Constellation, Siemens Energy, Nvidia: Wer an der Stromrechnung der KI verdient

Googles langfristige Stromverträge mit Constellation und Amprions Anleiheplatzierung zeigen den wachsenden Finanzierungsbedarf für Kraftwerke und Netze.

Eduard Altmann ·
KI-generiertes Symbolbild
Symbolbild, KI-generiert

Kurz zusammengefasst

  • Google sichert sich Strom von Constellation
  • Amprion platziert grüne Anleihen über 1,5 Milliarden Euro
  • Siemens Energy bereitet Spartenverselbstständigung vor
  • Nvidia steigert Quartalsumsatz um 106 Prozent

Liebe Börsianerinnen und Börsianer,

der KI-Boom stößt an eine physische Grenze, und die heißt Strom. Google sichert sich heute bei Constellation Energy 3.590 Megawatt im US-Netz PJM, darunter 890 Megawatt neue Kernkraftkapazität über zwanzig Jahre. Die Constellation-Aktie liegt im laufenden Handel rund 15 Prozent im Plus. Meine These für diesen Dienstag: Nicht mehr der Chip ist die knappe Ressource, sondern das Kraftwerk und das Netz dahinter.

Google und Constellation: Der teuerste Rohstoff der KI ist Elektrizität

Wer die KI-Rechnung verstehen will, muss diesen Vertrag lesen. Er hat zwei Teile. Erstens zahlt Google zwanzig Jahre lang für 890 Megawatt zusätzliche Leistung, die Constellation durch Nachrüstungen an elf Reaktoren in Illinois, Pennsylvania und New Jersey gewinnt.

Erste Lieferungen sind für 2028 geplant, Constellation investiert dafür mehr als 4,3 Milliarden Dollar. Zweitens sichert sich Google über fünfzehn Jahre weitere 2.700 Megawatt aus der bestehenden Kraftwerksflotte. Hinzu kommt eine fünfjährige Technologieallianz, in der Google Cloud und Gemini Enterprise den Netz- und Anlagenbetrieb optimieren sollen.

Der Auslöser ist regulatorisch. Der Netzbetreiber PJM will Rechenzentren künftig verpflichten, ihren eigenen Strom mitzubringen. Amazon hatte sich bereits zuvor 690 Megawatt am Standort Calvert Cliffs gesichert, ebenfalls bei Constellation.

Die Größenordnungen erklären die Eile: Ein Gigawatt Rechenzentrum kostet laut Bank of America rund 50 Milliarden Dollar, Nvidia-Chef Jensen Huang spricht von 50 bis 60 Milliarden. Wer so viel Kapital in Hallen steckt, kann sich keine Stromlücke leisten.

Für Anleger ist die Constellation-Aktie trotz des Kurssprungs keine Rakete, die bereits davongeflogen ist. Constellation liegt im Jahr 2026 immer noch rund 11 Prozent im Minus, der Börsenwert beträgt gut 81 Milliarden Euro. Das durchschnittliche Analystenziel von 351,25 Dollar liegt deutlich über dem aktuellen Niveau.

Die eigentliche Lehre reicht weiter als eine Aktie. Weltweit warten mehr als 2.500 Gigawatt an Projekten auf einen Netzanschluss. Laut IEA müssten die Netzinvestitionen von rund 400 Milliarden Dollar jährlich um die Hälfte steigen. Damit verschiebt sich der Engpass der KI-Wertschöpfung von der Halbleiterfabrik zum Umspannwerk.

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Siemens Energy, Amprion, RWE: Deutschlands Netzwirtschaft spiegelt das Thema

Auch Deutschland hat Profiteure der Stromknappheit, nur sind sie komplizierter gestrickt. Siemens Energy baut sich gerade um. Siemens Energy bereitet die Verselbstständigung der Sparte „Transformation of Industry“ vor, will aber eine wesentliche Minderheitsbeteiligung behalten.

