Liebe Leserinnen und Leser,
um 14:30 Uhr unserer Zeit kam die kalte Dusche aus Washington. Das US-BIP-Wachstum ist im vierten Quartal auf magere 1,4 Prozent eingebrochen – deutlich unter den erwarteten 2,5 bis 3,0 Prozent. Gleichzeitig kletterte die von der Fed so argwöhnisch beobachtete PCE-Kerninflation im Dezember auf 3,0 Prozent.
Niedriges Wachstum bei steigender Inflation? In den Lehrbüchern nennt man das Stagflation. An den Märkten nennt man es ein Problem.
Doch während der Blick reflexartig über den Atlantik schweift, geschieht vor unserer Haustür Erstaunliches: Der deutsche Einkaufsmanagerindex notiert erstmals seit dreieinhalb Jahren wieder über der Expansionsschwelle von 50 Punkten – exakt bei 50,7. Ist das der „konjunkturelle Frühling“, von dem VP-Bank-Ökonom Thomas Gitzel sprach?
Willkommen zu einer Ausgabe, die sich den Rissen im Fundament widmet, die wir im Lärm der geopolitischen Trommeln leicht überhören.
Der Kanarienvogel im Kredit-Stollen
Erinnern Sie sich an den August 2007? Damals fror BNP Paribas Fonds ein, und die Welt zuckte mit den Schultern – bis es zu spät war. Was wir an diesem Freitag sehen, hat Mohamed El-Erian treffend als „Kanarienvogel im Kohlebergwerk“ bezeichnet.
Der Private-Credit-Gigant Blue Owl Capital hat die Reißleine gezogen. Rücknahmen im Retail-Fonds „Capital Corporation II“ wurden dauerhaft eingeschränkt; Anleger kommen nicht mehr wie gewohnt an ihr Geld. Stattdessen gibt es „periodische Ausschüttungen“. Parallel musste das Unternehmen Kredite im Wert von 1,4 Milliarden Dollar an institutionelle Investoren verkaufen, um Liquidität zu schaffen.
Warum ist das wichtig? Der Markt für private Kredite ist in den letzten fünf Jahren um 86 Prozent auf über 2 Billionen Dollar angeschwollen. Viele dieser Kredite finanzieren Softwarefirmen – bei Blue Owl rund 13 Prozent des Portfolios – oder Rechenzentren, deren Bonität wackliger ist als gedacht. Wenn ein Schwergewicht wie Blue Owl hustet und die Aktie um fast 8 Prozent abstürzt, hat der gesamte Sektor Fieber. Die Liquidität trocknet genau dort aus, wo sie am meisten als selbstverständlich galt.
DAX 25.000: Tanz auf der Rasierklinge
In Frankfurt übt sich der DAX derweil in stoischer Ruhe und verteidigt die psychologisch massive Marke von 25.000 Punkten. Am frühen Nachmittag notierten wir bei 25.090 Zählern, ein leichtes Plus von 0,2 Prozent. Doch der Schein trügt.
Die Anleger agieren mit angezogener Handbremse. Der Grund liegt in Teheran und Washington. Die geopolitische Sanduhr rieselt: Donald Trump hat eine Frist von 10 bis 15 Tagen gesetzt, und die Märkte preisen das Risiko eines US-Militärschlags gegen den Iran ein. Der Ölpreis (Brent) reagiert bereits nervös und klettert über 71 Dollar.
Diese Unsicherheit schafft klare Gewinner und Verlierer im deutschen Leitindex:
- Thyssenkrupp (+5,5 %) profitiert massiv. Der Konzern wird längst nicht mehr nur als Stahlkocher wahrgenommen, sondern als Teil des Rüstungs- und Infrastruktur-Booms.
- Bayer bleibt das Sorgenkind der Nation. Nach einem kurzen Hoffnungsschimmer brach die Aktie erneut ein – allein am Freitag minus 3,6 Prozent, nachdem sie unter der Woche zeitweise 11 Prozent verloren hatte. Die Analysten von Barclays und der DZ Bank bleiben skeptisch; der Glyphosat-Schatten ist zu lang.
