DAX-Gewinne steigen, Umsätze fallen — wie lange trägt das Auslandsgeschäft?
DAX-Unternehmen steigern Gewinne um 4,4 Prozent bei rückläufigen Umsätzen. Die starke Abhängigkeit vom Ausland birgt Risiken für Anleger.

Kurz zusammengefasst
- Gewinnplus von 4,4 Prozent erzielt
- Umsätze sinken um 3,7 Prozent
- Ausland erbringt über 80 Prozent
- Finanzbranche treibt Gewinnwachstum an
Liebe Leserinnen und Leser,
am Freitag schrieb ich, die Schere zwischen Unternehmen mit belastbaren Cashflows und solchen ohne gehe weiter auf. Die EY-Analyse zur Berichtssaison der DAX-Konzerne liefert jetzt den Beleg in aggregierter Form: 4,4 Prozent mehr Gewinn bei 3,7 Prozent weniger Umsatz. Die 40 größten deutschen Börsenunternehmen verdienen besser — aber sie verkaufen weniger. Diese Diskrepanz ist kein statistischer Zufall, sondern das Ergebnis einer stillen Verlagerung: Mehr als 80 Prozent der DAX-Umsätze werden im Ausland erzielt, 60 bis 70 Prozent der Wertschöpfung ebenfalls. Wer einen DAX-ETF kauft, kauft kein Deutschland-Exposure. Er kauft ein globales Portfolio mit Frankfurter Börsennotierung. Und am Freitag schloss dieses Portfolio bei 23.950 Punkten — ein Wochenminus von 1,59 Prozent.
Die Gewinnmaschine und ihre Schwachstellen
Die Details der EY-Analyse verdienen einen genaueren Blick. Die Finanzbranche lieferte mit 15,9 Prozent Gewinnplus den stärksten Beitrag. Deutsche Telekom führt die Rangliste mit 5,8 Milliarden Euro Quartalsgewinn an, gefolgt von der Allianz mit 4,5 Milliarden und Eon mit 3,9 Milliarden Euro. Siemens Energy und Munich Re verzeichneten ebenfalls starkes Wachstum. Die Industriewerte dagegen kamen nur auf 0,5 Prozent Zuwachs, die Autohersteller meldeten Rückgänge. Verluste schrieben Zalando und die Porsche Automobil Holding.
EY-Manager Brorhilker fasst den Befund in einem Satz zusammen, der über die Berichtssaison hinausweist: „Das Geschäftsmodell Deutschlands funktioniert nicht mehr.“ Für Anleger heißt das zweierlei. Erstens: Der DAX ist kein Konjunkturbarometer für die Binnenwirtschaft. Zweitens: Die Abhängigkeit von internationaler Ertragskraft birgt eigene Risiken — Währungsschwankungen, geopolitische Verwerfungen, protektionistische Tendenzen. Die Frage ist nicht, ob die Auslandsstärke anhält, sondern wie lange sie die Schwäche im Heimatmarkt kompensieren kann.
Telekom, Allianz, Siemens Energy — die DAX-Berichtssaison zeigt, welche deutschen Konzerne selbst in schwierigen Zeiten liefern. Welche heimischen Schwergewichte aus Immobilien, Maschinenbau und Automobil jetzt das größte Renditepotenzial haben, analysiert dieser kostenlose Experten-Report. Kostenlos: 3 deutsche Giganten-Report herunterladen
Lufthansa, OHB, Freenet: Wo operative Substanz zählt
Ein Beispiel für diese Dynamik liefert die Lufthansa Group, deren Quartalszahlen ich am Freitag bereits eingeordnet hatte. Die Kernzahlen zur Erinnerung: 8,7 Milliarden Euro Umsatz (plus 8 Prozent), ein um 110 Millionen Euro verbessertes Adjusted EBIT von minus 612 Millionen Euro und ein Adjusted Free Cashflow von 1,4 Milliarden Euro — ein Plus von 65 Prozent. Im Passagiergeschäft halfen eine Auslastung von 81,9 Prozent und um 3,3 Prozent höhere Stückerlöse. Eurowings steigerte die Stückerlöse sogar um 6,8 Prozent bei 5 Prozent mehr Angebot.
Auch die Sparten tragen: Lufthansa Cargo verbesserte das Adjusted EBIT auf 83 Millionen Euro, Lufthansa Technik steigerte den Umsatz um 12 Prozent auf 2,3 Milliarden Euro bei einem operativen Ergebnis von 158 Millionen Euro. Die Kerosin-Mehrkosten von 1,7 Milliarden Euro bleiben der größte Belastungsfaktor, doch 80 Prozent des Bedarfs sind abgesichert. Das Jahresziel — ein operatives Ergebnis deutlich über den 1,96 Milliarden Euro des Vorjahres — steht.
Die stärksten Kursbewegungen der Woche kamen allerdings aus der zweiten und dritten Reihe. OHB sprang um 52,57 Prozent — getrieben von einem Auftragsrekord über 3,35 Milliarden Euro (plus 45 Prozent), Ergebnissen über den Erwartungen und einer Allianz mit Dassault Aviation. Delivery Hero legte 47,57 Prozent zu nach dem Prosus-Verkauf an Aspex Management für 335 Millionen Euro. Tate & Lyle gewann 44,55 Prozent auf ein Übernahmeangebot von Ingredion zu 615 Pence je Aktie — ein Aufschlag von 64 Prozent. Intertek stieg um 14,36 Prozent nach einem EQT-Angebot von 60,00 Pfund je Aktie, was einer Bewertung von 9,4 Milliarden Pfund entspricht.
