DAX-Berichtssaison: Telekom feiert, Rheinmetall und Siemens straucheln
Telekom und Henkel belohnen Anleger mit Prognoseanhebungen, während Siemens trotz Rekordzahlen und Rheinmetall nach Auftragsabsage Kursverluste erleiden.

Kurz zusammengefasst
- Telekom und Henkel mit Prognoseanhebungen
- Siemens trotz Rekordzahlen mit Verlusten
- Rheinmetall nach Marineauftrags-Absage schwächer
- Scout24 leidet unter schwachen Nutzerzahlen
Acht Indexschwergewichte, ein Tag, sechs verschiedene Geschichten. Die Berichtssaison zeigt am Donnerstag, wie unterschiedlich der Markt auf Zahlen reagieren kann— selbst Rekordwerte schützen nicht vor Kursverlusten, während ein angehobener Ausblick reicht, um zum Tagesgewinner zu werden. Nach den zuletzt mehrfachen Rekordständen sortiert sich der DAX neu.
Die Deutsche Telekom sorgte mit soliden Halbjahreszahlen für das größte Kursfeuerwerk im Index. Scout24 hingegen enttäuschte trotz operativ solider Entwicklung. Auf der Industrieseite gerieten Rheinmetall und Siemens unter Druck— aus völlig unterschiedlichen Gründen. Und im Konsumgütersektor zeigte sich ein gemischtes Bild zwischen Henkel und Zalando.
Deutsche Telekom: US-Geschäft und Rückkaufprogramm treiben Kurs
Die Telekom war der klare Tagesgewinner im DAX. Die Aktie legte um 5,90 Prozent auf 29,07 Euro zu, nachdem Konzernchef Tim Höttges am Morgen seinen Barmittel-Ausblick für das Gesamtjahr angehoben hatte— auf rund 20 Milliarden Euro freien Mittelzufluss.
Der Umsatz verbesserte sich im zweiten Quartal um gut vier Prozent auf knapp 30 Milliarden Euro, während das bereinigte operative Ergebnis um 7,5 Prozent zulegte und damit die Erwartungen übertraf. Treiber bleibt die US-Tochter T-Mobile, die der Konzernmutter erneut Rückenwind lieferte.
Besonders gut kam am Markt an, dass die Telekom ihr Aktienrückkaufprogramm wegen des zuletzt schwachen Kurses von 2 auf 5 Milliarden Euro aufstockt. Der heutige Sprung ist dabei keine Eintagesfliege: Seit Anfang Juli zeigt der Titel eine sukzessive Aufwärtsbewegung nach einer gut viermonatigen Schwächephase. Aktuell notiert die Aktie 8,05 Prozent über ihrem 50-Tage-Durchschnitt, bleibt aber noch gut 15 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von Ende Februar.
Henkel: Angehobene Prognose überrascht positiv
Der Konsumgüter- und Klebstoffkonzern zog um 3,86 Prozent auf 79,70 Euro an— getrieben von einer angehobenen Umsatzprognose für das Gesamtjahr und das Klebstoff-Segment Adhesive Technologies. Diese Anhebung kam überraschend, schließlich hatten Verbraucherzurückhaltung und gestiegene Rohstoffkosten das Umfeld für Konsumgüterhersteller zuletzt als schwierig erscheinen lassen.
Vor der Zahlenveröffentlichung hatten Analysten eher ein durchwachsenes Bild erwartet. CEO Carsten Knobel hatte sich bereits im Frühjahr zuversichtlich gezeigt, höhere Inputpreise durch Gegenmaßnahmen abfedern zu können— und behält damit recht. Bereits im ersten Quartal hatte sich mit organischem Wachstum über den Erwartungen ein positiver Trend abgezeichnet.
