Der 90-Dollar-Schock und das Stagflations-Gespenst

Schwächelnder US-Arbeitsmarkt und kriegsbedingte Ölpreisexplosion wecken Stagflationsängste. Anleihen bieten keinen sicheren Hafen mehr, während die EZB Zinserhöhungen in Betracht zieht.

Kurz zusammengefasst:
  • US-Arbeitsmarkt verliert unerwartet 92.000 Stellen
  • Brent-Ölpreis steigt über 90-Dollar-Marke
  • Sichere Staatsanleihen werden im Krisenfall abverkauft
  • Goldman Sachs warnt vor 100-Dollar-Öl-Szenario für Europa

Liebe Leserinnen und Leser,

minus 92.000. Diese Zahl aus Washington durchbrach an diesem Freitagnachmittag ein Mantra, an das sich die Wall Street lange geklammert hatte. Der US-Arbeitsmarkt, der ewige Motor der Weltwirtschaft, schrumpft. Statt der erwarteten 55.000 neuen Stellen im Februar strich die amerikanische Wirtschaft massiv Arbeitsplätze.

Gute Nachrichten für Zinssenkungen, könnte man meinen. Doch die Realität ist weitaus komplexer, paradoxer – und für Anleger gefährlicher. Denn während die Konjunkturdaten abkühlen, kocht die Geopolitik über. Wir erleben die Rückkehr eines Gespenstes, das Notenbanker mehr fürchten als alles andere: die Stagflation.

Der zerrissene sichere Hafen

Erinnern Sie sich an meine gestrige Beobachtung? Die Märkte wetten darauf, dass der Konflikt lokal begrenzt bleibt. Doch mit jedem Tag wird diese Wette riskanter – und ein eiserner Reflex der Finanzmärkte funktioniert plötzlich nicht mehr.

Normalerweise flüchten Anleger in Krisenzeiten in sichere Staatsanleihen. Die Kurse steigen, die Renditen fallen. Eine Woche nach Beginn der massiven Angriffe der USA und Israels auf den Iran ist dieses Drehbuch Makulatur. Die Renditen für zehnjährige Schweizer Staatsanleihen kletterten auf 0,4 Prozent – ein Siebenmonatshoch. Auch deutsche Bundesanleihen und US-Treasuries werden abverkauft.

Der Grund ist simpel, aber gravierend: Die Märkte fürchten nicht primär den wirtschaftlichen Einbruch durch den Krieg, sondern die daraus resultierende Inflation.

Der Ölmarkt liefert die Begleitmusik. Brent durchbrach erstmals seit April 2024 wieder die Marke von 90 US-Dollar je Barrel, WTI notiert jenseits der 81 Dollar. US-Präsident Donald Trump goss zusätzliches Öl ins Feuer: Auf seiner Plattform „Truth Social“ forderte er die „bedingungslose Kapitulation“ Teherans und kündigte an, bei der Wahl der künftigen iranischen Führung mitbestimmen zu wollen. Ein schnelles diplomatisches Ende? Ausgeschlossen.

Europas 100-Dollar-Problem

Für Europa ist dieser toxische Mix aus Krieg und Energiepreisen brandgefährlich. Goldman Sachs hat es durchgerechnet: Sollte sich ein Negativszenario manifestieren – Öl bei 100 US-Dollar und europäisches Gas bei 100 Euro je Megawattstunde –, würde das die Inflation in der Eurozone um 0,3 Prozentpunkte nach oben treiben und gleichzeitig das Wachstum um 0,2 Punkte drosseln.

Die Folge? Der Markt preist mittlerweile eine Wahrscheinlichkeit von 33 Prozent ein, dass die EZB die Zinsen bis Dezember 2026 anheben muss, statt sie zu senken. Aus den drei mahnenden EZB-Stimmen von gestern droht bitterer Ernst zu werden.

Wie explosiv die Lage bereits ist, zeigt sich auf lokaler Ebene. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke platzte heute der Kragen: Er nannte die Preisaufschläge an deutschen Tankstellen – Benzin ist hierzulande teils 60 Cent teurer als im benachbarten Polen – schlicht „reine Abzocke“. Wenn die Weltpolitik an der Zapfsäule ankommt, wird es für Regierungen ungemütlich.

KI-Boom fordert menschlichen Tribut

Während klassische Branchen unter den Energiepreisen ächzen – US-Airlines wie American und United brachen nach einem 9-prozentigen Anstieg der US-Benzinpreise binnen einer Woche um mehr als fünf Prozent ein –, entkoppelt sich der Technologie-Sektor weiter.

Broadcom lieferte gestern Abend glänzende Zahlen und meldete ein Umsatzplus bei KI-Chips von sagenhaften 74 Prozent. Die Aktie stieg um fast fünf Prozent. Doch der KI-Wandel zeigt zunehmend seine harte, arbeitsmarktpolitische Seite: Nach dem Zahlungsdienstleister Block prüft nun offenbar auch Oracle massive Stellenstreichungen, um seine milliardenschweren KI-Wetten zu finanzieren.

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Gleichzeitig droht neues Ungemach durch die Politik: Washington arbeitet laut Analysten von Bernstein an neuen, weltweiten Exportlizenzen für hochmoderne KI-Chips. Ein Schritt, der die globale Adaption dieser Schlüsseltechnologie spürbar bremsen könnte.

Lichtblicke und deutsche Behäbigkeit

Gibt es auch gute Nachrichten für Europa? Durchaus. Zypern meldete für das vierte Quartal 2025 ein beachtliches Wirtschaftswachstum von 1,4 Prozent gegenüber dem Vorquartal – der dritthöchste Wert in der EU. Für das Gesamtjahr 2025 steht dort ein Plus von 3,8 Prozent. Und Island plant für den 29. August überraschend ein Referendum über die Wiederaufnahme von EU-Beitrittsgesprächen. Die geopolitische Unsicherheit treibt den Inselstaat zurück in die Arme Brüssels.

Weniger rühmlich ist ein Blick auf die deutsche Verwaltungswirklichkeit: Heute lief die Frist für Betreiber kritischer Infrastrukturen ab, sich beim Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik zu registrieren. Von erwarteten 29.500 Unternehmen haben sich gerade einmal 4.856 gemeldet. Nicht einmal jedes sechste. In Zeiten hybrider Kriegsführung und zunehmender Cyber-Bedrohungen ist diese Trägheit ein Luxus, den wir uns eigentlich nicht leisten können.

Die Quintessenz

Die kommende Woche wird zeigen, wie die Notenbanken auf dieses Spannungsfeld aus schwächelndem Arbeitsmarkt und kriegsgetriebener Inflation reagieren. Der Fed-Vorsitzende steht vor einem klassischen Dilemma: Senkt er die Zinsen, um die Konjunktur zu stützen, riskiert er, die Inflation weiter anzuheizen. Hält er still, droht die Wirtschaft abzuwürgen.

Für Anleger bleibt die unbequeme Erkenntnis: Der sichere Hafen Anleihe schützt derzeit nicht vor dem Sturm – er liegt mittendrin.

Ich wünsche Ihnen trotz der unruhigen Weltlage ein erholsames Wochenende.

Herzlichst,

Ihr Eduard Altmann

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