Die Diskrepanz ist bemerkenswert: Während die Realwirtschaft in Deutschland zarte Pflänzchen der Erholung zeigt, wird der Börsenkurs primär von globalen Ängsten und der Hoffnung auf Rüstungsausgaben diktiert.
Der stille Riese: Air Liquide
In Zeiten wie diesen lohnt sich der Blick auf Unternehmen, die langweilig genug sind, um stabil zu bleiben, aber innovativ genug, um zu wachsen. Air Liquide ist so ein Kandidat. Die Aktie nähert sich ihrem Allzeithoch und legte am Freitag um fast 4 Prozent zu.
Die Franzosen machen vor, wie Transformation geht: Milliardeninvestitionen in Südkorea und Singapur zahlen sich aus. Analysten von Jefferies und Barclays bestätigen ihre Kaufempfehlungen mit Kurszielen bis zu 204 Euro. Der Grund liegt auf der Hand: Industriegase und Wasserstoff sind die Schmierstoffe der nächsten Industrie-Ära – egal, ob in einer Rezession oder im Aufschwung. In einem stagflationären Umfeld kann diese Art defensiver Qualität Gold wert sein.
Krypto-Angst und Nvidia-Hoffnung
Ein Blick auf die digitalen Assets zeigt „Extreme Angst“. Der Bitcoin kämpft verzweifelt um die 60.000-Dollar-Marke, nachdem er vom Allzeithoch im Oktober 2025 bei 126.000 Dollar fast 50 Prozent eingebüßt hat. Die Google-Suchanfragen nach „Bitcoin going to zero“ erreichen ein 5-Jahres-Hoch.
Die Angst hat einen neuen Namen: Quantencomputer. CryptoQuant-CEO Ki Young Ju warnte explizit vor einem „Quantum-Run“ auf alte Bitcoin-Bestände – sogar die von Satoshi –, falls die Verschlüsselung geknackt würde. Ob realer technischer Durchbruch oder Panikmache: Es drückt auf die Stimmung.
Alle Augen richten sich nun auf die kommende Woche. Nicht auf die Fed, nicht auf Berlin, wo Friedrich Merz sich auf dem CDU-Parteitag in Stuttgart zur Wiederwahl stellt, sondern auf Nvidia. Der KI-Gigant legt Quartalszahlen vor. Analysten erwarten Umsätze von über 65 Milliarden Dollar. Liefert Nvidia, könnte das die Stimmung drehen. Wenn nicht, droht auch an der Börse eine harte Landung.
Die jüngsten Entwicklungen im Halbleiter-Sektor eröffnen bemerkenswerte Chancen für Anleger. Während Nvidia die Schlagzeilen dominiert, analysiert ein kostenloses Webinar vier Chip-Aktien mit außergewöhnlichem Potenzial im aktuellen KI-Boom. Sie erfahren, welche Unternehmen vom globalen Chip-Hunger profitieren und warum Regierungen hunderte Milliarden in diese Branche investieren. Webinar zu den 4 vielversprechendsten Chip-Aktien ansehen
Das Fazit
Die heutigen Zahlen aus Washington sind ein Weckruf für alle, die noch an das sanfte Gleiten in einen neuen Aufschwung glaubten. Stagflationäre Tendenzen in den USA, Liquiditätsrisse im Private-Credit-Markt, geopolitisches Pulverfass im Nahen Osten – und mittendrin ein DAX, der tapfer seine 25.000er-Marke verteidigt, während die deutsche Realwirtschaft erstmals wieder zarte Lebenszeichen sendet.
Für Sie als Anleger bedeutet das: Die Qualität der Bilanz wird wichtiger als die Dynamik des Wachstums. Unternehmen wie Air Liquide zeigen, dass defensive Stärke in solchen Zeiten kein Makel ist, sondern ein Vorteil. Und vielleicht nutzen Sie das Wochenende, um Ihre Anleihen-Portfolios auf Liquiditätsrisiken zu prüfen.
Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende.
Herzlichst,
Ihr
Eduard Altmann