Die heutige Kursreaktion bestätigt den seit Jahresbeginn zu beobachtenden Stimmungswandel bei der lange vernachlässigten Aktie. Mit einem Plus von 14,12 Prozent seit Jahresanfang zählt Henkel damit zu den stabileren Werten im Index, auch wenn der RSI von 74,3 auf eine mittlerweile recht ambitionierte Bewertung hindeutet.
Zalando: Erholung nach heftigem Rücksetzer
Zalando gehörte am Donnerstag mit einem Plus von 2,03 Prozent auf 25,19 Euro zu den Gewinnern— allerdings vor einem deutlich turbulenteren Hintergrund. Erst wenige Tage zuvor war die Aktie mit einem Minus von über 13 Prozent der größte Verlierer im Index gewesen. Grund war eine gemischte Reaktion auf solide Quartalszahlen bei Gewinn und operativer Entwicklung, verbunden mit einem enger gefassten Ausblick für das laufende Jahr.
Nach diesem heftigen Einbruch scheint sich die Stimmung nun zu stabilisieren. Die DZ Bank wertete den Kursrückgang als übertrieben und stufte die Aktie auf „Kaufen“ hoch, während Deutsche Bank Research und UBS ihre Kaufempfehlungen trotz Warnungen vor Enttäuschungspotenzial bestätigten.
Operativ bleibt der Berliner Online-Modehändler auf Wachstumskurs: Das Bruttowarenvolumen legte um 20,7 Prozent auf 4,9 Milliarden Euro zu, der Umsatz stieg um 20,8 Prozent. Der heutige Anstieg wirkt damit eher wie eine technische Gegenbewegung als eine grundlegende Neubewertung— zumal die Aktie auf Wochensicht mit -12,99 Prozent weiterhin deutlich im Minus liegt.
Scout24: Nutzerzahlen bremsen trotz bestätigter Jahresziele
Scout24 bildete mit einem Verlust von 5,82 Prozent auf 72,05 Euro das Schlusslicht im DAX. Auf den ersten Blick überraschend, denn das operative Geschäft entwickelte sich grundsätzlich solide: Der Betreiber von ImmobilienScout24 und AutoScout24 beschleunigte sein Wachstum, der bereinigte operative Gewinn legte im ersten Halbjahr um knapp 15 Prozent zu. Die Jahresziele wurden bestätigt.
Der eigentliche Stein des Anstoßes lag im Detail: Die Zahl privater Nutzer blieb hinter der Markterwartung zurück— eine Kennzahl, die als wichtiger Frühindikator für die künftige Monetarisierungsfähigkeit der Plattformen gilt. Bernstein-Analystin Annick Maas sah das Zahlenwerk insgesamt im Rahmen der Erwartungen, verwies aber ebenfalls auf die schwächelnden Nutzerzahlen als Schwachpunkt.
Charttechnisch bewegt sich die Aktie damit weiterhin in ihrem seit April etablierten Seitwärtstrend. Mit einem Rückgang von 16,12 Prozent seit Jahresanfang und knapp 40 Prozent auf Zwölfmonatssicht bleibt der Titel eine der schwächsten DAX-Positionen des Jahres.
Rheinmetall: Gestrichener Marineauftrag trübt starkes Halbjahr
Rheinmetall musste deutliche Verluste hinnehmen, obwohl der Rüstungskonzern operativ ein bemerkenswertes erstes Halbjahr auswies. Die Aktie fiel um 4,79 Prozent auf 1.151,80 Euro, nachdem der Konzern seine Umsatzprognose für 2026 gesenkt hatte. Auslöser war die Absage des Fregattenprogramms F126 durch die Bundesregierung— ein Auftrag, dessen Zuschlag an Rheinmetall weithin erwartet worden war.
Dabei lief das operative Geschäft eigentlich blendend: Im ersten Halbjahr stand ein Umsatzplus von 39 Prozent auf 5,2 Milliarden Euro, die operative Marge lag bei 15,0 Prozent. Konzernchef Armin Papperger verteidigte dennoch den strategischen Kurs ins Marinegeschäft, auch wenn die Zielspanne für 2026 nun bei 13,7 bis 14,2 Milliarden Euro liegt— eine Reduzierung um 300 Millionen Euro gegenüber der vorherigen Prognose.
