Bundesanleihen auf 15-Jahres-Hoch — der Rentenmarkt stellt die Aktienrally in Frage

Trotz DAX-Erholung steigen die Renditen zehnjähriger Bundesanleihen auf den höchsten Stand seit 15 Jahren und belasten die Konjunkturaussichten.

Eduard Altmann ·
Bundesanleihen auf 15-Jahres-Hoch — der Rentenmarkt stellt die Aktienrally in Frage

Kurz zusammengefasst

  • DAX legt trotz Rentenmarktkrise zu
  • Bundesanleihen erreichen 15-Jahres-Hoch
  • EZB signalisiert mögliche Zinserhöhung
  • Lanxess und Jungheinrich mit operativen Problemen

Liebe Leserinnen und Leser,

gestern schloss ich mit der Beobachtung, dass nicht der Indexstand den Unterschied macht, sondern die Frage, welche Einzelwerte operative Substanz liefern. Am Dienstag liefert der Markt eine Ergänzung: Selbst wenn der Index steigt, kann der Rentenmarkt eine völlig andere Geschichte erzählen. Und genau das passiert gerade.

Der DAX legte am Dienstag 1,3 Prozent auf 24.626 Punkte zu, der MDAX gewann 1,4 Prozent auf 31.877 Zähler. Der Auslöser ist bekannt — Donald Trump hat einen geplanten Militärschlag gegen den Iran auf Bitten der Golfstaaten vertagt. Das Militär stehe bereit, falls kein Abkommen zustande komme, so Trump, doch die Börsen lesen daraus: Verhandlungen laufen weiter. Brent-Öl gab um mehr als ein Prozent auf 110,57 Dollar nach, WTI fiel auf 103,50 Dollar. SAP zog bei hohem Volumen um 6,05 Prozent auf 156,80 Euro an und trug den Index mit.

Soweit die Erleichterung. Doch wer nur auf den DAX schaut, übersieht das eigentlich bestimmende Signal dieses Dienstags.

Der Rentenmarkt spricht eine andere Sprache

Die zehnjährige Bundesanleihe rentiert bei 3,17 Prozent — ein 15-Jahres-Hoch. In den USA erreichten Zehnjährige in der Spitze 4,63 Prozent. Und in Großbritannien markierten zehnjährige Gilts mit 5,187 Prozent den höchsten Stand seit 18 Jahren. Das ist kein lokales Phänomen, sondern ein globaler Ausverkauf am Rentenmarkt, der sich in den vergangenen Tagen beschleunigt hat.

Die Konsequenzen reichen weit über Anleiheportfolios hinaus. Das Ifo-Institut warnt, dass die Zinslast im Bundeshaushalt bis 2040 auf 13 Prozent des Budgets steigen könnte. Der Markt preist mittlerweile eine weitere Leitzinserhöhung der EZB für den 11. Juni ein. Für Unternehmen bedeuten steigende Langfristzinsen höhere Refinanzierungskosten — und für den Wohnungsbau, dessen Probleme ich gestern beschrieben habe, verschärft sich die Lage weiter. EZB-Chefin Christine Lagarde beobachtet die Entwicklung mit erkennbarer Sorge.

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Lanxess und Jungheinrich: Wenn die zweite Reihe die Wahrheit sagt

Während der DAX steigt, zeigt der Blick in den MDAX und die Nebenwerte, wie es um die operative Substanz vieler Unternehmen tatsächlich bestellt ist.

Lanxess verlor am Dienstag 1,5 Prozent auf 17,94 Euro. Die Quartalszahlen erklären warum: Der Umsatz brach im ersten Quartal 2026 um 13,93 Prozent auf 1,38 Milliarden Euro ein, der Verlust je Aktie weitete sich auf 1,63 Euro aus — nach minus 0,66 Euro im Vorjahr. Für das Gesamtjahr erwarten Analysten einen Gewinn von 0,022 Euro je Aktie. Das ist keine Erholung, das ist Stagnation auf niedrigstem Niveau.

