Der Staat trägt das Wachstum, jetzt muss die Industrie liefern
Staatsausgaben stützen das deutsche Wachstum, während sinkende Investitionen und schwächere Exporte die Industrie unter Druck setzen.

Kurz zusammengefasst
- BIP legt im Sommer 0,2 Prozent zu
- BASF steigert bereinigtes EBITDA und Jahresziel
- Evonik-Vorstand weist höheres Angebot zurück
- Bitcoin-ETFs verzeichnen 643 Millionen Dollar Abfluss
Liebe Börsianerinnen und Börsianer,
die deutsche Wirtschaft ist im Sommer gewachsen, obwohl kaum ein Institut damit gerechnet hatte. Das Statistische Bundesamt meldete am Freitag ein Plus von 0,2 Prozent zum Vorquartal. Erwartet war bestenfalls Stagnation.
Freuen Sie sich nicht zu früh. Getragen hat das Plus vor allem der Staat, mit Ausgaben für Infrastruktur und Verteidigung. Die Investitionen sanken, die Exporte verloren spürbar an Schwung. Die kommende Woche zeigt, ob die Industrie diese Lücke schließt.
Ein Plus mit Verfallsdatum
Hinter der Schlagzeile steckt weniger Dynamik, als es scheint. Das erste Quartal brachte 0,4 Prozent, das zweite 0,3 Prozent. Der Sommer war damit der schwächste Abschnitt des Jahres.
Ein Teil davon war Pech. Das Rheinniedrigwasser bremste Binnenschifffahrt, Chemie und Stahl. Nach Schätzung von Commerzbank-Chefvolkswirt Krämer kostete das rund 0,1 Prozentpunkte Wachstum. Frankreich und Italien stehen trotzdem schlechter da als Deutschland.
Auch die Inflation sieht nur auf den ersten Blick gut aus. Sie fiel im Oktober auf 2,8 Prozent nach 3,3 Prozent im September. Woran liegt das? Fast vollständig am befristeten Tankrabatt, und Krämer erwartet um die Jahreswende wieder höhere Raten.
BASF liefert, andere nicht
Unter den Chemiewerten trennt der Markt gerade scharf. BASF meldete am Mittwoch ein bereinigtes EBITDA von 1,64 Milliarden Euro nach 1,43 Milliarden im Vorjahr. Gemeint ist der operative Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, ohne Sondereffekte. Zugleich hob der Konzern sein Jahresziel an.
Was haben Aktionäre davon? BASF hat für die Jahre 2025 bis 2028 zusammen 12 Milliarden Euro an Dividenden und Aktienrückkäufen zugesagt. Bernstein stuft die Aktie als Outperform ein, erwartet also eine bessere Entwicklung als der Markt, und nennt ein Kursziel von 61 Euro. Der berichtete Konzerngewinn sank allerdings wegen Sondereffekten.
Mit dieser Bilanz im Rücken erhöht BASF-Chef Kamieth den Druck auf Evonik. Der Evonik-Vorstand lehnte am Freitag Verhandlungen über das auf 24 Euro je Aktie erhöhte Angebot ab. Die Evonik-Aktie schloss bei gut 21 Euro. Der Markt glaubt also nicht an eine schnelle Einigung, nutzt das Gebot aber als Untergrenze.
Wer keine Belege liefert, wird abgestraft. Wacker Chemie fiel am Freitag nach Abstufungen durch Deutsche Bank und Berenberg. Symrise verlor am Mittwoch deutlich, weil die Marge 2026 nur am unteren Rand der Zielspanne landen soll.
Die stillen Gewinner der Zinswende
Während KI-Werte am Freitag abverkauft wurden, standen Munich Re, Hannover Rück und Deutsche Börse auf der Gewinnerseite des DAX. Das ist kein Zufall. Die Notenbanken drehen weltweit wieder nach oben. Davon profitieren Geschäftsmodelle, die mit Zinsen verdienen, ohne Milliarden in Rechenzentren stecken zu müssen.
Die Fed ließ den Leitzins am Mittwoch zwar unverändert. Für Dezember preist der Markt aber mit 80 Prozent eine Erhöhung ein. Die EZB hielt am Donnerstag den Einlagensatz bei 2,50 Prozent, nach Erhöhungen in diesem Jahr. Das ist der Zins, den Banken für bei der Notenbank geparktes Geld bekommen.