Bemerkenswert ist der Kontrast zur Branche: Branchenkollege Renk legte am selben Tag deutlich zu, getrieben von einem rekordhohen Auftragseingang und einer geplanten Übernahme. Der Kursrutsch bei Rheinmetall war damit unternehmensspezifisch, kein Signal für den gesamten europäischen Rüstungssektor. Trotz des heutigen Rückgangs steht die Aktie auf Wochensicht noch leicht im Plus— mit 27,62 Prozent Abstand zum Jahrestief bleibt auch die längerfristige Erholungsbewegung intakt.
Siemens: Rekordzahlen reichen nicht gegen Gewinnmitnahmen
Siemens lieferte einen der stärksten Quartalsberichte des Tages ab— und verlor trotzdem 4,18 Prozent auf 273,95 Euro. Der Grund liegt weniger in den Zahlen selbst als im Timing: Die Aktie hatte tags zuvor ein weiteres Rekordhoch erzielt, entsprechend fielen nun Gewinnmitnahmen ins Gewicht.
Operativ konnte sich der Konzern kaum über mangelnde Stärke beklagen. Der Auftragseingang stieg auf rund 27,9 Milliarden Euro, der Auftragsbestand erreichte mit 132 Milliarden Euro einen neuen Höchststand. Das Unternehmen hob als Folge sogar seine Gewinnprognose an.
Dass die Aktie trotzdem fiel, erklärten Beobachter mit überzogenen Erwartungen im Vergleich zur Konkurrenz im KI-Rechenzentrumsgeschäft— dort hatten Wettbewerber teils dreistellige Wachstumsraten gemeldet. Deutsche-Bank-Experte Gael de-Bray bezeichnete Investorensorgen wegen eines möglichen Überangebots und schwächerer Gasturbinenaufträge als überzogen. Mit einem Plus von 14,60 Prozent seit Jahresanfang bleibt Siemens dennoch einer der verlässlichsten DAX-Werte des Jahres.
Sektordynamik im Überblick
Die heutige Berichtssaison zeigt ein klares Muster:
- Belohnt wurden Prognoseanhebungen: Telekom und Henkel profitierten direkt von angehobenen Ausblicken
- Bestrafung trotz guter Zahlen: Siemens und Rheinmetall litten unter Detail-Enttäuschungen, nicht an den Kernzahlen
- Erholung nach Übertreibung: Zalando zeigt, wie schnell Analysten einen Ausverkauf als überzogen einordnen können
- Nutzerkennzahlen als Frühindikator: Bei Scout24 entschied nicht der Gewinn, sondern ein weicher Faktor über die Kursreaktion
Erwartungsmanagement entscheidet über die Kursreaktion
Der heutige Handelstag zeigt exemplarisch, wie unterschiedlich der Markt in der laufenden Berichtssaison auf Zahlen reagiert. Während Telekom und Henkel für positive Überraschungen mit spürbaren Kursgewinnen belohnt wurden, beweist der Fall Siemens, dass selbst Rekordwerte nach starken Vorlaufrallys zu Gewinnmitnahmen führen können. Bei Rheinmetall und Scout24 belasteten weniger die Kernzahlen als vielmehr Details im Ausblick beziehungsweise bei Nutzerkennzahlen die Kursentwicklung.
Für Anleger bleibt die Lehre: Nicht die Zahl selbst entscheidet, sondern ihr Verhältnis zu den teils sehr hohen Erwartungen des Marktes. Wer die kommenden Berichte verfolgt, sollte deshalb weniger auf Schlagzeilen-Kennzahlen achten als auf Prognoseanpassungen und operative Details im Kleingedruckten.
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