Goldman Sachs soll Medienberichten zufolge externe Investoren suchen. Parallel beteiligt sich Siemens Energy Ventures an der 200-Millionen-Dollar-Finanzierungsrunde des Fusions-Start-ups Type One Energy. Type One Energy will in Tennessee einen Stellarator-Prototyp bauen und strebt eine Fertigungspartnerschaft mit Siemens an.

Die Siemens-Energy-Aktie notiert aktuell bei 147 Euro, deutlich unter dem Hoch von gut 195 Euro von Ende April. Seit Jahresbeginn steht dennoch ein Plus von 22 Prozent. Charttechniker sehen gebrochene Unterstützungen und ein Todeskreuz, also den Fall des kurzfristigen unter den langfristigen Durchschnitt. Fundamental bleibt die Lage intakt: Jedes Gigawatt Rechenzentrum braucht Turbinen, Transformatoren und Netztechnik.

Die Finanzierungsseite zeigt, was der Netzausbau kostet. Der Übertragungsnetzbetreiber Amprion hat heute grüne Anleihen über 1,5 Milliarden Euro platziert, je 750 Millionen mit sechs und zehn Jahren Laufzeit. Die Kupons liegen bei 4,398 beziehungsweise 4,838 Prozent, erwartet werden Ratings von Baa2 bei Moody’s und A- bei Fitch.

Der Finanzierungsbedarf von Amprion für 2026 ist damit gedeckt. RWE hält indirekt rund 58 Prozent an Amprion und hat Investitionen von 7 Milliarden Euro bis 2031 angekündigt. Für Privatanleger sind das zwei Botschaften: Netzanleihen bieten inzwischen Kupons nahe 5 Prozent, und RWE trägt einen wachsenden Infrastrukturblock in der Bilanz.

Politisch ist der Rahmen umkämpft. Die EEG-Reform und das Netzanschlusspaket von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche stoßen auf Widerstand. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther warnte gestern in einem Brief an Bundeskanzler Merz vor Schäden, auch die SPD fordert erhebliche Änderungen.

Die zweite und dritte Lesung im Bundestag sind noch nicht terminiert. Solange das offen ist, bleibt ein Teil der deutschen Netzrendite ein politisches Versprechen.

Nvidia und AMD: Die Rally hat Zahlen, aber auch einen Stromzähler

Bei Nvidia rechtfertigen die Zahlen den Kurs, noch. Nvidia notiert aktuell bei gut 215 Euro, umgerechnet rund 241 Dollar, und damit auf Rekordniveau. Der Börsenwert liegt bei gut 5 Billionen Euro, die Marke von sechs Billionen Dollar ist in Sichtweite.

Die Zahlen tragen den Kurs: Im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2027 stieg der Umsatz um 106 Prozent auf 96,2 Milliarden Dollar, das Rechenzentrumsgeschäft allein auf 89 Milliarden. Der berichtete Nettogewinn (GAAP) lag bei 59,7 Milliarden Dollar.

Für das laufende Quartal stellt Nvidia 105,8 bis 110,1 Milliarden Umsatz in Aussicht, das Rückkaufprogramm wurde Ende September auf 235 Milliarden Dollar aufgestockt. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis der erwarteten Gewinne liegt bei etwa 17. Zulieferer Foxconn meldete für das dritte Quartal 47 Prozent Umsatzplus auf 3,03 Billionen Taiwan-Dollar, umgerechnet rund 85 Milliarden Euro.

AMD liegt im Verlauf ebenfalls leicht im Plus und hat sich im Jahr 2026 mehr als verdreifacht. Konzernchefin Lisa Su plant für 2027 eine deutliche Ausweitung des Angebots. Dahinter steht ein Technologiewechsel: Persönliche KI-Agenten wie OpenAIs Dots oder Metas Muse laufen stundenlang eigenständig und brauchen klassische Prozessoren, nicht nur Grafikchips.

Die Risiken bleiben sichtbar. Insider bei Nvidia haben binnen zwölf Monaten Aktien für 2,12 Milliarden Dollar verkauft, ohne einen einzigen Kauf. OpenAI soll zwischen 2026 und 2030 rund 278 Milliarden Dollar verbrennen. Und Fed-Mitglied Musalem macht die KI-Investitionen für etwa die Hälfte der aktuellen US-Inflation verantwortlich. Wer Nvidia hält, wettet damit auch darauf, dass die Stromrechnung der KI bezahlbar bleibt.