Die Verliererseite zeigt, dass der Markt weiterhin hart differenziert: Adecco verlor 18,86 Prozent wegen schwacher Bruttomarge und eines enttäuschenden Cashflows. Bilfinger gab 14,15 Prozent ab nach schwächerem Auftragseingang. Burberry fiel um 12,27 Prozent nach einem Umsatzrückgang von 2 Prozent. Freenet dagegen setzte den Erholungskurs vom Freitag fort und legte am 15. Mai um 4,47 Prozent auf 26,20 Euro zu — stabile Zahlen und eine hohe Dividende machen den Titel in nervösen Phasen zu einer gefragten Position.
Rente mit 70 und 12 Gigawatt neue Gaskraftwerke
Der wirtschaftspolitische Rahmen verschärft sich parallel. DIW-Präsident Marcel Fratzscher hält die „Rente mit 70″ für unvermeidlich und fordert, Subventionen wie Dieselprivileg, Dienstwagenprivileg und Pendlerpauschale auf den Prüfstand zu stellen. IWH-Vizepräsident Oliver Holtemöller sieht Konsolidierungsbedarf im Bundeshaushalt und plädiert für Nutzerfinanzierung bei Infrastruktur. CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann bremst und fordert mehr Zeit für ein Gesamtpaket aus Sozial- und Steuerreformen gemeinsam mit der SPD.
Gleichzeitig hat das Bundeskabinett den Bau neuer Gaskraftwerke mit einer Kapazität von 12 Gigawatt bis 2031 beschlossen. Die Anlagen sollen H2-ready sein und ab 2045 treibhausgasneutral arbeiten. Die geschätzten Kosten: bis zu 3 Milliarden Euro jährlich. Ab 2031 wird ein Strompreisanstieg von 1,5 Cent je Kilowattstunde erwartet. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche begründete den Schritt mit einem nüchternen Satz: „Erneuerbare Energien brauchen eine Lebensversicherung — gesicherte Leistung.“ Für energieintensive Industrien, deren Produktion ohnehin weit unter dem Niveau von 2022 liegt, ist das eine weitere Kostenbelastung mit Ansage.
Nvidia, Halbleiter, Bitcoin: Die Stimmungstests der neuen Woche
Der Blick über den Atlantik zeigt, dass auch dort die Zuversicht Risse bekommt. Am Freitag fiel der Philadelphia Semiconductor Index um 4 Prozent. Nvidia verlor 4,4 Prozent, AMD 5,7 Prozent, Intel 6,2 Prozent. Die Gewinnmitnahmen kamen nach einer wochenlangen Rally und vor dem wichtigsten Einzeltermin der kommenden Woche: Nvidias Quartalsbericht am Mittwoch. Die Erwartungen sind hoch — Analysten rechnen mit einem Gewinn je Aktie von 1,75 Dollar (plus 116 Prozent) und einem Umsatz von 78,8 Milliarden Dollar (plus 79 Prozent). TD Cowen erhöhte das Kursziel auf 275 Dollar.
Einen Kontrapunkt setzte Cisco, das am Freitag mit 118,21 Dollar ein Allzeithoch erreichte. Der Konzern erhöhte seinen KI-Auftragsausblick für das Geschäftsjahr 2026 von 5 auf 9 Milliarden Dollar. Der Q3-Umsatz lag bei 15,8 Milliarden Dollar (plus 12 Prozent), das Non-GAAP-EPS bei 1,06 Dollar.
Im Kryptomarkt verschärfte sich die Lage am Samstag: Bitcoin fiel unter 80.000 Dollar, zeitweise bis in den Bereich um 78.000 Dollar. Long-Liquidationen summierten sich auf mehr als 650 Millionen Dollar. US-Spot-Bitcoin-ETFs verzeichneten mit 1 Milliarde Dollar den größten wöchentlichen Abfluss seit Januar.
Was jetzt zählt
Die kommende Woche bringt die Antworten auf zwei zentrale Fragen. Erstens: Kann Nvidia am Mittwoch die Bewertung des gesamten Technologiesektors rechtfertigen — oder werden die Gewinnmitnahmen vom Freitag zum Trend? Zweitens: Bestätigen die Konjunkturdaten den Abwärtstrend in Europa? Auf der Agenda stehen der Ifo-Geschäftsklimaindex für Mai, Inflationszahlen aus dem Euroraum, Einkaufsmanagerindizes für Euro-Zone und USA sowie das deutsche BIP-Wachstum im ersten Quartal.
Die Berichtssaison hat gezeigt, dass deutsche Konzerne ihre Gewinne verteidigen können — aber nicht durch Wachstum im Heimatmarkt, sondern durch globale Ertragskraft und Kostendisziplin. Das ist eine Stärke, aber auch eine Verwundbarkeit. Denn wenn die Auslandsmärkte schwächeln, fehlt das Gegengewicht. Für Anleger bleibt die Aufgabe die gleiche wie in der Vorwoche: genau hinschauen, welche Unternehmen ihre Cashflows auch unter Druck generieren — und welche nur die Fassade aufrechterhalten.
Nvidia, Cisco, AMD — wer in einem volatilen Marktumfeld die Gewinner von den Verlierern trennen will, braucht mehr als Kurslisten. Analysten haben 5 Aktien identifiziert, die Qualität, Wachstum und Trendfaktoren für 2026 vereinen. Rekord-Aktien 2026: Jetzt kostenlosen Report sichern
Ich wünsche Ihnen einen schönen Rest des Wochenendes.
Herzlichst,
Ihr Eduard Altmann