Für die Commerzbank wird es am Donnerstag konkret, dann legt sie Zahlen vor. Ein Risiko bleibt die EZB-Spitze. Lagarde hat ihren vorzeitigen Rücktritt zum 7. Februar 2027 angekündigt.
Bitcoin übersteht den Rekord-Hack
Der größte Krypto-Diebstahl der Geschichte hat den Bitcoin nicht in die Knie gezwungen. Am Donnerstagabend flossen etwa 6,3 Milliarden Dollar aus digitalen Geldbörsen der Kryptobörse Binance ab. TRM Labs und Chainalysis ordnen die Tat der nordkoreanischen Gruppe TraderTraitor zu.
Ist das der große Absturz? Nein. Der Bitcoin fiel am Freitag auf den tiefsten Stand seit Mitte September und notiert am Samstagnachmittag bei rund 77.400 Dollar. Gemessen am Binance-Vorfall von 2018 ist das ein moderater Rutsch, auch weil Binance die Verluste selbst deckt.
Trotzdem floss Geld ab. Die US-Bitcoin-ETFs, also börsengehandelte Fonds auf den Bitcoin, verloren am Freitag netto 643 Millionen Dollar. Seit Jahresbeginn liegt der Bitcoin 12 Prozent im Minus. Der Hack verstärkt einen Abwärtstrend, den er nicht ausgelöst hat.
Intel bremst, Amerika wählt
Zum Wochenschluss drückte Intels Ausblick den gesamten Halbleitersektor. Intel erwartet für das Schlussquartal weniger Umsatz, als Analysten eingeplant hatten, und sieht die PC-Flaute bis mindestens Mitte 2027. Die Intel-Aktie hat sich binnen 30 Tagen fast halbiert. Infineon und Siemens Energy bildeten am Freitag das DAX-Ende, beide legen am 10. und 11. November Jahreszahlen vor.
Die neue Woche hängt an zwei US-Terminen. Am Dienstag wählen die Amerikaner das Repräsentantenhaus und einen Teil des Senats. Die Commerzbank hat nachgerechnet: Bei geteilter Regierungsmacht stieg der S&P 500 seit 1969 im Schnitt um 9 Prozent pro Jahr, bei einheitlicher nur um 5 Prozent. LBBW-Stratege Streich warnt jedoch vor Trumps Reaktion auf eine Niederlage, etwa über neue Iran-Schläge und einen Ölpreisschub.
Am Freitag folgt der US-Arbeitsmarktbericht. Dazwischen berichten unter anderem Apple und Palantir am Montag, Bayer und Lufthansa am Dienstag.
Wie Aktien auf Quartalszahlen reagieren und ob sich daraus ein wiederkehrendes Muster ableiten lässt, zeigt das Live-Webinar „Quartals-Rally-Trading“ mit Bernd Wünsche. Mit Apple und Palantir am Montag sowie Bayer und Lufthansa am Dienstag startet in der kommenden Woche genau die Berichtssaison, die im Zentrum seiner Analyse steht. Wünsche hat über 500 Unternehmen aus S&P 500 und Nasdaq 100 über acht Quartale hinweg ausgewertet, getrennt nach Umsatz und Gewinn, und daraus 11 Aktien herausgefiltert, die nach Zahlen besonders häufig nach oben sprangen. Am Beispiel Seagate zeigt er, wie aus zwei aufeinanderfolgenden Quartalen mit übertroffenen Erwartungen zweistellige Kurssprünge wurden. Das Webinar findet morgen, Sonntag, 01.11.2026, um 18:00 Uhr statt. Jetzt kostenlos zum Webinar „Quartals-Rally-Trading“ anmelden
Unterm Strich
Diese Woche hat gezeigt, wofür die Börse noch zahlt: für Cashflow heute, nicht für Kapazität in 2028. Cashflow ist das Geld, das tatsächlich in die Kasse fließt. BASF, Rückversicherer und Börsenbetreiber wurden belohnt, Chipwerte und Krypto-Plattformen bestraft.
Für Deutschland zählt vor allem der Donnerstag. Dann kommt der Auftragseingang für September, erwartet ist ein Plus von 4,3 Prozent nach minus 10,6 Prozent im August. Springt er an und steigen die Zinsen weiter, bleibt dieses Muster auch nach den US-Wahlen intakt.
Beste Grüße, Ihr Eduard Altmann
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