelt um 24.942 Punkte, knapp unter der 25.000er-Marke, die sich erneut als Widerstand erweist. Auf Wochensicht steht ein Minus von 0,6 Prozent.

Für Anleger, die Infineon im Depot halten, ist die Botschaft unbequem: Die 30-Tage-Performance von plus 48 Prozent war auf perfekte Auslieferung gepreist. Broadcom hat gezeigt, dass perfekt derzeit niemand liefert. Andreas Lipkow von CMC Markets beschreibt die 25.000er-Marke als Magnet — aber eben einen, an dem die Käufer kapitulieren, sobald die globale Tech-Stimmung kippt.

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Wacker Chemie auf „Sell“ — und wer stattdessen profitiert

Bezeichnender als einzelne Tagesverluste ist die Begründung hinter dem Citigroup-Downgrade für Wacker Chemie: Kursziel 95 Euro, Einstufung „Sell“. Der Markt überschätze die Halbleiterchancen des Polysilizium-Geschäfts. Das ist die These, dass die Verbindung „deutsche Chemie plus KI-Boom“ eine Erzählung ohne ausreichende operative Fundierung war. Wacker verlor rund 5 Prozent.

Auf der Gegenseite im MDAX stehen Unternehmen, deren Geschäftsmodelle weder von Energiepreisen noch von Halbleiter-Zyklen abhängen: Flatexdegiro legte 2,9 Prozent zu, nachdem Berenberg dem Online-Broker die stärksten Gewinnaussichten bis 2028 attestierte. Scout24 zog um 4 Prozent an. Beide verkörpern genau die operative Resilienz, die in den kommenden Quartalen prämiert werden dürfte.

Die EZB hebt — aber nicht aus Stärke

Am Donnerstag, den 11. Juni, dürfte die EZB den Leitzins um 25 Basispunkte auf 2,25 Prozent anheben — die erste Erhöhung seit September 2023, nach acht Senkungen seit Juni 2024. Der Markt preist diesen Schritt zu 98 Prozent ein. ESTR-Forwards signalisieren bereits einen weiteren 25-Basispunkte-Schritt für September.

Der entscheidende Punkt: Die EZB reagiert nicht auf wirtschaftliche Stärke, sondern auf die durch den Iran-Krieg und die Sperrung der Straße von Hormus ausgelöste Energiepreisspirale. Die Inflation im Euroraum kletterte im April auf 3 Prozent. Das bedeutet Margendruck für Industriewerte ohne Preissetzungsmacht — und Rückenwind für Versicherer und Banken. Die Allianz, deren operativer Q1-Gewinn um 6,6 Prozent auf 4,5 Milliarden Euro stieg und die ihre Jahresprognose von 17,4 Milliarden Euro bestätigte, notiert nahe Allzeithoch bei 397 Euro. Der globale Versicherungsmarkt wuchs 2025 um 7,1 Prozent — das ist Preissetzungsmacht, die sich in der Bilanz niederschlägt.

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172.000 neue US-Jobs verschieben die Fed-Erwartung

Der Mai-Jobbericht aus den USA hat die Zinssenkungsfantasie beerdigt. 172.000 Stellen außerhalb der Landwirtschaft — mehr als doppelt so viele wie die erwarteten 80.000. Die Vormonate wurden um insgesamt 93.000 Stellen nach oben revidiert: April auf 179.000, März auf 214.000. Die Arbeitslosenquote bleibt bei 4,3 Prozent, die Stundenlöhne legten um 3,4 Prozent gegenüber Vorjahr zu — das langsamste Tempo seit 2021, aber immer noch zu schnell für Zinssenkungen. Die zweijährige US-Rendite zog um neun Basispunkte auf 4,13 Prozent an. Dirk Chlench von der LBBW formuliert es nüchtern: Die Tauben im Offenmarktausschuss bekommen keine Vorlage. Der Markt preist inzwischen eine Fed-Zinserhöhung bis Jahresende vollständig ein. Die erste Sitzung unter dem neuen Fed-Vorsitzenden Kevin Warsh am 16. und 17. Juni gewinnt damit zusätzliches Gewicht.

Bemerkenswert ist die strukturelle Verschiebung in den Daten: Freizeit und Gastgewerbe trugen mit 70.000 Stellen den Löwenanteil, Kommunalverwaltungen 55.000, Gesundheitswesen 35.000. Die Finanzdienstleistungen dagegen verloren 22.000 Stellen — seit Mai 2025 ein kumuliertes Minus von 107.000. Der Informationssektor schrumpfte zum 16. Mal in 17 Monaten. Für den Euro bedeutet das Gegenwind: EUR/USD notiert bei 1,1642, eingeklemmt zwischen EZB-Erhöhung und einer Fed, die wieder hawkish denkt.

Brent bei 95 Dollar — der stille Bilanzposten

Die DIHK hat ihre Konjunkturprognose für 2026 auf 0,3 Prozent gesenkt. Zwei Drittel der Gastgewerbe-Betriebe melden eine problematische Finanzlage, jedes zehnte Unternehmen sieht Insolvenzgefahr. Der stärkste Einbruch betrifft die Reisevermittlung — direkte Folge des Iran-Kriegs. DHL Deutsche Post sieht zwar „kein Risiko“ für einen Kerosin-Notstand, aber die Brent-Notierung um 95 Dollar je Fass bleibt ein dauerhafter Kostenfaktor, der sich durch die gesamte Wertschöpfungskette frisst.

Die Trennlinie verläuft klar: Versicherer, datengetriebene Plattformen wie Scout24, Spezialchemie mit Burggraben — sie können Preise durchsetzen. Konsumgüter, Logistik, energieintensive Industrie — sie können es nicht. Letztere werden in den nächsten Quartalsberichten die Verlierer sein.

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Was kommende Woche zählt

Die EZB-Sitzung am 11. Juni wird weniger über den Zinsschritt selbst entscheiden — der ist eingepreist — als über Lagardes Hinweise zum weiteren Pfad. Am Mittwoch folgen die US-Verbraucherpreise für Mai, Heidelberger Druckmaschinen legt Jahreszahlen vor. Am Freitag kommen Fraports Verkehrszahlen. Wer sein Depot durch diese Woche steuert, sollte weniger auf Indexmarken achten als auf eine einzige Frage: Kann dieses Unternehmen seine Margen verteidigen — oder liefert es nur Umsatz ohne Substanz?

Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende.

Herzlichst,

Ihr Eduard Altmann

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