Beim Intralogistiker Jungheinrich summieren sich die Probleme. Auf den Einbruch des operativen Gewinns Ende April folgte der überraschende Abgang von Finanzchefin Heike Wulff nach nur vier Monaten. Andreas Umbach übernimmt den Aufsichtsratsvorsitz, die CFO-Position bleibt vorerst vakant. Bemerkenswert: Bernstein hob das Kursziel trotzdem auf 48 Euro an. Die Analysten setzen darauf, dass die Neuaufstellung greift. Ob das reicht, wird sich zeigen.

Varta, IAV und das Ifo-Institut: Der Druck auf die Realwirtschaft wächst

Abseits der Kurstafel verdichten sich die Zeichen einer strukturellen Schwäche. Varta schließt sein Werk im bayerischen Nördlingen bis Herbst 2026 — 350 Arbeitsplätze fallen weg, weil ein Großkunde seine Knopfbatterien künftig aus China bezieht. In Gifhorn protestierten rund 1.000 Beschäftigte des VW-Entwicklungsdienstleisters IAV gegen den geplanten Abbau von 1.400 Stellen bis Mitte 2027.

Die Stimmungsdaten bestätigen das Bild. Laut Ifo-Institut bangt jeder fünfte Selbstständige — 20,6 Prozent — um seine Existenz. In der Gesamtwirtschaft liegt der Anteil bei 8,1 Prozent. Hauptgrund: Auftragsmangel. Die IHK Rhein-Neckar meldet den schlechtesten Konjunkturklimaindex seit vier Jahren, ein Rückgang von 104 auf 96 Punkte. Bundeskanzler Friedrich Merz forderte bei einem Besuch der SPD-Fraktion entschlossene Strukturreformen und mahnte seine Koalitionspartner, keine roten Linien mehr öffentlich zu ziehen.

Während die zivile Industrie kämpft, setzt der Rüstungssektor seinen Lauf fort. Rheinmetall gewann 4,42 Prozent auf 1.223,80 Euro, Hensoldt, Renk und TKMS legten zwischen 5,6 und 8,8 Prozent zu. Die Zweiteilung der deutschen Wirtschaft — schrumpfende Zivilindustrie, boomende Verteidigung — verfestigt sich mit jedem Handelstag.

Home Depot und der selektive US-Konsum

Ein Blick über den Atlantik liefert ein differenziertes Bild. Home Depot übertraf im ersten Quartal 2026 die Erwartungen: 41,77 Milliarden Dollar Umsatz (plus 4,8 Prozent), bereinigter Gewinn von 3,43 Dollar je Aktie. Kleine Heimwerkerprojekte liefen stark, größere Vorhaben wurden verschoben. CEO Ted Decker bestätigte die Jahresprognose mit einem Umsatzwachstum von 2,5 bis 4,5 Prozent. Der amerikanische Verbraucher kauft also weiter — aber er kalkuliert genauer.

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Was diese Woche noch zählt

Am Mittwoch veröffentlicht die Fed ihr Sitzungsprotokoll, das Hinweise auf den weiteren Zinspfad geben dürfte. Aus Großbritannien kommen Erzeuger- und Verbraucherpreise für April — angesichts der Renditeexplosion bei Gilts ein Datenpunkt mit Signalwirkung.

Die zentrale Erkenntnis dieses Dienstags ist simpel, aber unbequem: Der Aktienmarkt feiert die Iran-Entspannung, der Rentenmarkt ignoriert sie. Wenn zehnjährige Bundesanleihen bei 3,17 Prozent rentieren und die EZB möglicherweise im Juni erneut erhöht, dann werden die Finanzierungsbedingungen für Unternehmen und Staaten nicht besser, sondern schlechter. Die Rally im DAX ist real. Aber die Rechnung dafür steht noch aus.

Herzlichst,

Ihr Eduard Altmann

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