Zinsen: Die Entwarnung vom 24-Jahres-Hoch

Für Anleihekäufer öffnet sich gerade ein Fenster. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen fällt auf knapp 5,3 Prozent zurück, nachdem sie am Montag mit 5,33 Prozent den höchsten Stand seit 2002 erreicht hatte. Der schwache US-Arbeitsmarkt im September mit nur 29.000 neuen Stellen hat die Zinsangst gedämpft.

Der Terminmarkt preist eine Fed-Erhöhung im Oktober nur noch mit rund 22 bis 24 Prozent ein, in der Vorwoche waren es bis zu 64 Prozent. Fed-Vize Williams sieht keine Eile, Dallas-Fed-Chefin Logan fordert dagegen weitere 50 Basispunkte. Pimco nennt die Renditen nach dem Anstieg „außerordentlich attraktiv“, Finanzminister Bessent verspricht eine Eindämmung der Schulden.

In Europa entspannt sich Frankreich. Marine Le Pen will das Defizit bis 2030 unter 3 Prozent drücken und 140 Milliarden Euro in fünf Jahren einsparen. Der Renditeabstand französischer zu deutschen Anleihen schrumpft daraufhin von über 160 auf rund 130 Basispunkte.

Der Amundi-ETF auf Euro-Staatsanleihen mit über 15 Jahren Laufzeit hatte in sechs Wochen rund 10 Prozent verloren und sieht nun Zuflüsse. Lange Anleihen bieten damit erstmals seit Jahren einen echten Puffer gegen einen KI-Rückschlag – mit Kupons, die eine Korrektur abfedern statt sie zu verstärken.

Industrie: Wo Aufträge zählen, nicht die Statistik

Die Gesamtzahl erschreckt, der Blick in die Einzelwerte lohnt mehr. Der Auftragseingang der deutschen Industrie ist im August um 10,6 Prozent eingebrochen, ohne Großaufträge aber nur um 0,1 Prozent.

Alstom springt um gut 5 Prozent, weil der Bahnkonzern im ersten Halbjahr Aufträge von rund 6,8 Milliarden Euro erwartet statt der geschätzten 5,8 Milliarden. Das organische Wachstumsziel von Alstom liegt bei 5 Prozent, die Aktie steht seit Jahresbeginn dennoch 35 Prozent im Minus.

Gea Group markiert mit 68,50 Euro ein Rekordhoch. Barclays sieht 79 Euro, Oddo BHF 77, LBBW und MWB Research 76, nur JPMorgan bleibt bei 68 Euro und „Neutral“. Thyssenkrupp profitiert von Spekulationen, Mitsubishi Electric und Fujitec hätten Interesse am Europa-Geschäft von TK Elevator.

Die Thyssenkrupp-Aktie hat sich 2026 um 49 Prozent verteuert, Kone zieht mit. SAP übernimmt den Personalanalyse-Spezialisten TechWolf, Goldman Sachs hebt das Kursziel auf 230 Euro. Rheinmetall verliert dagegen über 3 Prozent, obwohl die Satelliten-Serienproduktion in Neuss startet und die Bundeswehr 1,7 Milliarden Euro zusagt.

Unterm Strich

Dieser Dienstag zeigt, wo die KI-Rechnung landet: bei Kraftwerken, Netzen und Anleihen. Constellation kassiert, Amprion refinanziert sich zu fast 5 Prozent, und die Zinsangst weicht erstmals seit Wochen zurück.

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Wer am KI-Boom teilhaben will, muss nicht zwingend den nächsten Chip-Rekord kaufen; die Strom- und Netzseite bietet den günstigeren Einstieg. Die nächsten Prüfsteine sind TSMCs Vorabdaten und die Quartalszahlen von PepsiCo und Delta, dazu die IEA-Entscheidung über Notfallreserven am 14. und 15. Oktober.

Beste Grüße,

Ihr Eduard Altmann

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